Meta-Post: The Wah-Wah-Brothers
Schlagwörter: buhu – die feministische Weltherrschaft
Ich habe das schon kommen sehen.
Jedes Mal, wenn ich einen Artikel veröffentliche, der aussagt, dass manche Männer* ihr Verhalten ändern sollten, wird der häufiger retweetet, aber vor allem kommen auch mehr angry menz. Von Wie verhalte ich mich möglichst nicht wie ein Arsch?, über Bis zum männlichen* Horizont und nicht weiter und “Gucken, aber nicht anfassen” zu “Warum so traurig/grimmig/schlecht gelaunt?”. Immer das Gleiche: große Zustimmung und unweigerlich die Rächer der Keknechteten, Stimmen der Vernunft, einzige Streiter für das Gute auf dieser Erde: geifernde Männer*.
Denn was ist schlimmer als Street Harassment? Des Street Harassments beschuldigt zu werden.
Was ist genau das Gleiche wie übergriffiges Verhalten? Menschen sagen, dass sie etwas nicht tun sollten. (Es ist schon klar, dass ich Leute zu nix zwingen kann, ne? Lol.)
Außerdem kann man ja so mit keiner mehr reden und sollen die Männer* sich jetzt nen Sack über den Kopf ziehen, damit sie keine* mehr anschauen und jetzt wo man Samenzellen aus weiblichen Embryonen gewinnen kann, werden die Männer* eh ausgerottet¹. DA HABT IHR RECHT. GENAU DAS IST DER PLAN. DER HERRSCHAFT DER ALIEN-FEM-ECHSEN STEHT NICHTS MEHR IM WEG!
Bye bye.
1 Diese Denkweise geht davon aus, dass XX-Chromosomen = weiblich. Das ist natürlich falsch und cis-sexistisch.
Einsortiert unter:Allgemein | Leave a Comment
Schlagworte: buhu, die feministische Weltherrschaft
Schlagwörter: street harassment – Sexismus – Lächelpflicht – körperliche Selbstbestimmung
“Lächel doch mal.”
Stop it right there! Guten Tag liebe Arschlöcher und Zuschauer*innen, was wir hier haben, ist ein Beispiel für Street Harassment. Es tritt am häufigsten im Sommer auf, ist aber auch zu anderen Jahreszeiten, in denen Frauen* das Haus verlassen, nicht ungesehen. Das Ereignis findet üblicherweise wie folgt statt:
Ein Mann* trifft eine Frau*, die nicht ausreichend lieb lächelt. In einem Versuch diesen Fehler zu korrigieren, teilt er* ihr heroisch (heldenhaft) mit, dass sie* ihre Gesichtsmuskeln anders anordnen solle. PROBLEM GELÖST UND DER WELTFRIEDEN BRACH HEREIN. ENDLICH MUSSTE KEIN MANN* SICH MEHR SCHLECHT FÜHLEN, WEIL EINE FRAU* EIGENE EMOTIONEN ZUR SCHAU STELLTE. Cue Blumenregen.
Ja, bei diesem Thema überwältigt mich ein wenig der Sarkasmus, weil es einer* immer und immer wieder begegnet. Wie ich auch letztens auf einem Spaziergang erfahren durfte. Als ich anschließend, wieder auf dem Fahrrad sitzend, registrierte, was gerade passiert war, zeigte ich ihm um ihn an meiner Meinung teilhaben zu lassen den Mittelfinger. Ob es noch ankam, vermag ich nicht zu sagen.
Das Beispiel ist schon ein Gutes.
