50 Shades of Grey – Die Abrechnung (2)

Schlagworte: Gewalt in Beziehungen – sexualisierte Gewalt

Im ersten Teil meiner Abrechnung sprach ich über den Schreibstil, Sexismus, die Hauptfiguren und den Plot von 50 Shades of Grey (50SoG). All dies sind ausgezeichnete Gründe das Buch zu hassen. Im zweiten Teil möchte ich allerdings auf einen Punkt eingehen, der nicht auf harmlose Art schlecht ist, sondern schlicht besorgniserregend: die Beschreibung einer emotional, sexualisiert und physisch gewalttätigen Beziehung (im Text kurz: abusive) als sexy romance!story unserer Zeit.

Jenny Trout, deren Zusammenfassungen des Buches ich gelesen hatte, hat Folgendes dazu zu sagen (Übersetzung wie immer gern auf Anfrage):

I’m not exaggerating when I say that I fear for women. I fear for the women who embrace this book. I fear for the women who will raise their Greybies to be “gentlemen” like Christian and “strong women” like Ana. I fear for the lives of domestic violence victims to be, the woman who seek out their own Christian Grey and find him. I fear for the women who see their abuse experience reflected in this book, and who find no solace from people they used to trust, because they know that they’ll never be understood so long as 50 Shades is the greatest romance of our time. I fear for the children who will be born to dangerously flawed fathers because their mothers believe, from the example set in these books, that abusive men can change through the shared miracle of unwanted pregnancy.

Und dem kann ich nicht wirklich widersprechen. Es ist nämlich so: Es gibt Bücher, Serien und Filme, an denen ich Dinge auszusetzen habe. Oft sind es Sachen, die mit „-ismus“ enden, teils auch manipulatives Verhalten der Charaktere untereinander, das in dem Medium nicht wirklich kritisch angesprochen wird. Aber selten habe ich eine derart detaillierte und konsistente (schlüssige, anhaltende) Beschreibung von abusive Verhalten gelesen. Dieses Buch kann in zwei Richtungen gelesen werden: Eine umfassende Sammlung von red flags¹, das heißt Anzeichen für eine abusive Beziehung. Oder als Anleitung für Gewalt in Beziehungen. Was es angeblich sein soll: Die romantische (und sexy) Idealbeziehung unserer Zeit. Ich kann nicht ausdrücken, wie gefährlich das ist.
Und nein, ich rede hier nicht von dem BDSM-Teil, der so unglaublich naughty sein soll (obwohl da auch sexualisierte, emotionale und physische Gewalt vorkommt, weil Consent fehlt – nicht gespielt, sondern in echt). Ich rede von fast jeder einzelnen Interaktion zwischen den Hauptcharakteren.

Im folgenden werde ich einige red flags für Beziehungen aufzählen, die wiederholt im Buch abgehakt werden. Wenn ich mich noch erinnern kann, füge ich Beispiele hinzu.

■ Dein*e Partner*in versucht dich von Freund*innen und Familie zu isolieren

Einmal möchte Ana mit ihren Freundinnen ausgehen, während Christian nicht in der Stadt ist. Er kommt zurückgeflogen (!) und bestraft sie dann dafür, dass sie ausgegangen ist (nicht Teil der BDSM-Beziehung).

■ Eifersucht und Besitzdenken

Ana kann einen Typen nicht einmal mit dem Zehennagel ansehen, ohne dass Christian herbeigewetzt kommt und eifersüchtig wird. Von ihrem besten Freund hält er sie fern oder ist eifersüchtig, wenn die beiden miteinander reden, ihren Chef feuert er (in beiden Fällen ist auch ~Zeug~ passiert, aber ändert nichts an seiner ekligen Art) und als Ana sich einmal oben ohne auf ihrer eigenen Yacht sonnt, lässt er jede Zurückhaltung fallen, weil die (männlichen) Bodyguards!!!

■ Wenn du in der Gegenwart von Partner*in bist, weißt du nicht, wo dir der Kopf steht. Du bist dauernd emotional aufgewühlt, aufgebracht, unsicher

Selbsterklärend. Ana hat unendlich viele Monologe, in denen sie darüber nachsinnt, wie schlecht und kopflos sie sich fühlt.

■ Die Beziehungsstadien werden unglaublich schnell durchlaufen

Christian sieht sie, lädt sie zum Essen ein, fängt an krass besitzergreifend zu werden, macht sexuelle Anspielungen. Nach wenigen (3-5) Wochen ziehen sie zusammen, verloben sich, sie arbeitet (ohne es zu wissen) indirekt für ihn, Schwangerschaft usw.

■ Dein*e Partner*in kontrolliert dein Leben

Well. Christian nervt einfach so lange rum, bis er seinen Willen hat. Das erstreckt sich auch darauf, ob Ana ihr altes Auto behalten darf (nein), ihr neues von ihm gegen ihren Willen gekauftes Auto fahren darf (nein), kurze Sachen tragen darf, wenn sie rausgeht (nein) und entscheiden darf, dass sie gerade keinen Hunger hat (nein). Das, wohlgemerkt, wird alles im Buch nicht als Teil der BDSM-Beziehung dargestellt, so dass man mit „power exchange“ oder ähnlichem argumentieren könnte.
Nachtrag [04.08.14]: Da hab ich doch glatt eine riesige Sache vergessen; Christian kauft Anas Job. Sie betont, dass sie es alleine schaffen will, aber kurz nachdem sie eine Anstellung findet, stellt sich heraus, dass Christian die gesamte Firma gekauft hat. Weswegen er später in der Lage ist ihren Chef zu feuern.

