Di:er letzte Queerulant_in ist nun schon vor einer Weile erschienen und die nächste Ausgabe ist bereits in der Mache. Die Deadline für den neuen Text war dabei an mir vorbei gerauscht und deswegen kam ich gar nicht mehr dazu noch einen Aufruf für neue Fragen zu posten. In der nächsten Ausgabe wird es also einen “Original”-Text geben.
Ich möchte aber jetzt die Gelegenheit ergreifen, um daran zu erinnern, dass ihr mir Fragen für die übernächste Ausgabe einsenden könnt an hoc [at] riseup [Punkt] net. Die Bedingungen könnt ihr noch einmal hier nachlesen (Deadline kann natürlich ignoriert werden), die Beantwortung ist euch sicher. Sollten tatsächlich mehrere Fragen eintrudeln, werde ich online die Fragen beantworten, die nicht in die Zeitschrift gepasst haben.

Also schreibt mir fleißig und teilt diesen Aufruf!


Schalgwörter: Community – My Mad Fat Diary – Avatar

Hey! Lange nicht gelesen, wa? Hier bin ich jedenfalls wieder und weil ich in letzter Zeit in Serien ertrinke (ein gutes Problem – nicht wörtlich gemeint übrigens), dachte ich mir, ich schreibe mal darüber.
Ich wollte 10 Serien vorstellen und sie danach ordnen, wie sehr ich sie mag. Ich habe mich allerdings nicht entscheiden können, in welche Reihenfolge ich sie bringe. Also stellt euch die Abfolge als grobe Orientierung vor, aber wenn ihr an einer der Serien interessiert seid, bildet euch selbst eine Meinung. Ich beginne mit den Serien, die ich am liebsten mag und komme später zu den weniger beliebten, weil das überhaupt keinen Sinn macht und unintuitiv ist – mit anderen Worten: Ich habe schlecht geplant.
Teilweise benutze ich die Originaltitel, die im Deutschen verändert wurden, da ich einige Serien nur auf Englisch gesehen habe.
Hinter dem Seriennamen vermerke ich jeweils, ob ich fertig bin oder (grob), an welchem Punkt der Staffeln ich mich derzeit befinde. Wenn ich zu der Serie bereits etwas geschrieben habe, verlinke ich es nach der Vorstellung.
Spoiler versuche ich zu vermeiden.

My Mad Fat Diary (Anfang Staffel 2) – My Mad Fat Diary oder kurz mmfd, omg, oh my god! Zum Inhalt: Es geht um eine englische Jugendliche, Rae, die zu Beginn der Serie aus der Psychiatrie entlassen wird. Sie ist dick und hat infolgedessen mit Hänseleien, ihrem Körperbild und ihrem Verhältnis zu Essen zu kämpfen, sie hat in letzter Zeit irgendwie den Kontakt mit ihren Freund*innen verloren und das Verhältnis zu ihrer Mutter ist oft angespannt. Das ist der dramatische Teil dieser Dramakomödie. Sie schwärmt aber auch ausgiebigst für diverse Jungen/Männer, findet sich langsam in eine Gruppe von Jugendlichen ein und lässt sich nicht den Mund verbieten – dort beginnt die Komödie.
I fookin’ lo’ this series (oder irgendwie so, der englische Dialekt macht mich echt fertig). Die Serie spielt in den 90ern, alles ist so “ach damals”, es gibt so viele tolle Figuren, man verfolgt eine weibliche dicke Hauptfigur mit psychischen Problemen, die in den Mittelpunkt gerückt werden, wie cool/neu/ungewohnt ist das? Außerdem ist der Stil eine erfrischende Abwechslung zu anderen hochglanzpolierten Serien, wo man immer den Eindruck hat von außen hineinzusehen, weil alle so perfekt gekleidet und zurecht gemacht sind. (Gedankencredit geht an @baum_glueck)
Wie gesagt, ich liebe diese Serie. Sie bricht dein Herz, aber trotzdem willst du mehr.
Trigger-Warnung für selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, sexualisierte Gewalt (letzteres in Staffel 1 in weniger krasser Form, aber wohl Folge 5 Staffel 2 aufpassen).

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Avatar – Der Herr der Elemente (fertig) – Avatar habe ich vor langer Zeit beendet, aber die Serie bleibt mir immer noch in schöner Erinnerung. Es ist eine Kinder-/Jugendlichenserie (?), in der es um Aang geht, der als Avatar das Bändigen aller Elemente (Feuer, Wasser, Erde, Luft) erlernen muss, um die Welt retten zu können. So weit, so klassisch. Er zieht mit den Geschwistern Katara und Sokka eines Wasserstammes und später der Erdbändigerin Toph durch die Gegend.
Das Bändigen, wie auch die Kostüme, Nahrung und Gebäude der Serie sind an verschiedene asiatische Kampfkünste bzw. Nationen angelehnt. In dieser Serie ist also literally niemand weiß, amazing. Aber neben der Aufmerksamkeit für Details schätze ich vor allem den Humor der Serie, die gute Geschlechterverteilung und die entweder liebenswerten guten oder bewundernswert bösen Figuren. Stereotype werden auf den Kopf gestellt, wenigstens ein paar Charaktere mit Behinderung spielen eine Rolle (darunter Toph) und die Tiere sind einfach die niedlichsten. Koalaschafe? Schildkrötenten? Wer kann da Nein sagen. Alter Text zum Buch des Feuers (3. Staffel)

