Wie sich von anderen abgrenzen

Schlagwörter: Selbstpflege – Konflikt – Gefühle

Ich werde jetzt bloggen!! Zumindest hoffe ich das.

Ich beschäftige mich ja viel und gerne mit meinen Gefühlen, meinen Reaktionen und gesellschaftlichen Mechanismen ganz allgemein. Das auch schon länger. Entsprechend habe ich einige Strategien entwickelt, wie ich bestmöglich mit mir und anderen umgehen kann. (Das heißt vor allem: Wie ich mich nicht selbst zu Grunde richte. It’s a difficult thing.)
Wie sich herausstellt, sind meine Strategien aber wenig ausgereift, wenn es um Konflikte geht. Vor allem wenn starke Emotionen ins Spiel kommen, fällt es mir schwer von den Gefühlen meines Gegenübers nicht überwältigt zu werden. Nun wurde ich vor einer Weile gefragt, ob ich über dieses Thema schreiben könne und werde es trotz meiner Schwierigkeiten tun. Vielleicht kann di:er eine oder andere in meinen Gedanken etwas Neues finden. Oder hat sogar eigene Strategien, von denen ich gerne mehr erfahren würde.

Was also tun, wenn eine andere Person sich gerade sehr schlecht fühlt und man droht, in dem Gefühl selbst unterzugehen (RW = Redewendung), während man doch nur helfen möchte?
Das direkteste Mittel, was mir unmittelbar einfällt, ist der Person bewusst die Gefühle „zurückzugeben“. Das bedeutet, dass ich mir mehr oder weniger bildlich vorstelle, wie ich der Person ein Bündel mit ihrer Wut/Angst/Verzweiflung/Trauer übergebe. Das klingt zunächst ziemlich herzlos. Stellt man damit nicht symbolisch dar: „Das hier ist dein Problem. Du musst dich alleine drum kümmern.“?
Nein, denn man kann eine Person unterstützen und sogar mit ihr mitfühlen, ohne dass man sich selbst in dem Gefühl verliert (RW). Um genau zu sein ist eine gewisser emotionaler Abstand wichtig, damit man eine Stütze sein kann. Anderenfalls ist man selbst in kurzer Zeit so ausgezehrt, dass man sich entweder völlig von der Person/dem Problem zurückziehen muss oder zwar dableibt, aber emotional stark mitgenommen ist (RW).
Man kann sich auch vor Augen halten (RW), dass es ein Akt der Unterstützung ist andere bei ihren Gefühlen zu begleiten, ohne sie sich zu eigen zu machen. Zu sagen „Du bist gerade in Schwierigkeiten und fühlst dich sehr schlecht dabei – wie kann ich dich unterstützen, damit es dir besser geht? Was möchtest du als nächstes tun?“ vermittelt, dass man daran glaubt, dass die andere Person stark genug ist, um ihr Leben zu bewältigen. Sie ist aber nicht alleine dabei. Man erkennt damit an, dass jeder Mensch di:er Expert*in fürs eigene Leben ist. Man gibt Mut, dass si:er fähig ist, die richtige Entscheidung zu treffen, selbst wenn die Situation momentan aussichtslos scheint. Es ist also kein Zeichen der Gefühlskälte, wenn man sich nicht zu 100% auf die Gefühle einlässt, die man wahrnimmt. Es sendet vielmehr das Signal (RW), dass man eine verlässliche Begleitung ist, die nicht selbst Unterstützung braucht und damit zu den Sorgen der*s Freund*in noch weitere hinzufügt.

