Warum Noten an der Uni ein Hohn sind

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: unsere Gesellschaft – Universität – Studium – Noten – Klassismus – Ableismus – Diskriminierung

Dieses Thema lässt sich auf vielfältige Weise in jede Richtung ausdehnen (Vielleicht sind Noten an der Schule auch scheiße? Diskriminierung gibt’s nicht nur an der Uni! Das trifft auch aufs Arbeitsleben zu, usw.), ich beschränke mich aber auf dieses, denn irgendwo muss ich anfangen.

Noten reflektieren deine Fähigkeit auf bestimmte Art von Prüfungsfragen zu einer bestimmten Uhrzeit auf eine bestimmte Art zu antworten, nachdem du dich in einem festgesetzten Zeitraum mit einer bestimmten Art von Ressourcen (von der Uni, dem Schicksal und der Gesellschaft im Allgemeinen bestimmt) auf die Prüfung vorbereitet hast.

Dabei soll bereits Schüler*innen nahegebracht werden, dass ihr Wert als Mensch an ihren Notenschnitt geknüpft ist. Und noch mehr: dass es tatsächlich eine realistische Repräsentation ihres Wissens und Könnens in einem bestimmten Fachgebiet darstellt. Back to uni.

Den Noten ist es egal, ob du dich aufgrund deiner Wohnsituation mit dem verbundenen Zeitaufwand ganz alleine um den Abwasch, einkaufen, saubermachen, Sachen stopfen, die Wäsche, das Treppenhaus, den Rasen oder Hof kümmern musst, ob du die Aufgaben teilst, sie gar nicht oder für mehrere Personen mit erledigst.

Den Noten ist es egal, ob du einen Rückzugsraum hast, der es dir ermöglicht, in Ruhe für die Uni zu arbeiten.

Den Noten ist es egal, ob du dir eine teure Wohnung in annehmbarer Distanz zur Uni leisten kannst oder mehrere Stunden mit Bus und Bahn pendelst. Ob du ein Auto hast oder deine Energie in den öffentlichen Verkehrsmitteln täglich dadurch gefressen wird, dass du introvertiert bist, Angststörungen hast, Geräusch- oder lichtempfindlich bist oder regelmäßig von Diskriminierung betroffen und deswegen Angst davor hast, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen und völlig geschafft in der Uni/zu Hause ankommst und zu keiner geistigen Arbeit mehr fähig bist.

Den Noten ist es egal, ob du dich um Freund*innen, Kinder, Eltern oder andere Menschen kümmerst. Ob du Zeit brauchst, sie durch den Tag zu begleiten, um mit Angst um sie oder eure gemeinsame Zukunft klarzukommen.

Den Noten ist es egal, ob du gar nicht vorkommst im gesellschaftlichen Verständnis deines Studiengangs. Ob du dich nicht wiederfindest in den Karrierepostern, auf denen weiße, (anscheinend) physiotypische junge Männer abgebildet sind. Ob du täglich mit den Botschaften zu kämpfen hast, dass Leute wie du das Thema eh nicht verstehen, langsam sind, alles falsch machen. Ob du persönlicher Diskriminierung durch Kommiliton*innen oder Professor*innen ausgesetzt bist.

Den Noten ist es egal, wo dein Geld herkommt. Ob du neben der Universität mehrere Stunden arbeiten musst, obwohl das Studium auf 40 Uni-Arbeitsstunden die Woche ausgelegt ist. Oder ob das Geld halt einfach da ist. Ob du Bafög beziehen kannst. Ob du Bafög zurückzahlen kannst, weil du tatsächlich eine Zukunft siehst. Ob du dich mit einem Bankdarlehen verschulden musst. Ob du überhaupt arbeitsfähig bist.

Den Noten ist es egal, ob deine körperliche Verfassung und dein finanzieller Haushalt es zulassen, alle Studienmaterialen zu erlangen, zu konsumieren und nach Notwendigkeit zu verändern und Arbeiten abzugeben. Ob du überhaupt einen Computer und Internet hast. Ob du zu einer Bibliothek gelangen und ihr Angebot nutzen kannst.

Den Noten ist es egal, wie viel Zeit du dafür aufbringen musst den Campus zu navigieren, weil du maximal zu einem zwangzigstel mitgedacht wurdest.

Den Noten ist es egal, ob du mit der Art wie die Informationen präsentiert werden, umgehen kannst. Ob dies deinem Lerntyp entspricht oder ihm völlig reingrätscht. Ob du mehr Praxis brauchst aber nur Theorie kriegst. Ob du mehr Theorie brauchst, aber nur Praxis kriegst. Ob du mehr Zeit brauchst, um alles zu verarbeiten, weil dein Tag nur 24 h hat.

Den Noten ist es egal, ob du den organisatorischen Anforderungen gewachsen bist. Ob du Hilfsangebote findest und sie dir zugänglich sind. Ob du Anträge drucken und sie inhaltlich verstehen kannst, um rechtzeitig alles auszufüllen.

Den Noten ist es egal, ob deine innere Uhr schon auf „wach“ steht, wenn die Prüfung stattfindet. Ob du Prüfungsangst hast. Ob du mit der*m Prüfer*in befreundet bist oder Angst vor sim hast. Ob du die Materialien besitzt, die für die Prüfung zugelassen und notwendig sind. Ob du die Wahl hast auf „Fühlen Sie sich gesundheitlich in der Lage an dieser Prüfung teilzunehmen?“ Nein zu antworten.

Den Noten ist all das und noch viel mehr völlig egal. Aber wenn man genau hinschaut, wird klar, inwiefern sie deinen Wert in dieser Gesellschaft repräsentieren sollen.

[Editiert für Klarheit und um Link einzufügen. 02.10.2012 Zweisatz]

Adultismus – Wer sind die Bösen?

Schlagwörter: Intersektionalität – Eltern – Kinder – Adultismus – unsere Gesellschaft – Familie

[Meine Lektüre: Erich Fromm (so lala), Arno Gruen (okay), Alice Miller (schon besser), Marshall Rosenberg (dazu komme ich später)]³

Wenn Kinder sehr klein sind, sind sie abhängig von einer Bezugsperson/Bezugspersonen. Sie sind es in physischer Hinsicht, aber auch in emotionaler. Diese Bezugspersonen helfen ihnen idealerweise, ein Sinn für das eigene Ich zu entwickeln, dafür dass ihre Bedürfnisse zählen und wichtig sind und dass sie selbst liebenswert sind. Im Wortsinne: es wert, geliebt zu werden.
Mit zunehmendem Alter vollzieht sich eine Trennung von der Bezugsperson. Wenn die Beziehung funktioniert, ist die irgendwann vollständig: man steht sich als getrennte Personen gegenüber, die die Bedürfnisse der jeweils anderen anerkennen und für ihre eigenen eintreten.
Oft funktioniert es nicht.

