Open Thread: Ist der #aufschrei nur der Anfang?

Schlagwöter: #aufschrei – Feminismus – sexualisierte Gewalt

Ihr habt siiicher aaalle mitbekommen, dass auf Twitter unter dem Stichwort #aufschrei von sexistischen Kommentaren und Erlebnissen berichtet wird.
Leider sind die Tweets unter dem Hashtag (d.h. Stichwort) teils heterosexistisch und viele versuchen die Teilnehmer*innen zum Schweigen zu bringen. Es finden sich also nicht nur Erfahrungsberichte und Kommentare, sondern schlicht sexistische Bemerkungen. Deswegen mit Vorsicht genießen (RW=Redewendung). Hier aktuelle Tweets ansehen.

Eine Artikelsammlung zum #aufschrei gibt es u.a. hier. Ich selbst habe meinen Frust in den zwei letzten Artikeln rausgelassen: #aufschrei und Bis zum männlichen* Horizont und nicht weiter.

Nun meine Frage an euch: Glaubt ihr, dass sich etwas ändern wird? Denkt ihr, dass Menschen Feminismus für sich neu entdeckt haben oder endlich anti-sexistische Gesetzgebung folgen wird? Oder geht ihr davon aus, dass alles schnell vergessen sein wird und es bleibt wie es ist?

Links 33

Schlagwörter: Armut – Ableismus – Klassismus – Feminismus – Facebook – Hartz IV – Sanktionen – Klein-Sein – Zusammenarbeit – Aggressionen – Gender – Ölkatastrophe – Humor

Hartz IV-Mahnbescheide gehen auch an Kinder. Illegal? Scheißegal!
[Deutsch]

Wie ein kalabrisches Dorf (Italien) und Geflüchtete zusammenarbeiten und einen Ort retten
via @kiturak [Deutsch]

Übers Klein-Sein
via @baum_glueck [Deutsch]

Inhaltswarnung: Zitat von sexistischen Kommentaren und Bildern, die sexualisierte Gewalt unterstützen
Facebook zensiert feministische Inhalte, während frauen*feindliches Material ungenügend bis gar nicht entfernt oder bestraft wird
via @kiturak [Englisch]

Auf welche Art Gewalt und Aggressionen abhängig vom Geschlecht interpretiert werden
[Englisch]

„The assumption that disability is isolating approaches the problem from the wrong direction. People are isolating, and they isolate other people on the basis of their disability status.“
Weiterlesen
[Englisch]

Ein*e Ally für Leute mit Behinderung zu sein heißt: sich an ihre Behinderung erinnern
[Englisch]

Die unbeachtete Ölkatastrophe im Nigerdelta
[Deutsch]

The rule of reciprocity: Menschen geben, auch gegen ihren Willen
[Englisch]

Bundesregierung gefällt aktueller deutscher Armutsbericht nicht, weil er die ungerechte Lage zu deutlich widergibt
[Deutsch]

Erstes afro-deutsches Malbuch!
@hakantee via @fasel [Deutsch]

Zum ersten Mal: Links, mit denen ihr über die vorherigen Links hinwegkommen könnt
Xena [Englisch]
Die beste Katzengif, wo gibt (via @ekelias)
Auch die Basics zu trans* können lustig sein [Englisch]

Weitere Linksammlungen

Klassistisches Push-back

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: Klassismus – Sprache – Fachbegriffe – Hartz IV – Sanktionen – Feminismus

Engl. to push back: etwas oder jemanden zurückdrängen

Artikel zu Klassismus zu schreiben, hat einen sonderbaren Effekt: man erfährt von Menschen, die man für völlig fortschrittlich hielt, dass man mal langsamer treten soll (RW=Redewendung). Nicht nur in der Klassismus-Diskussion im deutschen Feminismus, von z.B. Nadia Shehadeh, Antje Schrupp, Nadine Lantzsch oder sanczny (nach unten scrollen für Links), sondern auch unter anderen Artikeln zum Thema. Derartige Kommentare, die sich unter meinen Artikeln gefunden haben, sind zum Teil hier gelandet (Abschnitt „Warum Noten an der Uni ein Hohn sind“).

Was ich mich frage, ist, woher das kommt. Bei der feministischen Debatte wahrscheinlich durch den hohen Anteil an Akademiker*innen und damit akademischer Sprache. Man ist halt dran gewöhnt so zu reden und komplizierte Worte drücken komplizierte Sachverhalte so schön kurz aus. Dass das nur gilt, wenn man mit der Sprache vertraut ist, vergisst man dann schnell. Ich sitz immer noch manchmal vor meinen Texten und entdecke ein weiteres Wort, dass ich vielleicht umformulieren sollte. Ich selbst versteh‘ es ja, also verstehen es alle..? Oh nein, Moment. Ein Text wird halt nur für die leichter mit Fachbegriffen, denen deren Bedeutung vertraut ist.

Aber allgemein, warum diese harsche Reaktion auf die Kritik an Klassismus? Warum krieg‘ ich so viele „ist halt so“, wenn ich sage, dass Noten keine Lebensrealität widerspiegeln? Dass Noten angeblich gerecht verteilt werden, aber das System überhaupt nicht in der Lage ist, die für die Abgabe geleistete Arbeit zu überblicken? Warum geht es plötzlich um Hochbegabte, wenn ich den Intelligenz-Begriff kritisiere?
Es ist der gleiche Grund, warum Hartz IV-Bezieherinnen* immer noch mit „faul“ verbunden werden. Warum Menschen nicht den Bogen von supertollen Bekannten, die zufällig auch Hartz IV beziehen zu „den“ Hartz IV-Bezieherinnen* spannen können (RW). Die sind ja anders. Die sind was Besonderes. Aber die echten Hartz-IV-Bezieherinnen*, ganz schlimme Sache das.

Nein.

Ich denke, Klassismus ist die Sache, die immer den anderen passiert.

Die sind anders

Die Leute, die angeblich von unseren Steuergeldern leben, das sind die anderen (was heißt „angeblich“, tun sie. Und ich bin dankbar, dass sie von Steuergeldern leben statt ohne Steuergelder zu sterben, herrgottnochmal). Ich kenn zwar nur tolle und rechtschaffene Hartz IV-Bezieherinnen*, aber irgendwoher muss die B***-Zeitung doch ihre Geschichten haben. Können ja nicht alle erstunken und erlogen sein (HAHAHAHAHAHA *rofl*).
Sind sie aber. Es gibt diese Zwei-Dimensionalen Figuren zum Ausschneiden nicht, mit denen die Sanktionen gerechtfertigt werden. Es gibt nur Menschen, die versuchen in einem Land zu überleben, wo sie Gewalt ausgesetzt sind. Von Behörden, von Mitmenschen, oft mündlicher Gewalt, aber Gewalt. Gewalt, die von ihren eigenen Freundinnen* und ihrer eigenen Familie kommt, denn wir wissen ja, es wär so leicht, einfach „’nen Job“ zu kriegen. Gewalt, die durch unser System bedingt ist, weil Politik und Zeitungen Zwei-Dimensionale Schablonen produzieren, die aber voll total echte Menschen darstellen sollen. Die sind in dieser echten Hängematte und trinken echten Martini. Ham so ’nen echten Swimming-Pool und so ’nen richtig echten Benz. Irgendwann glaubt man den Scheiß auch noch.