Natürlich ist es unmöglich vollkommen unberührt von den Erlebnissen anderer zu sein. Wenn lieben Menschen Schlechtes widerfährt, fühlt man immer mit oder macht sich Sorgen. Insofern ist es durchaus richtig, für die eigenen Gefühle ein Ventil (RW) zu suchen. Besonders Menschen, die lange Zeit in einer pflegenden Position sind (ob körperlich oder emotional oder beides), brauchen selbst zuverlässige Unterstützung. Egal wie sorgfältig man mit sich umgeht, eine starke emotionale Belastung kann man nicht einfach herunterschlucken (RW). Für diesen Fall habe ich über Captain Awkward ein interessantes Konzept kennengelernt: die Ringtheorie.
Sagen wir eine Person A ist im Krankenhaus. Sie ist in dieser Theorie im Mittelpunkt des Kreises, sie erlebt eine persönliche Krise. Person A wendet sich an ihre Freund*innen, Familie, Bekannte, um über ihre Sorgen zu sprechen. Mit einigen wird sie sehr eng verbunden sein, andere sieht sie seltener, zu denen hat sie nur ein loses Verhältnis. Die Ringtheorie sagt nun: Jeder Mensch, der mit Person A bekannt ist, wendet sich mit ihren Sorgen um A nur nach außen. Die, die A am nächsten stehen, wenden sich an ihre Liebsten, aber nicht an A selbst. Diese wiederum wenden sich nur an Menschen, die A weniger nahe stehen als sie selbst usw. Ziel ist es, die emotionale Belastung auf so viele Schultern wie möglich zu verteilen (RW), und immer von denen weg, die einer stärkeren Belastung ausgesetzt sind.
So kann man sich also an andere Freund*innen wenden, wenn man selber gerade überfordert ist (die natürlich vertrauenswürdig sein sollten).

Bis jetzt haben wir also davon gesprochen 1) die Gefühle anderer bewusst nicht zu verinnerlichen und 2) sich selbst emotionale Unterstützung außerhalb des „Krisen-Epizentrums“ (etwa: „Ausgangspunkt“) zu suchen.
Was man nicht vergessen sollte: Auch wenn man Menschen Unterstützung bietet, hat man Rechte. Also nicht im rechtswissenschaftliche Sinne, sondern im … Selbstpflege-Sinn. Man hat z.B. das Recht zu besprechen, in welcher Art man die andere Person unterstützt; Man kann drum bitten, das Thema nicht länger als 20 Minuten oder mit ein bisschen flauschigen Tierbildern zur Einleitung oder nur an sonnigen Dienstagen zu besprechen. – Diese Beispiele sind nicht ganz ernst gemeint, aber ich will sagen: Es lohnt sich in sich zu gehen, ob man eine Pause braucht und wenn ja, darüber zu sprechen. Wie ich oben sagte: Wenn man zerkrümelt (RW), ist man auch keine große Hilfe.
Weiterhin hat man auch die Wahl, ob man Gespräche anbietet oder praktische Hilfe. Wenn ich depressiv bin, kann es für mich z.B. eine sehr große Erleichterung sein, wenn jemand anderes für mich einkauft. Eine praktische Tat, die für andere vielleicht auf dem Weg liegt.
Es hilft allen, wenn man darüber spricht, was man geben kann und was die andere Person braucht. Somit wird verhindert, dass man aneinander vorbei redet und am Ende alle ohne Nutzen erschöpft sind.

Das sind die Vorschläge, die mir einfallen. Was tut ihr, um nicht überwältigt zu werden, wenn ihr anderen beisteht?

Advertisements

Gefühle und Diskriminierung – Diskriminierende Gefühle? (Teil 3)

Schlagwörter: Diskriminierung – Gefühle – Grenzüberschreitung – Consent – Oppression Olympics

Inhaltswarnung: Beispiele von rassistischen und klassistischen Vorurteilen, Ableismus, Antisemitismus, Selbstbeschimpfung, übergriffige Situationen, street harassment

Vor allem in Teil 1 habe ich behauptet, dass es keine bösen Gefühle gibt – gemeint waren solche wie Neid, Eifersucht, Missgunst. Das passt allerdings nicht ganz damit zusammen, dass ich gegen Diskriminierung bin, schließlich entstehen Gefühle auch aufgrund von Vorurteilen, die man gelernt hat.
Die Angst vor „kriminellen Ausländer*innen“ oder Menschen, die als psychisch krank eingeschätzt werden, die Abscheu gegenüber „faulen“ Hartz IV-Bezieher*innen, das Gefühl der Überlegenheit gegenüber Menschen, die „nicht mit ihrem Geld umgehen können“. All dies sind keine Gefühle, die durch eigene Erfahrung gerechtfertigt sind. Sie entstehen, weil Menschen mit verbreiteten Vorurteilen umgehen als wären sie Erfahrung.