Familie wird dennoch als der Nährboden für alles Gute dargestellt. „Blut ist dicker als Wasser“ und all dieser Unsinn. Ich habe jedoch bewusst „Bezugsperson“ und nichts von Eltern geschrieben, denn es besteht keine Notwendigkeit, dass dies (leibliche) Eltern oder ein Mann* und eine Frau* sein müssen. So weit mir bekannt ist, müssen es auch nicht zwei Personen sein oder nicht nur zwei. Was ein Kind aber braucht, ist, wie Alice Miller es nennt, ein*e Zeug*in. Eine Person (oder mehrere), die vermittelt, was ich im ersten Absatz beschrieb. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: das Leben mit leiblichen Eltern garantiert kein*e Zeug*in.

Warum die Einleitung?

Es gibt wenige Themen, die es einer*m so schwer machen können, den Durchblick zu erhalten. Weil die menschliche Psyche zu einem guten Teil daran glauben muss, dass die eigenen Eltern/Bezugspersonen gut waren. Das ist der Grund, warum einige Kinder nicht einfach davonlaufen, wenn sie 18 werden (also die meisten, meine ich), obwohl ihre Familie sie von außen betrachtet furchtbar behandelt haben. – Selbst diese Betrachtung von außen wird oft erschwert, weil man dran gewöhnt ist, „Schrulligkeiten“ in einer Familie eher zu dulden, auch wenn sie zwischen Partner*innen als emotionale oder körperliche Misshandlung eingestuft würden. Unter anderem natürlich auch wegen Adultismus selbst: weil Kindern keine körperliche und seelische Autonomie zugestanden wird.
Was ich sagen will: Familie und besonders Eltern sind in unserer Gesellschaft stark mit Bedeutung aufgeladen, die der Gesundung von vielen Kindern, [edit]die Probleme haben[/edit], im Wege steht und auch die Betrachtung von Adultismus erschwert, weil schmerzhaft macht. („Kinder“ ist hier durchaus als „alle Personen mit Eltern/Bezugspersonen“ gemeint – also auch Menschen weit über 18. Wenn ich von der Betroffenheit durch Adultismus schreibe, spreche ich aber nur von Personen bis 18.)

Heißt es immer Eltern vs. Kinder?

Jein. Auf der persönlichen Ebene haben Eltern¹ tatsächlich eine sehr wichtige Position, die ich oben erklärt habe: das emotionale Wohlbefinden der Kinder hängt von ihnen ab. Aber Adultismus² bezieht sich meinem Verständnis nach vor allem auf gesellschaftliche Strukturen, die Eltern z.B. moralisch in ihrer Machtposition bestärken. Damit meine ich konkret, Entscheidungen „für“ statt mit ihren Kindern zu treffen, ihnen Vorschriften zu machen, ihren Lebensweg bis zur Vollendung des 18. Lebensjahr vorzuzeichnen.
Eltern haben gesellschaftliche Rückendeckung dabei, über das Leben einer anderen Person zu bestimmen.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass gesellschaftliche Strukturen stark bestimmen, inwiefern ein Kind anti-adultistisch behandelt werden kann.
Auch Eltern, die ihrem Kind auf Augenhöhe begegnen möchten, müssen der Schuldpflicht nachkommen, können ihre Kinder keine wichtigen Dokumente selbst unterzeichnen lassen, bevor sie volljährig sind, können ihre Kinder nicht wählen schicken usw.

Eine andere Frage ist die nach sich überschneidenden Diskriminierungen der Eltern. Wie wirkt sich das auf die Fähigkeit der Eltern aus, ihr Kind anti-adultistisch zu behandeln? Meiner Meinung nach: so gut wie nicht. Es ist korrekt, dass z.B. Alleinerziehende/Geringerverdiener*innen mit mehreren Jobs schlicht und ergreifend weniger Zeit mit den Kindern verbringen können und gerecht ist das nicht (aus einer gesellschaftlichen Perspektive). Es hat aber keinen Einfluss darauf, wie (sprich: auf welche Art, nicht wie oft) die Eltern mit dem Kind umgehen. Ob sie si:hn an Entscheidungen beteiligen oder ob sie über siren Kopf hinweg entscheiden.
Anklagen wie Rabenmutterschaft und all das fällt zu einem guten Teil unter Sexismus und nicht Adultismus. Oft für das Kind nicht erreichbar zu sein, macht noch keine adultistischen Eltern. Es kann die Eltern-Kind-Beziehung schädigen, aber hier wäre die Schuldigkeit tatsächlich nicht bei Adultismus zu suchen, sondern bei den klassistischen, rassistischen und ableistischen Strukturen unserer Gesellschaft, die den Eltern verwehren, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen.
Jedoch: Kinder werden oft als Anschaffung betrachtet. Man plant sie ins Leben ein und dann sind sie da und man freut sich. Weniger beachtet wird, ob sie etwas zum Freuen haben. Viel zu viele Eltern sind meiner Meinung nach emotional überhaupt nicht in der Lage, damit umzugehen. Kinder als Accessoir oder Haustier? Adultistisch.

Dadurch, dass ich Adultismus mit der Einleitung vermischt habe, habe ich die Themen ein wenig vermengt. Ich weiß nicht, ob es als adultistisch zählt Kinder aufgrund von äußeren Umständen z.B. zeitlich zu vernachlässigen. Dies ist ein Thema für ein andermal, wenn ich vielleicht mehr weiß.

Ich habe noch einige relevante Links durch/von takeover.beta, hoffe aber, die in einem der nächsten Artikel einfügen zu können.

1 …/Bezugspersonen“ bitte ab hier dazudenken
2 Wobei zu beachten ist, dass das Konzept des Adultismus sich stark auf Weiße bezieht. Weiteres bei accalmie. (Warnung Adultismus)
3 Ich habe diese Autor*innen vor 2 bis 5 Jahren gelesen. Ich lese sie, bis auf Alice Miller, gar nicht mehr, aus Gründen.™ Sie stehen nicht da oben, weil ich sie empfehlen will (siehe Klammern), sondern weil ich mir, unter anderem anhand dieser Bücher, eine Meinung gebildet habe. Diese ist im Artikel nachzulesen. Ich kann aber nicht mehr sagen, welche*r Autor*in konkret welche Meinung beeinflusste, daher habe ich sie alle aufgelistet.

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[TW] You can stop r***: Schritt 5 – Überlebenden ist unbedingt zu glauben

<< Schritt 4

Schritt 6 >>

Trigger-Warnung wie immer für die ganze Serie. Keine Beschreibung von Tathergängen. Links führen zu Beschreibungen von Überlebenden, dort also extra Vorsicht.