■ Stalking

Schon ganz zu Beginn findet Christian erstaunlich viel Zeug über sie heraus, inklusive ihrer GPS-Daten als sie tanzen geht, um dort dann aufzutauchen.

■ Dein*e Partner*in tut sexuelle Dinge, die du nicht möchtest

Es passiert, mindestens zwei Mal, teils mit „dubious consent“, wo man im Nachhinein davon ausgehen soll, dass Ana es mochte. Sehr abgefuckt.

■ Manipulation

Ana erhält dauernd Geschenke mit Hintergedanken von Christian, die sie nicht ablehnen kann (weil er sie nicht lässt). Sie kriegt ein Notebook, damit sie erreichbar ist. Sie kriegt ein neues Auto, weil ihr altes zu unsicher sei – dass sie dann nicht fahren darf, weil das auch zu unsicher ist.

■ Emotionale Manipulation

Christian schmollt unzählige Male, bis er seinen Willen bekommt. Wiederholt weigert er sich auch mit ihr zu schlafen als Strafe (kein Teil der BDSM-Beziehung und es ist klar, dass das der einzige Grund ist – nicht dass er keine Lust hat).

■ Partner*in übernimmt keine Verantwortung für eigene Taten
■ Am Ende scheinst du immer das zu machen, was Partner*in will/zuzustimmen, weil es einfacher ist als dauernd zu streiten

Das sind die gesamten Bücher 2 und 3. Ana will irgendetwas, Christian will das nicht. Sie streiten ewig, bis Christian seinen Willen bekommt (wenn er die Situation nicht schon so manipuliert hat, dass es ohnehin geschieht). Im 3. Buch scheint Anas Wille einfach nur noch gebrochen und sie wendet teils nichts mehr ein, weil es ohnehin nichts bringt.

Eine weitere Liste mit konkreten red flags und Bezügen zum (1. Teil des 1.) Buch, könnt ihr hier auf Englisch nachlesen.

Ich kann nicht wirklich in Worte fassen, wie schlimm, gefährlich und verachtenswert ich diese Buchreihe finde. Ich kann nur sagen, dass es ab der Hälfte aufhörte Spaß zu machen zu lesen (obwohl ich eine lustige Review mit vielen Witzen gelesen habe!) und ich ohne Pausen nicht mehr weiterkam.

1 Wörtlich: rote Fahnen/Flaggen
2: BDSM: Ein Sammelbegriff für sexuelle Vorlieben, laut Wikipedia zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben von „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“.

50 Shades of Grey – Die Abrechnung (1)

In den letzten wahrscheinlich zwei Monaten habe ich die Zusammenfassung des „Buches“ 50 Shades of Grey (50SoG) durch Jenny Trout gelesen. Um genau zu sein, handelt es sich um eine „Trilogie“. Um noch genauer zu sein, handelt es sich um eine Twilight-Fanfiction, die wahllos in drei Teile zerschnitten wurde, damit die Autorin E.L. James mehr Geld scheffeln kann.

Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Fanfiction. Jedoch ist das erste kleine Problem von 50SoG, dass es schlicht und ergreifend das Plagiat eines anderen Buches darstellt, denn E.L. James hat jede einzelne Wendung und jeden einzelnen Charakter von Twilight verwurstet. Dass Edward in der Druckversion „Christian“, Bella „Ana“ und Jakob „José“ (subtiiil) heißen, macht da auch keinen großen Unterschied mehr.

Aber das ist erst der Anfang. Wenn ich aufgefordert würde zu beschreiben, was ich an diesem Buch hasse, würde ich der Einfachheit halber damit beginnen, was ich nicht hasse. Moment, ich muss überlegen. Oh ja, es gab da zwei Nebencharaktere: Der Bodyguard Taylor und die Haushälterin Ms. Jones, die Christians gebrauchte Kondome vom Boden aufheben und seine benutzten Buttplugs reinigen muss. Die beiden jedenfalls kommen zusammen. Die armen.¹

Also kommen wir dazu, was ich an 50SoG hasse, denn dafür sind wir ja hier. Wie gesagt, ich habe von den Büchern nichts gelesen, bis auf die Ausschnitte, die Jenny Trout regelmäßig in die Zusammenfassungen eingefügt hat. Ich fühle mich trotzdem ausgezeichnet in der Lage meine Einschätzung zu liefern. Vielen Dank.

Der Schreibstil

Den Schreibstil als „schlecht“ zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung des Wortes „schlecht“. Und meine Ansprüche sind da eigentlich nicht so hoch – ich erwarte keine kunstvoll geschwungenen Phrasen, es würde mir schon reichen, nicht 10 Mal davon zu lesen, wie Ana (die das Buch in der 1. Person Präsens erzählt) rot wird. Bzw. lasse ich das kurz Cliff von Pervocracy zusammenfassen:

Okay, I searched the book, and there are:

  • 30 „holy crap“s
  • 39 „holy shit“s
  • 16 „holy cow“s
  • 7 „holy Moses“s

Also:

  • 100 „flush“es
  • 7 „double crap“s
  • 6 times C[hristian]G[rey] is „tousled“, 6 times he is „sculptured,“ and 11 times his eyes „blaze“

WRITING!