Wenn ich gegen eine Glastür laufe, werde ich die nächsten Male vorsichtiger sein. Ich meide sie aus Erfahrung. Bei Stereotypen erzählt sich eine privilegierte Gruppe Menschen eine Geschichte so lange, bis sie wahr scheint. Mitunter erzählen die negativ Betroffenen sogar mit (z.B. bei internalisiertem Sexismus), um sich gegen „die anderen“ abzugrenzen. „Andere Frauen sind so xy, aber ich bin das nicht.“ Weil alle davon sprechen, kann es keinen Zweifel geben, dass man hier auf eine wichtige Sache gestoßen ist und *poof* ist es völlig in Ordnung, zu diskriminieren.
Manchmal hat die Geschichte auch wahre Inhalte, aber Ursache und Wirkung werden verzerrt. Das kann man z.B. bei Rassismus bzw. Antisemitismus beobachten: Erst enthält man einer Gruppe die Möglichkeit vor, Arbeit zu finden, weil man sie strukturell benachteiligt – Diskriminierung in Schule, Ausbildung, dem Arbeitsmarkt. Dann sucht man die Schuld für eingebildete oder reale Joblosigkeit bei ihnen – alles, um nicht die strukturelle Gewalt anerkennen zu müssen. Schon im Mittelalter hatte man das drauf: Erst Jüd*innen verbieten in fast allen Berufen zu arbeiten und sie dann für ihre „Geldgier“ beschimpfen, wenn sie die einzig bleibende Einnahmequelle nutzen.

Wir erzählen uns als Gesellschaft also Geschichten darüber, warum Diskriminierung gerechtfertigt sein soll und behandeln sie wie einen Film, an dessen Ende „Basierend auf wahren Ereignissen“ steht. Jede Person, die „stereotypes“ Verhalten an den Tag legt, ist dann ein „Beweis“ für die Vorurteile. Jede Person, die es nicht tut, wird vernachlässigt. Eine Frau*, die rosa mag: BEWEIS!!! Eine Frau*, die grün mag: gleich vergessen.

Es ist also nicht von der Hand zu weisen, was Lundy Bancroft in Teil 1 sagte: Unsere Gefühle werden (auch) von unseren Einstellungen und Gewohnheiten und damit Vorurteilen beeinflusst.

Wie mit solchen Gefühlen umgehen?

Meine Antwort darauf leitet sich durchaus aus den vorhergehenden Teilen ab: Ich sehe keinen Sinn darin, sich selbst für diskriminierende Gefühle zu beschimpfen.

Kennt ihr das, wenn andere sich oder ihr euch selbst so hart verurteilt, dass es nur noch darum geht, wie scheiße sie/ihr seid und irgendwie gar nicht mehr um die Sache?
Wenn eine Person dies bei sich tut, führt es zu einer unendlichen Spirale der Schuld und Scham, in der die Person sich beschimpft bis sie erschöpft genug ist, um sich in den Schlaf zu weinen. Problem gelöst? Nein.
Ich steh nicht so auf den Ansatz der katholischen Kirche, wo man sich einfach selbst schlägt (im übertragenen Sinne oder wörtlich) und dann ist das Thema gegessen. Lerneffekt: null. Grausamkeit: 100%
Wenn man eine Person in einem Gespräch kritisiert und sie sagt: „OMG das war mir nicht klar. Das tut mir so Leid! Wie kann ich nur so dumm sein? Oh Gott, scheiße. Ich geh jetzt besser. Oh Gott, das kann ich gar nicht wieder gut machen.“ geht es auch nicht um das Thema. Ich weiß, dass es sich für Menschen, die dazu neigen sich fertig zu machen so wirkt als wäre das die richtige Reaktion. Paradoxerweise übernehmen sie auf diese Art aber weniger Verantwortung für das Gesagte. Die unausgesprochenen Regeln unserer Gesellschaft verlangen nämlich, dass man eine Person beruhigen und ihr gut zureden soll, wenn sie sich fertig macht. Möglichkeit auf das ursprüngliche Problem einzugehen: null.

Was aber dann?

  • Schritt 1: Keine Selbstbeschimpfung.
  • Schritt 2: Sich vorsichtig sagen, dass man gerade wahrscheinlich Scheiße gebaut hat.
  • Schritt 3: Erst mal Zeit nehmen, um die Scham, die Selbstzweifel, die Wut und Abwehrreaktionen zu verdauen.
  • Schritt 4: Darüber nachdenken, was man falsch gemacht hat.
  • Schritt 5: Sh. Schritt 3.
  • Schritt 6: Überlegen, ob und bei wem man sich entschuldigen muss.
  • Schritt 7: Sh. Schritt 3.
  • Schritt 8: Entschuldigung und oder Wiedergutmachung angehen.

Wiedergutmachung kann dabei auch bedeuten, dass man sich zum Thema informiert, z.B. wenn niemand von der Handlung direkt betroffen war.

