Wie viel Verantwortung trägt man für eigene Gefühle? – Teil 2

Schlagwörter: Gefühle – Verantwortung – emotionale Gewalt – Manipulation

Gestern habe ich darüber gesprochen, inwiefern man für das Entstehen der eigenen Gefühle verantwortlich ist. Ich bin recht ausgiebig darauf eingegangen, weil in unserer Gesellschaft Gefühle nicht gleich Gefühle sind (RW=Redewendung). Abhängig vom eigenen Geschlecht (bzw. dem, was andere dir zuordnen), den Einkommenskreisen, in denen man sich bewegt, dem eigenen Alter und einigem mehr ist die Art von Gefühlen, die man haben „darf“, eingeschränkt. Ich halte das für Bullshit und in vielen Fällen für emotional gewalttätig.
Diese Regeln führen dazu, dass der ersten emotionalen Reaktion, die man auf ein Ereignis hin hat, oft eine zweite folgt – nämlich Schuld. „Ist es nicht peinlich, wenn ich als Mann*/erwachsene Person Angst habe?“ oder „Ist es nicht falsch, eifersüchtig auf Menschen zu sein, die meine Liebsten mögen?“
Das bringt einer*m persönlich so ziemlich null. Es führt dazu, dass man sich mit den Schuldgefühlen beschäftigt, statt das Originalgefühl zu ergründen. Im schlechtesten Fall wird man über die Angst oder Eifersucht nie weiter nachdenken, weil man die Schuld nicht spüren möchte. Unter diesen Umständen kann man sich nur schwer mit dem beschäftigen, was einer*n wirklich umtreibt (RW).
Also nochmal: Ich halte nichts davon, Gefühle in „gut“ und „böse“, „richtig“ oder „falsch“ einzuteilen. Damit ist es nicht notwendig, sich für irgendeines zu schämen. Alle Gefühle haben einen Zweck: uns möglichst unverletzt durch diese Welt zu helfen.

Was bedeutet das für den Umgang mit meinen Gefühlen, wenn sie andere betreffen? Ich habe gesagt, dass sie eine Reaktion auf unsere Umwelt sind, nicht leicht zu beeinflussen. Was soll ich also tun mit verletzten Gefühlen, Wut, Enttäuschung? Das bringt uns zur Frage:

Wie viel Verantwortung trägt man gegenüber anderen für die eigenen Gefühle?

Meine Antwort: einige. Lasst mich erklären.
Einerseits habe ich gesagt, man soll sich nicht für die Entstehung von Gefühlen schämen, andererseits stand im einleitenden Zitat gestern, dass Gefühle keine Handlungen bedingen. Damit das zusammen funktioniert, muss man an irgendeiner Stelle tatsächlich Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen. Diese Verantwortung liegt da, wie man mit ihnen umgeht.

Dass ich wütend werden, wenn mir jemand auf den Fuß tritt, ist in Ordnung, dass ich die Person im Gegenzug anbrülle, nicht (mal vorausgesetzt, das dem keine lange Geschichte von Auseinandersetzungen vorausgeht).
Es ist Verantwortung einer*s jeden zu entscheiden, wie si:er auf die eigenen Gefühle reagiert. Vor allem dann, wenn sie mit anderen Menschen zu tun haben. Das heißt, man trägt die Verantwortung dafür, wie man reagiert.
Hätten wir zum Beispiel eine Person, die eifersüchtig ist. Den geliebten Menschen fragen, ob etwas nicht in Ordnung ist: gute Reaktion. Seine Privatsphäre verletzen und siren Computer durchsuchen: schlecht. Oder wenn man gerade zu viel zu tun hat und sich jemand unterhalten will; Der Person sagen, dass man später reden möchte, weil gerade zu gestresst: gut. Person anfahren: schlecht.
Natürlich ist das alles eine moralisch-ethische Frage, wie man „richtig“ reagiert. Das muss jede*r für sich entscheiden. Zum Beispiel bei Grenzverletzungen auf der Straße durch Fremde, darf man gewalttätig werden oder muss man erst alle anderen Mittel ausreizen? Das möchte ich hier gar nicht diskutieren.
Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass ich es nicht in Ordnung finde, wenn man jede Verantwortung für das eigene Handeln von sich weist, weil die emotionale Reaktion gerade „einfach zu stark“ war, „Muss ich mich denn wiiiirklich entschuldigen? Ich hatte doch so viel Stress auf Arbeit“ etc. pp. Wer wem welche harsche Reaktionen vergibt, müssen Menschen unter sich ausmachen, aber von mir gibt es keinen Freifahrtschein (RW) „Unschuldige“ scheiße zu behandeln, weil man gerade von starken Gefühlen überwältigt wird.