Hier ist also aufgezählt, wie oft die Ausdrücke im Buch wiederholt werden – Cliff redet, wohlgemerkt, vom ersten Buch, nicht der gesamten Trilogie. Was diese Aufzählung auch sehr gut illustriert, ist die unterirdische Ausdrucksweise von Ana. Welche 22-jährige (?) benutzt Flüche wie „holy cow“ oder noch schlimmer „double crap“? Vor allem denkt sie diese „Flüche“ in den unangemessensten Situationen. Sieht Ana Christians gigantisches Gemächt oder bekommt von seiner traumatischen Kindheit erzählt, denkt sie „Jeez“. Was zum…

Der Sexismus

Ana hasst alle Frauen. Alle. Frauen. Außer alte Frauen (>30), denn die sind zu vertrocknet, um ihr ihren Super-Ehemann wegzunehmen. Und die eine Schwarze Rezeptionistin. Ihr wisst schon, weil es „ich bin nicht rassistisch“ schreit, wenn man eine einzige Schwarze Frau einführt und die Protagonistin sich dann denkt, dass sie mit der sicher befreundet sein könne – ohne mit ihr mal geredet zu haben.
Ana hasst auch bzw. besonders Europäerinnen.² Und Blondinen. Also Naturblondinen, gefärbte Blondinen scheinen auf der Hassliste weiter unten zu stehen. Und dann hasst sie all die Frauen, die sich an ihren heißen Kontrollfreak ranmachen. Also alle Frauen unter 30, denen sie begegnen (die Frauen über 30 stehn auch auf ihn, sind aber nicht erwähnenswert, sh. „vertrocknet“). Und natürlich hasst sie auch Kate, ihre beste Freundin und den Alice(?)-Abklatsch, Christians Schwester – mit der Bella in Twilight sich eigentlich super gut versteht. Also ich hoffe, ihr habt verstanden, dass Ana alle Frauen hasst.

Die Hauptfiguren

Ich H.A.S.S.E Ana und Christian. Ich verabscheue sie, ich wünschte nur für sie würde eine Möglichkeit erfunden fiktionale Figuren zu würgen. Ich hasse Christian mehr. Aber ich hasse auch Ana. Ich hasse wie sie jedes Mal von der „Kate [Nachname] inquisition“ spricht, wenn ihre beste Freundin (!) ihr eine Frage nach ihrem Leben stellt. Ich hasse wie die beiden sich nach ihrer Heirat mit „Mr.“ und „Mrs. Grey“ ansprechen (nicht gelogen und es ist so. furchtbar). Und ich hasse alles an Christian. Alles. Aaaaalles. All-es. (Übrigens der Mann eurer Träume, falls ihr den Hype noch nicht mitgekriegt habt.) Zu den Gründen komme ich beim nächsten Mal.

Den Plot

Man sollte meinen, wenn man ein Buch plagiiert, das es immerhin schafft eine Geschichte zu erzählen, dass es eine Handlung geben sollte. Uhm. Nope. Also klar „kriegen sie sich oder nicht, Heiiiirat, Baaaabies“, aber das ist keine Handlung. Was stattdessen passiert, ist, dass E.L. James über die langweiligsten Sachen stundenlang fabuliert und dann bei den Szenen, wo normale Menschen einen Spannungsbogen aufbauen, einfach drüber hinwegfliegt oder – noch besser – gar nicht beschreibt, was dort geschieht. Dieses Buch ist spannungsmäßig wie eine niemals endende Fahrt mit einer Person, die nicht mit Gaspedal, Kupplung und Bremse umgehen kann, nur dass das Geschehen im Auto nicht erlebt, sondern erzählt wird. „Wir stoppten, nein wir rollten einige Zentimeter, es wurde auf das Gaspedal gedrückt, aber die Kupplung kam nicht, also ruckelte es. Mit einem stärkeren drücken des Gaspedals schossen wir nach vorne, aber dann wurde die Bremse gedrückt, wir wurden stark langsamer, aber hielten nicht an.“ IMMER WEITER BIS DU TOT BIST ES WIRD NIE AUFHÖREN.
Habt ihr American Psycho gelesen? Es gibt dort ganze Seiten, einmal waren es etwa 5, kleine Schrift, auf Englisch, in denen die unwichtigste Scheiße beschrieben wird. Das eine Mal ging es darum, wie toll irgendeine Typenband ist. 5 Seiten. 5 Seiten ohne Handlung, nur das einfältige Gelaber des selbstverliebten Protagonisten. Ich bin immer noch der Meinung, dass American Psycho schlecht geschrieben war. ABER DIESES KAPITEL WAR SPANNENDER als Anas Beschreibung, wie sie sich im Spiegel ansieht, Anas Beschreibung, wie man ein Auto fährt, Anas 50 mal wiederholte Beschreibung wie heiß Christian ist. Spannender als … alles.

Und Christians verdammter Hubschrauber? Heißt „Charlie Tango“. *weint in sir Kissen*

***********
Dies war der erste Teil. Im zweiten Teil schreibe ich über das Schlimmste an dieser Trilogie: Die Beziehung.

1 Es ist schön, dass sie zusammen kommen, aber ununterbrochen in der Gegenwart von Ana und Christian zu sein, kann ich ohne Zögern als Folter bezeichnen.
2 Wie in Jenny Trouts Zusammenfassung angemerkt, liegt das wohl daran, dass E.L. James Britin ist und manche Briten einen ausgeprägten Hass auf Europäer*innen (also Festländer*innen) pflegen. Dass dies für ihre US-amerikanische Protagonistin keinen Sinn macht, geschenkt.