You see, es geht mir nicht darum sich in Selbstkasteiung zu sagen, dass man ein lebensunwertes Nichts ist, weil es nichts bringt und grausam ist (aus Sicht von Selbstpflege).
Aber, wie ich schon in Teil 2 sagte: Man trägt Verantwortung für das eigene Handeln. Wenn du eine Person verletzt/diskriminiert/unfair behandelt hast, hat die ein Recht auf eine Entschuldigung und Wiedergutmachung. Genau so darf diese Person wütend sein. Diese Person darf dir sogar berechtigte Vorwürfe machen (Ich meine mit „berechtigt“: „Du hast gerade total abgefuckt und das macht mich wütend.“ Unberechtigt: „Du -istisches Schimpfwort.“)
Ich empfehle, mit sich persönlich vorsichtig umzugehen und natürlich schadet es nicht, nett zu anderen zu sein (Kraft dafür und Lust darauf vorausgesetzt). Aber „Du hast Scheiße gebaut.“, von einer Person zur anderen gesagt, ist keine Beschimpfung. Es ist eine notwendige Aussage, wenn wir das mit Diskriminierung abschaffen mal durchziehen wollen.

Darf ich Grenzüberschreitungen nicht mögen?

Als letztes möchte ich noch auf eine Frage von serialmel eingehen:

Welchen Unterschied macht es, wenn ein Mann(TM) immer wieder absichtlich Körperkontakt herstellt im Verhältnis zu einem Kleinkind. Welche Unterstellungen existieren (unbewusst?) bevor jemand eine Reaktion auslöst?

Ich trenne das von dem vorherigen Thema ab, weil hier eine gute intuitive Reaktion auf eine Grenzüberschreitung vorliegt.
Es ist gar nicht wichtig, welche Hintergedanken der Mann konkret hat. Es ist nicht einmal wichtig, ob das nur ein fehlgeleitetes Zeichen der Freundlichkeit sein soll (Tipp: Das ist eine gängige Entschuldigung, aber wesentlich seltener der Fall). Denn jede Person darf darüber bestimmen, wo ihre Grenzen sind. Sie darf bestimmen, wie oft, wie und von wem sie (nicht) angefasst werden will, (nicht) angesprochen werden will, wer sich ihr wie weit (nicht) nähern darf und so weiter. Dass unsere Gesellschaft das bestenfalls in Ansätzen beachtet, ist uninteressant. Jede Person hat dieses Recht. Es gibt keine Pflicht, mit anderen Menschen auf eine Art zu interagieren, die man unangenehm findet. Es muss kein beweisbares Fehlverhalten vorliegen. Es muss überhaupt kein Fehlverhalten vorliegen. Jede*r. Entscheidet. Selbst.

Manchmal liegt auch ein schwer zu durchblickende Kombination aus Privilegiertheit und Diskriminiertheit vor.
Darf ein lesbische Frau* einer heterosexuellen Frau* gegen ihren Willen einen Kuss geben? Darf ein Mann* of Color einer weißen Frau* auf der Straße hinterherrufen? Darf ein autistischer Mann* gegen ihren Willen zu nah an einer neurotypischen Frau* stehen? Die Antwort lautet nein. Das ist alles nicht in Ordnung, weil es die Grenzen der Frauen* verletzt. Die Definitionsmacht besagt, dass sie die Situation als übergriffig bezeichnen dürfen. Die Definitionsmacht besagt ebenfalls, dass die jeweiligen anderen das als heterosexistisch, rassistisch bzw. ableistisch bezeichnen dürfen. (Danke an die takeover.beta-Redaktion für diesen Lernfortschritt.)
Es besteht definitiv die Möglichkeit, dass ein Teil der Ablehnung durch Vorurteile bestimmt ist. Wenn Schwarze Frauen* mit Profilbild im Online-Dating wesentlich seltener angeschrieben werden (oder geantwortet wird) als weiße Frauen* ist das ein Zeichen dafür, dass hier etwas nicht stimmt. Jedoch hat man keine Möglichkeit zu sagen, wie sehr die Ablehnung durch Vorurteile bedingt ist. Vor allem kann man keine individuellen privilegierten Menschen dazu zwingen mit konkreten anderen nicht privilegierten Menschen zu reden/sie zu daten. Das verträgt sich einfach mit dem Prinzip der Selbstbestimmung nicht. Was hingegen notwendig ist, ist rassistische (ableistische, sexistische, …) Vorurteile in der Gesellschaft zu bekämpfen, bis solche Ungleichheiten nicht mehr bestehen (dies bezogen auf das Online-Dating, die Beispiele oben sind Grenzverletzungen – ich gehe zumindest davon aus, dass die Reaktionen sich mit anderen Machtverhältnissen nicht groß ändern würden).