„Gefühlvolle“ Kommunikation oder emotionale Gewalt?

Wenn man darüber sprechen möchte, wie es einer*m gerade geht – vielleicht auch um ein bestimmtes Bedürfnis zu erklären – ist ein schmaler Grat zu meistern (RW). Viele Mittel können gleichzeitig hilfreich, aber auch abusive eingesetzt werden.
Zum Beispiel: „Dieses Verhalten verletzt mich, könntest du das nicht tun?“ ist, was mich angeht, erst mal eine angemessene Frage, die man diskutieren kann. Die angesprochene Person muss dann entscheiden, ob das für sie in Ordnung geht oder das Verhalten für sie zu wichtig ist. Die erste Person muss dann wieder entscheiden, ob sie mit der Antwort leben kann oder eine andere Lösung her muss. Kann man alles besprechen.
Was aber nun, wenn „dieses Verhalten“ meint „mit anderen Menschen meines Geschlechts reden“? Das ist keine angemessene Forderung, auch wenn die Person behauptet, dass es sie verletzt.

Manche emotional gewalttätigen Menschen haben sich die Sprache der gewaltfreien Kommunikation, ich-statements, und was es sonst noch gibt angeeignet und tun damit immer noch das, was sie am besten können: manipulieren, gewalttätig sein, wenn auch nicht körperlich.

Nehme man alternativ das folgende Beispiel: Es gibt eine Person im Freund*innenkreis, die du nicht sehr magst. Du gehst ihr aus dem Weg, machst kurzen Smalltalk mit ihr, wenn nötig, aber meidest sie sonst. Du versuchst nicht andere Leute davon zu überzeugen, dass sie furchtbar ist. Nun kommt die Person und sagt, dass es sie verletzt, dass ihr keine intimeren Gespräche führt oder wenn du kurz angebunden ist. Machst du hier etwas falsch? Solltest du zu gleichen Teilen mit allen befreundet sein? Nein, natürlich nicht. Es ist dein gutes Recht, mit den Leuten zu reden, die du am meisten magst. Aber es gibt Menschen, die höfliches Abstandhalten zu einer Schmutzkampagne umdeuten.
Das Beispiel zeigt: Nur weil „es verletzt mich, wenn…“ in einem Satz steckt, heißt es nicht, dass du das verletzende Verhalten unter allen Umständen einzustellen hast. Wenn ein Mensch mehr Kontakt will als ein anderer, wird immer eine*r unglücklich sein. Es gibt aber nun einmal keine Kontaktpflicht.