Schlagwörter:r*** culture – unsere Gesellschaft – Überlebende – Unterstützung

a hiding hedgehog
Quelle: Cutest Paw

Dieser Schritt ist wirklich zentral, weil er die Grundlage dafür schafft, dass Betroffene¹ wagen sich in irgendeiner Weise an Außenstehende zu wenden. Vielleicht steht am Ende eine Anzeige, aber das soll nicht DAS Ziel sein. Viel wichtiger ist es, dass sie sich an ihr Umfeld wenden können und ihnen geglaubt wird. Sie also Hoffnung darauf (und Recht damit) haben, Rückhalt und die notwendige Unterstützung zu erfahren.
Dem gegenüber steht nämlich eine ganz andere Realität: mit erschütternder Regelmäßigkeit verlieren Betroffene ihren Freund*innenkreis und/oder ihre gesamte Familie, wenn sie sich hilfesuchend anderen anvertrauen.

Leider bin ich mir nicht sicher, inwiefern das vermeidbar ist: wenn eine Person, die zu einer Vergewaltigung fähig ist, in einem Freund*innenkreis/einem Familienverband bis zum Zeitpunkt der Tat akzeptiert wurde, ist es sehr wahrscheinlich, dass ihr Verhalten entweder in irgendeiner Weise bekannt war, in jedem Falle aber toleriert wurde, denn Grenzüberschreitungen haben sicher schon vorher stattgefunden.
Ein Verband, der bereit ist zum Schaden der Opfer eine fehlende Treppenstufe lieber zu umgehen als sie zu reparieren, kann nur bis zu einem gewissen Grad fähig sein, der Realität ins Gesicht zu sehen. Denn die Tat anzuerkennen bedeutet auch anzuerkennen, dass man mit einem Vergewaltiger befreundet/verwandt ist (bzw. war).
Ja, es scheint absurd und ist völlig ungerecht, dass „Freund*innen“ in solch einer Situation tatsächlich dazu fähig sein sollten, derart selbstsüchtig zu denken und handeln, aber die traurige Realität zeigt es wieder und wieder (siehe hierzu auch den vorhergehenden Teil der Serie).

Was geschieht nun aber bei bekannten Fällen, die medial verarbeitet werden? Ab-so-lu-te Scheiße.
Und an dieser Stelle möchte ich all denen, die sich Sorgen um potenzielle Vergewaltiger machen, ein Geheimnis verraten: es ist nicht „neutral“ zu diskutieren, warum Anzeige erstattet wurde, ob der Tathergang so stimmen kann oder was die Betroffene sich davon „verspricht“ (seriously? würdet ihr euch bitte irgendwo einbuddeln und nie wieder rauskommen?)
Dreimal tief durchatmen, sonst komme ich nicht zum Ende des Artikels.
Wir leben in einer rape culture (bitte nochmal zu Schritt 2 zurückblättern für eine nähere Erklärung). Überlebende haben nichts zu gewinnen und alles zu verlieren, wenn sie Anzeige erstatten oder sich überhaupt an irgendwen wenden. Es macht – keinen – Sinn aus welchen Motiven auch immer (außer weil man möchte, dass ein Straftäter verfolgt wird) eine Person des öffentlichen Lebens anzuzeigen. Es gibt keinen Ruhm dafür, nur ganz viel Hass. Siehe Assange, siehe Strauss-Kahn. – Ich verstehe bis zum heutigen Tag nicht, warum Medien und deren Konsument*innen der Meinung sind, solche Fälle überhaupt analysieren zu müssen. Sicher, es bringt steigende Auflagen. Wisst ihr, was es noch bringt? Einen riesigen Stempel mit „Arschloch“ auf der Stirn, was mich angeht.

²Wenn ihr also das Richtige tun möchtet, dann glaubt ihr der Betroffenen³. Ihr tut damit niemandem weh. Ihr sollt nicht zum Vergewaltiger gehen und ihn* zusammenschlagen. Alles, was ich von euch verlange, ist es, eine der wenigen Personen zu sein, die ihr* glaubt und sich von ihm* distanziert. Glaubt mir, er* wird nicht alleine sein.
Klar, ihr könnt auch eine „neutrale dritte Person“ sein. Aber a) bedeutet das, weder mit der Überlebenden noch mit dem Vergewaltiger was zu tun zu haben, was meiner Erfahrung nach so nicht geschieht und b) habt ihr eine Seite gewählt. Ja, so ist es. Ihr habt die Seite gewählt, die keine Wellen für den Vergewaltiger macht. Ihr habt gesagt: „Vergewaltigung? Ist mir egal.“

Edit (02.09.2012): Eine Überlebende erklärt What to say if your best friend tells you she was raped. (via @hanhaiwen)

1 Ich ziehe „Betroffene“ „Überlebenden“ vor, obwohl an letzterem nichts falsch ist. Natürlich meine ich es nicht wie in „etwas macht eine*n betroffen“ sondern „etwas betrifft eine*n“.
2 Wen es glücklich macht, darf sich „potenziell“ vor „Betroffene“ und „Vergewaltiger“ denken.
3 Wieder gegendert aufgrund von Statistiken. Denkt euch halt ein generisches Femininum.

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Intelligenzija

Schlagwörter: Klassismus – Intelligenz – Ableismus – unsere Gesellschaft – Ausschluss

Im Folgenden meine ich mit „Intelligenz“ nur das, was man mit IQ-Tests ermitteln möchte¹/die Gesellschaft als „intelligent“ akzeptiert.

In meinen Kommentarregeln steht, dass ich weder „Idiot“ noch „dumm“ auf dieser Seite lesen möchte. Schon seid einiger Zeit verkneife ich mir diese Worte sowie „blöd“ und auch „bescheuert“, obwohl ich über letzterem immer noch grübele. Für viele Gelegenheiten bleibt dann nicht mehr viel übrig, das ich sagen kann, aber das ist nun einmal ein gesellschaftliches Problem.

In mir zuckt es auch zusammen, wenn jemand sich ereifert, wie „dumm“ doch ein*e andere*r sei, dies und jenes nicht zu verstehen.
Das transportiert: „Ich kann nicht fassen, dass es Menschen gibt, die nicht exakt die gleichen Dinge gelernt und erlebt haben wie ich.“, immer verbunden mit dem Glauben, dass die anderen deswegen zwangsläufig weniger wissen müssen.

Wissen wird in einer Hierarchie geordnet. An der Spitze steht das, was man für einen Intelligenztest benötigt, um Politik oder (westliche, männliche, heterosexuelle, weiße) Geschichte erklären zu können. Je weiter sich das Wissen vom Notwendigen des westlichen weißen erwachsenen verpartnerten Mannes entfernt, desto unwichtiger wird es. Popkulturelles Wissen wird von der „Elite“ verächtlich betrachtet, es sei denn, es handelt sich nicht um Popkultur, sondern „Kunst“. Welche Werke den Schritt von Popkultur zu Kunst vollzogen haben, wird dabei wiederum von Eliten bestimmt.
Wissen, das abseits von Sternekocherei für die Aufrechterhaltung des Haushaltes benötigt wird, ist ebenso unwichtig. Sich schminken zu können, ist „keine Kunst“. Youtuberinnen*, die Makeup- oder Haushaltstips geben, müssen sich regelmäßig anhören, wie „nutzlos“ das sei. So viel zur Hierarchie von Wissen.