Was ist dieses ‚Grenzüberschreitung‘ und wo kann ich es abonnieren?

Weil der Unterschied zwischen Grenzüberschreitung-nicht-mögen und Diskriminierung manchen nicht klar ist, ein sehr offensichtliches Beispiel zum Schluss: Wenn du Essen nicht bei People of Color kaufst, aber bei Weißen, ist das rassistisch. „Wenn People of Color Essen zubereiten, finde ich das grenzüberschreitend.“ Bullshit. Go home.
Wenn du dich für Matheaufgaben nur an Männer* wendest, statt auch mal eine Frau* um Hilfe zu fragen, ist das sexistisch. „Frauen*, die Mathe machen, lösen in mir Angstgefühle aus.“ Nope. Go home.
„Wenn ich eine Person nicht auf eine Art, die mir gefällt kontaktieren/anfassen/ansprechen darf, finde ich das grenzüberschreitend.“ Drei mal MEEEP. Go home.
Sowohl offensichtliche Diskriminierung als auch selbst grenzüberschreitend zu sein zählt nicht.

Wie viel Verantwortung trägt man für eigene Gefühle? – Teil 2

Schlagwörter: Gefühle – Verantwortung – emotionale Gewalt – Manipulation

Gestern habe ich darüber gesprochen, inwiefern man für das Entstehen der eigenen Gefühle verantwortlich ist. Ich bin recht ausgiebig darauf eingegangen, weil in unserer Gesellschaft Gefühle nicht gleich Gefühle sind (RW=Redewendung). Abhängig vom eigenen Geschlecht (bzw. dem, was andere dir zuordnen), den Einkommenskreisen, in denen man sich bewegt, dem eigenen Alter und einigem mehr ist die Art von Gefühlen, die man haben „darf“, eingeschränkt. Ich halte das für Bullshit und in vielen Fällen für emotional gewalttätig.
Diese Regeln führen dazu, dass der ersten emotionalen Reaktion, die man auf ein Ereignis hin hat, oft eine zweite folgt – nämlich Schuld. „Ist es nicht peinlich, wenn ich als Mann*/erwachsene Person Angst habe?“ oder „Ist es nicht falsch, eifersüchtig auf Menschen zu sein, die meine Liebsten mögen?“
Das bringt einer*m persönlich so ziemlich null. Es führt dazu, dass man sich mit den Schuldgefühlen beschäftigt, statt das Originalgefühl zu ergründen. Im schlechtesten Fall wird man über die Angst oder Eifersucht nie weiter nachdenken, weil man die Schuld nicht spüren möchte. Unter diesen Umständen kann man sich nur schwer mit dem beschäftigen, was einer*n wirklich umtreibt (RW).
Also nochmal: Ich halte nichts davon, Gefühle in „gut“ und „böse“, „richtig“ oder „falsch“ einzuteilen. Damit ist es nicht notwendig, sich für irgendeines zu schämen. Alle Gefühle haben einen Zweck: uns möglichst unverletzt durch diese Welt zu helfen.

Was bedeutet das für den Umgang mit meinen Gefühlen, wenn sie andere betreffen? Ich habe gesagt, dass sie eine Reaktion auf unsere Umwelt sind, nicht leicht zu beeinflussen. Was soll ich also tun mit verletzten Gefühlen, Wut, Enttäuschung? Das bringt uns zur Frage:

Wie viel Verantwortung trägt man gegenüber anderen für die eigenen Gefühle?

Meine Antwort: einige. Lasst mich erklären.
Einerseits habe ich gesagt, man soll sich nicht für die Entstehung von Gefühlen schämen, andererseits stand im einleitenden Zitat gestern, dass Gefühle keine Handlungen bedingen. Damit das zusammen funktioniert, muss man an irgendeiner Stelle tatsächlich Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen. Diese Verantwortung liegt da, wie man mit ihnen umgeht.