Der Unterschied liegt im Detail

Solche Feinheiten sind der Grund, warum ich nie so viele Themen abdecken könnte, dass glasklar (RW) der Unterschied zwischen guter Kommunikation und abusiveness klar wird. Dafür braucht man Erfahrung, Beispiele, eigene Erlebnisse, die man untersucht. Viele emotional gewalttätigen Aussagen klingen erst einmal in Ordnung, bis man die Feinheiten heraushört. Bis man merkt, dass es eine Forderung ist, die nur wie eine Frage klingt. Oder weiß, dass ein Nein bestraft werden würde.
Das ist auch der Grund, warum es so viele Pseudo-Feministen geben kann: Menschen eignen sich die Rhetorik einer Gruppe an und man glaubt, sie haben den Durchblick, weil sie mit den richtigen Begriffen um sich werfen (RW). Dann hast du Typen, die dir erklären, dass es ihre Grenzen verletzt, wenn sie dich nicht anglotzen dürfen. Das ist manipulatives Geseier, aber wie gesagt – ohne einen gewissen Erfahrungsschatz, steht man mitunter erst mal ratlos da, ob man etwas falsch gemacht hat.
Wenn sich eine Situation scheiße anfühlt, ist sie es meist. Du musst nicht erklären können, warum. Du musst Menschen, die dir unangenehm sind, nicht in 6 Bänden vorlegen, warum du jetzt gerne gehen möchtest. Abstand suchen, um in Ruhe drüber nachzudenken, ist das Beste.

Ich habe keine Ahnung, was hier die finale Aussage ist. Aber es wird noch einen dritten Teil geben, vor allem zu evilmels Fragen.

4 Gedanken zu “Wie viel Verantwortung trägt man für eigene Gefühle? – Teil 2

  1. Danke für den Post.
    Ich fand besonders den Absatz zur gfk und den zum Begründen gut. Das habe ich nämlich auch schon als sehr gewalttätig erlebt. Das jemand „gewaltfrei“ redet, ganz viel sich in passiver Gewalt ausdrückt und dann mitunter sogar noch durch eine Gruppe das Gefühl vermittelt wird „Aber sie*er ist doch so nett zu dir und gibt sich so viel Mühe“. Meine Verletzung/ihn*sie nicht mögen/whatever dabei aber einfach ignoriert wird, oder ich sie erklären/begründen muss.
    Ich meine gar nicht, dass mensch meinen Gefühlen mehr Aufmerksamkeit zollen soll (also die Verletzung/Unsymphatie verstehen wollen), sondern einfach nur akzeptiert, dass es so ist und zwischen ihr*ihm und mir was steht. Und so wie die*der, der*die (noch) Kontakt will, dass meist nicht erklären muss, ein Nicht Kontakt wollen auch erstmal einfach akzeptiert werden sollte.
    Hm, vielleicht passt es auch nicht ganz zu deinem Post und ich denke da gerade nur drüber nach, weil ich die meiste gfk als manipulativ und nicht gewaltfrei erlebt habe bisher. (Die Forderungen, die nur wie Fragen klingen, die du nennst z.B. Oder die „Ich versteh dich/das“ um dann nur darauf einzugehen, um das durch zu kriegen, was mensch eigentlich erreichen will, ohne es mit Worten zu sagen…)
    Das Perfide ist, finde ich, wie du auch schreibst, dass ich das immer erst viel zu spät deutlich merke, wie abusive solche kommunikativen Situationen sein können und die Situation dann schon vorbei ist, und oft im Nachhinein schwer nachvollziehbar wird.
    Zu „Es gibt keine Kontaktpflicht“: Findest du es ist legitim, Menschen in einem gemeinsamen Freund*innenkreis komplett zu meiden, weil mensch vielleicht ne gemeinsame History hat z.B.; geht das, ohne dass es wie eine Schmutzkampagne wirkt?

    1. Und so wie die*der, der*die (noch) Kontakt will, dass meist nicht erklären muss, ein Nicht Kontakt wollen auch erstmal einfach akzeptiert werden sollte.

      Zustimmung.