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Community (Anfang Staffel 5) – Ach Community, die Serie, in die ich vor nicht zu langer Zeit haltlos verliebt war.
Sie dreht sich um Jeff, den obligatorischen jungen weißen Hetero, ohne dessen Rolle wir alle kein Interesse an den anderen Charakteren hätten, und eine Gruppe von 6 weiteren Schüler*innen eines Community Colleges (scheint eine Mischung aus fortgeschrittener Schule und Volkshochschule zu sein). Sie alle lernen sich kennen, weil Jeff vorgibt eine Spanischlerngruppe zu leiten, um Britta, die weiße Feministin ™ der Show, ins Bett zu kriegen. Zum Verlauf von Jeffs Bemühungen möchte ich schweigen, aber die Gruppe selbst trifft sich von da an regelmäßig und zerbricht mindestens 6 Mal an lächerlichen Diskussionen über absurde Themen. Die Serie lebt dabei von Anspielungen an andere Filme und Serien, oft ist eine Folge selbst an ein bestimmtes Format angelehnt – Paintball-Folgen als Kriegsfilme oder wahlweise Star Wars, eine Kissenschlacht im Stil von Geschichtsdokus und der Tod einer Kartoffel wird ganz nach Law & Order – Special Victims Unit untersucht (Gott sei Dank ohne, you know, die sexualisierte Gewalt).
Mit der Diversity ist es ein bisschen komisch in der Serie. Die Gruppe vereint verschiedene Religionen und besteht aus 3 PoC und 4 Weißen. Des Rassismus tatsächlich bezichtigt werden allerdings auffällig oft nur die PoC (neben dem stereotypen alten weißen Rassisten). Auch gibt es einen bi- oder pansexuellen Charakter in der Serie. Der dient allerdings wegen seiner Fetische und Crossdressing-Tendenzen mehr als comic relief. Ye olde queer baiting¹ findet ebenfalls statt.
Community jedenfalls mag ich mal wieder wegen der Charaktere, aber auch wegen des guten Timings der Witze und wie man im Verlauf der Folgen ein komplexes Verhältnis zu den Figuren entwickelt. Die Referenzen auf Filme und Serien geben Community einen ganz besonderen Charme, den andere Serien in der Form nicht liefern können.

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So viel zu den ersten drei Serien meiner Liste, der nächste Artikel folgt hoffentlich bald.

1 Queer baiting: Eine Serie für queere Menschen interessant machen, indem man queere Charaktere/Beziehungen andeutet, aber nie tatsächlich bzw. ernsthaft umsetzt.


Links 41

15Feb14

Dieser Artikel enthält Spoiler. Dieser Artikel ist ragey und negativ und wer Bioshock Infinite liebt, soll sich am Ende nicht bei mir beschweren.
Ich habe leider nur einen anderen Artikel zum Thema finden können, aber ich weiß mit Sicherheit, dass das Spiel vielfältig von Blogger*innen of Color kritisiert wurde. Wenn mich eins in die Richtung weiterverlinken könnte, wäre ich sehr dankbar. (Edit: Es gibt jetzt unten weiterführende Links.) Fangen wir an.

Ich fand den ersten und zweiten Bioshock Teil sehr hübsch (womit ich die Stimmung des Spieles, aber auch den Rest meine) und freute mich auf den dritten Teil. Dass wir uns nicht mehr unterm Meer befinden sondern über den Wolken schreckte mich nicht ab, obwohl es eine neue Stimmung hervorruft.

Rassismus, my old friend

Wir sind also mal wieder ein weißer Typ (ich dachte in den 40ern, scheint aber er sollte wesentlich jünger sein), der in die Himmelsstadt Columbia geschickt wird, um eine Schuld zu begleichen. Er bringt seinen Auftraggeber*innen ein Mädchen, sie tilgen seine Schuld, so der Deal.
Schon unmittelbar nach der Ankunft in Columbia wird klar, dass hier alles recht religiös zugeht – und weiß. Alle Leute in der betenden Menschengruppe, der wir begegnen, sind weiß. Das hätte eine erste unauffällige Kritik von Bioshock Infinite an der Gesellschaft in Columbia bzw. Videospielen allgemein sein können … wenn die vorherigen Teile nicht absolut unkritisch schneeweiß gewesen wären. Also kein Sternchen für dich, Infinite.

Während wir versuchen uns in der Stadt zurechtzufinden und die Mission voranzutreiben, wird ein erster Blick darauf gewährt, wie es hier läuft: Du gewinnst in einer Lotterie und dein Preis ist der erste Wurf. Auf was oder wen? Auf der Bühne vor dir werden eine Schwarze Frau und einer weißer Typ gefesselt zum Bühnenrand gefahren. Um sie herum gibt es kolonialrassistische Requisiten, die das Thema “jungle fever” tragen. Die beiden scheinen demnach gegen die gesellschaftlichen Regeln verstoßen zu haben, indem sie sich miteinander einließen. Nun musst du dich entscheiden, ob du tatsächlich den Ball auf die beiden wirfst oder auf den Ansager.
Ich kann nicht für die Schwarzen Spieler*innen sprechen, aber ich würde mich an der Stelle schon mal nicht eingeladen fühlen. Mit rassistischen Bildern konfrontiert werden, nur um einen Aussage über die rassistische weiße Gesellschaft der Stadt zu machen – das hätte man auch anders bewerkstelligen können. Warum es an sich daneben ist, zur Wahl zu stellen, ob man das Pärchen oder den Ansager bewirft, erklärt Daniel Golding hier (allgemein ein lesenswerter Artikel zum Spiel und seinen Ansprüchen).