Ich bin anders

„Die anderen“ sind aber nicht nur die bösen Hartz-IV-Bezieherinnen*. „Die anderen“ sind auch die, die wirklich von Klassismus betroffen sind. Wenn ich mir noch Essen leisten kann und nur frieren muss, weil die Heizkosten sonst zu hoch werden, geht’s mir doch noch gut, oder? Wenn ich nur einen Nebenjob brauche, um mich selbst über Wasser zu halten (RW), darf ich doch nicht klagen? Wenn ich mir das zweite Getränk beim Ausgehen mit Freundinnen* nicht leisten kann, liegt es sicher nur an schlechtem Geldmanagement? Andere müssen doch sicher auch einen Essensplan aufstellen, um sicherzustellen, dass sie sich genug Nährstoffe leisten können? Wenn ich nur jedes zweite Fachwort eines Textes nicht verstehe, muss ich mich doch nur mehr anstrengen? Oder? Oder???

Lassen wir’s einfach

Wenig Geld ist nichts Neutrales und nichts Okayes in diesem Land. Auf der einen Seite will man sich nicht damit identifizieren, weil sofort Stereotype über arme Menschen auf eine* einprasseln. Auf der anderen Seite will man sich nicht damit identifizieren, weil es so wehleidig, so selbstmitleidig klingt.
Der Zustand ist einfach perfekt! Keine* möchte sich als arm zu erkennen geben, weil es nur noch mehr Schwierigkeiten bedeutet. Mehr Ausgrenzung, mehr Beschimpfung, mehr „Beiß die Zähne zusammen“, mehr „Aber hast du schon mal dran gedacht, dass du Geld sparen könntest, wenn…“. Der Zustand ist wirklich einfach supertoll. Denn so werden wir weiter auf der Stelle treten (RW). So werden unbeachtet mehr Sozialleistungen gekürzt, mehr Leute in die Wohnungslosigkeit getrieben und dann verprügelt, mehr (Wahl-) Familien auf dem niedrigstmöglichen Lebensstandard gehalten, der tatsächliches Überleben überhaupt noch erlaubt.
(Trigger-Warnung: Tod) Und manchmal auch nicht.

*Dieser Text ist wegen der Woche des generischen Femininums und aus Spaß an der Freude im generischen Femininum mit Gender-Sternchen geschrieben.

Links 31

Schlagwörter: Blackface – Femen – Feminismus – Klassismus – Sexismus – Rassismus – antimuslimischer Rassismus – Aktivismus – Gewalt – trans*

Lächelpflicht für Einzelhandes-Verkäufer*innen, die Gefühle tötet
via @NurGedanken [Deutsch]

(Trigger-Warnung: Thema Gewalt gegen Frauen*) Großartige Kommentare. Großartiger Thread.
“Men are afraid that women will laugh at them. Women are afraid that men will kill them.” – Margaret Atwood
[Englisch]

(Trigger-Warnung: Bildliche Darstellung von Blackface) Diese Links sollen darauf aufmerksam machen, dass auch in Freiburg, Breisgau rassistisches Theater mit Blackface veranstaltet wird. Es befindet sich keine kritische Analyse in den Artikeln!
Bild 1
Bild 2
[Deutsch]

Das I-Wort
[Deutsch]

Wenn die Leute auf dem Dorf dich weniger anstarren als die hippen Aktivist*innen in der Stadt
[Englisch]

Das Problem von Femen
Auszug: „Feminism has the potential to be greatly emancipatory by adopting an anti-racist, anti-homophobic, anti-transphobic and anti-Islamophobic rhetoric, instead of often actively being racist, homophobic, transphobic and Islamophobic.“
via @samiaalthar [Englisch]

Der Diskurs liegt mir einfach im Blut

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: Fremdwörter – Ausschluss – Fachsprache – Feminismus – akademisch – Klassismus – Ableismus – erasure

Ich weiß nicht, wie ich diesen Beitrag besser einleiten kann als mit diesem Tweet von @Faye_La_Chatte

Antje Schrupp greift nun auch mal kurz die Kritik an der schwierigen Sprache von feministischen Artikeln auf. Und Antje Schrupp weiß: wer nicht versteht, di:er will nicht.

Die Wahrscheinlichkeit, sich auf eine neue Idee, einen neuen Gedanken wirklich einzulassen (was noch nicht bedeutet, ihm zuzustimmen, sondern erst einmal, ihn wirklich verstehen zu wollen), hängt nicht von den intellektuellen Fähigkeiten ab oder von der Leichtverständlichkeit des Textes, sondern davon, ob man vermutet, darin etwas zu finden, das für die eigene Existenz von Belang ist – oder eben nicht.

Wem ein Problem existenziell wichtig ist, wird sich mit jedem neuen Lösungsvorschlag ernsthaft auseinandersetzen.

Antje Schrupp wiederholt gerne, dass Kritik an schweren Texten eigentlich nur von Leuten kommt, die sich halt nicht mit deren Inhalt auseinandersetzen wollen. Diese beliebte These [normalerweise: wissenschaftliche Behauptung] wurde schon von @thinkpunk und shehadistan geäußert und keine*r scheint sich dran zu stören, dass dem immer wieder widersprochen wird. Zum Beispiel in einem ganzen verfluchten Artikel von kiturak. Kiturak beantwortet sogar die Frage sehr deutlich, wer einfach Sprache (von Naturwissenschaftler*innen) fordert. Seht euch das an:

Antwort – ich tu das.

Unglaublich. Eine Person, die nicht mit einem „Gedankt sei dem Patriarchat.“ auf den Lippen aufsteht und weniger ausschließende Sprache fordert. Schauen wir weiter. Oh, guck

Scheint ja irgendwie, als würde Bäumchen in diesem Feminismus-Klub gerne mitmachen. Was haben wir denn sonst noch?

Marlen_e kommentiert unter kituraks Artikel

Ich bin so unglaublich froh über diesen Artikel […].

Mich hat diese Debatte fertig gemacht, ich fühle mich scheiße, mickrig, exkludiert und verhöhnt. Und Nadias Artikel hat das quasi komplettiert.

Ich kann nicht viel sagen hier, außer, dass ich froh bin, mich in der Debatte das erste Mal […] NICHT minderwertig, unwissend, gebildet genug und generell defizitär für “den Feminismus” zu fühlen.

Scheint, als hätte die Marlen_e so prinzipiell auch Interesse am Feminismus.

Und guten Tag, darf ich mich vorstellen: Esme ist mein Name. Ich finde Feminismus nicht scheiße. Und ich fordere leichtere Sprache.
Da wären wir also schon ein paar Menschen, die Klassismus ablehnen. Nicht zu reden von Clara Rosa, die sich dem Thema Klassismus auf einem ganzen Blog widmet. Und Feminismus auch nicht scheiße findet.

