Ethische Dimensionen von Liebestränken – Wäre die Welt mein

Schlagwörter: Liebestränke – Liebeszauber – Homosexualität – Consent – Film – sexualisierte Gewalt

Inhaltswarnung: Grenzüberschreitung, sexualisierte Gewalt

Sorry für den schwurbeligen Titel. Ich brauche eine Wortgruppe, die nicht gleich meine Einstellung zu Liebestränken verrät – damit ich sie nachher in einem Satz abspeisen kann! Aber von vorne.

Wäre die Welt mein, im Original Were the World Mine, ist ein US-amerikanischer Musical-Film des Regisseurs Tom Gustafson aus dem Jahre 2008. Hier der deutsche Wikipedia-Artikel voller Spoiler.
Der Film greift den Sommernachtstraum von William Shakespeare auf zwei Weisen auf: Der Hauptcharakter Timothy übernimmt einerseits die Rolle des Puck in einer Aufführung des Sommernachtstraums, die seine Privatschule für Jungen veranstaltet. Gleichzeitig wird er gewissermaßen selbst zu Puck, als er vom Originaltext inspiriert einen Liebestrank mischt.
Gleich zu Beginn erfährt man, dass Timothy schwul ist und sich mit hetero-sexistischen Sprüchen seiner Mitschüler und seines Sportlehrers konfrontiert sieht.

[HERE BE SPOILERS]

Der Liebestrank, den er angerührt hat, funktioniert wie durch ein Wunder. Aus Versehen verzaubert er seinen besten Freund, der sich sofort unwiderstehlich von ihm angezogen fühlt. Als ein Mitschüler dann bei der Probe eine hetero-sexistische Bemerkung macht, verzaubert er auch ihn.
Wie im Sommernachtstraum verliebt sich die verzauberte Person in den ersten Menschen, den sie erblickt. Im Film ist das im Folgenden immer eine Person des gleichen (gelesenen) Geschlechts.
Im weiteren Verlauf verzaubert Timothy vielleicht 8 seiner Mitschüler, die Chefin seiner Mutter, seinen Schwarm Jonathan (der sich in ihn verliebt!) und die (Ex-) Freundin seines Schwarms samt deren Freundin. Es folgen der Sportlehrer und andere Bewohner*innen des Ortes.
Jede der verzauberten Person wurde vorher als hetero-sexistisch dargestellt.
Anschließend sind sie relativ untrennbar von der Person, auf die sie sich fixiert haben und versuchen auch, sie z.B. zu küssen.

Mir ist klar, was der Film mit ihrer Verzauberung sagen will: Einerseits ist es schlicht eine Form der Rache bzw. Strafe für ihr diskriminierendes Verhalten. Andererseits sind die Menschen dann mit einer der furchtbarsten Situationen konfrontiert, die sie sich vorstellen können: ins gleiche Geschlecht verliebt zu sein.
Abgesehen davon, dass das nicht richtig funktioniert, weil sie sich (unter dem Zauber) a) freuen, in ihre neue Liebe verliebt zu sein und b) durch den Ausnahmezustand im Ort eben keine vergleichbare Diskriminierung erfahren wie der schwule Hauptdarsteller, habe ich noch einen weiteren Kritikpunkt, wegen dem ich diesen Artikel schrieb.

Liebestränke sind nicht Consent

Dieses Bild zu Harry Potter hat mir dazu sehr gefallen. Leider ist mir di:er Urheber*in nicht bekannt.

Was mir schon den Sommernachtstraum an sich verdorben hat, ist die ständige Besorgnis darum, was die Protagonist*innen tun, während sie verzaubert sind. Sich gegen den eigenen Willen in jemanden zu verlieben ist natürlich schlimm genug, das kann ich aber als vorübergehendes Element einer Handlung noch ertragen. Was ich jedoch nicht ertragen kann, ist, wenn die verzauberten Menschen tatsächlich etwas tun, das sie sonst nicht getan hätten.
Einerseits gehen Grenzüberschreitungen von den „Liebeskranken“ aus, die im ursprünglichen Stück und in Wäre die Welt mein sehr aufdringlich sind. Sie laufen ihren Angebeteten (im Film) unablässig nach, hängen sich an sie, versuchen sie zu küssen. So weit so schlimm. Noch übler wird es dann, wenn ihre „Zuneigung“ erwidert wird. Im Film gibt es da einige Nebenrollen, die gegenseitig ineinander verliebt gemacht wurden sowie Jonathan, der nun in Timothy „verliebt“ ist. Sie küssen sich alle und von den Nebenrollen schlafen auch ein paar miteinander.

Mir ist jetzt übel, ich weiß nicht, wie es euch geht.

Liebe überwindet alles?!

Was den Hauptdarsteller angeht, erfährt man schließlich, dass man nochmal Glück gehabt hat (I guess?): Sein Schwarm war anscheinend schon vorher in ihn verliebt.
Ich weigere mich aber das als eine Art rückwirkenden Consent zu betrachten. Denn der Hauptdarsteller wusste zu dem Zeitpunkt, als er ihn verzaubert hat nichts davon – hat also im Glauben dass sein Schwarm ohne den Zauber ganz anders gedacht und gefühlt hätte mit ihm Freund und Freund gespielt und ihn geküsst. Mir ist es unmöglich, mich mit so einer Hauptfigur zu identifizieren.
Auch ist Verliebtheit selbst natürlich kein Consent. Okay, Jonathan mochte ihn anscheinend. Aber Jonathan hat, aus welchen Gründen auch immer – sie könnten sogar hetero-sexistisch sein – nicht mit ihm über seine Gefühle gesprochen. Offensichtlich hat er sich vor seiner Verzauberung nicht damit wohlgefühlt, eine Beziehung mit Timothy einzugehen. Egal welche Gründe er dafür hatte, seien sie auch diskriminierender Natur, hat Timothy sie missachtet und gegen dessen unverzauberten Willen mit Jonathan Händchen gehalten und ihn geküsst. Das ist weder romantisch noch lustig noch süß.