Aber diese Szene ist nur der Beginn rassistischer Sprüche und Darstellungen. Im weiteren Verlauf des Spieles fällt ca. 4 Mal das N-Wort, ebenso “Schl***augen” und die rassistische Beleidigung amerikanischer Ureinwohner (in Worten, zu den Bildern komme ich gleich noch). Dies geschieht entweder, wenn über die nicht-weißen Aufständischen Vox Populi (latein. für “Stimme des Volkes”) gesprochen wird oder im Rahmen von geschichtsverzerrenden Darstellungen des Massakers bei Wounded Knee und des Boxeraufstandes (beides um die Wende zum 20. Jh. geschehen). Denn in diesem Spiel hagelt es nur so weiße religiöse rassistische Propaganda – die Propaganda an sich nichts Neues in den Bioshock-Spielen – und u.a. wird das deutlich gemacht in einer Ausstellung, die mit raumfassenden Installationen verzerrt, was damals wirklich geschehen ist. (Es handelt sich um reale Ereignisse der US-amerikanischen Geschichte.) Da gibt es rassistische Karikaturen von sowohl Chines*innen als auch amerik. Ureinwohner*innen – und die waren einfach nicht nötig. Ja, Propaganda funktioniert über, auch, rassistische Verzerrung der Gegner*innen, aber wenn du den Anspruch hast so etwas zu kritisieren, solltest du das auch tun. Die rassistischen Bilder noch einmal, aber schon ins Komisch-Groteske verzerrt, darzustellen, ist keine kritische Auseinandersetzung!
Das Spiel gibt dir nicht einmal eine Möglichkeit zu erfahren, was bei den Ereignissen wirklich geschehen ist, bietet also kein korrigierendes Gegengewicht zur Propaganda. Es wird lediglich enthüllt, dass andere weiße Typen da gekämpft haben, als die weißen Typen, die angeblich da gekämpft haben. Spannend. Aber das ist halt das Einzige, was dem Spiel wirklich wichtig ist, auch ‘ne Aussage.

Revolutionäre, die auf Comstock starren¹

Nun könnte man noch hoffen: Vielleicht hält die Vox Populi ja was sie verspricht. Vielleicht räumt sie mit dem weißen Establishment auf und klagt es seiner Sünden an. *lacht erschöpft* Ja, nein.
Als ich die Anführerin der Vox Populi kennenlernte, war ich freudig überrascht. Eine Schwarze junge Frau, die eine anti-kapitalistische, anti-rassistische Arbeiterrevolution anführt, das ist doch erstmal geil, oder? Tja. Je näher die Revolution rückt, desto mehr zweifeln die beiden weißen (!) Hauptfiguren, dass es die richtige Entscheidung war zeitweise mit der Vox Populi zu kooperieren (oder zumindest ähnlich vorzugehen – Polizisten abknallen). Die weibliche Hauptfigur ist zwar schockiert, wie schlecht es den armen Schwarzen im Armenviertel geht (*Augenrollen*), das man auch besucht, aber das mit der gewaltvollen Revolution, das ist doch dann auch irgendwie … übertrieben? Und schließlich kommen die beiden zu dem Ergebnis, dass die Vox Populi nicht besser ist als der vorherige weiße, kapitalistische Herrscher, der Rassentrennung aufrecht erhielt. Japp, absolut vergleichbar. Keine Frage.
Das Ganze gipfelt mehr oder weniger darin, dass die Anführerin (ist euch schon aufgefallen, dass ich mir schlecht Namen merke?) ein Kind umbringen will. Wow. Ich mein, WOW. Jetzt ist sie nicht nur “genauso schlimm” wie Comstock, sie ist auch noch eine gewissenlose Kindermörderin. Gefolgt wird das später von einer tränenreichen Nebenstory, wo ein weißer Typ aus der Armee, der ein Kind of Color für Informationen gefoltert hat, es dann bei sich aufnimmt. Can you spell w t f.
Als es dann übrigens dazu kommt, dass man nicht mehr nur weiße Polizisten, sondern auch Vox Populi abknallt, sind die auch mind. zur Hälfte weiß. Diesen Leuten sind Weiße so wichtig, dass sie überall sein müssen, AUCH IN DER NICHT-WEIẞEN REVOLUTIONSTRUPPE.
Und als Sahnehäubchen: Durch einen geschichtlichen Twist wird die weiße männliche Hauptfigur dann zu einem Held der Vox Populi. I just can’t.

Einschätzung

Was, noch mehr? Ja noch mehr Einschätzung.

Nun ist das eine Spielreview, ich möchte aber nicht davon ablenken, dass es sich um einen rassistischen Scheißhaufen handelt, darum nur kurz die restlichen Fakten: Plasmide heißen jetzt anders, machen aber immer noch Spaß. Man kann nur noch 2 andere Waffen tragen (plus eine extra Waffe für den Nahkampf), Waffen liegen aber überall herum, also keine Knappheit (auf Schwierigkeit normal). Ich mag die besonders starken Gegner, leider keine Hintergrundstory zu ihnen. Die Szenerie ist einfach nur amazing animiert. Ich liebe den Songbird. Zum Finale hin gab es 3 sehr nervige Bugs. Die Hintergrundstory war nicht mehr so gut erzählt wie in den vorherigen Teilen, die Auflösung war mir zu new-age-mäßig, obwohl sie andern gefallen hat.

Ein großes Verständnis-Problem im Spiel an sich war für mich noch, dass ich nicht mit US-amerikanischer Geschichte (und der US-amerikanischen Kultur) erzogen wurde, sondern der deutschen. Wir werden zwar in US-amerikanischen Sendungen und Themen nur so mariniert (RW = Redewendung), aber dieses Spiel ist einfach zu sehr auf ein US-amerikanisches Publikum zugeschnitten, um für mich in der ganzen Storyline zu funktionieren. Der wiederholte Bezug auf die Gründerväter z.B. hat für mich keine emotionale Bedeutung.

Fazit: Nicht die gleiche coole Stimmung wie in den vorherigen Teilen. Eine Story, die ich weniger packend fand. 1000% mehr PoC als in den Vorgängern und es trotzdem verkackt. Ultra-rassistische “anti-rassistische” Storyline. 3/10.