Warum mache ich diese lächerlich und pingelig anmutende Aufzählung? Weil die ganze Zeit in dieser beschissenen Debatte Erasure betrieben wird. Das heißt, dass Menschen, die von Klassismus betroffen sind/komplizierte Sprache ablehnen, unsichtbar gemacht werden. Dies geschieht völlig unverfroren durch Leute, die sich angeblich gegen Diskriminierung einsetzen. Halt ausschließlich gegen andere Formen, anscheinend. Du wirst einfach ignoriert.
Wenn man doch so gnädig ist, dich zu beachten, wirst du lapidar gefragt, wo dein Klassismus-Betroffenen-Ausweis ist. Ich weiß nicht genau, ob man aktuell nachweisen muss, dass man nicht studiert hat, von unter 200€ lebt oder was auch immer, damit einer* erlaubt wird, sich gegen den ganzen Scheiß auszusprechen.

Kleines Nebengleis (RW=Redewendung): Menschen zu zwingen, die Diskriminierung, von der sie betroffen sind, offenzulegen, ist unsolidarisch. Es kann beschämend sein und führt in jedem Falle dazu, dass negativ Betroffene sich seltener äußern können. Ausgerechnet zu Themen, die sie am krassesten einschränken!
Hinzu kommt eine sonderbare Einstellung, die ich in letzter Zeit öfters gelesen habe. Sie besagt, dass nur Echte Diskriminierte „ihre“ Form von Diskriminierung kritisieren dürfen. Ich verstehe dieses Konzept von vorne bis hinten nicht: Betroffene sollen absichtlich allein gelassen werden? Sie sollen dazu gezwungen werden, sich erst zu outen und dann alleine gegen die Ablehnung zu kämpfen, die ihnen entgegenschlägt? Sie sollen alleine, obwohl sie sich in einer angeblich fortschrittlichen Bewegung wie dem Feminismus befinden, ihren Weg freikämpfen? Was ist das für ein furchtbares Konzept?
Dass es nicht in Ordnung ist über andere hinweg zu sprechen, ist mir klar. Aber wenn jede Form von solidarischer Unterstützung als Bevormundung bezeichnet wird, haben wir ein Problem.

Was Antje Schrupp im obigen Zitat tut und durch diesen Zwang zum Outing geschieht, ist Unsichtbarmachen von Klassismus-Betroffenen. Es ist darüber hinaus Victim Blaming. Es ist so unglaublich verdreht, es ist kaum zu begreifen: nicht die Menschen trifft die Schuld, die durch Sprache ausschließen. Die Schuld trifft die Leser*innen, die die Texte einfach nicht genug verstehen wollen. Sonst hätten sie ja keine Probleme. Antje Schrupp gibt in ihrem eigenen Artikel zu, dass ein Teil ihrer Zielgruppe ein Fremdwörterlexikon zücken muss, um sich durch entsprechende Texte zu arbeiten und die Konsequenz, die sie daraus zieht, ist dass andere es einfach nicht genug versuchen.

Das Argument, dass mich echt aus den Socken haut (RW), ist das folgende (Zitat Antje Schrupp):

Aber kann man die Sachen nicht wenigstens verständlicher formulieren? Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer. Und wenn eine Idee wichtig ist, ziehe ich es vor, sie in einer kompliziert formulierten Fassung zu haben als sie gar nicht zu haben. Mag sein, dass manche Texte, die zirkulieren, zu „akademisch“ sind (was aber natürlich auch daran liegt, dass sie aus dem universitären Umfeld kommen, und die Desolatheit der Universitäten wäre noch mal ein ganz anders Thema). Aber ich glaube nicht, dass das der Grund für die Abwehr ist, die ihnen entgegen gebracht wird.

Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer.“ Da hab ich echt keine Worte für. ANTI-DISKRIMINIERUNG IST IMMER SCHWER. Seit wann hält denn das irgendwen ab?! „Kein Blackface zu benutzen ist schwer.“ War das nicht mal ein Argument, dass nur „die anderen“ benutzen? Worum es hier geht, sind Prioritäten.

Schreibt halt: „Ich fühl‘ mich klüger mit Fremdwörtern.“ oder „Hab keinen Bock, mehr über Wörter nachzudenken, nur um Ausschluss zu vermeiden.“ oder meinetwegen auch: „Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll.“ – is ja manchmal sogar berechtigt!
Was mich an dieser Diskussion aufregt, ist nicht an sich, dass die Texte schwer sind. Es sind die riesigen großen Lügen.
Ich kann damit leben, wenn ihr schreibt, dass eure Texte halt nur für Leute sind, die die Energie oder Ausbildung haben, sich durch Fremdwort-Wüsten zu schleppen. Dann liegen die Karten wenigstens auf dem Tisch (RW). Ich weiß, dass ich euch nicht lesen werde und alles ist klar. Stattdessen kommt diese unglaubliche Menge an lächerlichen und hahnebüchenen Ausreden. Dass nur Gegner*innen des Feminismus so etwas fordern. Dass man doch bitte mal nachweisen soll, dass man von Klassismus betroffen ist. Dass eh nur Akademiker*innen feministisch sind. Das ist echt ein toller Strauß, gebunden aus „Fuck yous“, den ihr da für alle zusammenstellt, die die Texte halt nicht ohne größeren Aufwand verstehen.
Ich weiß, dass es tatsächlich diese Leute gibt, die Feminismus scheiße finden. Ich weiß, dass die mit allem ablenken, dass ihnen einfällt. Ich weiß aber auch, dass auf „interne“ Kritik bis jetzt einfach – nicht – reagiert – wurde. Da wird der Verweis auf Antifeminist*innen zu einer vollkommen durschnittlichen Abwehrreaktion.

Bevor wir uns ganz verheddern, will ich noch einen Moment drauf eingehen, was für mich denn „schwierige Sprache“ ist.
Ich unterteile in „Fachwörter“ („Sexismus“, „People of Color“, die Sternchen, Unterstriche und Doppelpunkte in Wörtern), Fremdwörter und feministischen (?) Jargon [Sondersprache mit speziellem Wortschatz].

Fremdwörter versuche ich in meinen Texten seit Neuestem zu vermeiden. Meist lassen sich andere Wörter dafür finden oder eine andere Formulierung. Ja, seit ich das, was ich im verlinkten Text angekündigt habe, tue, brauche ich länger für meine Texte. Aber das ist es mir gerade wert.
„Fachwörter“ werde ich vorerst nicht ersetzen. Obwohl ich bei selteneren Begriffen wie „Intersektionalität“ trotzdem nachdenken werde, ob es nicht auch „Mehrfachdiskriminierung“ tut. Ich biete nach wie vor mein Glossar an, weil mir klar ist, dass man nicht alle dieser Wörter kennen kann.
Und dann gibt es den feministischen (?) Jargon, bei dem ich automatisch aus ’nem Text aussteige. Ich weiß nicht genau, aus welcher Ecke er kommt und inwiefern sich unersetzliche Begriffe darin finden, aber wenn ich „normativ“, „Diskurs“ oder „Positionierung“ lese, beginne ich den geordneten Rückzug.