Dann gibt es noch den anderen Aspekt: Wissen scheint tatsächlich als quantifiziert wahrgenommen zu werden; es gibt Leute die „viel“ wissen und welche die „(zu) wenig“ wissen, allgemein als „dumm“ bezeichnet. Wie an dieser Stelle sicher schon klar ist, muss man, um „viel“ zu wissen viel vom Richtigen wissen. Landwirtschaftliche Geräte und wie man sie am effektivsten nutzt bis ins kleinste Detail zu verstehen ist nicht gefragt, noch die Produktunterschiede verschiedener Kosmetikmarken ausführlich auflisten zu können. Hier schlägt die Hierarchie wieder zu.
Zwangsläufig kommt es zu einer Abwertung von Menschen, die nicht weiß, akademisch, männlich, … sind. Denn egal wie viel sie von dem, was sie für ihre Lebensrealität brauchen, wissen, es wird immer das Falsche sein. Sie mögen wesentlich mehr wissen, weil ihnen – über das „Richtige“ hinaus – noch das bekannt ist, womit sie ihre tägliche Arbeit bestreiten, aber das zählt nicht.
Gleichzeitig wird ihre „Dummheit“ dazu herangezogen, Forderung nach mehr Anerkennung, gerechter Behandlung als nicht legitim zu verwerfen und sie als Personengruppe schlicht herabzusetzen. Ihre Dummheit soll bedeuten, dass sie es „nicht besser verdient haben“. Dummheit als Grund für Strafe und Aberkennung der Menschlichkeit. (Hartz IV.)

Ein offensichtlichter Konsequenz hat das natürlich auch: Menschen, denen man anmerkt, dass sie einen niedrigeren IQ haben oder wo Menschen einfach glauben, dass das so sei, werden unmittelbar mit allen negativen Stereotypen belegt und sind entsprechenden Angriffen ausgesetzt. Ableismus und Klassismus ist Tür und Tor geöffnet (auch Speziezismus, wenn ich drüber nachdenke).

Die „Intelligenten“ verfallen derweil in eine Hybris². Ja, alle, die ihr (wie ich) studiert oder studiert habt: wir sind nicht ausgenommen. Intelligenz und „gebildet sein“ wird eine positive Bedeutung beigemessen. Dialektloses Sprechen hilft, feministische Schlagwörter verleihen einen Anschein der Kompetenz. Hier werden ganz aktiv Menschen ausgeschlossen oder gehen von selbst. Wer will aber zu denen gehören, die zu intelligent wären, um auf den Täter ‚reinzufallen?

Ich schrecke wahrscheinlich keine*n mehr auf, wenn ich darauf hinweise, dass all das Aufwerten der einen und Abwerten der anderen Absicht ist. Unser System funktioniert prächtig, wenn wir immer neue Gründe finden, Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen. Wie sollen wir sonst vor uns rechtfertigen, andere wie Dreck zu behandeln?


1 Dazu bitte die Kommentare beachten.
2 Selbstüberschätzung

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IBB – Wir haben Integration hier

Schlagwörter: Rassismus – Derailing – unsere Gesellschaft – Abwehrverhalten
Inhaltswarnung für die Links: Beschreibung von rassistischen Erfahrungen und verbaler Gewalt

Anlässlich dieses Artikels (via @Naekubi) möchte ich zwei Aussagen behandeln, die regelmäßig getroffen werden. Eine wird von Kwesi aufgegriffen

…und der Typ sagte mir, es gebe keinen Rassismus! Er relativierte und entwertete meine Meinung mit Verweis darauf, dass es in anderen Ländern wie den USA viel schlimmer sei.

Die andere ist im gesamten Artikel präsent: wenn du Weißen erklärst, dass ihre Aussage oder Handlung rassistisch war, bezeichnest du sie als Nazi, was schnell mal zu „die Nazi-Keule schwingen“ wird.
Beides sind Argumente, die eine Auseinandersetzung mit der Thematik verhindern sollen. „Guck mal da drüben, die <rassistisches Stereotyp> ihre Frauen*/Kinder!“
WHO THE FUCK CARES?
Okay, I care wenn irgendwo Menschenrechte verletzt werden, aber diese Aussagen sind meist grobe Vereinfachungen oder gar völlige Falschinformationen. Sie dienen dazu Missstände in Deutschland im gleichen Atemzug wie sie sie anerkennen als unbedeutend erscheinen zu lassen. Ironischerweise geschieht das meist durch Menschen, die „die Rechte der Frauen*“ oder von Homosexuellen nicht weniger interessieren könnten, allen voran im dem Land, in dem sie leben.
Gleiches beobachtet man, wenn von der „unterdrückten Muslima“ (weil kopftuchtragend), die Tanja erwähnt, die Rede ist: diesen Leuten ist es sonst auch scheißegal, in welcher Form Frauen* in dieser Gesellschaft Unrecht widerfährt, aber wenn ihre angebliche Sorge um die muslimische Frau™ als Sprungbrett für rassistische Höhenflüge genutzt werden kann, steigt man gerne mal auf.

Und kommt mir nicht mit den Nazis. Ich habe bereits darüber geschrieben, wie der Hinweis auf eine rassistische Tat als Beleidigung aufgefasst wird, statt als Tatsachenbehauptung, die er ist.

Um es zusammenzufassen: es gibt uns und es gibt „die Nazis“. „Die Nazis“ sind eindeutig definiert: im Zweifelsfall immer die anderen. „Die Nazis“ sind rassistisch und die einzigen, die rassistische Gewalt ausüben … außer dass wir das in unseren Zeitungen nie so nennen. Bestenfalls noch „ausländerfeindlich“. Aber ich schweife ab und rege mich nur auf.
Jedenfalls gehört „den Nazis“ quasi Rassismus. Das bedeutet, wenn ich etwas rassistisch nenne, nenne ich die Person einen Nazi. Die ist aber kein Nazi, weil siehe oben und voilà: kein Rassismus vorhanden! q.e.d. Himmelherrgottnochmal.
Wenn dir jemand sagt „Das war rassistisch“ geht es nicht um dich. Dann ist es nicht an der Zeit zu erklären, wie du das eigentlich gemeint hast. Es nicht Zeit mit dem Finger auf die „richtigen Rassist*innen“ zu zeigen oder zu erklären, warum deine dunklen Haare, deine asiatische Freundin* oder deine Vorliebe für indisches Essen dich zur*m Guten Weißen™ machen, di:er Rassismus nicht ausüben kann.
Ganz ruhig, niemand hat gesagt „Du bist scheiße.“, sondern dir wurde die einmalige Möglichkeit geliefert zu lernen, was du tun kannst, um dich weniger ignorant zu verhalten. Wenn du drei mal durchatmest, dir Zeit nimmst und dann versuchst zu verstehen, wird dir das keine*r übel nehmen. Wenn du anerkennst, dass das, was du getan hast, relativ uncool war und dich entschuldigst, wird niemand herausplatzen: „Aha! Also doch ein*e Rassist*in!“ (Oder vielleicht doch, aber das ist doch völlig egal. Wenn wir ehrlich sind, wir in dieser Gesellschaft niemand dafür verurteilt, rassistisch zu sein. Nichts könnte die Mehrheit weniger interessieren.)