Weiterführende Links:
Bioshock Infinite Privilege
Booker DeWitt and the Case of the Young White Lady Feels: a Bioshock Infinite review
Errant Signal – Bioshock Infinite (Spoilers) [Video] via @AranJaeger, TW rassistische Bilder

1 Schlechter Witz. Tut mir Leid. Comstock ist der oberböse Anführer der Stadt.


Inhalt des und Links im Artikel können triggernd sein. Thema: sexualisierte Gewalt

Im Zuge dieses Artikels bei Captain Awkward wies ich darauf hin, dass es nicht in Ordnung ist “für” andere eine Anzeige zu erstatten, wenn diese sexualisierte Gewalt erfahren haben. Ich gehe von einer Situation aus, in der man von ihnen selbst oder durch Dritte (hoffentlich mit Einverständnis) nach der Tat davon erfährt, es also jetzt gerade keine Gefahr gibt. Anscheinend ist nicht allen klar warum, also gebe ich es hier noch einmal wieder.

Strukturelle Gründe

Viele Menschen haben berechtigtes Interesse daran, mit der Polizei erst gar nicht in Kontakt zu kommen. Das können Menschen ohne Papiere sein, Menschen of Color, trans* Menschen und viele mehr. Es besteht die Gefahr, dass sie unmittelbar eines Verbrechens beschuldigt werden, dass sie im Verlauf von Ermittlungen zu ihrem Fall diskriminierender und erniedrigender oder gewalttätiger Behandlung ausgesetzt sind. Sie haben mitunter schon Erfahrung mit Polizeigewalt. In jedem Falle wäre eine Anzeige keine Hilfe, sondern eine weitere Gefahr für ihre Person und andere, die möglicherweise von ihnen abhängig sind.

Persönliche Gründe

Wir gehen davon aus, dass einer Person sexualisierte Gewalt angetan wurde, ja? Gegen ihren Willen wurden ihre Grenzen verletzt, sie hat sich bei der Tat oder danach möglicherweise hilflos, ausgeliefert oder fernab jeder Kontrollmöglichkeit gefühlt. Und jetzt kommt eine Person, die ohne sich mit ihr abzusprechen entscheidet, dass sie (1) mit fremden Menschen (2) die ihr gegenüber möglicherweise feindlich eingestellt sind und/oder (3) sie für die Tat verantwortlich machen werden (4) über ein traumatisches Erlebnis reden muss. Klingt das fair? Klingt das hilfreich? Klingt das auch nur im Entferntesten OKAY? Ich hoffe nicht. Es ist eine Grenzüberschreitung, diese Entscheidung über den Kopf einer Person hinweg zu treffen. Es lässt die Person ein weiteres Mal die Kontrolle verlieren, über ihre Geschichte, darüber inwiefern sie mit ihrer Geschichte in irgendeiner Form an die Öffentlichkeit gehen will und ob sie sich in der Lage sieht di:en Täter*in öffentlich zu beschuldigen.

Zynische Gründe

Ich muss hier einen Moment auch noch einmal auf die Realität eingehen: Was genau soll eine Anzeige bringen? Jetzt echt. Was glaubt ihr, welche Chancen die Sache hat von der Polizei ernsthaft und geflissentlich verfolgt zu werden, jemals vor irgendein Gericht zu kommen? Anzeigen werden dauernd eingestellt. Ich will gar nicht die ganzen widerlichen Fälle ausbuddeln, in denen mit den abartigsten Gründen Verurteilungen abgelehnt wurden. Das einzige, was solch eine Anzeige ist, ist Ausdruck des “aber wenigstens habe ich was getan”. Tu lieber was für deine*n Freund*in.
(Das alles heißt nicht, dass Menschen in ihrem eigenen Namen keine Anzeige mehr erstatten sollen. Das kann jede*r für sich selbst am besten abwägen. Es geht mir nur um den Fall, das die Entscheidung abgenommen wird.)

Was tun?

Dazu gibt es schon diverse Artikel von Menschen, die aus eigener Erfahrung sprechen. Sucht nach denen. Wenn ihr aber jetzt sofort was für eure*n Freund*in tun wollt: Sucht eine Opferberatungsstelle vor Ort raus und bietet ggf. eure Begleitung an/sucht die Nummer einer Notfallberatungshotline heraus und gebt die eurer*m Freund*in weiter. Fragt nach, was si:er braucht. Das ist wirklich das Wichtigste. Und haltet euch daran, was euch gesagt wird (z.B. nicht davon weiterzuerzählen/nicht auf eigene Faust (RW) di:en Täter*in zu konfrontieren). Worum es geht, ist die volle Kontrolle und Entscheidungsmacht bei eurer*m Freund*in/Bekannten etc. zu belassen. Ja sowas ist furchtbar, ja eins möchte nicht tatenlos dastehen, aber schadet bitte keiner*m, nur damit ihr euch besser fühlen könnt.

Weiterführend Links, auch eigene, gerne willkommen.


Links 40

12Dez13

Schlagwörter: Kinder – Adultismus – Eritrea – Geflüchtete – sexualisierte Gewalt – Inzest – Eve Ensler – Neokolonialismus – trans* – two-spirits – Konflikt – Tränen – Gendergap – Psychotherapie – hijras

Nicht-binäre Geschlechter “trans*” nennen als kolonialer Akt
[Englisch]

Über Tränen und ihren Platz in der Welt
Von @goldfish [Englisch]

Eve Ensler von One Billion Rising entdeckt Intersektionalität für sich und “vergisst” wie sie drauf kam
Von @prisonculture via @spelunkenjenny [Englisch]

Captain Awkward beantwortet: Wie richtig streiten in Beziehungen? (Vorsicht: heterolastig)
[Englisch]

“Der Gendergap beeinflusst nicht die Lesbarkeit von Texten. Es fühlt sich nur so an.”
[Deutsch]

“In Eritrea bleiben, heißt bei lebendigem Leibe sterben”
Von @sab_culture [Deutsch]

Warum ihr Kinder hasst
Von @JacintaNandi via @nightlibrarian [Englisch]

“Psychotherapie ist keine Operation an offener Seele”: Zur Einsparung von Psychotherapiestunden
Von @theRosenblatts [Deutsch]

Trigger Warnung für Inzest und sexualisierte Gewalt, Victim Blaming

Dieses Leben kann Spuren von Gewalt enthalten, Teil 1
Von @MikaMurstein [Deutsch]


Dieser Post ist eine Zusammenarbeit. Es beginnt Esme.