Was die Nebenrollen angeht, von denen einige miteinander geschlafen haben: Diese Typen waren hetero-sexistisch. Sie haben sich im Grunde nicht einmal damit wohlgefühlt, sich zu umarmen.
Klar, ihre Einstellung ist scheiße. Aber überlegt einmal, wie ein Mensch sich fühlt, der erfährt, dass er mit einer Person Sex hatte (?? Ich frag mich, ob die Formulierung noch angebracht ist), mit der er nie bei klarem Verstand schlafen würde. Nicht gut, um es vorsichtig zu sagen.
Nachdem die Verzauberung aufgehoben wird, wird die Reaktion der Nebenrollen eher für Lacher genutzt. Sie haben davor noch Händchen gehalten, weil sie ja ineinander „verliebt“ waren und rücken nun mit unangenehm berührten Gesichtern voneinander ab.
Nachdem das aufgeführte Schauspiel endet, erhält man auch einen Hinweis, dass sie ihre Meinung zu Timothy und seiner Homosexualität zum Positiven geändert haben.
Aber für mich ist ihre Verzauberung trotzdem kein gelungenes plot device, sondern eine Manipulation, die zu Vergewaltigung führt.

Entsprechend war der Film für mich eine sehr negative Überraschung.

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Gefühle und Diskriminierung – Diskriminierende Gefühle? (Teil 3)

Schlagwörter: Diskriminierung – Gefühle – Grenzüberschreitung – Consent – Oppression Olympics

Inhaltswarnung: Beispiele von rassistischen und klassistischen Vorurteilen, Ableismus, Antisemitismus, Selbstbeschimpfung, übergriffige Situationen, street harassment

Vor allem in Teil 1 habe ich behauptet, dass es keine bösen Gefühle gibt – gemeint waren solche wie Neid, Eifersucht, Missgunst. Das passt allerdings nicht ganz damit zusammen, dass ich gegen Diskriminierung bin, schließlich entstehen Gefühle auch aufgrund von Vorurteilen, die man gelernt hat.
Die Angst vor „kriminellen Ausländer*innen“ oder Menschen, die als psychisch krank eingeschätzt werden, die Abscheu gegenüber „faulen“ Hartz IV-Bezieher*innen, das Gefühl der Überlegenheit gegenüber Menschen, die „nicht mit ihrem Geld umgehen können“. All dies sind keine Gefühle, die durch eigene Erfahrung gerechtfertigt sind. Sie entstehen, weil Menschen mit verbreiteten Vorurteilen umgehen als wären sie Erfahrung.

Wenn ich gegen eine Glastür laufe, werde ich die nächsten Male vorsichtiger sein. Ich meide sie aus Erfahrung. Bei Stereotypen erzählt sich eine privilegierte Gruppe Menschen eine Geschichte so lange, bis sie wahr scheint. Mitunter erzählen die negativ Betroffenen sogar mit (z.B. bei internalisiertem Sexismus), um sich gegen „die anderen“ abzugrenzen. „Andere Frauen sind so xy, aber ich bin das nicht.“ Weil alle davon sprechen, kann es keinen Zweifel geben, dass man hier auf eine wichtige Sache gestoßen ist und *poof* ist es völlig in Ordnung, zu diskriminieren.
Manchmal hat die Geschichte auch wahre Inhalte, aber Ursache und Wirkung werden verzerrt. Das kann man z.B. bei Rassismus bzw. Antisemitismus beobachten: Erst enthält man einer Gruppe die Möglichkeit vor, Arbeit zu finden, weil man sie strukturell benachteiligt – Diskriminierung in Schule, Ausbildung, dem Arbeitsmarkt. Dann sucht man die Schuld für eingebildete oder reale Joblosigkeit bei ihnen – alles, um nicht die strukturelle Gewalt anerkennen zu müssen. Schon im Mittelalter hatte man das drauf: Erst Jüd*innen verbieten in fast allen Berufen zu arbeiten und sie dann für ihre „Geldgier“ beschimpfen, wenn sie die einzig bleibende Einnahmequelle nutzen.

Wir erzählen uns als Gesellschaft also Geschichten darüber, warum Diskriminierung gerechtfertigt sein soll und behandeln sie wie einen Film, an dessen Ende „Basierend auf wahren Ereignissen“ steht. Jede Person, die „stereotypes“ Verhalten an den Tag legt, ist dann ein „Beweis“ für die Vorurteile. Jede Person, die es nicht tut, wird vernachlässigt. Eine Frau*, die rosa mag: BEWEIS!!! Eine Frau*, die grün mag: gleich vergessen.

Es ist also nicht von der Hand zu weisen, was Lundy Bancroft in Teil 1 sagte: Unsere Gefühle werden (auch) von unseren Einstellungen und Gewohnheiten und damit Vorurteilen beeinflusst.

Wie mit solchen Gefühlen umgehen?

Meine Antwort darauf leitet sich durchaus aus den vorhergehenden Teilen ab: Ich sehe keinen Sinn darin, sich selbst für diskriminierende Gefühle zu beschimpfen.