Selbsthilfe bei Depressionen?

Schlagwörter: Depressionen – Selbsthilfe – Lesekreis

Ich habe gerade ein Buch zuende gelesen, das da heißt “Jetzt geht es um mich – Die Depression besiegen – Anleitung zur Selbsthilfe” und ich finde es fantatastisch, bis auf einige Kleinigkeiten. Ich finde es fantatastisch, weil ich schlicht und ergreifend merke, wie es mir hilft. (Zumindest, wenn ich dazu komme es zu lesen bzw. mich dran erinnere, wozu ich von dem Buch inspiriert wurde.) Autor ist Josef Giger-Bütler.

Es zeigt aber gleichzeitig ein Problem, dass es bei vielen (psychischen) Krankheiten gibt: was einer Person hilft, muss einer anderen mit dem gleichen Problem nicht helfen.

Es fängt schon grundlegend an: ich kann verstehen, wenn einige Leute schlicht und ergreifend den Stil des Buches nicht mögen. Er ist sehr repetitiv (d.h. die gleichen Aussagen in ähnlicher Form wiederholend) und es wurde absichtlich (größtenteils) nicht gegendert. Ersteres fand ich jedoch sehr hilfreich, weil ich immer wieder hören muss, dass ich mir Zeit nehmen kann, dass die Welt nicht untergeht, dass ich Pausen machen darf, dass ich Nein sagen darf und so fort.

So schade ich es finde, dass ich nicht um Aufmerksamkeit heischend durch die Gegend rennen und allen Menschen mit Depressionen dieses Buch als DIE LÖSUNG empfehlen kann, muss ich anerkennen: es hat mir geholfen. Anscheinend funktioniert es sehr gut für mich. Für meinen Charakter und meine Probleme. Es wird deswegen aber nicht zwingend anderen helfen. Beispielsweise ist der Autor mir zu sehr davon überzeugt, dass dieser Ansatz für alle funktionieren kann. Und wenn ich stärkere Depressionen hätte bzw. nicht ohne Medikamentierung auskäme, würde ich mich von ihm verarscht fühlen, denke ich. Denn “hier, ich habe eine tolle Lösung” kann sehr schnell klingen wie “und warum bist du da nicht früher drauf gekommen, dummy?” – etwas, was ein Selbsthilfebuch selbstverständlich nicht tun sollte. Bzw. kann es auch klingen wie “Wenn mein Ansatz für dich nicht funktioniert, versuchst du’s nicht stark genug.” Und wow, we don’t wanna go down that road.
Eine andere Sache, die sicher auch wichtig ist: wie es bei Selbsthilfebüchern so ist, geht es nur darum, was *man selbst* ändern kann. Einerseits hat es mir geholfen auszuloten, worauf ich alles Einfluss habe und mich mehr in control zu fühlen. Andererseits kann das wirklich beleidigend sein, wenn man gerade einfach nur metertief in der Scheiße steckt (Redewendung) und schlicht abhängig ist von Menschen und Institutionen, die man nicht beeinflussen kann. Oder einer Gesamtsituation gegenübersteht, die sich nicht in absehbarer Zeit bessern wird.

Zum Ansatz des Buches, falls ihr’s mal ausprobieren wollt: Giger-Bütler geht davon aus, dass Depression vor allem durch eine extrem ausgeprägte Erschöpfung gekennzeichnet ist, weil man seit Jahren über die eigenen Ressourcen gelebt hat. Für mich passt das absolut. Daher geht es im Buch eigentlich “nur” darum zu lernen einzuschätzen, wie viel man gerade machen kann/ob man es auch wirklich machen will und sich nicht zu überfordern. Der Schwerpunkt liegt dabei auf extrem kleinen Schritten. Also statt: “Diese Woche werde ich meine Depression besiegen, indem ich dieses krasse Workout-Programm endlich durchziehe, alle meine Notizen sortiere und mich einfach zusammenreiße!!!”, ein “heute möchte ich versuchen, mich zu loben, wenn ich etwas gut gemacht habe”. Oder “Heute will ich drauf achten, wie ich mich gerade fühle und ob ich mit dem, was ich gerade tue, weitermachen will.” Usw. Der Hintergedanke ist dabei, dass die meisten – vor allem, wenn sie schon so *erschöpft* sind – mit großen Schritten zwangsläufig scheitern. Deswegen der Fokus auf kleine Schritte, einen nach dem anderen. Und Pausen machen. Schauen, ob man gerade weitermachen will oder erst mal nur abwarten. Noch einen winzig kleinen Schritt, gucken ob es passt. Usw. usf.
Das Buch ist dabei eine hilfreiche Erinnerung das durchzuziehen. Denn auf die Idee Pausen zu machen ist sicher jede*r schon gekommen. Aber dann geschieht dies und das und „nur für den einen Notfall“ wirft man die Selbstfürsorge über Bord (Redewendung). Mir hat die ständige Erinnerung geholfen, konsequenter zu bleiben und langsam kleine Fortschritte zu machen.