Wie ich oben schon sagte, finde ich nicht einmal am schlimmsten, dass gewisse Wörter verwendet werden. Ich kann die Selbstverständlichkeit nicht ab, mit der sie genutzt werden. Ich kann nicht ab, dass den Kritisierten für keine Sekunde anzumerken ist, dass sie über die Hinweise nachdenken.
Wenn ich einer Person anmerke, dass sie sich Mühe gibt, sich leicht verständlich auszudrücken oder Schlagwörter zu erklären, zeigt das einfach mal Rücksicht. Selbst wenn der Text dann immer noch auf die ein oder andere Weise kompliziert ist, mache ich mir vielleicht die Mühe, etwas Zeit darauf zu verwenden. Denn die Person hat sich auch Zeit für mein Anliegen genommen.

Zum Abschluss ein letztes Zitat aus Schrupps Text:

Ich frage mich, wann es angefangen hat, fehlende Radikalität für etwas Positives zu halten? Jedenfalls bin ich der Meinung, dass jede politische Theorie, die sich nicht um größtmögliche Radikalität bemüht, also darum, wirklich an die Wurzeln eines Problems vorzudringen, anstatt nur an der Oberfläche ein paar Dinge hin und her zu rücken, nichts wert ist.

Ja, das frage ich mich auch. Ich frage mich, warum die im Feminismus beginnende Inklusion [das Miteinbeziehen] (die sich in Deutschland echt verflucht langsam vollzieht, wenn ihr mich fragt) an Klassengrenzen aufhört. Ich frage mich, warum sich Leute dafür entscheiden, die einen Frauen* mitzunehmen, aber die anderen links liegen zu lassen (RW). Und ich frage mich, wer sich dafür entscheidet, das als „radikalen“ Feminismus zu verstehen.

Nachtrag 23.10.2012:

In den Kommentaren kam auf, dass es schwer ist den Verlauf der ganzen Diskussion nachzuvollziehen. Daher nochmal in der richtigen zeitlichen Reihenfolge die vorhergehenden Artikel. Ein Teil der Diskussionen lief auch auf Twitter oder Facebook ab bzw. auch auf dem internen takeover.beta-Forum. Das kann ich leider nicht alles zusammenfassen.

…und hier bin ich.

Zombie thoughts eating my brain

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: Feminismus – Aktivismus – gaslighting – selfcare

Wenn man sich für bestimmte Fortschritte in der Gesellschaft einsetzt, hat man meist etwas gegen einen aktuellen Zustand einzuwenden, sagen wir z.B. gegen die Existenz von Hartz IV. Sobald man nun seine Meinung darüber kundtut, warum Hartz IV menschenunwürdig und diskriminierend ist, werden sich Menschen finden, die ganz anderer Meinung sind. Und die dir auch lang und breit erklären müssen, warum.
Erkenntnis: Solche Diskussionen wirken sich wie gaslighting (gesprochen „gäsleiting“) auf mich aus. Ich hatte den Begriff letztens wie folgt erklärt

[Gaslighting] bedeutet etwa, dass man einer Person so häufig die Realität und Legitimität [Berechtigung] ihrer Wahrnehmung/Gefühle abspricht, dass sie zunehmend an ihnen zweifelt und sich immer mehr an die Wünsche der*s Partner*in anpasst – meist um Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Natürlich meine ich den Begriff in diesem Artikel ein wenig anders. Ich rede nicht von Menschen in einer Beziehung, die versuchen ihre jeweilige Meinung durchzusetzen, sondern von politischen Gegner*innen. Ich finde jedoch, der Effekt kann ein ähnlicher sein, wenn man sich andauernd mit einem Thema auseinandersetzt. Man lernt die Argumente der Gegenseite sehr gut kennen. Wenn man sich die Mühe macht, versucht man sie zu entkräften und muss sich dafür noch tiefer hineindenken. Unfreiwillig beschäftigt man sich mit einer Menge Ideen, die man eigentlich für völlig falsch hält.

Was nach einer Weile auch verloren geht, ist der Schock-Effekt. Von den ersten hasserfüllten Aussagen ist man noch vor den Kopf gestoßen (RW = Redewendung) und regt sich auf, fühlt sich vielleicht sogar zum Handeln angespornt. Aber irgendwann hat man alles schon gelesen und alles schon gehört. Sicher, man teilt die Links weiterhin, man macht andere darauf aufmerksam. Aber tief drin hat man solche Einstellungen als normal akzeptiert. Nicht dass man sie auch nur ansatzweise in Ordnung findet, aber solche Menschen gibt es halt. Kennt man. Meine Abstumpfung bereitet mir Sorgen … Ich bin mir einfach nicht sicher, wie viele absurde Ideen bei eine*r hängen bleiben, di:er Artikel über Mitt Romney liest (den aktuellen Gegner Barack Obamas im Präsidentschafts-Kampf). Ich weiß nicht, was es mit einer*m macht, ständig neue sexistische Äußerungen zu lesen. Ich glaube, irgendetwas davon nistet sich bei dir ein.

Zum Teil schirme ich mich dagegen ab, indem ich einschränke, wie viel deprimierende Sachen ich pro Tag lese. Ich bin auch schneller beim Blocken auf Twitter oder Kommentare-Löschen auf meinem Blog. Schon durch die Themen, die ich behandele, habe ich ausreichend schlechte Laune. Da habe ich keine Lust, zusätzlich von Leuten vollgequatscht zu werden, die mir unbedingt ihre Meinung näher bringen müssen. Aber hin und wieder frage ich mich, um wie viel schöner mein Tag wär‘, wenn ich den Strom an schlechten Nachrichten häufiger hinter mit lassen würde.
(Mit der Fußnote: manche können das beinahe vollständig, andere haben die Möglichkeit gar nicht.)

King Kong Theory – Virginie Despentes

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: Prostitution – Pornografie – Feminismus – Patriarchat – Klassismus – Kapitalismus – feministische Literatur

Kommentatorin* Ada hatte zu meinem Wünsch dir was-Artikel kommentiert, ob ich nicht etwas zu Virginie Despentes, etwa ihrem Buch King Kong Theory schreiben wöllte. Also habe ich es mir ausgeliehen und allerhand Notizen gemacht. Wegen selbiger Notizen wird dieser Artikel auch eher eine längliche Zusammenfassung als eine richtige Rezension.
Dabei muss ich erwähnen, dass Despentes relativ provokativ-verallgemeinernd schreibt. Das hat zur Folge, dass die Lektüre interessanter ist, als bei einem trocken gehaltetenen Buch, aber auch, dass ich sie teils wörtlicher genommen habe, als Aussagen zu verstehen waren und das erst in späteren Kapiteln bemerkt habe. Auch hat sie ihre Gedanken absatzweise gesammelt. Das heißt, es gibt zwar mehrere große Kapitel, nach deren Überschrift sie die Themen wählt, aber innerhalb des Kapitels spricht sie je über einen Teilaspekt und geht dann relativ assoziativ zum nächsten. Dadurch kommt es zu den thematischen Sprüngen innerhalb nur weniger Seiten. Aber lest selbst.
Ich zähle die Seiten runter, auf denen ich gerade bin. Trigger Warnung ab Seite 33 bis Seite 43.
Von mir zusammengefasste Aussagen der Autorin (keine Zitate!) sind kursiv.