Wie viele meiner Entwürfe lag auch dieser schon mehrere Monate in einem Ordner und wartete darauf, dass aus zwei Links mehr wird. Beziehungen, romantische wie sexuelle, und die Art, wie wir mit ihnen umgehen, haben mich schon immer ein wenig gestört. Romantische, vornehmlich heterosexuelle Zweierbeziehungen (kurz RZBs) sind für mich allgegenwärtig und doch nicht fassbar. Es scheint eine Übereinkunft zu geben wie die aussehen, aber wenn ich mich umschaue, selbst die Menschen ansehe, die in einer RZB sind, sieht die Realität völlig anders aus als das Ideal.

Zuerst einmal ein Zitat zur Wichtigkeit, die verschiedenen Beziehungen beigemessen wird – innerhalb der Familie, freundschaftlich, romantisch und sexuell. Irrationalpoint schrieb auf sirem Blog über die “Relationship Hierarchy”:

In other words, from a very young age, we are taught The Relationship Hierarchy. Which is something like: blood ties and marriage ties trump other sorts of ties. Sexual relationships trump non sexual relationships. You have only one partner, who shall be your sexual partner and your lawfully-wedded spouse, and no other partners, and they trump all other relationships. Marriages that produce children trump non-procreating relationships, but Thou Shalt Not Be A Single Parent. “Family” and “Friends” are distinctive sets of people, and “Family” trumps “Friends”. “Friends” should mean only people of the same sex, but otherwise, same sex friends trump other-sex friends. You shall be emotionally intimate only with same-sex friends, unless you are a man, and then Thou Shalt Not Have Emotions.

(Hier klicken für Übersetzung.)

Nun möchte ich Bäumchen, das ich oben schon zitierte, in diesem Artikel begrüßen. Wir haben vorgestern wieder einmal über Beziehungen diskutiert. Dieses Gespräch brachte mich auch dazu, diesen Artikel endlich zu beginnen.

Ohai, Ezra¹. Nun, ich freue mich sehr, an diesem Artikel mitwirken zu können. Freund*innenschaften beschäftigen mich sehr: Was passiert da, wie halten sie, was wird als selbstverständlich vorausgesetzt, wieso können sie so intensiv sein und warum redet da kaum wer drüber? Ich habe dabei viel von einigen Freund*innen, aber auch von den eigenen Bedürfnissen, Sehnsüchten und Wünschen lernen dürfen.

Das hier Beschriebene ist kein abgeschlossener Text, keine “Formel” für Beziehungen_Freund*innenschaften. Esme und ich versuchen unsere Erfahrungen zusammenzubringen, unsere Beobachtungen und das, was wir uns bei anderen Menschen angelesen haben. Dabei haben wir uns vorbehalten, das “Ich” im Text zu lassen, nachdem wir uns gegenseitig fröhlich in unseren Textteilen herumeditierten. Dass “Freund*innenschaft” in dem Text vor “Liebe” kommt, soll kein Hinweis auf eine Art “Vorstufe” sein oder gar eine tatsächliche/naturgegebene Hierarchie andeuten. Wir beschäftigen uns zuerst mit den geltenden Normen, um dann auf Alternativen einzugehen. Ich hoffe, ihr habt Freude an dem Text.

Freund*innenschaften

Freund*innenschaften sind nicht per se exklusiv, im Gegensatz zur Romantischen Zweierbeziehung. In unserer Gesellschaft ist eine große Vielfalt an verschiedensten Freundschaften gleichzeitig möglich und sogar wünschenswert. Dabei sind diese Freund*innenschaften in der Norm nicht sexuell und nicht romantisch. Ich kann nicht nur enge Freund*innen haben, zu denen ich viel Kontakt habe(n kann) und mit denen ich viel teile; auch nicht so enge Freundschaften sind möglich und erlauben mir oftmals einen Blick über meinen eigenen Tellerrand hinweg. Zwar dominiert das Thema Freund*innenschaften in Peer Groups, also unter sogenannten Gleichaltrigen; aber Freundschaften können zwischen allen Altersgruppen geschlossen werden. Die hieraus resultierenden, aber auch generell in Freund*innenschaften beobachtbaren Machtdynamiken werden weitaus weniger problematisiert als in sexuellen_Liebesbeziehungen. Das wird unterstützt durch die “Unwichtigkeit” von Freund*innenschaften im Vergleich zu sexuellen_Liebesbeziehungen. Thema großer Literatur ist nun einmal die romantische Liebe, deren Aspekte dann auch ‘rauf- und ‘runteranalysiert werden.

„Liebe“, diese Blackbox, die wir beide nicht wirklich verstehen, ist nicht unbedingt das bindende Element, das Freund*innenschaften zusammenhält. Es gibt keine Verpflichtung wie in einer RZB, diese aufzulösen, sobald die Gefühle nicht mehr „echt und wahr“ sind. Freund*innenschaften können rein auf einem einzigen gemeinsamen Interesse beruhen, zB Sportarten. Sie müssen in dieser Hinsicht keine Kompromisse machen, weil sie bereits den Absolutheitsgedanken der alles erfüllenden Beziehung abweisen. Eine gewisse Grundsympathie reicht aus.