Dass ich wütend werden, wenn mir jemand auf den Fuß tritt, ist in Ordnung, dass ich die Person im Gegenzug anbrülle, nicht (mal vorausgesetzt, das dem keine lange Geschichte von Auseinandersetzungen vorausgeht).
Es ist Verantwortung einer*s jeden zu entscheiden, wie si:er auf die eigenen Gefühle reagiert. Vor allem dann, wenn sie mit anderen Menschen zu tun haben. Das heißt, man trägt die Verantwortung dafür, wie man reagiert.
Hätten wir zum Beispiel eine Person, die eifersüchtig ist. Den geliebten Menschen fragen, ob etwas nicht in Ordnung ist: gute Reaktion. Seine Privatsphäre verletzen und siren Computer durchsuchen: schlecht. Oder wenn man gerade zu viel zu tun hat und sich jemand unterhalten will; Der Person sagen, dass man später reden möchte, weil gerade zu gestresst: gut. Person anfahren: schlecht.
Natürlich ist das alles eine moralisch-ethische Frage, wie man „richtig“ reagiert. Das muss jede*r für sich entscheiden. Zum Beispiel bei Grenzverletzungen auf der Straße durch Fremde, darf man gewalttätig werden oder muss man erst alle anderen Mittel ausreizen? Das möchte ich hier gar nicht diskutieren.
Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass ich es nicht in Ordnung finde, wenn man jede Verantwortung für das eigene Handeln von sich weist, weil die emotionale Reaktion gerade „einfach zu stark“ war, „Muss ich mich denn wiiiirklich entschuldigen? Ich hatte doch so viel Stress auf Arbeit“ etc. pp. Wer wem welche harsche Reaktionen vergibt, müssen Menschen unter sich ausmachen, aber von mir gibt es keinen Freifahrtschein (RW) „Unschuldige“ scheiße zu behandeln, weil man gerade von starken Gefühlen überwältigt wird.

„Gefühlvolle“ Kommunikation oder emotionale Gewalt?

Wenn man darüber sprechen möchte, wie es einer*m gerade geht – vielleicht auch um ein bestimmtes Bedürfnis zu erklären – ist ein schmaler Grat zu meistern (RW). Viele Mittel können gleichzeitig hilfreich, aber auch abusive eingesetzt werden.
Zum Beispiel: „Dieses Verhalten verletzt mich, könntest du das nicht tun?“ ist, was mich angeht, erst mal eine angemessene Frage, die man diskutieren kann. Die angesprochene Person muss dann entscheiden, ob das für sie in Ordnung geht oder das Verhalten für sie zu wichtig ist. Die erste Person muss dann wieder entscheiden, ob sie mit der Antwort leben kann oder eine andere Lösung her muss. Kann man alles besprechen.
Was aber nun, wenn „dieses Verhalten“ meint „mit anderen Menschen meines Geschlechts reden“? Das ist keine angemessene Forderung, auch wenn die Person behauptet, dass es sie verletzt.

Manche emotional gewalttätigen Menschen haben sich die Sprache der gewaltfreien Kommunikation, ich-statements, und was es sonst noch gibt angeeignet und tun damit immer noch das, was sie am besten können: manipulieren, gewalttätig sein, wenn auch nicht körperlich.

Nehme man alternativ das folgende Beispiel: Es gibt eine Person im Freund*innenkreis, die du nicht sehr magst. Du gehst ihr aus dem Weg, machst kurzen Smalltalk mit ihr, wenn nötig, aber meidest sie sonst. Du versuchst nicht andere Leute davon zu überzeugen, dass sie furchtbar ist. Nun kommt die Person und sagt, dass es sie verletzt, dass ihr keine intimeren Gespräche führt oder wenn du kurz angebunden ist. Machst du hier etwas falsch? Solltest du zu gleichen Teilen mit allen befreundet sein? Nein, natürlich nicht. Es ist dein gutes Recht, mit den Leuten zu reden, die du am meisten magst. Aber es gibt Menschen, die höfliches Abstandhalten zu einer Schmutzkampagne umdeuten.
Das Beispiel zeigt: Nur weil „es verletzt mich, wenn…“ in einem Satz steckt, heißt es nicht, dass du das verletzende Verhalten unter allen Umständen einzustellen hast. Wenn ein Mensch mehr Kontakt will als ein anderer, wird immer eine*r unglücklich sein. Es gibt aber nun einmal keine Kontaktpflicht.