Ich war in der örtlichen Grünanlage unterwegs, wo es nur eine begrenzte Anzahl an Wegen gibt. Den gleichen Weg zu nehmen wie ich vorgehabt hatte, kam dann schon nicht mehr in Frage; Einerseits wollte ich diesem Menschen nicht wieder begegnen, andererseits ist das eine Sicherheitsüberlegung. Denn – ich weiß nicht, ob das allen Menschen bewusst ist: Wenn ich den Typen nur ignoriert hätte oder gar auf seinen Scheiß reagiert, hätte mir “nichts Schlimmeres” passieren können, als dass er mich nochmal vollabert, weil wir ausreichend etabliert hätten, dass es sein Recht ist zu bestimmen, welche Emotionen ich fake, während ich in der Öffentlichkeit unterwegs bin. Weltordnung wieder hergestellt. Dadurch, dass ich ein Zeichen des Widerspruches gezeigt habe, ist das schwerer abzuschätzen. Einige grenzüberschreitende Menschen lassen sich durch Widerstand von ihrem Weg abbringen. Sie ziehen dann weiter, um sich ein einfacheres Ziel zu suchen. Andere jedoch tun dies nur bei sehr starkem Widerstand (der so ein bisschen nach oben offen ist. Ist “mit einem Messer drohen” schon ausreichend stark für Frauen*hasser? Mensch weiß es nicht.) Das bedeutet, eine weitere oder anhaltende Begegnung mit diesem Menschen könnte eskalieren (sich verschärfen). Über meine körperliche Sicherheit dachte ich also nach, als ich meinen “Entspannungsspaziergang” machte. Oh ich vergaß, der Typ hatte einen mittelgroßen Hund bei sich. Die Möglichkeit “alle Wut rausbrüllen” war damit ebenfalls gelaufen.
Jetzt frage ich mich: Wie kann es passieren, dass ein wildfremder Mann* (oder auch mein Mitstudent, den ich seit diesem Tag eher meide), es für angemessen hält mich dazu aufzufordern, mir eine andere Emotion aufs Gesicht zu pflastern? Wie kann man so völlig selbstzentriert sein, dass man anderen Menschen vorschreibt, welche Gefühle sie zeigen dürfen? Gehe ich bald auf den Rummel und sag dem Verkäufer am Riesenrad, dass er mehr Enthusiasmus (Begeisterung) zeigen soll? Sage ich meinem Zahnarzt, nicht immer so verbissen dreinzusehen, wenn er die Geräte auswählt? (Klar, die Beispiele sind nicht einmal weit hergeholt, weil exakt das im Kapitalismus von Service-Personal gefordert wird. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens wird uns aber auffallen, dass das a) Jobs mit größtenteils Frauen* sind und b) diese Regeln anscheinend weniger für männliches Servicepersonal gelten bzw. bei ihnen weniger durchgesetzt werden. Zumindest meine Erfahrung.)
Abgesehen davon, dass Kapitalismus scheiße ist, wirken meine Beispiele einfach lächerlich. Natürlich sage ich keinem Typen, dass er nicht fröhlich aussieht. Einerseits haben Männer* ernsthafte Gefühle gepachtete (RW = Redewendung) und andererseits einen Guten Grund ™ für ihr Gemütslage. Ich hingegen könnte ruhig mehr Positivität an den Tag legen, wenn ich erfahren habe, dass ich vielleicht [man ersetze durch persönliche Krise]. Schließlich gibt es Männer* da draußen, denen heute schon mal das Eis heruntergefallen ist.
Ich weiß, ich weiß, viele Männer* möchten das nicht wahr haben, aber die Zeiten ändern sich; Vielleicht wird Frauen* mal so etwas wie Herrschaft über ihren Körper, inklusive ihrem Gesichtsausdruck, zugesprochen. Ich kämpfe auf jeden Fall dafür. Und ich weiß, dass man an den alten Zeiten festhalten möchte, wo alles viel einfacher war, weil die Frauen* da halt in der Küche waren, ohne dass man sie in sexistischen Horden dahin zurücktreiben musste. Man wusste einfach, wer wohin gehörte und es gab noch Ordnung und warum ich wie die Nazis kling, weiß ich auch nicht. (War das schon ein Godwin?)
Jedenfalls: I don’t fucking care about your feefees, random guy, and I’ll do my best to make your day worse if you fucking talk to me like that. Cheers.
Einsortiert unter:Allgemein | 8 Comments
Schlagworte: körperliche Selbstbestimmung, Lächelpflicht, Sexismus, street harassment
“Gucken, aber nicht anfassen”
Schlagwörter: street harassment – Blicke – Selbstbestimmung
Ein gerne benutzter Satz von Menschen, die ich scheiße finde, weltweit.