King Kong Theory – Virginie Despentes

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: Prostitution – Pornografie – Feminismus – Patriarchat – Klassismus – Kapitalismus – feministische Literatur

Kommentatorin* Ada hatte zu meinem Wünsch dir was-Artikel kommentiert, ob ich nicht etwas zu Virginie Despentes, etwa ihrem Buch King Kong Theory schreiben wöllte. Also habe ich es mir ausgeliehen und allerhand Notizen gemacht. Wegen selbiger Notizen wird dieser Artikel auch eher eine längliche Zusammenfassung als eine richtige Rezension.
Dabei muss ich erwähnen, dass Despentes relativ provokativ-verallgemeinernd schreibt. Das hat zur Folge, dass die Lektüre interessanter ist, als bei einem trocken gehaltetenen Buch, aber auch, dass ich sie teils wörtlicher genommen habe, als Aussagen zu verstehen waren und das erst in späteren Kapiteln bemerkt habe. Auch hat sie ihre Gedanken absatzweise gesammelt. Das heißt, es gibt zwar mehrere große Kapitel, nach deren Überschrift sie die Themen wählt, aber innerhalb des Kapitels spricht sie je über einen Teilaspekt und geht dann relativ assoziativ zum nächsten. Dadurch kommt es zu den thematischen Sprüngen innerhalb nur weniger Seiten. Aber lest selbst.
Ich zähle die Seiten runter, auf denen ich gerade bin. Trigger Warnung ab Seite 33 bis Seite 43.
Von mir zusammengefasste Aussagen der Autorin (keine Zitate!) sind kursiv.

S.18 Despentes erscheint stark, unabhängig und in ihrer Meinung gefestigt und betont trotzdem stark, dass sie nicht schön/begehrenswert für Männer* ist. Verwirrung.

S.19 Stark femininer Look soll als Entschuldigung dienen fürs Intelligent- und Unabhängig-Sein? Ahem. Unabhängigkeit der Frau* wird als bedrohlich wahrgenommen? Okay, da gehe ich mit.
Dann würde ich die erste Aussage allerdings so umformulieren, dass von Frauen* erwartet wird, sich feminin zu kleiden, „wenn man sie schon ernst nehmen soll“ – also von ihnen erwartet wird, nicht aus ihrer zugewiesenen Rolle zu fallen.

Hier wird schon ein großes Problem des Buches deutlich. Es gibt Männer und es gibt Frauen. Ende. (Absichtlich kein Stern.) Homosexualität ist bis zu einem gewissen Grad mitgedacht, denke ich, aber Menschen, die sich außerhalb der Geschlechterdualität verorten … gar nicht. Und trotz nicht völliger Ignoranz gegenüber Homosexualität geht es eigentlich ausschließlich um das Spannungsfeld zwischen Männern* und Frauen*.

S. 20

Pretending that men and women got on better before the 1970s is a historical lie. We just saw less of each other.

S.21 Haushalt und Kinderaufzucht wurden in den 1970ern nicht revolutioniert.

S.22 Von Müttern wird verlangt, dass sie auf magische Weise alles über Kindererziehung wissen. Der alles überwachende Staat ist nur eine Erweiterung davon und hält Menschen in einer infantilen Phase o.ô (ich hänge mich hier offensichtlich etwas an der Formulierung auf). Dies wird verbunden mit einer Kapitalismus-Kritik, die besagt dass Konsument*innen machtlos und gehorsam gehalten werden sollen. (S. 23)

S.24 Thema: inzwischen werden Männer* und Frauen* in den Krieg geschickt:

The real polarisation is along class lines.

Der väterliche Blick kann seiner Tochter klar machen, dass sie außerhalb des sexuellen Marktplatzes existiert. Hell to the fucking no. Why? Whut?
Despentes ist hier äußerst in männlichen und weiblichen Rollenbilder verhaftet, vor allem im Glauben, dass ein Geschlecht automatisch ein bestimmtes Rollenbild vermittelt. Die heterosexuelle Kernfamilie (Mutter, Vater, Kind) wird nicht in Frage gestellt. (Alle sind cis und binär.)
Class scheint sie einen höheren Stellenwert als Race beizumessen.

S.25 Männer* müssen ihre Femininität und Frauen* ihre Maskulinität unterdrücken.
Despentes hat also auch die männliche Perspektive im Blick.

S.26 Der Kapitalismus will uns alle infantilisieren („Staat als Mutter*“), so dass Männer* genau so gefangen sind, wie Frauen* es bereits sind.
Diese ganze Sprache von Menschen, die im Kapitalismus wie Kinder bleiben sollen ist ugh. Hätte mich wahrscheinlich weniger gestört, wenn klarer ausgelegt worden wäre, in welch krasser Abhängigkeit derzeit Kinder gehalten werden. (Statt das allgemeine Verständnis vorauszusetzen, dass Kinder nicht für sich selbst sorgen können.)

TRIGGER WARNUNG

S.33 Sie spricht davon, wie sie nicht das Wort „V.“ benutzt hat, weil Menschen dann anfangen, dich zu kontrollieren (d.h. Victim Blaming zu betreiben) und Bilder des „typischen“ Opfers heraufbeschworen werden.

S.35 Sie begreift/schreibt wie sie V. als Risiko das Haus zu verlassen begriff (die V. abzuwerten hilft ihr, ihre V. als etwas managebares zu begreifen.)
Ist leider Bullshit. Sicher, das Haus zu verlassen bedeutet als Frau* automatisch mit Street Harassment rechnen zu müssen, leider blendet diese Darstellung aber sexualisierte Gewalt in den engsten Beziehungen, die man hat, aus. Die laut Statistik sehr häufig sind. Mit anderen Worten: häusliche Gewalt/Missbrauch in intimen Beziehungen ist definitiv kein zentrales Thema dieses Buches.