      Bezüglich gewaltfreier Kommunikation (gfk): Das ist das Problem all dieser Kommunikations-Strategien: Theoretisch können sie Leuten helfen, aber sie sind nicht „einfach gut“. Nur weil jemand behauptet, gfk zu benutzen und die Sätze auch annähernd so klingen, heißt das nicht, dass die Person es auch (richtig) tut. Abusive Leute kommunizieren abusive, auch wenn sie an jeden Satzanfang „ich fühle“ stellen sollten.
      Solche Strategien sind deswegen beliebt bei abusern, weil sie eben nach Außen ein weiteres Mittel für di:en Abuser*in sind, bodenständig, nett und was-weiß-ich zu erscheinen, während die Person, die sie angreifen, zunehmend „überzureagieren“ scheint.

      Ein Beispiel: Lundy Bancroft schrieb in dem Buch, was ich im letzten Teil zitierte, dass gewalttätige Männer sich gerne Vokabular aus seiner Therapie aneignen (er therapiert gewalttätige Männer) und es einfach als weiteres Mittel nutzen, ihren Partnerinnen zu vermitteln, dass diese Unrecht mit allem haben.

      Weil abusive Kommunikation in der Situation so schwer zu bemerken bzw. drauf zu reagieren ist, neige ich inzwischen dazu, mich möglichst schnell zu entfernen, wenn mir etwas komisch vorkommt. Im Nachhinein fällt mir dann meist ein, was mich gestört hat. Klar, das hat den Nachteil, dass man dann die Person ist, die immer „zu viele Probleme sieht“ bzw. von anderen gedrängt wird, netter zu sein, aber es macht die (freiwilligen ;) Unterhaltungen, die ich habe, auf jeden Fall besser.

      Zu “Es gibt keine Kontaktpflicht”: Findest du es ist legitim, Menschen in einem gemeinsamen Freund*innenkreis komplett zu meiden, weil mensch vielleicht ne gemeinsame History hat z.B.; geht das, ohne dass es wie eine Schmutzkampagne wirkt?

      Eine Person zu meiden ist keine Schmutzkampagne. Wenn eine Person mich fragt, warum ich X meide und ich eine ehrliche Antwort gebe, ist das auch keine Schmutzkampagne. Eine Person zu meiden ist dein gutes Recht. Das schöne an diesem Vorgehen ist, dass die Person dafür nicht mal objektiv „böse“ sein muss. Du „darfst“ Personen sogar meiden, weil ihr Charakter einfach nicht zu deinem Charakter passt. Wenn andere der Meinung sind, du solltest netter sein/ihr solltet mehr miteinander machen, ist das grenzüberschreitend und Not Okay. Bei Captain Awkward (zuerst bei Pevocracy oder so?) wird das (Geek) Social Fallacies genannt: Der irrtümliche Glaube, dass alle Leute in einer Gruppe miteinander auskommen müssen und man das „lösen“ muss, wenn sie’s nicht tun.

  2. Danke für diesen Beitrag. Das Thema ist zwischen meiner Partnerin und mir der zentrale Streitpunkt. Und sie lädt mich oft ein, gemeinasm ein GfK-Video (Marshall Rosenberg) anzuschauen. Ich habe oft dann das Gefühl, dass sie sich selbst nicht an das „Gelernte“ hält und bin frustriert.
    Neulich habe ich ein Buch bei ihr entdeckt, in dem es um „Manipulation“ geht, sowie ein Video über „Seduction“..!

    Jetzt bin ich etwas hellhöriger. Wir haben übrigens „Beziehungspause“, also Zeit darüber nachzudenken.

    1. Ja, sowas ist sehr schwer einzuschätzen. Dass man „die richtigen“ Mittel anwendet (wie gewaltfreie Kommunikation) heißt halt noch nicht, dass man damit etwas Gutes anfängt. Und wenn es ein schales Gefühl bei Beteiligten hinterlässt, statt eine Hilfe zu sein, dann ist es wohl nicht geeignet (oder wird halt nicht für „Gutes“ angewendet). Aus Interesse würde ich vllt. auch mal in Bücher über „Manipulation“ reinsehen, aber sicher nicht, um sie als Anleitung zu verwenden :/

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