Das Ding ist: Selbst ohne den Sexismus-Kontext kann man leicht sehen (haha), dass gucken oft scheiße ist. Menschen, die in irgendeiner Form von der Norm abweichen, sind vielen Blicken ausgesetzt;
Menschen mit Behinderungen oder außergewöhnlichen Verletzungen – etwa am Kopf, Menschen of Color, je weißer die Umgebung ist, augenscheinlich gleichgeschlechtliche Pärchen, Menschen mit außergewöhnlicher Kleidung usw.
Während die Blicke nicht alle stören mögen (ich denke gerade an meine Tage in einem Gothic-Forum zurück), sind sie dennoch unhöflich. Es macht tatsächlich ein Unterschied, ob ich mich mehr oder weniger unbeachtet in der Öffentlichkeit bewegen kann oder immer von Blicken verfolgt werde. Blicke können z.B. ein Alarmsignal sein: Die Person könnte mich als Gefahr betrachten, mich angreifen oder beschimpfen, ohne Einwilligung ein Foto von mir machen (und es im Internet verbreiten). Ein Blick kann Ekel, Abscheu, Entsetzen, Missbilligung ausdrücken. Oder Überraschung, dass man “solche Menschen” hier sieht.
Natürlich ist das nicht die vollständige Auswahl an Bedeutungen. Blicke können auch ehrliche, unvoreingenommene Neugier bedeuten, Wertschätzung, Freude über die Anwesenheit, Bewunderung für die Kleidung. Aber da der öffentliche Raum meist durchquert wird, um etwas zu erledigen, sollte es keine großen Hürden geben, ihn zu betreten. Und wenn Menschen aus irgendwelchen Gründen sehr eindrücklich auf eine*n reagieren, kann das durchaus ein Hürde darstellen. Denn auch wenn eine Person Interesse an meiner Person oder Aufmerksamkeit hat, heißt das nicht, dass ich mich mit ihnen beschäftigen möchte. Wenn ich viele lange Blicke auffange (RW = Redewendung), kann das störend wirken.
Wann oder wie man sich Menschen nähern können/darf/sollte, wurde schon x mal beschrieben und diskutiert, auch in feministischen Blogs. Ich habe nicht vor, da noch einmal drauf einzugehen. (“Buhu, darf ich jetzt niemandem mehr anlächeln?!” wird auch in den Kommentaren gelöscht.)
Ich möchte schlicht darauf hinaus, dass eine gehäufte Aufmerksamkeit eine Form von Belästigung sein kann. Und so wie Menschen, die weiblich präsentieren, nicht zur Freude der Zuschauer*innen vor die Tür gehen, sondern weil sie ein Ziel im Sinn haben, sollte man ihnen respektvoll begegnen. (Was natürlich auch für alle anderen Menschen gilt, die in irgendeiner Form die Blicke auf sich ziehen (RW).)
Was sich hinter “Gucken, aber nicht anfassen” auch verbirgt, ist richtig ekliger, gruseliger Sexismus. Es bedeutet nicht nur, dass man es völlig in Ordnung findet, Frauen* anzustarren, weil man kann. “Aber nicht anfassen” beinhaltet das Schulterklopfen, dass man nicht übergriffig wird. – Wow, Sternchen fürs Erfüllen der niedrigsten Bedingung der “Kein scheiß Mensch sein”-Liste. 1 a. Applaus. Menschen, die so einen Satz benutzen, sind nicht nur sexistisch, sondern könnten auch übergriffig sein. (Well, sind es wahrscheinlich, denn Glotzen ist ja okay.)
Das ist Rape Culture in einem Satz. Nicht etwa ein Verständnis dafür zu haben, dass alle Menschen gleich unbehelligt durchs Leben gehen können müssen. Sondern die Einstellung, dass man wenigstens irgendeine Form von Zugriff auf den weiblich gelesenen Körper hat und dass nichts dabei ist. Beschwerden von Frauen* sind dann nur “übersensibel” oder “eingebildet” (weil sie* Vertrauen in ihr* Äußeres hat) oder peinlich (weil der Betrachter sie* nicht sexy genug findet und wer würde ihr* schon hinterherschauen?). Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung wird wieder einmal zur Diskussion gestellt, wo es keiner Diskussion bedarf: Your body, your rules.
