Wie viel Verantwortung trägt man für eigene Gefühle? – Teil 1

Schlagwörter: Gefühle – Selbstpflege

Als ich gerade ratlos war, worüber ich hier auf dem Blog schreiben sollte, schlug @evilmel_ mir das oben genannte Thema vor: Wie viel Verantwortung hat man für die eigenen Gefühle? Gerade im Zusammenhang mit dem Buch, das ich zur Zeit lese: Why does he do that? von Lundy Bancroft, ist die Frage spannend. Er schreibt (S. 29)

The abuser would like us to accept the following simple but erroneous formula: ‚Feelings cause behavior.‘ […] Each human being deals with hurt and resentment in a unique way. When you feel insulted or bullied, you may reach for a chocolate bar. In the same circumstance, I might burst into tears. Another person may put his or her feelings quickly into words, confronting the mistreatment directly. Although our feelings can influence how we wish to act, our choices of how to behave are ultimately determined more by our attitudes and our habits

Bancroft greift also die Aussage an, dass Gefühle Verhalten auslösen und ich stimme zu. Natürlich sind Gefühle oftmals die Motivation etwas zu tun – wenn man traurig ist, wird man zum Beispiel sehr wahrscheinlich Trost suchen – aber ein Gefühl zwingt eine*n nicht dazu, auf eine ganz bestimmte Weise zu reagieren. Deswegen ist „Du hast mich halt wütend gemacht.“ keine Entschuldigung dafür, eine*n zu schubsen. Es gibt andere Möglichkeiten auf Wut zu reagieren.

Schöne Erinnerungen und Trigger

Aber beginnen wir im Urschleim (RW=Redewendung): Wie sehr ist man verantwortlich für das, was man fühlt, nicht tut? Das ist man tatsächlich nur zu einem Teil, lautet meine Antwort. Die emotionalen Reaktionen auf das, was man erlebt, sind unwillkürlich. Sie sind sehr wahrscheinlich von der eigenen Erfahrung geprägt, was man gut an schönen Erinnerungen festmachen kann: Man kann mit einem Ort, einer Eissorte, einem Buch schöne Erinnerungen verbinden und sich dadurch wohlfühlen, ohne dass das für andere Menschen gilt. Sie haben anderes erlebt. Niemand würde dir aber vorwerfen „irrational“ auf dein Lieblingseis zu reagieren, weil es dir gefällt (außer Menschen, die dir böses wollen).
Ein unangenehmeres Beispiel sind Trigger, d.h. Geräusche, Situationen, Tiere, alles Mögliche, auf das man unter anderem mit unmittelbarer Angst reagiert – (meist) nicht weil sie gerade in diesem Moment eine Gefahr darstellen, sondern weil sich im Gehirn eingebrannt hat, dass sich im Zusammenhang mit ihnen eine gefährliche Situation abgespielt hat. Auch wenn starke Reaktionen auf Trigger den Umstehenden nicht logisch erscheinen mögen, sind die damit verbundenen Gefühle nicht „falsch“, in dem Sinne, dass man sie nicht fühlen dürfte. Sie sind ein Schutzmechanismus des Körpers. Wenn die betroffene Person daran arbeiten möchte sie loszuwerden, schön, aber niemand hat das Recht, ihr zu sagen, dass die Reaktion „überzogen“ sei.
Was sich aus dem Absatz vielleicht schon herauskristallisiert hat: Ich bin der Meinung, man darf fühlen, was man fühlt. Sei es auch Neid, Eifersucht, Rachegelüste oder andere Gefühle, die in Romanen meist nur bösen Menschen zugeschrieben werden.