Kennt ihr das, wenn andere sich oder ihr euch selbst so hart verurteilt, dass es nur noch darum geht, wie scheiße sie/ihr seid und irgendwie gar nicht mehr um die Sache?
Wenn eine Person dies bei sich tut, führt es zu einer unendlichen Spirale der Schuld und Scham, in der die Person sich beschimpft bis sie erschöpft genug ist, um sich in den Schlaf zu weinen. Problem gelöst? Nein.
Ich steh nicht so auf den Ansatz der katholischen Kirche, wo man sich einfach selbst schlägt (im übertragenen Sinne oder wörtlich) und dann ist das Thema gegessen. Lerneffekt: null. Grausamkeit: 100%
Wenn man eine Person in einem Gespräch kritisiert und sie sagt: „OMG das war mir nicht klar. Das tut mir so Leid! Wie kann ich nur so dumm sein? Oh Gott, scheiße. Ich geh jetzt besser. Oh Gott, das kann ich gar nicht wieder gut machen.“ geht es auch nicht um das Thema. Ich weiß, dass es sich für Menschen, die dazu neigen sich fertig zu machen so wirkt als wäre das die richtige Reaktion. Paradoxerweise übernehmen sie auf diese Art aber weniger Verantwortung für das Gesagte. Die unausgesprochenen Regeln unserer Gesellschaft verlangen nämlich, dass man eine Person beruhigen und ihr gut zureden soll, wenn sie sich fertig macht. Möglichkeit auf das ursprüngliche Problem einzugehen: null.

Was aber dann?

  • Schritt 1: Keine Selbstbeschimpfung.
  • Schritt 2: Sich vorsichtig sagen, dass man gerade wahrscheinlich Scheiße gebaut hat.
  • Schritt 3: Erst mal Zeit nehmen, um die Scham, die Selbstzweifel, die Wut und Abwehrreaktionen zu verdauen.
  • Schritt 4: Darüber nachdenken, was man falsch gemacht hat.
  • Schritt 5: Sh. Schritt 3.
  • Schritt 6: Überlegen, ob und bei wem man sich entschuldigen muss.
  • Schritt 7: Sh. Schritt 3.
  • Schritt 8: Entschuldigung und oder Wiedergutmachung angehen.

Wiedergutmachung kann dabei auch bedeuten, dass man sich zum Thema informiert, z.B. wenn niemand von der Handlung direkt betroffen war.

You see, es geht mir nicht darum sich in Selbstkasteiung zu sagen, dass man ein lebensunwertes Nichts ist, weil es nichts bringt und grausam ist (aus Sicht von Selbstpflege).
Aber, wie ich schon in Teil 2 sagte: Man trägt Verantwortung für das eigene Handeln. Wenn du eine Person verletzt/diskriminiert/unfair behandelt hast, hat die ein Recht auf eine Entschuldigung und Wiedergutmachung. Genau so darf diese Person wütend sein. Diese Person darf dir sogar berechtigte Vorwürfe machen (Ich meine mit „berechtigt“: „Du hast gerade total abgefuckt und das macht mich wütend.“ Unberechtigt: „Du -istisches Schimpfwort.“)
Ich empfehle, mit sich persönlich vorsichtig umzugehen und natürlich schadet es nicht, nett zu anderen zu sein (Kraft dafür und Lust darauf vorausgesetzt). Aber „Du hast Scheiße gebaut.“, von einer Person zur anderen gesagt, ist keine Beschimpfung. Es ist eine notwendige Aussage, wenn wir das mit Diskriminierung abschaffen mal durchziehen wollen.

Darf ich Grenzüberschreitungen nicht mögen?

Als letztes möchte ich noch auf eine Frage von serialmel eingehen:

Welchen Unterschied macht es, wenn ein Mann(TM) immer wieder absichtlich Körperkontakt herstellt im Verhältnis zu einem Kleinkind. Welche Unterstellungen existieren (unbewusst?) bevor jemand eine Reaktion auslöst?

Ich trenne das von dem vorherigen Thema ab, weil hier eine gute intuitive Reaktion auf eine Grenzüberschreitung vorliegt.
Es ist gar nicht wichtig, welche Hintergedanken der Mann konkret hat. Es ist nicht einmal wichtig, ob das nur ein fehlgeleitetes Zeichen der Freundlichkeit sein soll (Tipp: Das ist eine gängige Entschuldigung, aber wesentlich seltener der Fall). Denn jede Person darf darüber bestimmen, wo ihre Grenzen sind. Sie darf bestimmen, wie oft, wie und von wem sie (nicht) angefasst werden will, (nicht) angesprochen werden will, wer sich ihr wie weit (nicht) nähern darf und so weiter. Dass unsere Gesellschaft das bestenfalls in Ansätzen beachtet, ist uninteressant. Jede Person hat dieses Recht. Es gibt keine Pflicht, mit anderen Menschen auf eine Art zu interagieren, die man unangenehm findet. Es muss kein beweisbares Fehlverhalten vorliegen. Es muss überhaupt kein Fehlverhalten vorliegen. Jede*r. Entscheidet. Selbst.

Manchmal liegt auch ein schwer zu durchblickende Kombination aus Privilegiertheit und Diskriminiertheit vor.
Darf ein lesbische Frau* einer heterosexuellen Frau* gegen ihren Willen einen Kuss geben? Darf ein Mann* of Color einer weißen Frau* auf der Straße hinterherrufen? Darf ein autistischer Mann* gegen ihren Willen zu nah an einer neurotypischen Frau* stehen? Die Antwort lautet nein. Das ist alles nicht in Ordnung, weil es die Grenzen der Frauen* verletzt. Die Definitionsmacht besagt, dass sie die Situation als übergriffig bezeichnen dürfen. Die Definitionsmacht besagt ebenfalls, dass die jeweiligen anderen das als heterosexistisch, rassistisch bzw. ableistisch bezeichnen dürfen. (Danke an die takeover.beta-Redaktion für diesen Lernfortschritt.)
Es besteht definitiv die Möglichkeit, dass ein Teil der Ablehnung durch Vorurteile bestimmt ist. Wenn Schwarze Frauen* mit Profilbild im Online-Dating wesentlich seltener angeschrieben werden (oder geantwortet wird) als weiße Frauen* ist das ein Zeichen dafür, dass hier etwas nicht stimmt. Jedoch hat man keine Möglichkeit zu sagen, wie sehr die Ablehnung durch Vorurteile bedingt ist. Vor allem kann man keine individuellen privilegierten Menschen dazu zwingen mit konkreten anderen nicht privilegierten Menschen zu reden/sie zu daten. Das verträgt sich einfach mit dem Prinzip der Selbstbestimmung nicht. Was hingegen notwendig ist, ist rassistische (ableistische, sexistische, …) Vorurteile in der Gesellschaft zu bekämpfen, bis solche Ungleichheiten nicht mehr bestehen (dies bezogen auf das Online-Dating, die Beispiele oben sind Grenzverletzungen – ich gehe zumindest davon aus, dass die Reaktionen sich mit anderen Machtverhältnissen nicht groß ändern würden).