S.40 Sie wünschte, es gebe ein Anti-V.-Kondom. Da wir in einer traurigen Welt leben, gibt es das inzwischen.

Ich hätte mir gewünscht, dass Despentes noch ein wenig mehr auf die gesellschaftliche Ebene geht. Sie verfolgt einen Stil, der sich meist wie folgt liest: „Männer* denken dies, Männer* machen das.“ Das ist sehr polemisch gehalten und macht es manchmal schwer zu unterscheiden, ob sie gesellschaftliche Tendenzen verdeutlichen will oder die Aussage wörtlich meint.

S.41 Mein O-Ton: Weird shit on why women who have been r***d are good hookers :/ „Men like the scent.“
„R***¹ is about power.“
Na ja, V. ist halt auch eine Gesellschaft, die keine Ahnung hat, was Consent ist (später geht sie noch etwas darauf ein).

S.42 „R***¹ is the exclusive male domain“. Wrong. Ja, sehr stark in die Richtung neigend, aber halt nicht richtig. Testosteron schaltet nicht das Urteilsvermögen aus. Korrekt.

S.43 Frauen sind mehrheitlich masochistisch, damit sie mit der Machtverteilung besser klarkommen, aber es hält uns fern von Macht. *starkes räuspern*

S.48 Thema: Prostitution. Der Ehevertrag und der „Prostitutionsvertrag“ stehen in Verbindung miteinanader.

S.54 Frauen* werden durch Prostitution gebrandmarkt, ein Freier zu sein ist normal, marginalisiert nicht.

S.63 Geld (für Sex) bringt Unabhängigkeit und lieber Hure als in einer Ehe sein für Geld. Eine mächtige Frau* ist beunruhigend, weil sie, nicht wie eine schöne Frau*, kein Verfallsdatum hat.

S.65

The prostitution transaction – „I pay you, you satisfy me“ – is the basis of the heterosexual contract. It is hypocritical to pretend, as we do, that this transaction is foreign to our culture.

Die Verbannung und Regulierung von Prostitution schafft unsichere Arbeitsbedingungen, begünstigt Missbrauch. Medial werden die Ärmsten, Eingeschleppten ausgeschlachtet, um die Diskussion zu beeinflussen.

S.69

Masculine sexuality is not in itself an act of violence against women, as long as they are consenting and well paid.

S.72 Thema: Pornographie. Wait „men“? Frauen* schauen keine Pornographie? Ah doch, später neutral.

S.74 Leute lehnen Pornographie ab, weil sie unmittelbar vermittelt, was die eigenen Turn-ons sind, ohne dass man das Gehirn zwischenschalten kann.

S.75 Wir erwarten von Pornos „echt“ zu sein, während niemand diesen Anspruch an Film stellt.

S.78 Pornodarstellerinnen wird verunmöglicht, sich in irgendeinem anderen Zusammenhang zu äußern oder zu verwirklichen. Unabhängigkeit durch Geld und weiblich sein: böse.

S.80 Verbot von Pornofilmen in den frz. Kinos, weil sie zu erfolgreich war. Lust darf spielerisch nur von den Reichen ausgeübt werden. Zu viel Erleben von Lust könnte Arbeiter*innen vom Arbeiten abhalten.

S.82 Mein O-Ton: Weirde Theorie, dass Männer* Porno-Darstellerinnen so anziehend finden, weil sie sich wie Männer* im Frauen*körper verhalten: immer Sex wollend. Und dass „realer“ Sex dies nicht hergibt … aber welcher Mann* will so viel Sex?!

Weiblicher Orgasmus als Performance-Zwang: vom male gaze beansprucht, d.h. 1) Frauen* müssen kommen, sind sonst frigide. 2) Der Orgasmus soll von einem Mann* verursacht werden, nicht Masturbation. (Homosexualität, anyone?)

S.84 Über Frauen*, die Masturbation „langweilig“ bis unnötig finden und sich einen Mann* wünschen, der sie zum Orgasmus bringt:

What relationship can you have with yourself if you systematically hand your genitals over to someone else?

S.95

For a man, not loving women is an attitude. For a woman, not loving men is pathological.

Sonderbare oppression olympics zwischen „Frauen* unterdrückt durch Männer*“ und was „Weiße über Schwarze“ sagen.

S.97 Victim blaming.

S.98

The thing is that those of us at the top are those of us who have become the allies of the powerful. […] The women most able to accept masculine domination are obviously those given the jobs because it is still men who admit or exclude women.

Femininer Style als generelles Zeichen der Unterwerfung. Ahm.

Thema: Was Femininität für unsere Kultur bedeutet.

S.113 Es gibt keine großen neuen Entdeckungen/Werke über das Männliche, immer die gleiche Show.

Alles in Allem kann ich nicht viel dazu sagen, wie ich das Buch fand, weil es für mich sehr unnatürlich ist, Notizen beim Lesen zu machen und es mich massiv ablenkt. Einige der obigen Zitate bzw. generelle Punkte im Buch finde ich sehr bedenkenswert. Wie ich schon schrieb: die plakative Schreibweise macht es einerseits interessanter zu lesen, andererseits wird nicht immer ganz klar, ob es nur Übertreibung ist oder der feste Standpunkt der Autorin.
Ich hoffe, dass die Zusammenfassung dennoch hilfreich ist.
[Edit]Und wichtig zum Schluss: für das Buch selbst muss ich eine Trigger-Warnung aussprechen, da sie, wie sich wahrscheinlich erahnen lässt, über eigene Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt schreibt.