Also lasst einfach „die Nazis“ und „die Rassist*innen“ stecken, wenn das immer nur die anderen sein sollen.

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Trollen, Mobbing, Stalking – feministisches Bloggen im Jahre 2012

Schlagwörter: Feminismus – Beschimpfung – Mobbing – Drohen – Stalking – unsere Gesellschaft – was tun

Inhalt: Es werden keine Drohungen zitiert oder bedrohende Szenarien nacherzählt. Ich erwähne jedoch Morddrohungen. Diesmal können alle Links triggernd sein. In krasseren Fällen füge ich eine Inhaltswarnung hinzu.

Fast alle werden die Schmutzkampagne gegen Anita Sarkeesian mitbekommen haben, in deren Folge sie viel mehr Geld für ihr Projekt sammelte, als sie geplant hatte. Das Projekt befasst sich mit der Analyse von Frauen*rollen in Videospielen. Wenn ihr danach googelt, seid gewarnt, es wurden wirklich alle Register gezogen, um sie zum Schweigen zu bringen. Meine Einstellung dazu lässt sich wie folgt gut ausdrücken: Anita Sarkeesian leaning on a pile of hundreds of video games, caption: thanks for the free shit
[Bildbeschreibung: Anita Sarkeesian lehnt lächelnd auf einem Stapel hunderter Videospiele. Die Bildunterschrift lautet „Thanks for the free shit“. Quelle]

Bereits zuvor hatten US-amerikanische feministische Bloggerinnen* wie Sady Doyle wiederholt darüber berichtet, wie sie angefeindet und bedroht werden.
In letzter Zeit beschäftigten sich zunehmend auch deutsche Bloggerinnen* damit.
Bereits 2010 berichtete Stephanie Mayfield von ihrer ersten Morddrohung und Nele Tabler von ihrer Anzeige aus gleichem Grund und der völligen Ignoranz von Polizei und Justiz.
Charlott antwortete auf Afrikawissenschaften einem, „der nicht locker lässt“ und dieTilde warf in einer interessanten Analyse die Frage auf, auf die ich später zurückkommen werde: wie reagieren. Das alles habe ich von Weitem verfolgt, fand es furchtbar, hatte keine Ahnung, was man da machen soll. Verschiedene Ratschläge geisterten mir durch den Kopf, die ich – teils zum Glück – unterdrückte, andere waren hoffentlich sinnvoll. Durch zwei Erlebnisse, eins offline, eins online, rückte die Frage für mich näher, auf welche Form von Bedrohung man wie reagieren kann, was hilft, was befriedigend ist. (Zum Offline-Teil finden sich bereits einige gute Ratschläge im Street Harassment-Open Thread).
Wie möglicherweise an dieser Stelle schon klar, möchte ich nicht die Gründe ins Zentrum rücken, warum Leute scheiße sind, sondern wie man damit am besten umgehen kann. Die meisten Gedanken werden keine ausgereiften sein, sondern eine Mischung aus Erfahrung, Lektüre, Überlegung und … ‚rumfabulieren.

Eine wichtige Frage, die unter anderem von derTilde in dem Zusammenhang aufgeworfen wurde, war, ob es nicht geradezu schädlich ist, an dem Begriff „Troll“ festzuhalten. Inzwischen hat er viele verschiedene Bedeutungen angenommen.
Trollen ist nach meinem Verständnis eine Aktivität, bei der die „getrollte“ Person so lange gereizt wird, vor allem mit unsinnigen oder beleidigenden Aussagen, bis sie die Geduld verliert.
Jedoch schon bei der Benutzung von Beleidigungen sollte man einen Schritt zurücktreten; Die „trollende“ Person beschimpft eine andere, mitunter mit diskriminierenden Inhalten. Dies als „Trollen“ zu bezeichnen, verharmlost den Vorgang und vor allem die Tat und öffnet einen Weg zur folgenden Argumentation: „Verstehst du keinen Spaß? / Das ist doch nicht ernst gemeint.“ Die ist für mich ohnehin ein No-Go, aber eben sehr beliebt. Gepaart mit der gut bekannten Forderung

Don’t feed the trolls.

also „fütter‘ die Trolle nicht.“ ist Victim Blaming Tür und Tor geöffnet.
Ich treffe deswegen folgende Unterscheidung: wenn eine Person mit unsinnigen, aber nicht die Autorin* beleidigenden Aussagen stört, nenne ich das trollen. Wenn hingegen Beleidigungen oder gar Drohungen ins Spiel kommen, nennen ich das beim Namen: beschimpfen, drohen oder – je nach Art und Häufigkeit, Mobbing oder auch Stalking.
Unter „Mobbing“ verstehe ich dabei grob Rufschädigung und Beschimpfung zum Zweck der Einschüchterung einer Person, „Stalking“ als kontinuierliches Verfolgen einer Person – sei es mit wiederholter unerwünschter Kontaktaufnahme durch Mails, Anrufe, auf verschiedenen Netzwerken oder über Freund*innen – ohne Aufforderungen den Kontakt zu unterlassen Folge zu leisten.

Was tun?

Die Frage, was zu tun ist, stellt man sich in vielen Fällen. Oft aus einem Gefühl der Wehrlosigkeit, aber auch Wut heraus. Um die Kontrolle zurückzuerobern.
Meinem Verständnis nach hilft es emotional am meisten, wenn man die Möglichkeit hat auf Grenzüberschreitungen unmittelbar zu reagieren und sieht, wie es Wirkung zeigt. Man setzt eine Grenze, man drückt Wut aus, die Grenze wird beachtet. Allerdings ist das nicht nur ein idealisiertes Szenario, das Überwindung kostet, im Internet wird es teils schwieriger bis unmöglich, die Grenzen überhaupt zu kommunizieren, zum Beispiel ohne Kontaktinformationen.
Auch hat man weder online noch offline Einfluss auf das Verhalten der anderen Person. Die oben genannten Formen der Belästigung haben es zu eigen, dass es nicht zwangsläufig ausreicht, den Täter*innen mitzuteilen, dass sie aufhören sollen.