Was ist dieses ‚Grenzüberschreitung‘ und wo kann ich es abonnieren?

Weil der Unterschied zwischen Grenzüberschreitung-nicht-mögen und Diskriminierung manchen nicht klar ist, ein sehr offensichtliches Beispiel zum Schluss: Wenn du Essen nicht bei People of Color kaufst, aber bei Weißen, ist das rassistisch. „Wenn People of Color Essen zubereiten, finde ich das grenzüberschreitend.“ Bullshit. Go home.
Wenn du dich für Matheaufgaben nur an Männer* wendest, statt auch mal eine Frau* um Hilfe zu fragen, ist das sexistisch. „Frauen*, die Mathe machen, lösen in mir Angstgefühle aus.“ Nope. Go home.
„Wenn ich eine Person nicht auf eine Art, die mir gefällt kontaktieren/anfassen/ansprechen darf, finde ich das grenzüberschreitend.“ Drei mal MEEEP. Go home.
Sowohl offensichtliche Diskriminierung als auch selbst grenzüberschreitend zu sein zählt nicht.

Consent und die Unterhosen-Regel

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: Consent Culture – Selbstbestimmung – Grenzen – Grenzüberschreitung – Hilfe

(Consent = Einverständnis, Zustimmung)

Vom Essen, über Gesundheitsfragen, hin zu persönlichen Erlebnissen: irgendeine*r weiß es definitiv besser als du. Z.B. was du wirklich auf deinem Teller haben solltest. Oder dass du nur ein bisschen Sport machen müsstest gegen deine Depressionen. Oder dass deine Erzählung nicht soo schlimm klingt; Sicher, dass du nicht überzogen reagierst?

Wie Cliff Pervocracy in seinen Artikeln zu Consenct Culture betont hat, sind (solche) Grenzüberschreitungen nicht erst im Dunstkreis (RW=Redewendung) der Sexualität von Bedeutung.

Die Nase in fremden Angelegenheiten (RW)

Sowohl in den USA als auch in Deutschland sind Menschen einfach daran gewöhnt, alles zu kommentieren und zu allem eine Meinung haben zu können. Schließlich beruhen zwischenmenschliche Beziehungen stark darauf: man unterhält sich mit anderen Menschen über noch andere Menschen und was die so tun. Meist bewertet man das Tun auch.
Die Neugierde und die Genugtuung, die u.a. als Motor dienen, können aber schädliche Folgen haben. In den Medien sieht man das etwa an Celebrity-Zeitschriften und -Sendungen. Ein Großteil der Storys beruht auf Fotos, die über Paparazzi beschafft werden. Was die tun, kann mitunter als nichts anderes als Stalking bezeichnet werden – nur um an ein nichts-sagendes Foto zu kommen, das verschwommen vergrößert werden kann, um eine an den Haaren herbeigezogene (RW) Geschichte zu „bestätigen“. Aber wenn man Geld damit machen kann, wird es natürlich durchgezogen. Wie z.B. Fotos unter Emma Watsons Rock zu jagen, sobald sie 18 wurde. (Trigger-Warnung sexualisierte Gewalt, Sexismus, Mysogynie für Quelle)

Aber auch im engeren sozialen Kreis vergisst man schnell, dass man zwar eine Meinung dazu haben kann, wie andere ihr Leben führen, aber dass man kein Recht hat, ich wiederhole, kein Recht ihnen dabei reinzureden. Nein, es ist nicht notwendig, anderen zu sagen, was man für „besser“ halten würde.

[…] but it’s important to remember that unsolicited advice (no matter how well-intentioned and on-its-merits-correct) can be the perfect cocktail of presumptuous and judgmental.  You’re basically saying “You’re doing that wrong, and I think I’m smarter than you.”

We think we know, so we forget to ask. No one knows how to make an Ass out of U and Me like families, old friends, and long-term relationship partners. We think that things that happened way back when constitute data that allows us to make assumptions about how things are now, like “You aren’t patient enough to be a teacher, remember how you were when you played school that one time with your little brother and I had to stop you from shoving the chalk up his nose?”

Ooh, look how that has nothing to do with how you’ll actually perform as a teacher and look how it conveniently reminds you that the other person remembers when you were small and powerless and not good at stuff and tries to place you back there. And then you’re standing there, like, um, I’m actually a teacher, like, I get paid to do it now for real, that’s what it says on my taxes and everything and why would you even bring that up? YOU DON’T KNOW ME!

JenniferP/Captain Awkward

In dem Zusammenhang fand ich die Unterhosen-Regel ganz toll, von der ich letztens las: du bist di:er Chef*in deiner Unterhosen und anderer Leute sind ihr*e eigene*r Chef*in. Das bedeutet grob gesagt: vermeide Allaussagen. Denn wenn „alle“ etwas tun sollen, schließt das zwingend mehr Unterhosen ein als deine eigenen.
Wenn du mit „Man sollte…“, „Wenn nur jede*r…“ usw. anfängst, kommt daher meist Mist heraus.

Das eigene Leben kennt man am besten, also geht man bei allen Überlegungen von der eigenen Situation aus. Und dann sagt man, dass Leute, die nicht joggen gehen, einfach nicht auf ihre Gesundheit achten. Und eine fragt, wie sie mit ihrem verstauchten Knöchel joggen gehen soll. Und du merkst: du hast abgefuckt. Da war doch was, namentlich Ableismus (um ein Gegenargument von vielen zu nennen).
Es scheint also keine Idee zu sein, eine einzige Idee für eine Vielzahl von verschiedenen Lebensrealitäten vorzuschlagen.