Einsortiert unter:Allgemein | Leave a Comment
Schlagworte: blicke, Selbstbestimmung, Sexismus, street harassment, [TW] R**e Culture
42 Zitat der Woche 18
Schlagwörter: Femen – Kopftuchdebatte – Kleidungsvorschriften
Man muss in erster Linie gar nicht wissen, warum eine Frau ein Kopftuch oder einen Minirock trägt. Es geht nicht darum, wie sich eine Frau kleidet. Es geht darum herauszuarbeiten, in welchem sozialen Geflecht Frauen leben oder mit welchen Hürden sie im Alltag konfrontiert werden. Der Fokus auf Symbole und Kleidung lenkt von den eigentlichen Problemen ab. Ich negiere ja nicht, dass es Frauen gibt, die dazu gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen. Doch diese Frauen werden auch zu anderen Dingen gezwungen. Angenommen, wir “schaffen” es, dieser Frau das Kopftuch abzunehmen, ist sie dann frei? Nein, die sozialen Zwänge, die sie primär unglücklich machen oder unterdrücken, bestehen weiterhin. Dafür ist aber manche selbsterkorene “Befreierin” vielleicht zufrieden, weil sie jetzt visuell das Kopftuch nicht mehr stört – letztendlich hat man dann aber keine Arbeit für diese Frauen geleistet. Man hat sich nur selbst geholfen.
Einsortiert unter:Zitat der Woche | Leave a Comment
Schlagworte: Femen, Kleidungsvorschriften, Kopftuchdebatte
Schlagworte: Street Harassment – sich wehren – körperliche Gewalt
Leider jedes Jahr wieder ist Street Harassment ein Thema. Letztes Jahr habe ich gefragt, wie ihr auf Situationen von Street Harassment reagiert. Dieses Jahr möchte ich, angestoßen von @samiaalthar, diskutieren, welchen Platz körperliche Gewalt in der Reaktion hat.
Findet ihr es richtig, euch auch körperlich zu wehren? Hat es euch vielleicht schon geholfen? Oder würdet ihr es nicht wieder tun, weil sie euch gerade nicht geholfen hat? Habt ihr moralische Bedenken einer Person weh zu tun, auch wenn sie euch vorher (mit Worten) angegriffen hat?
Achtet bei euren Antworten bitte darauf, die Reaktionen von anderen nicht als falsch hinzustellen. Das entscheidet jede*r für sich.
Wie immer im Open Thread gibt es keinen Artikel von mir, sondern es wird in den Kommentaren diskutiert und jede*r kann etwas besteuern. Ich würde mich freuen eure Meinung zum Thema zu erfahren.
Edit: Ich habe der Klarheit nochmal einige Stellen geändert. Wie richtig in den Kommentaren angemerkt wurde, ist Street Harassment in Worten auch eine Form von Gewalt.
Einsortiert unter:Open Thread | 5 Comments
Schlagworte: körperliche Gewalt, sich wehren, street harassment
Schlagwörter: Gefühle – Verantwortung – emotionale Gewalt – Manipulation
Gestern habe ich darüber gesprochen, inwiefern man für das Entstehen der eigenen Gefühle verantwortlich ist. Ich bin recht ausgiebig darauf eingegangen, weil in unserer Gesellschaft Gefühle nicht gleich Gefühle sind (RW=Redewendung). Abhängig vom eigenen Geschlecht (bzw. dem, was andere dir zuordnen), den Einkommenskreisen, in denen man sich bewegt, dem eigenen Alter und einigem mehr ist die Art von Gefühlen, die man haben “darf”, eingeschränkt. Ich halte das für Bullshit und in vielen Fällen für emotional gewalttätig.
Diese Regeln führen dazu, dass der ersten emotionalen Reaktion, die man auf ein Ereignis hin hat, oft eine zweite folgt – nämlich Schuld. “Ist es nicht peinlich, wenn ich als Mann*/erwachsene Person Angst habe?” oder “Ist es nicht falsch, eifersüchtig auf Menschen zu sein, die meine Liebsten mögen?”