Der Unterschied liegt im Detail

Solche Feinheiten sind der Grund, warum ich nie so viele Themen abdecken könnte, dass glasklar (RW) der Unterschied zwischen guter Kommunikation und abusiveness klar wird. Dafür braucht man Erfahrung, Beispiele, eigene Erlebnisse, die man untersucht. Viele emotional gewalttätigen Aussagen klingen erst einmal in Ordnung, bis man die Feinheiten heraushört. Bis man merkt, dass es eine Forderung ist, die nur wie eine Frage klingt. Oder weiß, dass ein Nein bestraft werden würde.
Das ist auch der Grund, warum es so viele Pseudo-Feministen geben kann: Menschen eignen sich die Rhetorik einer Gruppe an und man glaubt, sie haben den Durchblick, weil sie mit den richtigen Begriffen um sich werfen (RW). Dann hast du Typen, die dir erklären, dass es ihre Grenzen verletzt, wenn sie dich nicht anglotzen dürfen. Das ist manipulatives Geseier, aber wie gesagt – ohne einen gewissen Erfahrungsschatz, steht man mitunter erst mal ratlos da, ob man etwas falsch gemacht hat.
Wenn sich eine Situation scheiße anfühlt, ist sie es meist. Du musst nicht erklären können, warum. Du musst Menschen, die dir unangenehm sind, nicht in 6 Bänden vorlegen, warum du jetzt gerne gehen möchtest. Abstand suchen, um in Ruhe drüber nachzudenken, ist das Beste.

Ich habe keine Ahnung, was hier die finale Aussage ist. Aber es wird noch einen dritten Teil geben, vor allem zu evilmels Fragen.

Wie viel Verantwortung trägt man für eigene Gefühle? – Teil 1

Schlagwörter: Gefühle – Selbstpflege

Als ich gerade ratlos war, worüber ich hier auf dem Blog schreiben sollte, schlug @evilmel_ mir das oben genannte Thema vor: Wie viel Verantwortung hat man für die eigenen Gefühle? Gerade im Zusammenhang mit dem Buch, das ich zur Zeit lese: Why does he do that? von Lundy Bancroft, ist die Frage spannend. Er schreibt (S. 29)

The abuser would like us to accept the following simple but erroneous formula: ‚Feelings cause behavior.‘ […] Each human being deals with hurt and resentment in a unique way. When you feel insulted or bullied, you may reach for a chocolate bar. In the same circumstance, I might burst into tears. Another person may put his or her feelings quickly into words, confronting the mistreatment directly. Although our feelings can influence how we wish to act, our choices of how to behave are ultimately determined more by our attitudes and our habits

Bancroft greift also die Aussage an, dass Gefühle Verhalten auslösen und ich stimme zu. Natürlich sind Gefühle oftmals die Motivation etwas zu tun – wenn man traurig ist, wird man zum Beispiel sehr wahrscheinlich Trost suchen – aber ein Gefühl zwingt eine*n nicht dazu, auf eine ganz bestimmte Weise zu reagieren. Deswegen ist „Du hast mich halt wütend gemacht.“ keine Entschuldigung dafür, eine*n zu schubsen. Es gibt andere Möglichkeiten auf Wut zu reagieren.

Schöne Erinnerungen und Trigger

Aber beginnen wir im Urschleim (RW=Redewendung): Wie sehr ist man verantwortlich für das, was man fühlt, nicht tut? Das ist man tatsächlich nur zu einem Teil, lautet meine Antwort. Die emotionalen Reaktionen auf das, was man erlebt, sind unwillkürlich. Sie sind sehr wahrscheinlich von der eigenen Erfahrung geprägt, was man gut an schönen Erinnerungen festmachen kann: Man kann mit einem Ort, einer Eissorte, einem Buch schöne Erinnerungen verbinden und sich dadurch wohlfühlen, ohne dass das für andere Menschen gilt. Sie haben anderes erlebt. Niemand würde dir aber vorwerfen „irrational“ auf dein Lieblingseis zu reagieren, weil es dir gefällt (außer Menschen, die dir böses wollen).
Ein unangenehmeres Beispiel sind Trigger, d.h. Geräusche, Situationen, Tiere, alles Mögliche, auf das man unter anderem mit unmittelbarer Angst reagiert – (meist) nicht weil sie gerade in diesem Moment eine Gefahr darstellen, sondern weil sich im Gehirn eingebrannt hat, dass sich im Zusammenhang mit ihnen eine gefährliche Situation abgespielt hat. Auch wenn starke Reaktionen auf Trigger den Umstehenden nicht logisch erscheinen mögen, sind die damit verbundenen Gefühle nicht „falsch“, in dem Sinne, dass man sie nicht fühlen dürfte. Sie sind ein Schutzmechanismus des Körpers. Wenn die betroffene Person daran arbeiten möchte sie loszuwerden, schön, aber niemand hat das Recht, ihr zu sagen, dass die Reaktion „überzogen“ sei.
Was sich aus dem Absatz vielleicht schon herauskristallisiert hat: Ich bin der Meinung, man darf fühlen, was man fühlt. Sei es auch Neid, Eifersucht, Rachegelüste oder andere Gefühle, die in Romanen meist nur bösen Menschen zugeschrieben werden.