Ein Weg zur Consent-Gesellschaft

Wofür ich mich aber einsetze, ist nicht nur die Abschaffung von Allaussagen. Die vielen kleinen Einmischungen sollen weg.

Ein Frage, die man sich stellen sollte, bevor man Ratschläge verteilt, lautet: Handele ich gerade im Sinne einer Consent-Gesellschaft (Trigger-Warnung für Link: Erwähnung von sexualisierter Gewalt)? Unterstütze ich mit dem, was ich vorhabe, eine Gesellschaft, in der alle über ihre (quasi sprichwörtlichen und echten) Unterhosen herrschen? – Unerbetene Tips oder das Drängen zu „nur einem Bissen“/“einem Schlückchen“ sind Grenzüberschreitungen. Die einen mögen sie als nervig wahrnehmen, die anderen als unhöflich, aber selten hält man inne, um zu prüfen, warum sie ärgerlich stimmen: Eine andere Person greift in die eigene Autonomie ein und ignoriert deinen Willen in einer Sache, die einzig deiner Entscheidungsmacht unterstehen sollte. Eine verärgerte Reaktion hilft dir dabei, vor einer erneuten Grenzüberschreitung solcher Art auf der Hut zu sein.
Wozu solcher Ärger aber selten führt, ist zur Forderung nach neuen Regeln für den Umgang miteinander. Es liegt einfach nicht nahe, Verhalten in Frage zu stellen, dass offensichtlich keine*n sonst stört, sonst würden die anderen ja etwas dagegen sagen, wenn man ihnen Häppchen aufdrängt…?

Wir brauchen aber neue Regeln. Dass wir neue Regeln brauchen, wird nicht nur durch die hohe Rate an (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen* und Minderheiten deutlich. Eine gut durchdachte Praxis von Consent macht es auch möglich, wie Cliff Pervocracy oft wiederholt, einer Situation „an der Nasenspitze“ (RW) anzusehen, ob hier Einverständnis vorliegt oder man eingreifen muss.

One of the major steps toward creating a consent culture is making consent look different from coercion.

Cliff Pervocracy

Das Ziel ist es Übergriffe und freundschaftliches Verhalten auf den ersten Blick (RW) unterscheidbar zu machen.

Wo anfangen…

Wenn man nun vermeiden möchte, selbst eine von diesen pushy (aufdringlichen, fordernden) Personen zu sein, muss man leider gegen die eigene Erziehung ankämpfen. Je nach Kultur bist du auch ein*e schlechte*r Gastgeber*in, wenn du nicht mindestens drei Mal fragst, ob deine Gäste wirklich nichts essen möchten.
Und wenn man Freund*innen oder Familie anspricht, möchte man ihnen oft nur helfen bzw. einfach sicherstellen, dass es ihnen gut geht.
Aber selbst in diesem Zusammenhang ist intent halt nicht magic: Gutes wollen und Gutes tun ist nicht das Gleiche.
Diesem Problem kann man sich auch nicht entziehen, wenn man irgendeine Form von Aktivismus ausführt. Es geht halt nicht drum irgendetwas zu tun, sondern etwas Hilfreiches. Deswegen braucht man immer wieder Rückversicherungen und Absprachen, was die Personen, denen man helfen will, denn überhaupt möchten. Und, ganz wichtig, ob sie überhaupt Hilfe brauchen. Hilfe kann nicht als Einbahnstraße verstanden werden, wo man einfach das tut, das man für gut hält und am Ende der Straße kriegt man die Medaille „ich war ein guter Mensch“. Auch wenn eine consent-basierte Form des Helfens schwerer umzusetzen ist: Hilfe ist es erst a) wenn du mit der zu behelfenden Person gesprochen hast b) dich versichert hast, dass sie Hilfe braucht und möchte und c) gefragt hast, was tatsächlich hilfreich wäre. Es gibt keinen kurzen Weg um die Rücksprachen und Kursänderungen, wenn man Hilfe tatsächlich für die anderen anbieten will und nicht als Abkürzung nutzen, um das eigene Ego zu stärken.

Wer nun otterly (das ist ein Wortspiel aus utterly = völlig und „Otter“) verwirrt ist, was nun tun, eine erste Idee: How not to talk to people who tell you something sad.

Übersetzung der englischen Stellen auf Anfrage

Müde

Schlagwörter: Sexualisierte Gewalt und Drumrum

Update: 2 Links korrigiert.

Will ich über sexualisierte Gewalt schreiben oder über Consent-Culture? Will ich über Anspruchsdenken (entitlement) schreiben oder über Victim-Blaming? Street-Harassment oder den Umgang der Medien mit sexualisierter Gewalt?
Die nicht so geheime Antwort lautet: es hängt alles miteinander zusammen.

Erst einmal zwei Artikel. Cliff Pervocracy schrieb über liebevolle? Witze, die nicht von Zeichen für eine gewaltvolle Beziehung zu unterscheiden sind. [Englisch]

Viruletta wies auf der Mädchenmannschaft daraufhin, dass sexualisierte Gewalt kein Fall von „Da drüben ist es viel schlimmer“ ist oder werden darf.[Deutsch]

Ach Quatsch, nun bin ich einmal dabei, ich hab noch welche. Misandrica erklärt, warum es so unglaublich stört, wenn Männer sich in eine Diskussion über sexualisierte Gewalt einklinken, um ihre Unschuld zu beteuern. [Englisch]

formschub denkt über seinen Männerschatten nach und wie er verhindern kann, dass er einschüchternd auf Frauen* wirkt. via @NurGedanken [Deutsch]

Tatsache ist, ich will, dass sexualisierte Gewalt aufhört. Ich will, dass Menschen andere nicht so lange vollquatschen, bis die irgendwas tun (und sei es so banal wie einkaufen gehen). Ich will das Leute Konsequenzen für scheiß Verhalten spüren. Und ich will ’nen epischen Artikel darüber schreiben. Irgendwann,

Open Thread: Richtiger Bio-Unterricht

Schlagwörter: Sex – Open Thread – Sexualerziehung – Beziehungen – Consent – Gewalt

Warnung: Erwähnung von verschiedenen Formen der Gewalt

In der Schule gibt es in Deutschland ja so etwas wie „Sexualerziehung“, üblicherweise im Rahmen des Biologie-Unterrichts. Der war total furchtbar.