Das bringt einer*m persönlich so ziemlich null. Es führt dazu, dass man sich mit den Schuldgefühlen beschäftigt, statt das Originalgefühl zu ergründen. Im schlechtesten Fall wird man über die Angst oder Eifersucht nie weiter nachdenken, weil man die Schuld nicht spüren möchte. Unter diesen Umständen kann man sich nur schwer mit dem beschäftigen, was einer*n wirklich umtreibt (RW).
Also nochmal: Ich halte nichts davon, Gefühle in “gut” und “böse”, “richtig” oder “falsch” einzuteilen. Damit ist es nicht notwendig, sich für irgendeines zu schämen. Alle Gefühle haben einen Zweck: uns möglichst unverletzt durch diese Welt zu helfen.
Was bedeutet das für den Umgang mit meinen Gefühlen, wenn sie andere betreffen? Ich habe gesagt, dass sie eine Reaktion auf unsere Umwelt sind, nicht leicht zu beeinflussen. Was soll ich also tun mit verletzten Gefühlen, Wut, Enttäuschung? Das bringt uns zur Frage:
Wie viel Verantwortung trägt man gegenüber anderen für die eigenen Gefühle?
Meine Antwort: einige. Lasst mich erklären.
Einerseits habe ich gesagt, man soll sich nicht für die Entstehung von Gefühlen schämen, andererseits stand im einleitenden Zitat gestern, dass Gefühle keine Handlungen bedingen. Damit das zusammen funktioniert, muss man an irgendeiner Stelle tatsächlich Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen. Diese Verantwortung liegt da, wie man mit ihnen umgeht.
Dass ich wütend werden, wenn mir jemand auf den Fuß tritt, ist in Ordnung, dass ich die Person im Gegenzug anbrülle, nicht (mal vorausgesetzt, das dem keine lange Geschichte von Auseinandersetzungen vorausgeht).
Es ist Verantwortung einer*s jeden zu entscheiden, wie si:er auf die eigenen Gefühle reagiert. Vor allem dann, wenn sie mit anderen Menschen zu tun haben. Das heißt, man trägt die Verantwortung dafür, wie man reagiert.
Hätten wir zum Beispiel eine Person, die eifersüchtig ist. Den geliebten Menschen fragen, ob etwas nicht in Ordnung ist: gute Reaktion. Seine Privatsphäre verletzen und siren Computer durchsuchen: schlecht. Oder wenn man gerade zu viel zu tun hat und sich jemand unterhalten will; Der Person sagen, dass man später reden möchte, weil gerade zu gestresst: gut. Person anfahren: schlecht.
Natürlich ist das alles eine moralisch-ethische Frage, wie man “richtig” reagiert. Das muss jede*r für sich entscheiden. Zum Beispiel bei Grenzverletzungen auf der Straße durch Fremde, darf man gewalttätig werden oder muss man erst alle anderen Mittel ausreizen? Das möchte ich hier gar nicht diskutieren.
Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass ich es nicht in Ordnung finde, wenn man jede Verantwortung für das eigene Handeln von sich weist, weil die emotionale Reaktion gerade “einfach zu stark” war, “Muss ich mich denn wiiiirklich entschuldigen? Ich hatte doch so viel Stress auf Arbeit” etc. pp. Wer wem welche harsche Reaktionen vergibt, müssen Menschen unter sich ausmachen, aber von mir gibt es keinen Freifahrtschein (RW) “Unschuldige” scheiße zu behandeln, weil man gerade von starken Gefühlen überwältigt wird.
“Gefühlvolle” Kommunikation oder emotionale Gewalt?
Wenn man darüber sprechen möchte, wie es einer*m gerade geht – vielleicht auch um ein bestimmtes Bedürfnis zu erklären – ist ein schmaler Grat zu meistern (RW). Viele Mittel können gleichzeitig hilfreich, aber auch abusive eingesetzt werden.