Dass Freundschaften nicht per se den Anspruch haben, all-erfüllend zu sein, ist ihre Chance wie auch ihr Fluch. Menschen werden entlastet von dem Bedürfnis, alles für die andere Person zu sein. Andererseits ist diese Eigenschaft von Freund*innenschaft sehr eng verknüpft mit ihrer ihr erstmal vorausgesetzten Unverbindlichkeit. Diese ist keinesfalls unschuldig. In unserer hetero- und paarnormativen Gesellschaft bedingen die Unverbindlichkeit der Freundschaft und die Verbindlichkeit der Romantischen Zweierbeziehung sich gegenseitig: Letztendlich kann eine romantische Zweierbeziehung nur deshalb solche Dominanz entwickeln, weil Menschen in ihr das einzige Versprechen nach Geborgenheit, Sicherheit, praktischer gemeinsamer (nicht einsamer) Lebensführung und Alltagsbewältigung sehen. Wie Eva Illouz in ihrem Buch beschrieb, geschah diese Verschiebung von Verbindlichkeit bereits einmal von der Familie hinein in die Ehe und die RZB. Weshalb romantische Liebe auch viel stärker heute mit unserem Selbstwertgefühl zusammenhängt als zuvor. Also: Wer keine Beziehung hat, hat erstmal “nur” [scheinbar] weniger Unterstützung im Alltag. Aber plötzlich bedeutet es auch: Was ist falsch an dir, dass du keine Beziehung führst? – Eine Frage, die v.a. immer noch an Frauen* herangetragen wird.

Freund*innenschaften können oftmals an den Hürden scheitern, bei denen RZBs eher gesellschaftliche Unterstützung für gewisse Lösungswege erfahren. Viele meiner Freund*innenschaften erledigten sich mit einem Umzug, ohne dass es jemals Streit gegeben hätte. Die Idee einer „Fernfreundschaft“ in Vergleich zur kompromissbereiten „Fernbeziehung“ lag oftmals beiden Seiten fern, und wenn sie versucht wurde, klappte es nur in den seltensten Fällen, wobei das Internet als dritter „gemeinsamer“ Ort eine wichtige Rolle spielte.

Freund*innenschaften unterliegen stärker als noch RZBs und auch Polybeziehungen dem kapitalistischen Flexibilitätszwang. Die Zuneigung soll manchmal bis über große Distanzen hinweg halten können, um gute Freund*innenschaften sein zu können, auch bei wenig bis keinem Kontakt. Sie sollen jederzeit bereit sein, geben zu können, auffangen zu können. Dies alles, ohne dass Freund*innenschaften den gleichen gesellschaftlichen Schutz genießen würden wie RZBs. Freund*innenschaften sollen “wie nebenbei” geführt werden.

Freund*innenschaft_Poly

Wenn wir über Freund*innenschaft reden, die sich nicht der Hierarchisierung ergeben will, und ihre ihr normativ gesetzten Grenzen überschreitet, wird’s komplex. Liebe, Begehren und Eifersucht sind in Freund*innenschaften kaum sichtbar. Aber auch ausgeweitete Formen einer gegenseitigen Verantwortung werden nicht “klassisch” vorgelebt. Wer versucht, Alternativen zu leben, muss dies immer in Gegenwart der vorgefundenen Normativität machen. Dadurch ergeben sich andere, neue Probleme. Wenn ich versuche, verbindliche Freund*innenschaften aufzubauen mit Menschen, die immernoch ihre Beziehungen mehr oder weniger bewusst hierarchisieren, werde ich mich abarbeiten. Dabei kann viel Frust entstehen. Neue Ideen und Praxen stoßen nicht nur auf bewährte äußere konservative Strukturen, sondern auch auf unsere verinnerlichten -ismen. Unser Enttäuschungsruf dann: Es funktioniert einfach nicht/ Es soll nicht so sein. Wir müssen uns erstens also der Macht der Konvention bewusst werden, die in all unseren Beziehungen und Interaktionen wirkt. Ferner brauchen wir ein Verständnis davon, wie Gewaltstrukturen gemeinsam wirken. Ansonsten wiederholen wir nur das Gewaltvolle unter neuen Vorzeichen. In einer Gesellschaft in der zB Männer* dafür belohnt werden, mehrere (Sex-)Partnerinnen* zu haben, finde ich es nicht emanzipatorisch, wenn das öffentliche Bild von Polyamorie v.a. von weißen Männern* dominiert wird und mir diese erzählen, wie poly “funktioniert”.

Weiter spielen Rassismus, Klasse, Ableismus uvm in unsere verschiedenen Beziehungsdynamiken hinein. Poly kann mehr bedeuten und muss mehr bedeuten. Ein*e queere*r Migrant*in auf Tumblr schrieb darüber: poly kann bedeuten, in einer migrantischen Großfamilie zu leben, die sich gegenseitig unterstützt und füreinander Sorge trägt, wo gegenseitig die Erziehung der Kinder der anderen übernommen wird, damit Eltern arbeiten gehen können. Oder wenn mein Großvater seine Enkel für ein halbes Jahr bei sich aufnimmt, wenn sein Sohn in einer Krise ist. Das alles geschieht innerhalb einer Gesellschaft, in der sie in vielen Aspekten benachteiligt, prekarisiert und_oder kriminalisiert werden. Es ist wichtig, die Augen zu öffnen, für die vielen Formen von Liebe und Verantwortung, die Menschen bereits schon leben außerhalb von normativen Beziehungen und Hetero-Kleinfamilien.

Liebe ™ / sexuelle_romantische Zweierbeziehungen

Auf Twitter schrieb ich letztens scherzhaft, dass ein Artikel über Beziehungsformen bei mir nur “What … How? *Kopf kratz*” lauten würde. Sie sind mir tatsächlich unklar. Ich meine, natürlich verstehe ich das Konzept: Wenn (bleiben wir mal bei) zwei Menschen sich lieb haben und zusammen finden, dann … usw. Das alles natürlich allgemein als sexuelle UND romantische Beziehung gedacht – da liegt mein erstes Problem. Mein zweites Problem liegt dabei, was danach kommt. Lasst mich erklären.