1 Von mir verfremdet, im Original ausgeschrieben.[/Edit]

Vampire, Elfen und die Gebrüder Grimm

Schlagwörter: Bücher – Fantasy – Vampire

Bis jetzt ist das wahrscheinlich nicht groß aufgefallen, aber ich lese gerne. Wenn ich die Gelegenheit habe, lese ich auch viel. Zum Glück werde ich zuverlässig mit guten Büchern versorgt und möchte hiermit die letzten vier vorstellen und ganz subjektiv¹ bewerten.

John Ajvide Lindqvist: So finster die Nacht

In einer schwedischen Vorstadt geschehen grausame Morde, Oskar wird an der Schule gehänselt. Er freundet sich jedoch mit dem blassen Mädchen* Eli an, die etwas verwahrlost und teils auch krank wirkt – aber erstaunlich stark ist.

Der Roman ist düster, aber mit Können geschrieben. Ich habe es nicht so mit depressiven Erzählweisen, weswegen ich ab und an eine Pause eingelegt habe. Der Glaube, dass es nie wieder ein Tag ohne Finsternis und Verderbnis geben wird, schleicht sich bei der Lektüre schnell ein.
Auf jeden Fall bietet der Roman eine mitreißende Geschichte, die vor allem auch mehr Tiefe und Kreativität zu dem zur Zeit sehr beliebten Thema Vampire bietet, als man befürchten könnte. „Vampirroman“ trifft, um genau zu sein, überhaupt nicht den Kern der Sache, weil der Autor* eigentlich das kalte Bild einer Vorstadt zeichnet, in der Kinder gehänselt werden, aus Langeweile und Vernachlässigung anfangen Drogen zu nehmen und in die Kriminalität abrutschen. Nebenbei bekommt man einen deutlichen Blick geboten, was aus diesen Kindern wahrscheinlich später wird: nämlich perspektivlose Säufer*innen.
Trotz all der Aussichtslosigkeit gibt es zwei Protagonist*innen, die vorsichtig aufzeigen, wie man Freundschaft auch in Dunkelheit knüpfen kann (dies ist so etwas wie ein Wortspiel).

Das Buch benötigt eine [Trigger Warnung], nachzulesen nach der Pause am Ende des Artikels.

Bewertung: 8/10, wobei die zwei Punkte Abzug nur von meiner Ablehnung absolut deprimierender Bücher herrühren und keinem schriftstellerischen Mangel geschuldet sind (wenngleich ich einige Kapitel weniger über die Säufer*innen-Gruppe tatsächlich gutgeheißen hätte).

Patricia McKillip: The Book of Atrix Wolfe

Der große Zauberer Atrix Wolfe ist seit dem Krieg verschwunden. Für Chaumenard endete der Kampf in einem Unglück, von dessen Schrecken sich die Menschen bis jetzt nicht recht erholt haben. Niemand weiß, wer es heraufbeschwor. Nun möchte Prinz Pelucir, der seine Ausbildung als Magier beendet hat, nach Chaumenard zurückkehren, um mit seiner Kunst seiner Familie zu dienen. Allerdings beschwört er selbst eine Bedrohung herauf, als er einen Spruch aus dem unscheinbaren Buch ausprobiert, das er mit sich gebracht hat.

Patricia McKillip schreibt sehr bildhaft, wodurch ihr Englisch für mich teils schwer zu verstehen ist, obwohl ich sonst flüssig lese. Ihre Art zu schreiben trägt allerdings unglaublich zur Atmosphäre ihrer Bücher bei, die niemals wie flacher Fantasy-Kitsch mit ein paar lustigen Namen wirken, sondern als würde man einen kleinen Ausschnitt einer komplexen Welt präsentiert bekommen. Bei ihr gibt es nie einfach gut und böse und eindeutig zu bewertende Geschehnisse, was die Bücher reizvoll macht. Sie zeichnet meist Geschichten, in denen die Handelnden gute Gründe für ihr Vorgehen hatten und Unglück aus gegenteiligen Interessen entsteht, nicht aus Bosheit. Die Ambivalenz, die McKillip entstehen lässt und aufrecht erhält, bietet den Raum für Auflösungen, die keinem bekannten Schema folgen.

Bewertung: 9/10. Ich mag die Atmosphäre ihrer Bücher, aber die Protagonist*innen und die Geschichte von „Solstice Wood“ haben mich mehr angesprochen. „The Book of Atrix Wolfe“ ist zwar recht ausgewogen, mir aber dennoch zu männerlastig.

N.K.Jemisin: The Kingdom of gods

Im nunmehr dritten Buch der Reihe beginnt die Macht der Herrscherfamilie Arameri langsam zu bröckeln. Die niederen Familienmitglieder wurden, ohne dass dem jemand Beachtung geschenkt hätte, gemeuchelt, weswegen nun der Fortbestand der Familie gefährdet ist.
Der Gött*innen-Sohn Sieh freundet sich derweil mit zwei Arameri-Kindern an, obwohl er von deren Familie für 2000 Jahre in Sklaverei gehalten wurde.
Während die anderen Länder, besonders die des Nordens, beginnen, sich gegen die Arameri aufzulehnen, kämpft Sieh darum, seine Unsterblichkeit wiederzuerlangen, die er* unerklärlich verlor, wobei nicht einmal seine göttlichen Eltern Rat wissen.