Zum Beispiel: “Dieses Verhalten verletzt mich, könntest du das nicht tun?” ist, was mich angeht, erst mal eine angemessene Frage, die man diskutieren kann. Die angesprochene Person muss dann entscheiden, ob das für sie in Ordnung geht oder das Verhalten für sie zu wichtig ist. Die erste Person muss dann wieder entscheiden, ob sie mit der Antwort leben kann oder eine andere Lösung her muss. Kann man alles besprechen.
Was aber nun, wenn “dieses Verhalten” meint “mit anderen Menschen meines Geschlechts reden”? Das ist keine angemessene Forderung, auch wenn die Person behauptet, dass es sie verletzt.
Manche emotional gewalttätigen Menschen haben sich die Sprache der gewaltfreien Kommunikation, ich-statements, und was es sonst noch gibt angeeignet und tun damit immer noch das, was sie am besten können: manipulieren, gewalttätig sein, wenn auch nicht körperlich.
Nehme man alternativ das folgende Beispiel: Es gibt eine Person im Freund*innenkreis, die du nicht sehr magst. Du gehst ihr aus dem Weg, machst kurzen Smalltalk mit ihr, wenn nötig, aber meidest sie sonst. Du versuchst nicht andere Leute davon zu überzeugen, dass sie furchtbar ist. Nun kommt die Person und sagt, dass es sie verletzt, dass ihr keine intimeren Gespräche führt oder wenn du kurz angebunden ist. Machst du hier etwas falsch? Solltest du zu gleichen Teilen mit allen befreundet sein? Nein, natürlich nicht. Es ist dein gutes Recht, mit den Leuten zu reden, die du am meisten magst. Aber es gibt Menschen, die höfliches Abstandhalten zu einer Schmutzkampagne umdeuten.
Das Beispiel zeigt: Nur weil “es verletzt mich, wenn…” in einem Satz steckt, heißt es nicht, dass du das verletzende Verhalten unter allen Umständen einzustellen hast. Wenn ein Mensch mehr Kontakt will als ein anderer, wird immer eine*r unglücklich sein. Es gibt aber nun einmal keine Kontaktpflicht.
Der Unterschied liegt im Detail
Solche Feinheiten sind der Grund, warum ich nie so viele Themen abdecken könnte, dass glasklar (RW) der Unterschied zwischen guter Kommunikation und abusiveness klar wird. Dafür braucht man Erfahrung, Beispiele, eigene Erlebnisse, die man untersucht. Viele emotional gewalttätigen Aussagen klingen erst einmal in Ordnung, bis man die Feinheiten heraushört. Bis man merkt, dass es eine Forderung ist, die nur wie eine Frage klingt. Oder weiß, dass ein Nein bestraft werden würde.
Das ist auch der Grund, warum es so viele Pseudo-Feministen geben kann: Menschen eignen sich die Rhetorik einer Gruppe an und man glaubt, sie haben den Durchblick, weil sie mit den richtigen Begriffen um sich werfen (RW). Dann hast du Typen, die dir erklären, dass es ihre Grenzen verletzt, wenn sie dich nicht anglotzen dürfen. Das ist manipulatives Geseier, aber wie gesagt – ohne einen gewissen Erfahrungsschatz, steht man mitunter erst mal ratlos da, ob man etwas falsch gemacht hat.
Wenn sich eine Situation scheiße anfühlt, ist sie es meist. Du musst nicht erklären können, warum. Du musst Menschen, die dir unangenehm sind, nicht in 6 Bänden vorlegen, warum du jetzt gerne gehen möchtest. Abstand suchen, um in Ruhe drüber nachzudenken, ist das Beste.
Ich habe keine Ahnung, was hier die finale Aussage ist. Aber es wird noch einen dritten Teil geben, vor allem zu evilmels Fragen.