Wie Khaos.Kind einmal schrieb: Bücher und Filme hören da auf, wo der eigentliche Beziehungsalltag anfängt. Der Spannungsbogen ergibt sich daraus, ob zwei Menschen “sich kriegen”, nicht daraus, wie sie die Aufteilung von Haushaltsaufgaben meistern oder ob sie Kommunikations-Schwierigkeiten überwinden können. Die Vorlagen für Beziehungen hören also komischerweise gerade da auf, wo der zentrale Teil der Beziehung anfängt. Für eine gute Beziehung ist es eben nicht wichtig, dass sie aus einem Mann und einer Frau besteht, dass sie sexuell ist und der Heranzucht von 1,3 Kindern dient. Es ist wichtig, was die Partner*innen daraus gewinnen, sich gegenseitig geben können. Aber dieser Teil einer Beziehung bleibt unklar. Du erfährst, dass die Protagonist*innen im Film sich furchtbar lieben, aber nicht warum.

Sicher ist das dem Format Film geschuldet, aber ich erinnere mich sonst gerade nur an eine einzige (!) Liebeserklärung, die ich je las, die mich tatsächlich hat verstehen lassen, warum das Ganze. Also so, dass ich “ja, das klingt ganz nett” sagen konnte. Denn vielfältig ist das, was ich von realen RZBs mitbekomme, eher gruselig. Da scheint das Zusammenleben nur aus Kompromissen und “ist halt so” zu bestehen, gegenseitige Wertschätzung ist nicht im Bild. “Aber ich liebe si:hn halt” oder “der Sex ist gut” ist für mich kein Grund, mich langfristig in einer RZB zu binden, wenn es sonst an allem mangelt. Dann doch lieber eine neue Beziehungsform wählen, die den Umständen gerecht wird. Wenn v.a. der Sex gut ist, dann fuck your friends (als eine von vielen Optionen).

Das erste angesprochene Problem war die Definition einer RZB als romantische und sexuelle Beziehung (der Zweierbeziehungs-Aspekt ist natürlich auch eine Norm, der man entgegentreten kann). Ich will das nämlich nicht. Genau wie ich nicht durch den Physical Touch Escalator automatisch vom Kuscheln zu Sex rutschen will, will ich nicht durch emotionale oder körperliche Intimität automatisch in eine bestimmte normierte Form von Beziehung rutschen, die all die Beziehungsregeln unausgesprochen mit sich bringt (“Du sollst in dein*e Partner*in verliebt sein.” “Du sollst nur in dein*e Partner*in verliebt sein.” “Du sollst Sex haben.” “Du sollst nicht mit anderen flirten.” usw).

Während diese Regeln für Menschen in einer RZB sinnvoll sein können, ist es schädlich sie unbesprochen über jede einzelne Beziehung zweier Menschen zu stülpen. Nicht alle wollen Sex. Nicht alle Menschen verlieben sich. Menschliche Bedürfnisse sind wesentlich verschiedener als es diese Regeln erscheinen lassen. Und dennoch werden sie mit jeder Generation fortgeschrieben und wenn man sie nicht möchte, muss man sich aktiv dagegen wehren, statt sich frei für die eigenen Beziehungsregeln entscheiden zu können.

Ich sage nicht, dass man so etwas nicht besprechen kann. Natürlich wird es besprochen, die Regeln angepasst, Menschen einigen sich. Aber Absprachen finden vor dem Hintergrund dieser Regeln statt. Sie sind die Norm und wenn man abweicht, muss man sich einiges erarbeiten. Und man muss zunächst einmal auf die Idee kommen und den Mut haben, diese Regeln zu ändern.

Beziehungen neu gedacht

Wie bereits geschrieben: Neue Beziehungsformen haben es schwer. Von “dem Freund” oder “der Freundin” zu reden, das macht keine Probleme (wenn man augenscheinlich ins Heteroschema fällt, keine Behinderung hat usw.) Aber erklär mal der Verwandtschaft, dass der nette Mensch, der dich da begleitet, dein*e gute Freund*in ist, mit der*m du auch schläfst. Genauso gibt es wenig Verständnis dafür, wenn du deine gute Freundin, mit der du auch zusammenwohnst, auf Firmenfeste oder Familienfeiern mitnehmen willst oder sie gar beerben. Da liegt es nahe, einfach von der*m “Partner*in” zu sprechen. Um den Gedanken weiter zu fassen: Als ein notwendiges Tool im Umgang mit Konventionen seh ich eine gewisse Form von Selfcare als notwendig beim “Üben” und Leben neuer Beziehungsformen. Nämlich die Grenze zu ziehen, zwischen dem, wo ich neue Wege ausprobiere und dem, wo ich mich immer wieder neu in Debatten, Erklärungen, schmerzhaften Outings beweisen muss, gegenüber Menschen, die vielleicht vor allem derailen, hasserfüllt sind oder voller Spott.

Für Normabweichungen muss sich wie überall gerechtfertigt werden. Sie stehen auch unter Beweispflicht: “Funktionierts denn?”. Im Schema zu bleiben wird belohnt. Das lässt mich auch ab und an fragen, wie viele Menschen in einer RZB sind, weil die Alternativen zu kompliziert sind. Oder nicht genug Absicherung bieten. Oder wie viele Menschen, die in einer Hetero-RZB zu leben scheinen, ganz anderen Regeln folgen.
Das Zurückfallen auf Normen findet sich selbst in Kreisen, die Neues ausprobieren. “Poly” ist ein bekannter Begriff in der linken Szene, aber wie steht’s mit einem Verständnis für aromantische oder asexuelle Beziehungen? Neuerungen stehen immer einem gewissen Widerstand gegenüber. Und das Bekannte, erst die RZB, vllt. einmal Poly, genießt immer mehr Sicherheit als das, was folgt.