Deswegen möchte ich von euch hören, was ihr gerne über Sexualität, Körper, Beziehungen usw. gelernt hättet.

Ich fange mal an:

Ich hätte als erstes gerne das, was uns als „Geschlechtsverkehr“ beigebracht wurde, nicht als eben solchen beschrieben gesehen (also so, dass man annehmen musste, dass Penis-in-Vagina-Sex Sex schlechthin ist), sondern lieber ein Unterrichtssegment gehabt, das etwa genannt wurde: durch diese Sexualakte können Menschen mit Uterus schwanger werden.

Ich hätte gerne eine vorurteilsfreie und unterstützende Vorstellung aller möglicher Körper- und Begehrensformen gehabt: Asexualität, Intersexualität, Bisexualität, Transsexualität, Homosexualität usw.

Des Weiteren hat auf jeden Fall ein Segment dazu gefehlt, was eine gute Beziehung ausmacht. Es gibt eindeutige Zeichen für emotionale, sexualisierte und körperliche Gewalt. Nichts über körperliche Selbstbestimmung beizubringen ist vollkommen fahrlässig.

Also was hättet ihr gerne gelernt? Es kann so konkret oder allgemein sein, wie ihr wollt.

Bitte vergesst nicht Trigger-Warnungen zu setzen, wenn angebracht.

34 Zitat der Woche 35

Schlagwörter: Consent – Grenzen – Grenzüberschreitung

Doing things to people that they don’t consent to is wrong. We all need to stop pretending that it’s rude to say that. Violating limits isn’t cute or funny or edgy. Joking about violating limits isn’t cute or funny or edgy.

[Mit Menschen Dinge zu tun, denen sie nicht zugestimmt haben, ist falsch. Wir müssen alle aufhören vorzugeben, dass es falsch sei das zu sagen. Grenzen zu verletzen ist nicht niedlich oder lustig oder trendy. Witze darüber Grenzen zu verletzen sind nicht niedlich oder lustig oder trendy.]

Thomas auf Yes Means Yes Trigger-Warnung für Quell-Link

Links 28

Schlagwörter: BDSM – Assange – Ableismus – Pille danach – Feminismus – Gehörlosigkeit – Consent – [Trigger Warnung] – [TW] r*** culture

Über einen Workshop, der Feminismus schreiben lernen verspricht. Hier habe ich mir „si:er“ und „di:er“ geklaut.
[Deutsch]

[Trigger-Warnung] Wie Fetlife Aufklärung bei Ver****l***ung verhindert und warum „falsche Anklagen“ Derailing sind
[Englisch]

[Trigger-Warnung] Weitere Gedanken zu den r*** joke-Zwischenfällen der letzten Zeit
[Englisch]

Ein Mann mit Brüsten. Der Text hat mich sowohl mitgenommen als auch mitgerissen.
via @hainhawen [Englisch]

Eine grundlegende Erklärung von „women“ vs. „females“
via @vivsmythe @hainhawen [Englisch]

10 Dinge, die du nie zu einer tauben Person sagen solltest
via @ennomane @zwzora [Englisch]

„Über Menschen mit Behinderungen berichten“ – Ein Online-Ratgeber
via alle [Deutsch]

Wir schützen dich vor dir selbst!! Die Pille danach ist in Deutschland nur schwer erhältlich.
[Deutsch]

Tolle Grundlagen zu Consent. Trigger–Warnung für Beispiele, besonders auch in den Kommentaren
[Englisch]

Assange, der Arsch (© Esme Grünwald) Ein praktischer Artikel, um ihn dem nächsten Anonymous-Fanboy in die Hand zu drücken, der erklären will, wie alles wirklich gelaufen ist. Trigger-Warnung because obviously, starke Empfehlung nicht die Kommentare zu lesen.
[Englisch]

[TW] You can stop r*p*: Schritt 3 – V*r**wa***ge nicht

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Schritt 4 >>

Edit 13.06. 18:07: Da, wie Samia anmerkte, auch schon gewisse Worte triggernd sein können, habe ich versucht die Überschrift wenigstens durch Splats etwas zu entschärfen.

Dies gilt für alle Geschlechter und alle Identitäten: vergewaltige nicht.

Die Forderung ist leider nicht so lächerlich wie sie klingt; Vergewaltigungen sind mehrheitlich nicht die Fälle, in denen fremde Männer aus einem Busch springen und Gewalt anwenden. Dreiviertel aller Opfer kannten ihre*n Vergewaltiger*in(nen). Unter anderem geht es also um Vergewaltigungen in Beziehungen oder unter Bekannten.
So absurd es klingt: es gibt Vergewaltiger*innen, die nicht wissen, was sie einer anderen Person angetan haben. Sie glauben, alle würden es so machen wie sie und das sei normal.

Also einige Regeln, die unter allem Umständen zu beachten sind. Größtenteils wird es sich um eine Zusammenfassung des Artikels handeln, den ich beim letzten Beitrag unter „Consent Culture“ verlinkt habe. Der ist großartig, lest ihn.