Einsortiert unter:Allgemein | 2 Comments
Schlagworte: emotionale Gewalt, Gefühle, Manipulation, Verantwortung
Schlagwörter: Gefühle – Selbstpflege
Als ich gerade ratlos war, worüber ich hier auf dem Blog schreiben sollte, schlug @evilmel_ mir das oben genannte Thema vor: Wie viel Verantwortung hat man für die eigenen Gefühle? Gerade im Zusammenhang mit dem Buch, das ich zur Zeit lese: Why does he do that? von Lundy Bancroft, ist die Frage spannend. Er schreibt (S. 29)
The abuser would like us to accept the following simple but erroneous formula: ‘Feelings cause behavior.’ [...] Each human being deals with hurt and resentment in a unique way. When you feel insulted or bullied, you may reach for a chocolate bar. In the same circumstance, I might burst into tears. Another person may put his or her feelings quickly into words, confronting the mistreatment directly. Although our feelings can influence how we wish to act, our choices of how to behave are ultimately determined more by our attitudes and our habits.¹
Bancroft greift also die Aussage an, dass Gefühle Verhalten auslösen und ich stimme zu. Natürlich sind Gefühle oftmals die Motivation etwas zu tun – wenn man traurig ist, wird man zum Beispiel sehr wahrscheinlich Trost suchen – aber ein Gefühl zwingt eine*n nicht dazu, auf eine ganz bestimmte Weise zu reagieren. Deswegen ist “Du hast mich halt wütend gemacht.” keine Entschuldigung dafür, eine*n zu schubsen. Es gibt andere Möglichkeiten auf Wut zu reagieren.
Schöne Erinnerungen und Trigger
Aber beginnen wir im Urschleim (RW=Redewendung): Wie sehr ist man verantwortlich für das, was man fühlt, nicht tut? Das ist man tatsächlich nur zu einem Teil, lautet meine Antwort. Die emotionalen Reaktionen auf das, was man erlebt, sind unwillkürlich. Sie sind sehr wahrscheinlich von der eigenen Erfahrung geprägt, was man gut an schönen Erinnerungen festmachen kann: Man kann mit einem Ort, einer Eissorte, einem Buch schöne Erinnerungen verbinden und sich dadurch wohlfühlen, ohne dass das für andere Menschen gilt. Sie haben anderes erlebt. Niemand würde dir aber vorwerfen “irrational” auf dein Lieblingseis zu reagieren, weil es dir gefällt (außer Menschen, die dir böses wollen).
Ein unangenehmeres Beispiel sind Trigger, d.h. Geräusche, Situationen, Tiere, alles Mögliche, auf das man unter anderem mit unmittelbarer Angst reagiert – (meist) nicht weil sie gerade in diesem Moment eine Gefahr darstellen, sondern weil sich im Gehirn eingebrannt hat, dass sich im Zusammenhang mit ihnen eine gefährliche Situation abgespielt hat. Auch wenn starke Reaktionen auf Trigger den Umstehenden nicht logisch erscheinen mögen, sind die damit verbundenen Gefühle nicht “falsch”, in dem Sinne, dass man sie nicht fühlen dürfte. Sie sind ein Schutzmechanismus des Körpers. Wenn die betroffene Person daran arbeiten möchte sie loszuwerden, schön, aber niemand hat das Recht, ihr zu sagen, dass die Reaktion “überzogen” sei.
Was sich aus dem Absatz vielleicht schon herauskristallisiert hat: Ich bin der Meinung, man darf fühlen, was man fühlt. Sei es auch Neid, Eifersucht, Rachegelüste oder andere Gefühle, die in Romanen meist nur bösen Menschen zugeschrieben werden.
Hegen und Pflegen
Ich hatte darüber gesprochen, dass man unwillkürlich mit Emotionen reagiert. Warum sage ich dann, dass man zu einem Teil für die eigenen Gefühle verantwortlich ist? Mit “verantwortlich” meine ich erst einmal “man trägt zu ihrer Existenz bei”, nicht – wie es oft verwendet wird – “schuld an ihnen”. Ich möchte keine wertende Aussage machen. Ich finde es nicht schlimm, wenn man dazu beiträgt dies oder jenes zu fühlen. Wie also ist man am Entstehen von Gefühlen beteiligt?