S.18 Despentes erscheint stark, unabhängig und in ihrer Meinung gefestigt und betont trotzdem stark, dass sie nicht schön/begehrenswert für Männer* ist. Verwirrung.

S.19 Stark femininer Look soll als Entschuldigung dienen fürs Intelligent- und Unabhängig-Sein? Ahem. Unabhängigkeit der Frau* wird als bedrohlich wahrgenommen? Okay, da gehe ich mit.
Dann würde ich die erste Aussage allerdings so umformulieren, dass von Frauen* erwartet wird, sich feminin zu kleiden, „wenn man sie schon ernst nehmen soll“ – also von ihnen erwartet wird, nicht aus ihrer zugewiesenen Rolle zu fallen.

Hier wird schon ein großes Problem des Buches deutlich. Es gibt Männer und es gibt Frauen. Ende. (Absichtlich kein Stern.) Homosexualität ist bis zu einem gewissen Grad mitgedacht, denke ich, aber Menschen, die sich außerhalb der Geschlechterdualität verorten … gar nicht. Und trotz nicht völliger Ignoranz gegenüber Homosexualität geht es eigentlich ausschließlich um das Spannungsfeld zwischen Männern* und Frauen*.

S. 20

Pretending that men and women got on better before the 1970s is a historical lie. We just saw less of each other.

S.21 Haushalt und Kinderaufzucht wurden in den 1970ern nicht revolutioniert.

S.22 Von Müttern wird verlangt, dass sie auf magische Weise alles über Kindererziehung wissen. Der alles überwachende Staat ist nur eine Erweiterung davon und hält Menschen in einer infantilen Phase o.ô (ich hänge mich hier offensichtlich etwas an der Formulierung auf). Dies wird verbunden mit einer Kapitalismus-Kritik, die besagt dass Konsument*innen machtlos und gehorsam gehalten werden sollen. (S. 23)

S.24 Thema: inzwischen werden Männer* und Frauen* in den Krieg geschickt:

The real polarisation is along class lines.

Der väterliche Blick kann seiner Tochter klar machen, dass sie außerhalb des sexuellen Marktplatzes existiert. Hell to the fucking no. Why? Whut?
Despentes ist hier äußerst in männlichen und weiblichen Rollenbilder verhaftet, vor allem im Glauben, dass ein Geschlecht automatisch ein bestimmtes Rollenbild vermittelt. Die heterosexuelle Kernfamilie (Mutter, Vater, Kind) wird nicht in Frage gestellt. (Alle sind cis und binär.)
Class scheint sie einen höheren Stellenwert als Race beizumessen.

S.25 Männer* müssen ihre Femininität und Frauen* ihre Maskulinität unterdrücken.
Despentes hat also auch die männliche Perspektive im Blick.

S.26 Der Kapitalismus will uns alle infantilisieren („Staat als Mutter*“), so dass Männer* genau so gefangen sind, wie Frauen* es bereits sind.
Diese ganze Sprache von Menschen, die im Kapitalismus wie Kinder bleiben sollen ist ugh. Hätte mich wahrscheinlich weniger gestört, wenn klarer ausgelegt worden wäre, in welch krasser Abhängigkeit derzeit Kinder gehalten werden. (Statt das allgemeine Verständnis vorauszusetzen, dass Kinder nicht für sich selbst sorgen können.)

TRIGGER WARNUNG

S.33 Sie spricht davon, wie sie nicht das Wort „V.“ benutzt hat, weil Menschen dann anfangen, dich zu kontrollieren (d.h. Victim Blaming zu betreiben) und Bilder des „typischen“ Opfers heraufbeschworen werden.

S.35 Sie begreift/schreibt wie sie V. als Risiko das Haus zu verlassen begriff (die V. abzuwerten hilft ihr, ihre V. als etwas managebares zu begreifen.)
Ist leider Bullshit. Sicher, das Haus zu verlassen bedeutet als Frau* automatisch mit Street Harassment rechnen zu müssen, leider blendet diese Darstellung aber sexualisierte Gewalt in den engsten Beziehungen, die man hat, aus. Die laut Statistik sehr häufig sind. Mit anderen Worten: häusliche Gewalt/Missbrauch in intimen Beziehungen ist definitiv kein zentrales Thema dieses Buches.

S.40 Sie wünschte, es gebe ein Anti-V.-Kondom. Da wir in einer traurigen Welt leben, gibt es das inzwischen.

Ich hätte mir gewünscht, dass Despentes noch ein wenig mehr auf die gesellschaftliche Ebene geht. Sie verfolgt einen Stil, der sich meist wie folgt liest: „Männer* denken dies, Männer* machen das.“ Das ist sehr polemisch gehalten und macht es manchmal schwer zu unterscheiden, ob sie gesellschaftliche Tendenzen verdeutlichen will oder die Aussage wörtlich meint.

S.41 Mein O-Ton: Weird shit on why women who have been r***d are good hookers :/ „Men like the scent.“
„R***¹ is about power.“
Na ja, V. ist halt auch eine Gesellschaft, die keine Ahnung hat, was Consent ist (später geht sie noch etwas darauf ein).

S.42 „R***¹ is the exclusive male domain“. Wrong. Ja, sehr stark in die Richtung neigend, aber halt nicht richtig. Testosteron schaltet nicht das Urteilsvermögen aus. Korrekt.

S.43 Frauen sind mehrheitlich masochistisch, damit sie mit der Machtverteilung besser klarkommen, aber es hält uns fern von Macht. *starkes räuspern*

S.48 Thema: Prostitution. Der Ehevertrag und der „Prostitutionsvertrag“ stehen in Verbindung miteinanader.

S.54 Frauen* werden durch Prostitution gebrandmarkt, ein Freier zu sein ist normal, marginalisiert nicht.

S.63 Geld (für Sex) bringt Unabhängigkeit und lieber Hure als in einer Ehe sein für Geld. Eine mächtige Frau* ist beunruhigend, weil sie, nicht wie eine schöne Frau*, kein Verfallsdatum hat.

S.65

The prostitution transaction – „I pay you, you satisfy me“ – is the basis of the heterosexual contract. It is hypocritical to pretend, as we do, that this transaction is foreign to our culture.

Die Verbannung und Regulierung von Prostitution schafft unsichere Arbeitsbedingungen, begünstigt Missbrauch. Medial werden die Ärmsten, Eingeschleppten ausgeschlachtet, um die Diskussion zu beeinflussen.

S.69

Masculine sexuality is not in itself an act of violence against women, as long as they are consenting and well paid.

S.72 Thema: Pornographie. Wait „men“? Frauen* schauen keine Pornographie? Ah doch, später neutral.

S.74 Leute lehnen Pornographie ab, weil sie unmittelbar vermittelt, was die eigenen Turn-ons sind, ohne dass man das Gehirn zwischenschalten kann.