Viele der folgenden Dinge sollen sicherstellen, dass alle Beteiligten ihre Zustimmung gegeben und nicht zurückgezogen haben. Fehlkommunikation passiert, schlechter Sex passiert. Damit aus schlechtem Sex aber keine sich lange komisch anfühlende Begebenheit wird, bei der man sich fragt, ob wirklich noch alles mit rechten Dingen zuging oder gar Vergewaltigung, schadet es nie, die folgenden Punkte zu beachten, die auch noch sicherstellen, dass alle mehr Spaß haben. Win win, würde ich sagen.

Wenn Zweifel am enthusiastischen Einverständnis einer oder mehrerer Beteiligter besteht, gibt es keinen Sex.
Dies kann der Fall sein wegen der Einnahme von Medikamenten, wegen Drogen- oder Alkoholkonsums. Wenn nicht eindeutig ist, dass alle Beteiligten noch vollständig in der Lage sind zu verstehen, was gerade passiert und eindeutig zeigen, dass sie gerade sehr Lust darauf haben, ist erst mal Schluss.

Wenn einige Beteiligte aus Gründen auch immer Schwierigkeiten haben, ihre Zustimmung zu zeigen –entweder, weil sie nicht gelernt haben, ihre Bedürfnisse offen zu kommunizieren oder weil sie aus anderen Gründen erschwert kommunizieren oder verzögerte Reaktionen zeigen– muss als erstes klargestellt werden, dass alle enthusiastisch bei der Sache sind.

Die Pflicht, Zustimmung sicherzustellen, endet zu keinem Zeitpunkt. Jedes Zeichen, jemand könnte sich umentschieden haben, ob verbal¹ oder nonverbal, muss beachtet und umgehend entsprechend respektiert werden. Das heißt nicht, dass alle sich nach je drei Minuten brav nebeneinander setzen müssen und fragen, wie es denn so geht, aber Zweifeln an der anhaltenden Begeisterung von Beteiligten sollte immer nachgegangen werden.
Zeichen sind: „Nein“, „Moment“, „Stop“, „“, „halt“, „autsch“ (es sei denn, ihr seid in einer BDSM-Session, ihr habt alles vollständig ausgehandelt, das ist nicht das Safeword und die Person grinst anzüglich), jeglicher anderer Schmerzenslaut, auffällige Ruhe, Unruhe oder nicht bei der Sache Sein, Unbeweglichkeit, Verkrampfen oder Steifheit der anderen Person, wenn sie sich körperlich entfernt und viele viele viele andere Zeichen, die im Zweifel als Warnung gelesen werden sollten.

Verinnerlicht, dass es nicht normal ist über Sex zu reden, als wäre es ein Streich, den man einer anderen Person spielt. Leute, die so reden, würde ich sehr kritisch beäugen.

Holly Pervocracy schlägt ebenfalls vor, wenn man darüber spricht, mit wem man geschlafen hat, Consent zu einem Teil der Geschichte zu machen: „Letztens habe ich Lisa getroffen und dann haben wir uns total drauf geeinigt, dass wir Lust auf Sex haben.“ „Als ich Tim letztens auf der Party traf, habe ich ihn gefragt, ob er Lust hat und die hatte er!“
Das führt dazu, dass Leute es als natürlichen Schritt zum Vögeln (sorry für den Stilbruch, aber das klingt doch alles furchtbar) auffassen, sicherzustellen, dass alle enthusiastisch bei der Sache sind.

Überhaupt ist es essentiell, darüber reden zu können, was man selber mag, ob man etwas mag und zu sagen, wenn man etwas (gerade) nicht mag. „Nein“ sagen kann sehr sehr befreiend sein und ein Nein sollte umgehend akzeptiert werden. (Dies ist keine Erlaubnis für Bullshit-Argumente wie „Ich habe aber nicht verstanden, dass mein*e Partner*in keine Lust hatte.“ „Nein“ kann man auf viele Weisen sagen, auch ohne Worte zu benutzen. Wer es nicht hört, ist dafür verantwortlich.)

Lernt Ablehnung als das zu verstehen, was sie ist: Nur eine Aussage darüber, was die Person möchte. „Ich will nicht mit dir schlafen.“ heißt nicht „Du bist hässlich/unsympathisch/…“ sondern „Ich habe aus welchem Grund auch immer gerade keine Lust. Ende der Durchsage.“ Nein ist ein ganzer Satz, wie es so schön heißt. Darüber wird unter keinen Umständen diskutiert und es ist ganz schlechter Stil, die Person dafür weniger zu mögen.
Natürlich ist es erlaubt, enttäuscht zu sein über die verpasste Gelegenheit! Aber nicht, indem man der anderen Person Schuld einredet oder gar anfängt ‚rumzubetteln. Die feine Art lautet: „Verstehe, schade zu hören.“ und dann woanders hingehen/die Konversation mit einem anderen Thema fortsetzen, wenn alle Beteiligten das möchten/sich selbst beschäftigen gehen.

Auch für den Alltag kann man sich merken: Überreden, manipulieren, Schuld einreden, „Aber waruuum nicht?“ ist nie cool. Nicht wenn es darum geht, was gemeinsam zu machen, doch mal ein Häppchen zu probieren, bei etwas zu helfen, etwas zu erzählen. Nie cool.
Genau so ist körperliche Autonomie unglaublich wichtig. Achtet darauf, ob ihr dazu neigt, sehr nah an anderen zu stehen, sie beim Reden zu berühren, obwohl ihr sie nicht gut kennt, neue Bekannte zu umarmen, wenn ihr euch gerade das zweite Mal trefft. Wenn ihr das sehr gerne macht und beibehalten wollten, dann seid euch dessen bewusst, dass ihr immer sicherstellen müsst, dass es nicht unwillkommen ist. Achtet darauf, ob die andere Person immer freudig das gleiche macht oder aussieht, als würde sie sich unwohl fühlen, vielleicht sogar einen Schritt zurück macht. Fragt nach. Fragt nach. Fragt immer nach.
Absolutes No-Go ist kitzeln und Überraschungsumarmen von hinten, genau so wie Knuffereien oder gar Schlagen von Leuten, egal wie kumpelhaft, „witzig“ oder spielerisch es ist. In allen Fällen ist es nahezu unmöglich, vorher bzw. rechtzeitig zu äußern, wenn man es nicht mag (man sollte es gar nicht äußern müssen, meiner Meinung nach). Es sollte allen klar sein, dass man nie wissen kann, was Menschen alles erlebt haben und ein solches Erlebnis der Machtlosigkeit ein Trigger sein kann für Erinnerungen an ältere, schlimmere Erlebnisse. Aber auch wenn es nicht als Trigger wirkt, ist es kein akzeptables Verhalten.