Am Entstehen eigentlich gar nicht, aber an der Pflege und Aufzucht. Wut ist ein gutes Beispiel dafür; Du gehst gestresst durch eine Menschenmenge, jemand rempelt dich an. Wir gehen davon aus, dass kurz Wut in dir aufflammt. Was nun? Motzt du die Person an oder gehst du weiter? Sagst du dir, sie haben das sicher nicht absichtlich getan/dich nicht gesehen oder “Wo hat das Arschloch nur sire Augen!”? Jede der zur Verfügung stehenden Reaktionen wird zu einem anderen (emotionalen) Ergebnis führen. Wenn du nur oft genug darüber nachdenkst, kannst du dich sicher noch den ganzen Tag komfortabel über die Person aufregen – oder vielleicht versiegt dein Unmut, sobald du noch einmal die Lage analysiert hast und feststellst, dass sie dich nicht sehen konnten.
Du bist also insofern für deine Gefühle verantwortlich, dass du entscheiden kannst, welche du pflegst und welchen du keine Nahrung gibst.
Einfach positiv denken – oder was?
Das klingt jetzt furchtbar danach, als würde ich “positives Denken” fordern und unterm Strich (RW) behaupten, dass man selbst Schuld ist, wenn man sich schlecht fühlt, oder?
Was ich sagen will, sind nur die beiden grundlegenden Aussagen: 1) Unwillkürliche emotionale Reaktionen kann man nicht kontrollieren. 2) Wie man reagiert, verändert wie man fühlt.
Die Reaktion verändert wie man fühlt. Das heißt nicht, dass man einfach aus Wut Freude machen kann oder aus Trauer Zufriedenheit. Wir sprechen hier von kleinen Veränderungen wie “viel Wut -> etwas weniger Wut” oder “Wut -> immer noch Wut, aber ein bisschen Mitgefühl”.
Ebenso ist es wichtig zu erwähnen, dass man emotionale Ressourcen benötigt, um sich um unangenehme Gefühle zu kümmern. Alle kennen wahrscheinlich befreiende Heulkrämpfe – eine relativ automatische Reaktion des Körpers (viel trinken!). Für andere bedeuten überwältigende Gefühle aber, dass sie einfach stumpf werden und funktionieren. Da wird es schon schwerer, sich um die eigenen Gefühle zu kümmern.
Ebenso kann man auf starke Gefühle viel schlechter reagieren, wenn die Quelle nicht verschwindet. Das ist der Grund, warum stressige Situationen derart auslaugen. Sicher kann ich meine Wut verrauchen lassen, wenn einmal jemand kurz gegen mich gestoßen ist. Aber wenn jemand so unvorsichtig ist, mich immer anzurempeln wenn wir uns auf dem Flur begegnen oder es gar absichtlich tut, dann staut sich die Wut eher auf. Mit anderen Worten: auch wenn die eigene Reaktion eine Rolle spielt, hat die Umwelt immer noch Einfluss darauf, was weiter mit den eigenen Gefühlen geschieht.
Da dies länger ist als erwartet, folgt Teil 2 später.
1 Wenn Übersetzung notwendig, einfach kurz in die Kommentare schreiben
Einsortiert unter:Allgemein | 3 Comments
Schlagworte: Gefühle, Selbstpflege
Links 35
Schlagwörter: Amazonas – Wasserprivatisierung – Ableismus – Chivalry – sexualisierte Gewalt – People of Color
Wie man hilfreich reagieren kann, wenn man auf einen Fehltritt hingewiesen wurde [Englisch]
“Ich lese den Playboy nur wegen der Artikel” [Englisch] via @kiturak
Menschen mit Totalbetreuung dürfen nicht wählen (Vorsicht: Im Artikel steht viel ableistische Kacke) [Deutsch]
Eigener Text: Türen offen halten und wie man es falsch macht [Englisch]
Was das Problem mit dem Ausdruck “Person of Color” ist [Englisch] via @sesperado
Webseite, die zur Privatisierung von Wasser in Europa informiert [Deutsch]
Thema sexualisierte Gewalt folgend
5 Wege Männern* beizubringen nicht zu vergewaltigen [Englisch]
Eigener Text: V. von Männern* durch Frauen* ist kein Witz [Englisch]
Einsortiert unter:Links | Leave a Comment
Schlagworte: Ableismus, Amazonas, Chivalry, Europa, Privatisierung, Rassismus, sexualisierte Gewalt, Wasserprivatisierung