S.75 Wir erwarten von Pornos „echt“ zu sein, während niemand diesen Anspruch an Film stellt.

S.78 Pornodarstellerinnen wird verunmöglicht, sich in irgendeinem anderen Zusammenhang zu äußern oder zu verwirklichen. Unabhängigkeit durch Geld und weiblich sein: böse.

S.80 Verbot von Pornofilmen in den frz. Kinos, weil sie zu erfolgreich war. Lust darf spielerisch nur von den Reichen ausgeübt werden. Zu viel Erleben von Lust könnte Arbeiter*innen vom Arbeiten abhalten.

S.82 Mein O-Ton: Weirde Theorie, dass Männer* Porno-Darstellerinnen so anziehend finden, weil sie sich wie Männer* im Frauen*körper verhalten: immer Sex wollend. Und dass „realer“ Sex dies nicht hergibt … aber welcher Mann* will so viel Sex?!

Weiblicher Orgasmus als Performance-Zwang: vom male gaze beansprucht, d.h. 1) Frauen* müssen kommen, sind sonst frigide. 2) Der Orgasmus soll von einem Mann* verursacht werden, nicht Masturbation. (Homosexualität, anyone?)

S.84 Über Frauen*, die Masturbation „langweilig“ bis unnötig finden und sich einen Mann* wünschen, der sie zum Orgasmus bringt:

What relationship can you have with yourself if you systematically hand your genitals over to someone else?

S.95

For a man, not loving women is an attitude. For a woman, not loving men is pathological.

Sonderbare oppression olympics zwischen „Frauen* unterdrückt durch Männer*“ und was „Weiße über Schwarze“ sagen.

S.97 Victim blaming.

S.98

The thing is that those of us at the top are those of us who have become the allies of the powerful. […] The women most able to accept masculine domination are obviously those given the jobs because it is still men who admit or exclude women.

Femininer Style als generelles Zeichen der Unterwerfung. Ahm.

Thema: Was Femininität für unsere Kultur bedeutet.

S.113 Es gibt keine großen neuen Entdeckungen/Werke über das Männliche, immer die gleiche Show.

Alles in Allem kann ich nicht viel dazu sagen, wie ich das Buch fand, weil es für mich sehr unnatürlich ist, Notizen beim Lesen zu machen und es mich massiv ablenkt. Einige der obigen Zitate bzw. generelle Punkte im Buch finde ich sehr bedenkenswert. Wie ich schon schrieb: die plakative Schreibweise macht es einerseits interessanter zu lesen, andererseits wird nicht immer ganz klar, ob es nur Übertreibung ist oder der feste Standpunkt der Autorin.
Ich hoffe, dass die Zusammenfassung dennoch hilfreich ist.
[Edit]Und wichtig zum Schluss: für das Buch selbst muss ich eine Trigger-Warnung aussprechen, da sie, wie sich wahrscheinlich erahnen lässt, über eigene Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt schreibt.

1 Von mir verfremdet, im Original ausgeschrieben.[/Edit]

Open Thread: It’s Podcast Time!

Elle schrieb mir unter meinen „Wünsch dir Was„-Artikel

Mich würde interessieren, ob es Podcasts gibt, die Du gerne hörst? Ich kenne nur den von heiter scheitern, und Antje Schrupp macht seit Kurzem einen. Ich mag das Format sehr und freue mich über Empfehlungen

Nun ist es leider so, dass sich Podcasts überhaupt nicht mit meinem unruhigen Wesen vertragen. Daher reiche ich die Frage weiter:

Welche(n) Podcast(s) hört ihr – wenn möglich mit Link –, was sind die Themenschwerpunkte und warum ist der furchtbar toll und alle sollten ihn/sie hören?

Links 28

Schlagwörter: BDSM – Assange – Ableismus – Pille danach – Feminismus – Gehörlosigkeit – Consent – [Trigger Warnung] – [TW] r*** culture

Über einen Workshop, der Feminismus schreiben lernen verspricht. Hier habe ich mir „si:er“ und „di:er“ geklaut.
[Deutsch]

[Trigger-Warnung] Wie Fetlife Aufklärung bei Ver****l***ung verhindert und warum „falsche Anklagen“ Derailing sind
[Englisch]

[Trigger-Warnung] Weitere Gedanken zu den r*** joke-Zwischenfällen der letzten Zeit
[Englisch]

Ein Mann mit Brüsten. Der Text hat mich sowohl mitgenommen als auch mitgerissen.
via @hainhawen [Englisch]

Eine grundlegende Erklärung von „women“ vs. „females“
via @vivsmythe @hainhawen [Englisch]

10 Dinge, die du nie zu einer tauben Person sagen solltest
via @ennomane @zwzora [Englisch]

„Über Menschen mit Behinderungen berichten“ – Ein Online-Ratgeber
via alle [Deutsch]

Wir schützen dich vor dir selbst!! Die Pille danach ist in Deutschland nur schwer erhältlich.
[Deutsch]

Tolle Grundlagen zu Consent. Trigger–Warnung für Beispiele, besonders auch in den Kommentaren
[Englisch]

Assange, der Arsch (© Esme Grünwald) Ein praktischer Artikel, um ihn dem nächsten Anonymous-Fanboy in die Hand zu drücken, der erklären will, wie alles wirklich gelaufen ist. Trigger-Warnung because obviously, starke Empfehlung nicht die Kommentare zu lesen.
[Englisch]

Trollen, Mobbing, Stalking – feministisches Bloggen im Jahre 2012

Schlagwörter: Feminismus – Beschimpfung – Mobbing – Drohen – Stalking – unsere Gesellschaft – was tun

Inhalt: Es werden keine Drohungen zitiert oder bedrohende Szenarien nacherzählt. Ich erwähne jedoch Morddrohungen. Diesmal können alle Links triggernd sein. In krasseren Fällen füge ich eine Inhaltswarnung hinzu.

Fast alle werden die Schmutzkampagne gegen Anita Sarkeesian mitbekommen haben, in deren Folge sie viel mehr Geld für ihr Projekt sammelte, als sie geplant hatte. Das Projekt befasst sich mit der Analyse von Frauen*rollen in Videospielen. Wenn ihr danach googelt, seid gewarnt, es wurden wirklich alle Register gezogen, um sie zum Schweigen zu bringen. Meine Einstellung dazu lässt sich wie folgt gut ausdrücken: Anita Sarkeesian leaning on a pile of hundreds of video games, caption: thanks for the free shit
[Bildbeschreibung: Anita Sarkeesian lehnt lächelnd auf einem Stapel hunderter Videospiele. Die Bildunterschrift lautet „Thanks for the free shit“. Quelle]