Hegen und Pflegen

Ich hatte darüber gesprochen, dass man unwillkürlich mit Emotionen reagiert. Warum sage ich dann, dass man zu einem Teil für die eigenen Gefühle verantwortlich ist? Mit „verantwortlich“ meine ich erst einmal „man trägt zu ihrer Existenz bei“, nicht – wie es oft verwendet wird – „schuld an ihnen“. Ich möchte keine wertende Aussage machen. Ich finde es nicht schlimm, wenn man dazu beiträgt dies oder jenes zu fühlen. Wie also ist man am Entstehen von Gefühlen beteiligt?
Am Entstehen eigentlich gar nicht, aber an der Pflege und Aufzucht. Wut ist ein gutes Beispiel dafür; Du gehst gestresst durch eine Menschenmenge, jemand rempelt dich an. Wir gehen davon aus, dass kurz Wut in dir aufflammt. Was nun? Motzt du die Person an oder gehst du weiter? Sagst du dir, sie haben das sicher nicht absichtlich getan/dich nicht gesehen oder „Wo hat das Arschloch nur sire Augen!“? Jede der zur Verfügung stehenden Reaktionen wird zu einem anderen (emotionalen) Ergebnis führen. Wenn du nur oft genug darüber nachdenkst, kannst du dich sicher noch den ganzen Tag komfortabel über die Person aufregen – oder vielleicht versiegt dein Unmut, sobald du noch einmal die Lage analysiert hast und feststellst, dass sie dich nicht sehen konnten.
Du bist also insofern für deine Gefühle verantwortlich, dass du entscheiden kannst, welche du pflegst und welchen du keine Nahrung gibst.

Einfach positiv denken – oder was?

Das klingt jetzt furchtbar danach, als würde ich „positives Denken“ fordern und unterm Strich (RW) behaupten, dass man selbst Schuld ist, wenn man sich schlecht fühlt, oder?
Was ich sagen will, sind nur die beiden grundlegenden Aussagen: 1) Unwillkürliche emotionale Reaktionen kann man nicht kontrollieren. 2) Wie man reagiert, verändert wie man fühlt.

Die Reaktion verändert wie man fühlt. Das heißt nicht, dass man einfach aus Wut Freude machen kann oder aus Trauer Zufriedenheit. Wir sprechen hier von kleinen Veränderungen wie „viel Wut -> etwas weniger Wut“ oder „Wut -> immer noch Wut, aber ein bisschen Mitgefühl“.
Ebenso ist es wichtig zu erwähnen, dass man emotionale Ressourcen benötigt, um sich um unangenehme Gefühle zu kümmern. Alle kennen wahrscheinlich befreiende Heulkrämpfe – eine relativ automatische Reaktion des Körpers (viel trinken!). Für andere bedeuten überwältigende Gefühle aber, dass sie einfach stumpf werden und funktionieren. Da wird es schon schwerer, sich um die eigenen Gefühle zu kümmern.
Ebenso kann man auf starke Gefühle viel schlechter reagieren, wenn die Quelle nicht verschwindet. Das ist der Grund, warum stressige Situationen derart auslaugen. Sicher kann ich meine Wut verrauchen lassen, wenn einmal jemand kurz gegen mich gestoßen ist. Aber wenn jemand so unvorsichtig ist, mich immer anzurempeln wenn wir uns auf dem Flur begegnen oder es gar absichtlich tut, dann staut sich die Wut eher auf. Mit anderen Worten: auch wenn die eigene Reaktion eine Rolle spielt, hat die Umwelt immer noch Einfluss darauf, was weiter mit den eigenen Gefühlen geschieht.

Da dies länger ist als erwartet, folgt Teil 2 später.

1 Wenn Übersetzung notwendig, einfach kurz in die Kommentare schreiben