Ich werde einen Teil der Szenarios einzeln abarbeiten, da die Belästigungen in ihrer Art verschieden sind. Grenzen zwischen ihnen können dabei verschwimmen und ein guter Teil der Reaktionen kann nicht verallgemeinert werden. Also gibt es keine „richtige“ Reaktion. Das beste Vorgehen hängt von der Form der Belästigung, dem Verhältnis der Personen zueinander, Inhalt und „Stärke“ – also Häufigkeit von Vorfällen – und nicht zuletzt von der betroffenen Person ab. Aber beginnen wir.

Trollen

Wie gesagt verstehe ich hierunter keine Drohungen, Beschimpfungen oder ähnliches. Es geht lediglich um Kommentare, die aus der Reserve locken sollen. Auf meinem Blog fasse ich, wie man dem Trolltisch entnehmen kann, auch Aussagen darunter zusammen, die ich nicht zum x-ten Mal widerlegen will oder die so unlogisch sind, dass sie schon lächerlich sind.
Um die Verwirrung gering zu halten, definiere ich es an dieser Stelle als absichtliches Provozieren oder langanhaltendes Diskutieren, ohne dass die Argumente der Gegenseite in irgendeiner Form beachtet werden.
Kommen wir zur action. Trollen? Blocken. In diesem Falle schlage ich wirklich ignorieren vor, gepaart mit einer eisernen Hand der Moderation (vor allem weil es der Diskussion zuträglich ist, konsequent zu löschen).
Nun schon die erste Ausnahme: Wenn ignorieren und löschen einen schalen Beigeschmack hinterlässt, ist es natürlich nicht die richtige Lösung. Accalmie nimmt zum Beispiel auf Stop! Talking. gerne mal einen Kommentar auseinander, der sonst das Licht der Welt nicht erblickt hätte. Die Kommentare arten nicht aus, Mitlesende können etwas lernen, accalmie kann Dampf ablassen. Also win win.

Beleidigende Inhalte

Anders sieht das schon aus, wenn in Kommentaren oder E-Mails Beleidigungen ausgesprochen werden. Es gibt keinen Grund, dies geheim zu halten, besonders weil das keinen vorteilhaften psychischen Effekt hat. Unsere Gesellschaft ist nicht gut darin Betroffenen zu vermitteln, dass sie nie „Schuld“ sind. Also wird Schuld automatisch angenommen, Menschen ist es peinlich, angegriffen worden zu sein und sie schweigen darüber. Das Schweigen selbst verstärkt dann wieder den Eindruck, man hätte etwas falsch gemacht.
Aber selbst wenn man ein kontroverses Thema bearbeitet, selbst wenn man Menschen verletzt hat, ist das keine Entschuldigung für Beschimpfungen. Menschen, die sich angegriffen und verletzt fühlen, können natürlich darauf aufmerksam machen, sie können sogar wütend sein und das auch zeigen. Aber wütend ist ungleich beschimpfen. Beschimpfen hat nur zum Ziel, die andere Person einzuschüchtern, zum schweigen zu bringen. Wenn mich jemand beschimpft, kann ich daraus keine verständliche Kritik an meinem Text ablesen, noch was ich besser machen sollte und wenn man mich beschimpft, habe ich definitiv auch nicht die Pflicht. Dies ist keine Form der Kritik, dies ist ein Versuch, Menschen zum Schweigen zu bringen. HarrietJ schrieb dazu einleuchtend (Übersetzung auf Anfrage)

There is something about my refusal to feel bad and back away that is frightening. Not to everybody – there’s a whole world that could care less – but the people who make an investment in silencing me have done so because they have made a cost-benefit analysis. Whatever it takes out of them to silence me is going to be less than what I will take from them if I don’t shut up.

Das ist sicherlich eine ermutigende Aussage: ich kann ihnen sehr wohl nahetreten, wenn ich weitermache. Und irgendwie möchte ich ihnen nahetreten, denn ich brauche das Gefühl mich wehren zu können.
Das ist es aber nicht, was mir unmittelbar geholfen hat, nachdem ich letztens einen wirklich hasserfüllten Kommentar erhielt. Wenn man angebrüllt wird, fällt es schwer das loszulassen und es „nicht auf sich zu beziehen“. Also habe ich einen anderen Blickwinkel ausprobiert: eine Freundin* hat diesen Kommentar erhalten, was bedeutet das? Dies ist eine gute Möglichkeit, sich all die gemeinen Fragen zu stellen. Z.B. „Meine ‚Freundin*‘ wurde in einem Kommentar beschimpft. Was hat sie getan, um das auszulösen?“ Die Antwort: nichts, was sie „schuldig“ macht. Sie hat über ein Thema geschrieben, das einem der Kommentatoren nahe ging. Statt sich damit oder mit ihr auseinanderzusetzen, hat er sich entschieden, die „Quelle“ seines Unwohlseins anzugreifen, in der Hoffnung, dass sie verstummt. Frage: „Hat seine Wut überhaupt etwas mit meiner Freundin* zu tun?“ Antwort: Nein. Sie war zufälligerweise die Person, die sein Wut-Management-Problem ans Tageslicht gebracht hat. Das sagt nichts über sie aus. Usw.

Eine praktische Sache allerdings noch: ein Screenshot schadet nie. Selbst wenn ihr die Scheiße nie wiedersehen wollt und euch nichts ferner Liegendes vorstellen könnt, als euch an die Polizei zu wenden (was bei einigen nahezu unmöglich sein wird), macht einen Screenshot, speichert es irgendwo ab. Im Falle von Mails in einem Ordner, wo der ganze Mist hinkommt, um nicht mehr angeschaut zu werden. Falls es doch eskalieren sollte, ist eine Sammlung von Dokumenten immer hilfreich. [Warnung für folgenden Link: Morddrohung, Verharmlosung von (sexualisierter) Gewalt, Victim Blaming] Zumindest in einer Welt, wo Morddrohungen keine „geschmacklose Prosa“ sind.

Stalking

Stalking ist eine Sache, wo ignorieren doch wieder geraten wird (von wem habe ich unten verlinkt). Unter Stalken versteht man meist die Fixierung auf eine Person, die durch Kontakt immer wieder befeuert wird. Wenn man nach wochenlangen nervigen Telefonanrufen plötzlich doch antwortet, wenn auch nur um zu schreien: „Lass mich in Ruhe“, ist das für den*die Stalker*in nur ein Signal, wie lange sie nerven müssen, um eine Reaktion zu erzielen.
Aber es ist eine sehr sehr stressige Situation für die Betroffenen. Wenn man nicht einfach tatenlos zusehen kann, verstehe ich das. Was gibt es Einschränkenderes als „Ich soll nicht auf konstante Belästigung reagieren.“ – daraus kann man schwerlich ein Gefühl der Kontrolle über die Situation ableiten.
Daher ist zu empfehlen: alle technischen Möglichkeiten ausnutzen – Mails filtern, Anrufe dieser Nummer sperren oder umleiten, auf allen sozialen Netzwerken und in Chats blocken; gemeinsamen Bekannten, falls vorhanden, einbläuen, dass sie keine Informationen weitergeben sollen – weder in die eine noch die andere Richtung („XY hat nach dir gefragt.“ oder XY „hilfreich“ erzählen, dass sie dich in Ruhe lassen sollen, weil du eine neue monogame Beziehung hast z.B.)
Wenn man der Person auch auf der Straße begegnen kann, wird es noch schwieriger. Da es hier um Online-Probleme geht, verweise ich zur weiteren Lektüre auf die folgenden Artikel. Bei allen ist Vorsicht walten zu lassen, weil sie Beschreibung von emotionalem oder körperlichen Missbrauch enthalten können. Drei Stories von Betroffenen, gefolgt von Unmengen an Tips, Was tun gegen Online-Stalker*innen und Eine Ex-Partnerin*, die die neue Freundin* belästigt.