Bereits zuvor hatten US-amerikanische feministische Bloggerinnen* wie Sady Doyle wiederholt darüber berichtet, wie sie angefeindet und bedroht werden.
In letzter Zeit beschäftigten sich zunehmend auch deutsche Bloggerinnen* damit.
Bereits 2010 berichtete Stephanie Mayfield von ihrer ersten Morddrohung und Nele Tabler von ihrer Anzeige aus gleichem Grund und der völligen Ignoranz von Polizei und Justiz.
Charlott antwortete auf Afrikawissenschaften einem, „der nicht locker lässt“ und dieTilde warf in einer interessanten Analyse die Frage auf, auf die ich später zurückkommen werde: wie reagieren. Das alles habe ich von Weitem verfolgt, fand es furchtbar, hatte keine Ahnung, was man da machen soll. Verschiedene Ratschläge geisterten mir durch den Kopf, die ich – teils zum Glück – unterdrückte, andere waren hoffentlich sinnvoll. Durch zwei Erlebnisse, eins offline, eins online, rückte die Frage für mich näher, auf welche Form von Bedrohung man wie reagieren kann, was hilft, was befriedigend ist. (Zum Offline-Teil finden sich bereits einige gute Ratschläge im Street Harassment-Open Thread).
Wie möglicherweise an dieser Stelle schon klar, möchte ich nicht die Gründe ins Zentrum rücken, warum Leute scheiße sind, sondern wie man damit am besten umgehen kann. Die meisten Gedanken werden keine ausgereiften sein, sondern eine Mischung aus Erfahrung, Lektüre, Überlegung und … ‚rumfabulieren.

Eine wichtige Frage, die unter anderem von derTilde in dem Zusammenhang aufgeworfen wurde, war, ob es nicht geradezu schädlich ist, an dem Begriff „Troll“ festzuhalten. Inzwischen hat er viele verschiedene Bedeutungen angenommen.
Trollen ist nach meinem Verständnis eine Aktivität, bei der die „getrollte“ Person so lange gereizt wird, vor allem mit unsinnigen oder beleidigenden Aussagen, bis sie die Geduld verliert.
Jedoch schon bei der Benutzung von Beleidigungen sollte man einen Schritt zurücktreten; Die „trollende“ Person beschimpft eine andere, mitunter mit diskriminierenden Inhalten. Dies als „Trollen“ zu bezeichnen, verharmlost den Vorgang und vor allem die Tat und öffnet einen Weg zur folgenden Argumentation: „Verstehst du keinen Spaß? / Das ist doch nicht ernst gemeint.“ Die ist für mich ohnehin ein No-Go, aber eben sehr beliebt. Gepaart mit der gut bekannten Forderung

Don’t feed the trolls.

also „fütter‘ die Trolle nicht.“ ist Victim Blaming Tür und Tor geöffnet.
Ich treffe deswegen folgende Unterscheidung: wenn eine Person mit unsinnigen, aber nicht die Autorin* beleidigenden Aussagen stört, nenne ich das trollen. Wenn hingegen Beleidigungen oder gar Drohungen ins Spiel kommen, nennen ich das beim Namen: beschimpfen, drohen oder – je nach Art und Häufigkeit, Mobbing oder auch Stalking.
Unter „Mobbing“ verstehe ich dabei grob Rufschädigung und Beschimpfung zum Zweck der Einschüchterung einer Person, „Stalking“ als kontinuierliches Verfolgen einer Person – sei es mit wiederholter unerwünschter Kontaktaufnahme durch Mails, Anrufe, auf verschiedenen Netzwerken oder über Freund*innen – ohne Aufforderungen den Kontakt zu unterlassen Folge zu leisten.

Was tun?

Die Frage, was zu tun ist, stellt man sich in vielen Fällen. Oft aus einem Gefühl der Wehrlosigkeit, aber auch Wut heraus. Um die Kontrolle zurückzuerobern.
Meinem Verständnis nach hilft es emotional am meisten, wenn man die Möglichkeit hat auf Grenzüberschreitungen unmittelbar zu reagieren und sieht, wie es Wirkung zeigt. Man setzt eine Grenze, man drückt Wut aus, die Grenze wird beachtet. Allerdings ist das nicht nur ein idealisiertes Szenario, das Überwindung kostet, im Internet wird es teils schwieriger bis unmöglich, die Grenzen überhaupt zu kommunizieren, zum Beispiel ohne Kontaktinformationen.
Auch hat man weder online noch offline Einfluss auf das Verhalten der anderen Person. Die oben genannten Formen der Belästigung haben es zu eigen, dass es nicht zwangsläufig ausreicht, den Täter*innen mitzuteilen, dass sie aufhören sollen.

Ich werde einen Teil der Szenarios einzeln abarbeiten, da die Belästigungen in ihrer Art verschieden sind. Grenzen zwischen ihnen können dabei verschwimmen und ein guter Teil der Reaktionen kann nicht verallgemeinert werden. Also gibt es keine „richtige“ Reaktion. Das beste Vorgehen hängt von der Form der Belästigung, dem Verhältnis der Personen zueinander, Inhalt und „Stärke“ – also Häufigkeit von Vorfällen – und nicht zuletzt von der betroffenen Person ab. Aber beginnen wir.

Trollen

Wie gesagt verstehe ich hierunter keine Drohungen, Beschimpfungen oder ähnliches. Es geht lediglich um Kommentare, die aus der Reserve locken sollen. Auf meinem Blog fasse ich, wie man dem Trolltisch entnehmen kann, auch Aussagen darunter zusammen, die ich nicht zum x-ten Mal widerlegen will oder die so unlogisch sind, dass sie schon lächerlich sind.
Um die Verwirrung gering zu halten, definiere ich es an dieser Stelle als absichtliches Provozieren oder langanhaltendes Diskutieren, ohne dass die Argumente der Gegenseite in irgendeiner Form beachtet werden.
Kommen wir zur action. Trollen? Blocken. In diesem Falle schlage ich wirklich ignorieren vor, gepaart mit einer eisernen Hand der Moderation (vor allem weil es der Diskussion zuträglich ist, konsequent zu löschen).
Nun schon die erste Ausnahme: Wenn ignorieren und löschen einen schalen Beigeschmack hinterlässt, ist es natürlich nicht die richtige Lösung. Accalmie nimmt zum Beispiel auf Stop! Talking. gerne mal einen Kommentar auseinander, der sonst das Licht der Welt nicht erblickt hätte. Die Kommentare arten nicht aus, Mitlesende können etwas lernen, accalmie kann Dampf ablassen. Also win win.

Beleidigende Inhalte

Anders sieht das schon aus, wenn in Kommentaren oder E-Mails Beleidigungen ausgesprochen werden. Es gibt keinen Grund, dies geheim zu halten, besonders weil das keinen vorteilhaften psychischen Effekt hat. Unsere Gesellschaft ist nicht gut darin Betroffenen zu vermitteln, dass sie nie „Schuld“ sind. Also wird Schuld automatisch angenommen, Menschen ist es peinlich, angegriffen worden zu sein und sie schweigen darüber. Das Schweigen selbst verstärkt dann wieder den Eindruck, man hätte etwas falsch gemacht.
Aber selbst wenn man ein kontroverses Thema bearbeitet, selbst wenn man Menschen verletzt hat, ist das keine Entschuldigung für Beschimpfungen. Menschen, die sich angegriffen und verletzt fühlen, können natürlich darauf aufmerksam machen, sie können sogar wütend sein und das auch zeigen. Aber wütend ist ungleich beschimpfen. Beschimpfen hat nur zum Ziel, die andere Person einzuschüchtern, zum schweigen zu bringen. Wenn mich jemand beschimpft, kann ich daraus keine verständliche Kritik an meinem Text ablesen, noch was ich besser machen sollte und wenn man mich beschimpft, habe ich definitiv auch nicht die Pflicht. Dies ist keine Form der Kritik, dies ist ein Versuch, Menschen zum Schweigen zu bringen. HarrietJ schrieb dazu einleuchtend (Übersetzung auf Anfrage)

There is something about my refusal to feel bad and back away that is frightening. Not to everybody – there’s a whole world that could care less – but the people who make an investment in silencing me have done so because they have made a cost-benefit analysis. Whatever it takes out of them to silence me is going to be less than what I will take from them if I don’t shut up.