1 Die* Autori*n von High on Clichés benutzt Esme und Ezra austauschbar.

Weiterlesen:
Die folgenden Links teils via @antiprodukt.

Das ewige Ideal, ZEIT-Artikel zum Thema Treue
Liebe ,,Ich bin Poly“-Bezeuger*innen!, von Bäumchen
Herrschaftsaffären und Ausschlüsslichkeiten, von Sanczny
Die Alternative zur Consent Culture: Moral der Fürsorge!, von schizoanalyse
Die Romantische Zweierbeziehung. Beleuchtung einer trotzigen linken Praxis, von alek und die katrina von fremdgenese
liebe.arranca.de (Textsammlung)


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23Nov13

Ich habe es eine Weile kommen sehen und nun ist es so weit: Dieser Blog hat 100.000 Klicks. Ich hoffe, ihr mögt, was ihr hier findet und besucht mich weiterhin. Ich habe beim Bloggen übrigens einmal die Plattform gewechselt, meine ersten Beiträge finden sich hier.


Schlagwörter: MINT – Sexismus – Englisch

And here I’m going to speak personally for a moment. I am a lady in a STEM field, and I went through the necessary schooling and training to acquire a STEM job. I saw what that training did to me and to the other girls who enrolled. I saw how the teachers treated us. I saw how we had to be twice as good as the boys in order to be considered half as competent. I saw how our good grades were seen as proof that the teachers were interested in us sexually, and not proof of our own merits. I saw how my male schoolmates called me lesbian and feminist like those were the worst things I could be, and they were careful to let us hear how they would only ever date girls from the art building, or from the hairstyling school downtown, and how they would never, ever, marry another engineer.

I’ve seen at my own work the toll it takes to live in a STEM field as a woman, and why so many women leave. I’ve seen men congratulated for leaving work early to work on a Ph.D. or to train for a bicycle race, but women castigated for going home to cook dinner or tend small children. I’ve seen countless men lose their tempers and scream until they are red in the face in meetings, while women who raise their voices even the slightest are immediately branded as bitches who are impossible to work with. I’ve seen male managers gossip with male employees about the sex lives of their female co-workers, and I’ve seen those men “warn” each other away from us. I’ve seen, just this week, a male colleague old enough to be my father make blow-job jokes about me when I had to use the team vacuum cleaner to clear bugs away from my desk.

And I’ve seen how older men can get away with the blow-job jokes because they’re From A Different Era, and how younger men can get away with the blow-job jokes because they’re Too Young To Know Better and how all this practically sums up to the fact that if I want to work in a STEM field, I have to be willing to put up with blow-job jokes. And I have to be willing to do that while I’m the only woman in a room full of 30 people, which is its own special brand of loneliness. If I leave the STEM fields — and there are so many days when I fantasize about doing precisely that — it won’t be because I wasn’t sufficiently coddled with Rube Goldberg* toys. It’ll be because sexism drove me the fuck out.

And I’d like to see that acknowledged just a little bit the next time we talk about female representation in STEM fields. Because, goddammit, it’s not just about encouraging girls to step through the door. It’s about being open and honest about what’s on the other side of that door that causes so many women to step right back out again. Women aren’t stupid, and we’re not going to think a mire of sexism and misogyny is really a pasture of rainbows just because it’s marketed that way. And focusing on entrance rates with no focus whatsoever on retention rates is a way of making this whole thing one more Exceptional Woman hoop, where Good Women go into science fields and we just need more Good Women. That isn’t going to solve the fact that Good Women are leaving science fields because of socially-acceptable misogyny bullshit.

Ana Mardoll


Links 39

21Nov13

Schlagwörter: Rassismus – Deutschland – Oury Jalloh – fat shaming – ableismus – Trans*feindlichkeit – selbstverletzendes Verhalten – Heilung – Negativität – Armut – Klassismus – Hartz IV – Arge – Cathy Brennan – Lily Allen – Outing – Knorkator – Männlichkeit – gender

Der Nutzen von Negativität – Warum soll man immer fröhlich sein, wenn man eine schmerzhafte Zeit durchmacht?
[Englisch]

Über die “Schuld”, die selbstverletzendes Verhalten hervorzurufen scheint
[Deutsch] von @lightsneeze

Klassismus

Warum arme Menschen Geld für Luxusgüter ausgeben und was Markenkleidung mit einer erfolgreichen Bewerbung zu tun hat
[Englisch] via @goldfish

Arbeitsamt versucht mit aller Macht zu verhindern, dass Kinder in einer Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft Abitur machen
[Deutsch] via @inuido @antiprodukt

Wenn Träume mit Klassismus zusammentreffen
[Deutsch] via @_fluoreszent

Hate

Trans*feindliche “Feministin” Cathy Brennan outet trans* Sexarbeiter*innen – Was bedeutet ein Outing?
[Englisch] via @goldfish

Musikerin Lily Allen als weitere weiße Frau, die Schwarze Frauen als Requisiten benutzt
[Englisch] via @_accalmie

Deutscher Rassismus

Die “linke” Band Knorkator hat sich ein kolonial-rassistisches Motiv für die neue Kampagne ausgesucht. Nochmal ganz langsam, warum das nicht ok ist.
[Deutsch] von @atif_nour via @_accalmie

Neues Gutachten bestätigt: Oury Jalloh wurde in einer dessauer Zelle ermordet. Der deutsche Staat tut weiter nichts.
[Deutsch]

Körper, Geist, Gender

Gehen Dicke zum*r Árzt*in, kommen sie selten mit einer hilfreichen Diagnose hinaus
[Deutsch] via @halfjill_2010

Schlechte Menschen als psycho- oder soziopathisch zu bezeichnen, ist Ableismus
[Englisch]

Männlichkeiten* gehen auch ohne Raumeinnehmen und Gewalt
[Deutsch] von @baum_glueck




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