Okay, ich bin wieder etwas abgedriftet und es wurde doch ein Artikel zu Consent, weil nun einmal alles miteinander zusammenhängt.

Stellt sicher, dass ihr euch wohlfühlt, wenn ihr mit anderen interagiert. Stellt sicher, dass sie sich wohlfühlen. Kommuniziert. Habt Spaß.

1 ausgesprochen

[TW] You can stop r**e: Schritt 2 – R**e Culture

Der zweite Schritt zum Ziel, Vergewaltigungen zu verhindern: lerne, was es heißt, in einer rape culture zu leben. Also in einer Kultur, die Verhalten gutheißt und unterstützt, das Vergewaltigungen begünstigt.

Für alle die englisch sprechen, empfehle ich diesen Artikel auf Shakesville. Ein Weiterlesen ist in dem Falle nicht nötig, weil dies der verständlichste und vollständigste Artikel ist, den ich je zu diesem Thema gelesen habe.
Für alle anderen versuche ich im Folgenden eine einleuchtende Beschreibung zur Verfügung zu stellen.


In einer rape culture wird zunächst angenommen, dass Frauen* mit sexuellen Avancen¹ einverstanden sind statt immer zuerst davon auszugehen, dass man sie nach ihrer Zustimmung fragen muss.
Es ist nicht gerne gesehen, wenn sie „Nein“ sagen und die Gründe werden oft in Frage gestellt (diskutieren über die Gründe, warum eine Person etwas ablehnt, nennt man übrigens Manipulation) oder gar überhört.
Frauen* werden allgemein so erzogen, dass sie Konfrontationen aus dem Weg gehen und es anderen Recht machen wollen, während Männern* besseres Werkzeug an die Hand gegeben wird, um Ablehnung zu äußern und zu bekräftigen.

In einer rape culture wird nicht beachtet, wie fragwürdig es ist, wenn man Menschen als Sexualpartner wählt, die unter so starkem Drogen- oder Alkoholeinfluss stehen, dass es ihnen schwer fällt deutlich zu machen, ob sie Lust auf Sex haben oder „Sexualpartner“ wählt, die gar bewusstlos sind.

In einer rape culture sagt man Frauen*, was sie tun sollen, um „nicht vergewaltigt zu werden“ statt Vergewaltiger_innen zu sagen, dass sie nicht vergewaltigen sollen. Vergewaltigungsopfer werden gesellschaftlich sanktioniert² durch slut shaming (Beleidigung und Beschuldigung von Frauen* mit aktivem Sexualleben), rituelles in Frage stellen ihrer Erlebnisse und Vorwürfe, sie hätten sich selber in diese Situation gebracht, während Vergewaltiger_innen nicht konsequent aus ihren entsprechendem sozialen Umfeld ausgeschlossen werden und damit das Signal erhalten, dass ihre Strategie funktioniert und sie unbehelligt weitermachen können.

In einer rape culture denkt die Öffentlichkeit schneller an das Wohl und die Karriere eines potenziellen Vergewaltigers als das Wohlergehen des potenziellen Opfers, obwohl die Rate an falschen Beschuldigungen bei Vergewaltigungen nicht höher liegt als bei anderen Verbrechen auch, die Verurteilungsrate wahrscheinlich alarmierend darunter.

In einer rape culture sind Menschen der Meinung, dass es lustig sei, Vergewaltigungswitze zu reißen, obwohl es sich um eines der traumatisierendsten Verbrechen handelt, die man gegenüber einem Menschen verüben kann (siehe Seife bücken-Witze und „spaßige“ Bemerkungen zu Vergewaltigung in Gefängnissen allgemein).

In einer rape culture glauben Menschen, es sei keine Vergewaltigung,

  • wenn hän Partner_in am Ende doch einwilligte
  • obwohl hän Partner_in keine aktive Zustimmung zeigte
  • wenn hän Partner_in körperlich oder geistig nicht in der Lage war, sire Zustimmung zu äußern
  • wenn jemand mit sirer_m Vergewaltiger_in in einer Beziehung lebte.

In einer rape culture wird Homosexualität mit (ausgelebter) Pädophilie gleichgesetzt und behauptet, gleichgeschlechtliche Partner könnten nicht vergewaltigt werden. Überhaupt führen einige Umstände zu Nichtvergewaltigbarkeit, wie zum Beispiel die Arbeit als Prostituierte_r, der Widerruf von vorheriger Einwilligung in sexuelle Handlungen, die falschen Klamotten, die falsche Gender-Identität.

In einer rape culture sind übergriffige „Spielereien“ in Ordnung, wie eine Person zu kitzeln ohne ihre klare Zustimmung erhalten zu haben oder eine Möglichkeit für sie, dies zu unterbrechen. Es ist normal, dass Kinder Erwachsenen die Hand geben, sie umarmen oder ihnen gar einen Kuss geben müssen, auch wenn sie nicht möchten.

Einer rape culture fehlt das, was eine consent culture hat.

PS: Ich habe an einigen Stellen nicht die weibliche und männliche Form genommen, weil es mir entsprechend den Statistiken angemessen schien.

1 Annäherung, Angebote
2 bestraft

Edit 09.02.2012 13:00: Fußliebe korrigiert