Das ist sicherlich eine ermutigende Aussage: ich kann ihnen sehr wohl nahetreten, wenn ich weitermache. Und irgendwie möchte ich ihnen nahetreten, denn ich brauche das Gefühl mich wehren zu können.
Das ist es aber nicht, was mir unmittelbar geholfen hat, nachdem ich letztens einen wirklich hasserfüllten Kommentar erhielt. Wenn man angebrüllt wird, fällt es schwer das loszulassen und es „nicht auf sich zu beziehen“. Also habe ich einen anderen Blickwinkel ausprobiert: eine Freundin* hat diesen Kommentar erhalten, was bedeutet das? Dies ist eine gute Möglichkeit, sich all die gemeinen Fragen zu stellen. Z.B. „Meine ‚Freundin*‘ wurde in einem Kommentar beschimpft. Was hat sie getan, um das auszulösen?“ Die Antwort: nichts, was sie „schuldig“ macht. Sie hat über ein Thema geschrieben, das einem der Kommentatoren nahe ging. Statt sich damit oder mit ihr auseinanderzusetzen, hat er sich entschieden, die „Quelle“ seines Unwohlseins anzugreifen, in der Hoffnung, dass sie verstummt. Frage: „Hat seine Wut überhaupt etwas mit meiner Freundin* zu tun?“ Antwort: Nein. Sie war zufälligerweise die Person, die sein Wut-Management-Problem ans Tageslicht gebracht hat. Das sagt nichts über sie aus. Usw.

Eine praktische Sache allerdings noch: ein Screenshot schadet nie. Selbst wenn ihr die Scheiße nie wiedersehen wollt und euch nichts ferner Liegendes vorstellen könnt, als euch an die Polizei zu wenden (was bei einigen nahezu unmöglich sein wird), macht einen Screenshot, speichert es irgendwo ab. Im Falle von Mails in einem Ordner, wo der ganze Mist hinkommt, um nicht mehr angeschaut zu werden. Falls es doch eskalieren sollte, ist eine Sammlung von Dokumenten immer hilfreich. [Warnung für folgenden Link: Morddrohung, Verharmlosung von (sexualisierter) Gewalt, Victim Blaming] Zumindest in einer Welt, wo Morddrohungen keine „geschmacklose Prosa“ sind.

Stalking

Stalking ist eine Sache, wo ignorieren doch wieder geraten wird (von wem habe ich unten verlinkt). Unter Stalken versteht man meist die Fixierung auf eine Person, die durch Kontakt immer wieder befeuert wird. Wenn man nach wochenlangen nervigen Telefonanrufen plötzlich doch antwortet, wenn auch nur um zu schreien: „Lass mich in Ruhe“, ist das für den*die Stalker*in nur ein Signal, wie lange sie nerven müssen, um eine Reaktion zu erzielen.
Aber es ist eine sehr sehr stressige Situation für die Betroffenen. Wenn man nicht einfach tatenlos zusehen kann, verstehe ich das. Was gibt es Einschränkenderes als „Ich soll nicht auf konstante Belästigung reagieren.“ – daraus kann man schwerlich ein Gefühl der Kontrolle über die Situation ableiten.
Daher ist zu empfehlen: alle technischen Möglichkeiten ausnutzen – Mails filtern, Anrufe dieser Nummer sperren oder umleiten, auf allen sozialen Netzwerken und in Chats blocken; gemeinsamen Bekannten, falls vorhanden, einbläuen, dass sie keine Informationen weitergeben sollen – weder in die eine noch die andere Richtung („XY hat nach dir gefragt.“ oder XY „hilfreich“ erzählen, dass sie dich in Ruhe lassen sollen, weil du eine neue monogame Beziehung hast z.B.)
Wenn man der Person auch auf der Straße begegnen kann, wird es noch schwieriger. Da es hier um Online-Probleme geht, verweise ich zur weiteren Lektüre auf die folgenden Artikel. Bei allen ist Vorsicht walten zu lassen, weil sie Beschreibung von emotionalem oder körperlichen Missbrauch enthalten können. Drei Stories von Betroffenen, gefolgt von Unmengen an Tips, Was tun gegen Online-Stalker*innen und Eine Ex-Partnerin*, die die neue Freundin* belästigt.

Das Filtern von E-Mails (das heißt am besten als gelesen markieren lassen und z.B. in einem Ordner abspeichern, den man sich nicht ansieht) kann nebenbei sehr unbefriedigend sein oder sogar stressig – etwa wenn man die Person kennt und sie suizidal ist oder man sich nicht sicher ist, ob „wichtige“ Drohungen kommen. In dem Falle empfiehlt es sich, die Mails an eine Vertrauensperson weiterleiten zu lassen, die regelmäßig überprüft, ob es relevante Inhalte gibt, aber nichts von den Inhalten weitererzählt.

Schlusswort

Das sind höchst persönliche Vorschläge, die keinen bindenden Charakter haben oder die nicht auszuführen bedeutet, dass man falsch vorgeht. Unabhängig von dem Geschriebenen gilt für mich: Betroffene entscheiden, was gemacht wird und das wird nicht kritisiert, sondern unterstützt. Wenn ignorieren euch hilft, ignoriert, wenn ihr selbst mal zurückschreien (=CAPSLOCKEN) wollt, macht das.
Was für mich klar ist, ist dies: Mobbing und Beleidigungen einfach hinnehmen zu sollen ist Bullshit.

  • Es wälzt die Verantwortung von den Täter*innen und der Gesellschaft, die ihnen den Rücken deckt, auf die Betroffenen ab.
  • Es entbindet Zuschauer*innen und Autoritätspersonen von der Pflicht zu helfen.
  • Es motiviert Täter*innen am wahrscheinlichsten noch dazu so lange mit dem metaphorischen Stock zu pieksen, bis di:er Betroffene eben doch ausrastet.
  • Es zieht furchtbare psychische Auswirkungen für Betroffene nach sich, weil es ein Gefühl der Machtlosigkeit vermittelt.

So viel von mir. Könnt ihr euch im oben genannten Vorgehen wiederfinden? Habe ich einige Sachen völlig falsch wiedergegeben oder nicht richtig verstanden? Wollt ihr von Erfahrungen berichten? Alles willkommen in den Kommentaren.