Hegen und Pflegen

Ich hatte darüber gesprochen, dass man unwillkürlich mit Emotionen reagiert. Warum sage ich dann, dass man zu einem Teil für die eigenen Gefühle verantwortlich ist? Mit „verantwortlich“ meine ich erst einmal „man trägt zu ihrer Existenz bei“, nicht – wie es oft verwendet wird – „schuld an ihnen“. Ich möchte keine wertende Aussage machen. Ich finde es nicht schlimm, wenn man dazu beiträgt dies oder jenes zu fühlen. Wie also ist man am Entstehen von Gefühlen beteiligt?
Am Entstehen eigentlich gar nicht, aber an der Pflege und Aufzucht. Wut ist ein gutes Beispiel dafür; Du gehst gestresst durch eine Menschenmenge, jemand rempelt dich an. Wir gehen davon aus, dass kurz Wut in dir aufflammt. Was nun? Motzt du die Person an oder gehst du weiter? Sagst du dir, sie haben das sicher nicht absichtlich getan/dich nicht gesehen oder „Wo hat das Arschloch nur sire Augen!“? Jede der zur Verfügung stehenden Reaktionen wird zu einem anderen (emotionalen) Ergebnis führen. Wenn du nur oft genug darüber nachdenkst, kannst du dich sicher noch den ganzen Tag komfortabel über die Person aufregen – oder vielleicht versiegt dein Unmut, sobald du noch einmal die Lage analysiert hast und feststellst, dass sie dich nicht sehen konnten.
Du bist also insofern für deine Gefühle verantwortlich, dass du entscheiden kannst, welche du pflegst und welchen du keine Nahrung gibst.

Einfach positiv denken – oder was?

Das klingt jetzt furchtbar danach, als würde ich „positives Denken“ fordern und unterm Strich (RW) behaupten, dass man selbst Schuld ist, wenn man sich schlecht fühlt, oder?
Was ich sagen will, sind nur die beiden grundlegenden Aussagen: 1) Unwillkürliche emotionale Reaktionen kann man nicht kontrollieren. 2) Wie man reagiert, verändert wie man fühlt.

Die Reaktion verändert wie man fühlt. Das heißt nicht, dass man einfach aus Wut Freude machen kann oder aus Trauer Zufriedenheit. Wir sprechen hier von kleinen Veränderungen wie „viel Wut -> etwas weniger Wut“ oder „Wut -> immer noch Wut, aber ein bisschen Mitgefühl“.
Ebenso ist es wichtig zu erwähnen, dass man emotionale Ressourcen benötigt, um sich um unangenehme Gefühle zu kümmern. Alle kennen wahrscheinlich befreiende Heulkrämpfe – eine relativ automatische Reaktion des Körpers (viel trinken!). Für andere bedeuten überwältigende Gefühle aber, dass sie einfach stumpf werden und funktionieren. Da wird es schon schwerer, sich um die eigenen Gefühle zu kümmern.
Ebenso kann man auf starke Gefühle viel schlechter reagieren, wenn die Quelle nicht verschwindet. Das ist der Grund, warum stressige Situationen derart auslaugen. Sicher kann ich meine Wut verrauchen lassen, wenn einmal jemand kurz gegen mich gestoßen ist. Aber wenn jemand so unvorsichtig ist, mich immer anzurempeln wenn wir uns auf dem Flur begegnen oder es gar absichtlich tut, dann staut sich die Wut eher auf. Mit anderen Worten: auch wenn die eigene Reaktion eine Rolle spielt, hat die Umwelt immer noch Einfluss darauf, was weiter mit den eigenen Gefühlen geschieht.

Da dies länger ist als erwartet, folgt Teil 2 später.

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3 Gedanken zu “Wie viel Verantwortung trägt man für eigene Gefühle? – Teil 1

  1. Dein Text gefällt mir sehr gut, besonders der Teil, in dem Du erwähnst, daß unsere Reaktionen auf erlebte Gefühle die Gefühle wiederum beeinflussen. Tatsächlich entsteht ja an der Stelle eine Art Kausalität, die als Erfahrung gespeichert, sich als Erwartungshaltung in der nächsten Begenung bestätigt erfährt.
    Mich interessiert daher folgendes: Inwiefern beeinflusst die jeweilige Sicht auf das Gefühlauslösende Subjekt, die Gefühle? (Welchen Unterschied macht es, wenn ein Mann(TM) immer wieder absichtlich Körperkontakt herstellt im Verhältnis zu einem Kleinkind. Welche Unterstellungen existieren (unbewusst?) bevor jemand eine Reaktion auslöst? Was ist einer Selbstbeschimpfung (Das hätte ich besser machen können…) vorausgegangen.? Wie sehr ist die unwillkürliche Reaktion von Vorurteilen/ Vorannahmen geprägt?) Vielleicht ist das nah an dem, was in Teil 2 folgen sollte? Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn Du Deine Sicht dazu teilst. LG

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