Das Filtern von E-Mails (das heißt am besten als gelesen markieren lassen und z.B. in einem Ordner abspeichern, den man sich nicht ansieht) kann nebenbei sehr unbefriedigend sein oder sogar stressig – etwa wenn man die Person kennt und sie suizidal ist oder man sich nicht sicher ist, ob „wichtige“ Drohungen kommen. In dem Falle empfiehlt es sich, die Mails an eine Vertrauensperson weiterleiten zu lassen, die regelmäßig überprüft, ob es relevante Inhalte gibt, aber nichts von den Inhalten weitererzählt.

Schlusswort

Das sind höchst persönliche Vorschläge, die keinen bindenden Charakter haben oder die nicht auszuführen bedeutet, dass man falsch vorgeht. Unabhängig von dem Geschriebenen gilt für mich: Betroffene entscheiden, was gemacht wird und das wird nicht kritisiert, sondern unterstützt. Wenn ignorieren euch hilft, ignoriert, wenn ihr selbst mal zurückschreien (=CAPSLOCKEN) wollt, macht das.
Was für mich klar ist, ist dies: Mobbing und Beleidigungen einfach hinnehmen zu sollen ist Bullshit.

  • Es wälzt die Verantwortung von den Täter*innen und der Gesellschaft, die ihnen den Rücken deckt, auf die Betroffenen ab.
  • Es entbindet Zuschauer*innen und Autoritätspersonen von der Pflicht zu helfen.
  • Es motiviert Täter*innen am wahrscheinlichsten noch dazu so lange mit dem metaphorischen Stock zu pieksen, bis di:er Betroffene eben doch ausrastet.
  • Es zieht furchtbare psychische Auswirkungen für Betroffene nach sich, weil es ein Gefühl der Machtlosigkeit vermittelt.

So viel von mir. Könnt ihr euch im oben genannten Vorgehen wiederfinden? Habe ich einige Sachen völlig falsch wiedergegeben oder nicht richtig verstanden? Wollt ihr von Erfahrungen berichten? Alles willkommen in den Kommentaren.

Links 26

Schlagwörter: Ableismus – Antirassismus – Assange – Cissexismus – how to – Klassismus – Rechtsstaat – Sexismus – unsere Gesellschaft – [Trigger Warnung] – [TW] R**e Culture

Anti-rassistische Sticker bzw. Karten zum ‚runterladen und selbst drucken


Was als Frau* im „Boy’s Club“ zu tun ist [Englisch]

Amnesty Ireland würde Sinéad O’Connor gerne als Performerin haben, aber sie soll bitte nicht ihre Meinung sagen oder sich verrückt verhalten [Englisch]

Hassverbrechen gegen Behinderte nehmen in England zu [Englisch]

Mitfilmen auf friedlichen Demos rechtswidrig [Deutsch]

Ihr lest also ironisch die BILD… [Deutsch]

Urheberrechtsabkommen blockieren Zugang zu Büchern für Blinde und Sehbehinderte [Deutsch]

Streit zwischen Krankenkassen und Feuerwehr: in Berlin müssen die Kosten für einen Krankentransport in Zukunft ausgelegt werden via @puzzlestuecke [Deutsch]

Frau* nach Mastektomie davon abgehalten oben ohne zu schwimmen via @IBlame @baum_glueck [Englisch]

Trigger Warnung für Thema sexualisierte Gewalt

man on a horse, the caption reads 'Trigger Warning'

Sehr relevanter, interessanter und lehrreicher Artikel zu den Strategien von Vergewaltigern¹ In den Kommentaren werden Erfahrungen diskutiert!

Kommt mir nicht mit Bullshit-Argumenten: Die Mythen um Assange via @sanczny

1 Absichtlich nicht gegendert

Kennste den?

Schlagwöter: Slut Shaming – Sex – Sexismus – unsere Gesellschaft – Heterosexualität

Von Kackscheiße reproduzierenden Seiten wie ibash oder Menschen mit furchtbarem Humor und einer Facebook-Pinnwand mag einigen die folgende Story bekannt sein: ein Mädchen* fragt im Biologie-Unterricht auf die Bemerkung hin, dass Sperma Zucker enthalte, warum es dann nicht süß schmecke. Die angebliche Reaktion des Lehrers ist furchtbar und unrealistisch (na ja, außer bei Sexisten), deswegen gebe ich die nicht weiter wieder.
Abgesehen davon, für wie authentisch man die Anekdote hält, wirft sie ein interessantes Licht auf das Verhältnis unserer Gesellschaft zu Slut Shaming. (Und das ist alles, worum es in diesem Artikel gehen wird. Manchmal habe ich komische Einfälle.)

Diese Geschichte, besser die Einordnung dieser Geschichte als Witz, verdeutlicht, dass heterosexuelle¹ sexuelle Aktivitäten von Frauen* nicht als normal bzw. neutral bewertet werden.

In einer Welt ohne Slut Shaming oder andere Formen der Diskriminierung würde die Lehrperson antworten: „Danke für deine Perspektive, X, das ist eine interessante Frage. Weiß jemand Anderes die Antwort?“ Die Frage wäre logisch und normal. Sie würde als das behandelt werden, was sie ist: eine weitere Möglichkeit, Schülicus² im Unterricht etwas beizubringen.
Wir leben aber nicht in dieser Gesellschaft. Wir leben in einer Gesellschaft, wo es schockierend genug ist, dass eine Frau* eigene sexuelle Interessen hat, statt reine Rezeptionsfläche³ für männliche⁴ Wünsche zu sein.
In diesem Kontext wird Frauen* auch aberkannt, dass sie Spaß an verschiedenen sexuellen Aktivitäten haben könnten. Besonders „provozierende“ Sexualakte, wie es früher mal der Blowjob war, heutzutage Analverkehr, werden gerne in einem Licht dargestellt, wo der Mann* es unbedingt will, aber die Frau* dazu gedrängt wird. Mit anderen Worten schwingt das Ausüben von Dominanz gesellschaftlich mit, auch wenn es in einer ausgeglichenen sexuellen Beziehung nichts mit Dominanz oder Erniedrigung⁵ zu tun hat, wenn die Partnicus in einem Dialog herausfinden, wer worauf Lust hat.