Ich. liebe. diese. Bücher. Homosexualität ist kein Ding oder Gimmick, sondern einfach absolute Selbstverständlichkeit.
Die Hauptfigur eines der vorhergehenden Bücher war leider „die magische Behinderte“, die es öfter in Fantasy-Büchern gibt; dabei handelt es sich um ein*e Protagonist*in (oft weiblich) mit einer Behinderung, die meist dadurch relativiert wird, dass die Person besondere Fähigkeiten hat, die ihr helfen, ihre Umwelt zu navigieren. Ich finde das immer etwas problematisch, weil dies nun einmal ein anderes Vorgehen darstellt, als Menschen mit Behinderung selbstverständlich mitspielen zu lassen.
Im aktuellen Buch gibt es auch ein Mädchen mit einer Gehbehinderung, aber auch da war ich mir nicht ganz sicher, ob die Autorin nicht etwas unaufdringlicher hätte schreiben können als „Sie lief so und so – wegen ihres Fußes.“, „Sie war langsam – wegen ihres Fußes“ etc. Ich weiß allerdings auch nicht, ob ich für das Thema bereits die nötige Sensibilität aufbringe. „Immerhin“ hat die blinde Protagonistin eines Tages ihre magischen Fähigkeiten verloren und ich habe das Gefühl, dass sie ab diesem Moment auch recht gut dargestellt wurde.
Manati meint hierzu jedoch, dass die Fähigkeiten der „magischen Behinderten“ die Behinderung nie aufwiegen, was korrekt ist. Oree (die Blinde) kann nur Magie sehen, also keine normalen Menschen und auch nicht ihre Umgebung, so lange keine Magie durch sie fließt und Toph von Avatar kommt weder gut mit Angriffen aus der Luft, noch mit Wasser oder Sand klar.
Zurück zum Buch: Darüber hinaus sind in dieser Welt nicht alle weiß, was sicher der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass die Autorin of Color ist. Es ist auf jeden Fall sehr erfrischend.
Was soll ich sagen? Diese Bücher haben nicht die ambivalente Komplexität von McKillip, sondern sind im Vergleich eher geradlinig geschrieben, mit den eher bekannten Twists in der Geschichte. Dennoch ist Gut und Böse hier auch ein zentrales Thema und dass sie nicht immer klar unterschieden werden können. Dies zeigt sich vor allem darin, dass einer* der drei Gött*innen zwar den Krieg zwischen ihnen ausgelöst hat, in dessen Verlauf auch die Erde verwüstet wurde, aber seine* beiden Geschwister hatten sich vorher auch nicht tadellos verhalten. Im Verlauf der gesamten Geschichte sind die Leser*innen also dazu angehalten, ihre Meinung über die Intergrität² der Figuren zu überdenken.
Ach, was rede ich drumerhum: ich liebe die Bücher, trotz ihrer Fehler. Daher

Bewertung: 10/10.

Auch hier muss eine leichte [Trigger Warnung] ausgesprochen werden. Erklärung unten.

Polly Shulman: Die geheime Sammlung

Elizabeth gerät durch Empfehlung ihres Gemeinschaftskundelehrers an einen Job im Archiv. Das Archiv enthält, wie sich herausstellt, die sonderbarsten Sachen – Gebrauchsgegenstände aus den verschiedensten Epochen, manche aus den Zeiten, wo unsere Märchen herkommen, manche sehr zeitgemäß, wie ein Schrumpfstrahler.
Ihre Aufgabe ist es, die Gegenstände für Kund*innen aus den Archiven zu holen, sie wieder einzuordnen, zu säubern oder reparieren.
Als sie das Grimm-Archiv mit magischen Gegenständen aus der Zeit der Gebrüder Grimm das erste Mal betreten darf, beginnen die Probleme.

Dieses Buch hat mich überrascht. Es war dünn und unscheinbar und klang wie die übliche Fantasy-Geschichte, aber es war … gut. Die üblichen -istischen Fallstricke wurden souverän vermieden. Obwohl „fremde Kulturen“ und „alte Magie“ eine Rolle spielen, wird man nicht von peinlichen Fantasienamen und schlecht recherchierten Märchen enttäuscht, sondern findet eine logische und angenehm zu verfolgende Geschichte vor.
Auch die romantischen Anwandlungen unter den Jugendlichen, die zusammen im Archiv arbeiten, werden gut beschrieben – nicht unrealistisch kitschig oder aufdringlich.
Frauen*rollen waren meiner Meinung nach noch ein klein wenig unterrepräsentiert und ich habe auch ein leicht ungutes Gefühl dabei, wenn eine Inderin mit Magie zu tun hat und ein Schwarzer Basketball spielt, aber es kam mir im Rahmen des Buches nicht offensichtlich furchtbar vor.
Daher eine unerwartete

Bewertung: 10/10

1 nur (m)einen Gesichtspunkt berücksichtigend
2 Unbescholtenheit

Zum Abschluss die Trigger Warnungen (TW):
….

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„So finster die Nacht“: TW hier unbedingt zu beachten, wegen grafischer Beschreibungen von Zwangsprostitution eines Jungen, eines Vergewaltigungsversuchs und durch das Buch hindurch Annäherungsversuche eines Pädophilen.

„The Kingdom of Gods“: TW hier eher „im Vorbeigehen“ nötig. Es wird erwähnt, dass die Gött*innen während ihrer Gefangeschaft zu Sex gezwungen wurden, auch der kindliche aussehende Gott/Godling Sieh. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es keine grafischen Beschreibungen oder lange Ausführungen dazu, aber es wird erwähnt.