Zurück bei der Geschichte können wir feststellen, dass sie nicht witzig sein soll, weil das Mädchen* verraten hat, dass sie jemals einen Blowjob performt hat. Es ist die Peinlichkeit, die witzig ist. Wer grausam genug ist und die gesellschaftliche Perspektive verinnerlicht hat, amüsiert sich, weil sie verrät, dass sie „erniedrigt wurde“.
Wenn man hingegen der Ansicht ist, dass Frauen* selbstbestimmt entscheiden, was ihnen sexuell gefällt und sie dies auch verfolgen, lässt sich ein Witz weit und breit nicht erkennen.

Weiterführende Lektüre vor allem auf Yes Means Yes empfohlen.

1 Ich schreibe „heterosexuell“, weil meine Aussagen nicht einfach auf homosexuelle Handlungen übertragen werden können. Aufgrund der Diskriminierung von Bi-, Pan-, Homosexuellen und Queeren kommt dann eine andere Dynamik zum Tragen.

2 Neue geschlechterunspezifische Endung in der Testphase: Sng.: -icu (in meinem Kopf frz. gesprochen „isü“, Betonungn auf „ü“), Pl.: -icus (gesprochen „isüs“). Siehe claire de lunes letzten Kommentar.

3 In Anlehnung an „Projektionsfläche“: die Person, die die Wünsche einer anderen „entgegennimmt“ (engl.: receive) / umsetzt

4 Wir wissen ja, es gibt nur heterosexuelle Paarbeziehungen mit 1,2 Kindern

5 Echte Dominanz und Erniedrigung, unconsensual mit anderen Worten

Die Straße gehört den anderen

Schlagwörter: street harassment – sexuelle Belästigung – Sexismus – unsere Gesellschaft

Street harassment is a form of sexual terrorism because women never know when it might happen, by whom, and how far it may escalate. Because of street harassment, from a young age women learn that public spaces are male territory. In the Stop Street Harassment survey, almost one in four women said the harassment started by age 12 and around 90 percent by age 19. Because of street harassment, women learn – and are told from a young age – to limit the places they go, they try not to be in public alone (especially at night), and when they are alone, they stay on guard.

Aus dem Stop Street Harassment-Fact sheet von Holly Kearl, zum Download auf Hollaback Berlin

Nachpfeifen, anhupen, angaffen, sexualisierte Kommentare oder Gesten, Fotos machen ohne zu fragen, angrabschen, in Nahverkehrsmitteln gegen eine Frau* pressen, ihr folgen oder sie ohne ihre eindeutige Zustimmung ansprechen und in ein Gespräch verwickeln, die eigenen Genitalien zeigen, anfassen oder masturbieren, an einer gut einsehbaren Stelle urinieren bis hin zu sexuellen Übergriffen sind street harassment.

Street harassment ist ein Zeichen einer Gesellschaft, die den Erfahrungen und der Autonomie von Frauen* weniger Wert beimisst. Die es in Kauf nimmt, dass Mütter, Schwestern, Freundinnen, Töchter und Großmütter ihr Leben in unsichtbaren Schranken planen und leben, sich im öffentlichen Raum nicht unbeschränkt und in Sicherheit bewegen können und ihnen darüberhinaus die Schuld zuweist, wenn sie belästigt wurden.

Auch die „harmloseren“ Formen von street harassment sind Gewalt. Sie führen, in der Manier des stetigen Tropfens, zu einem Gefühl der Unsicherheit und der ständigen Vorsicht. Sie bringen Frauen* dazu, ihre Kleiderwahl, ihr Auftreten, ihre Schul-, Arbeits- und Freizeitwege zu überdenken, zeitlich einzuschränken, wann sie auf die Straße gehen oder mit wem. Sie krempeln das Leben in einer schleichenden, schwer im Blick zu behaltenden Art um, die spätestens im Alter von 25 zu einer zweiten Haut geworden ist.

Aber auch dafür gibt es keine Belohnung. Es ist egal, ob und welche Vorsichtsmaßnahmen eine Frau* trifft, sie wird weder dadurch belohnt, in Ruhe ihr Leben führen zu können, noch werden die Einschränkungen öffentlich anerkannt, die sie sich auferlegt.

Immerhin verhindert die zweite Haut, dass man jeden Tag darüber nachdenkt, in welcher Form man sich einschränkt. Es tritt vielleicht an die Oberfläche, wenn man von einem neuerlichen Fall krasser Belästigung hört oder selbst davon betroffen ist. Sonst aber wird man von Gedanken darüber verschont, wenn man nicht gerade in einem Workshop sitzt, der Männer* und Frauen* fragt, was sie dagegen unternehmen, Opfer von Gewalt auf der Straße zu werden. Die einen sitzen verständnislos da und denken über die Frage nach, während die anderen schon krampfhaft schreiben.

Es ist nicht in Ordnung und darf nicht normal sein, dass Frauen* diese Zustände erdulden müssen. Ich will etwas dagegen tun, irgendwas.

Abschließend eine Runde Bullshit-Bingo:

Ich als Mann würde mich freuen, wenn Menschen meines/meiner bevorzugten Geschlechts/Geschlechter mir hinterherpfeifen würden. Ich/meine Freundin* finde/t das voll in Ordnung. Was erwartet sie* auch mit den Klamotten/um die Uhrzeit…
Mir ist so etwas noch nie passiert. Männer werden wesentlich häufiger Opfer von Gewalt auf der Straße.¹ Ich als Mann habe so etwas noch nie miterlebt.
In anderen Ländern ist das viel schlimmer. Das ist doch ’ne Kleinigkeit. Das war als Kompliment gemeint!
Die Migranten sind es, die die Probleme machen. Jetzt darf man Frauen* nicht mal mehr ansprechen. Ich guck doch nur.

1 Hint: das ist Derailing

Das erste Mal wurde ich vor fremden Männern* mit 8 gewarnt.

Crossposted auf takeover.beta

Klassenprivilegien

<< Privilegien Physiotypischer

Schlagwörter: Privilegien – Klasse – unsere Gesellschaft

Zu den Klassenprivilegien muss ich mir keine große Mühe geben, weil auf anarchie und lihbe bereits eine großartige Liste existiert.

– Was ich sage und wie ich spreche wird nicht auf meine Herkunft bezogen oder als prollig/asozial abgetan.

– Ich kann mir ironisch die Kleidung anderer classes aneignen.

– Mein Stil und Geschmack sowie der meiner Familie wird nicht als billig, trashig, kitschig verurteilt.

[…]

Weiterzulesen hier.

Cis-Privilegien >>