Bis zum männlichen* Horizont und nicht weiter

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: Privileg – Sexismus – Silencing – Aktivismus

Vielleicht hat Magda recht und die #Aufschrei-Debatte ist für mich deswegen so schwer zu beobachten, weil ihr Ziel es ist

Frauen und Männer näher zueinander zu bringen

(Was, um die Verwirrung zu erhöhen, eigentlich ein Zitat von @fraeulein_tessa ist.)

Wenn die Kampagne dahin strebt, Männern* klar zu machen, welcher Gewalt sie jeden Tag qua Privileg entgehen, macht es Sinn.
Sie hat auf jeden Fall dazu geführt, dass ich von Typen gelesen habe, die „Scham“ empfinden, weil sie damals nicht eingegriffen haben, die bis jetzt nicht wussten, wie schlimm das alles ist und so fort.

Schon beim ersten Lesen eines solchen Statements fragte ich mich: Was hat deine Manpain in diesem Hashtag verloren? Frauen* geht es scheiße und du legst gleich mal deine Betroffenheit dar, dafuq?
Warum das falsch ist? Weil es die Aufmerksamkeit verschiebt. Es geht nicht mehr um grausames sexistisches Ereignis X, es geht darum, wie grausames Ereignis X einen Mann* emotional mitnimmt. Dadurch wird es legitimer. Ja, auch das ist Sexismus. Nein, das ist KEINE HILFE.
Eine Hilfe ist es, die Stimmen von Frauen* (PoC, Homosexuellen, Menschen mit Behinderung usf.) zu verstärken. (Denk-Anstoß von kiturak. Gerade zu sauer, um den richtigen Artikel zu finden.) Was nicht darunter fällt, ist die Stimme von Dudes, die sich endlich (oder meinetwegen auch wiederholt) mal zum Thema äußern, in den Himmel zu loben.
Versteht ihr nicht, was passiert? Die Debatte wird legitimisiert dadurch, dass auch Männer* Sexismus schlimm finden. Das. Ist. Sexismus. Ja, ich freue mich ehrlich drüber, wenn ich sehe, dass ein paar Typen es geschnallt haben. Ja, ich freue mich auch drüber, dass sie ihre Position nutzen, um die Ideen einer breiteren Leser*innenschaft zuzutragen. Nein, ich werde sie deswegen nicht retweeten. Denn das, was sie da sagen, wird gerade von mindestens 5 Frauen* woanders auch gesagt und steht, viel besser (von Frauen*) beschrieben, schon seit 10 Jahren im Netz. Geschrieben von Leuten, die tatsächlich wissen wie es ist so zu leben. For realz.

Es gibt einen Tumblr-Post darüber, dass die Friend-Zone scheiße ist. Trotz einiger problematischer Aussage und dessen, dass er nicht sehr tief geht, wird er hoch und runter verlinkt. Ratet das Geschlecht und die Perspektive des Autors.
Es gibt einen Tumblr-Post von einem Typen, der ein soziales Experiment gemacht hat. (Ob bezüglich Sexismus oder Cis-Sexismus weiß ich nicht mehr). Er trug „weibliche“ Klamotten (Bluse, Rock, …) und beobachtete die Reaktionen. Als er einen Tag lang den Rock trug, machten ihn die Reaktionen richtig fertig. Text über das Experiment? Rauf und runter verlinkt.
Wisst ihr wie viele (englischsprachige) Artikel es zu Cis-Sexismus und Sexismus im Netz gibt, die aus einer Betroffenen-Perspektive geschrieben sind? Ihr könnt sie in eurer Lebzeit nicht einmal lesen. Und dieser weiße Cis-Dude kommt daher und bringt alle zum Weinen. SO fühlt sich das also an. Das ist ja echt schmerzhaft. Da sollten wir Mitleid mit den anderen haben.

Ich weiß, wie gut es sich anfühlt, wenn eine Person, von der man es nicht erwartet hat Es Versteht(tm). Dennoch ist das kein Grund für Belohnung, wenn ein Mann* endlich akzeptiert, dass es Sexismus und sexuelle Belästigung gibt. Die Belohnung für ein privilegierten Person die diskriminierende Struktur anzuerkennen, von der sie profitiert, ist Kein-Arschloch-sein. Hier ist deine „Herzlichen Glückwunsch, Du bist kein Arschloch“-Marke. Ich hoffe, das reicht.

(Tut mir Leid, dass die Lesbarkeit heute darunter gelitten haben könnte, dass ich das mehr oder weniger runtergerantet habe.)

Christian Müller wurde noch nie bedroht

Schlagwörter: Diskriminierung – Klarnamen – Klarnamenplflicht – Sicherheit – Privileg

(Dieser Artikel wird witzig, denn di:er Autor*in des zitierten Artikels lautet Ich. Ich werde jedoch etwas entgegenkommen sein und den Nicknamen kursiv schreiben, um Verwechslungen zu vermeiden.)

Ich spricht auf freitag.de viele gute Punkte an, warum die Forderung nach Klarnamen im Netz unsinnig ist. Einen der genannten Punkte möchte ich noch einmal näher beleuchten.

Gerade hier im Forum einer Zeitung die sich oft mit Fagestellungen der Identitätszuweisung an ein Individuum aufgrund Geschlechts, sozialen Zugehörigkeit usw. und den daraus entstehenden Zwängen beschäftigt, für Klarnamen einzutreten, zeugt etwas von einem Mangel an Sensibilität.

Ich hätte es drastischer formuliert, aber nun gut.

Wie schon häufig gesagt wurde, sind Klarnamen für einige Teile der Bevölkerung schlicht ein Sicherheitsrisiko. Wenn ich z.B. von Stalker*innen spreche scheint das jedoch nicht greifbar, schließlich hört man selten von solchen Fällen (meiner Meinung nach mehr aus mangelnder Sensibilität der Bevölkerung für das Thema und weniger wegen tatsächlicher Seltenheit der Fälle).

Ein für die meisten Leser*innen sehr greifbares Thema wird aber die Ermittlung der Klarnamen von feministischen Blogger*innen sein. Auch Neo-Nazis und Antifa kommen immer wieder gegenseitig an entsprechende Listen.
Wenn sich Menschen also die Mühe machen, Klarnamen zu ermitteln, müssen sie auch einen Wert besitzen und der ist ganz klar: wie Ich schrieb, ist der vom Staat zugeteilte Name oft ein identifizierender (jedoch nicht immer). „Zweisatz“ wird euch nicht viel sagen, der Name auf meinem Personalausweis lässt euch mit Hilfe Googles jedoch ermitteln, wo ich zur Schule gegangen bin.

(Trigger-Warnung für nächsten Link wegen Erwähnung von Drohungen verschiedener Art, auch sexualisierter Gewalt)

Die Ermittlung des Namens beinhaltet also die implizite Drohung: ich kann dich ausfindig machen. Ich kann Informationen über deinen Wohnort erlangen und diese nutzen. Was heißt Drohung; In diesem älteren Artikel habe ich Fälle verlinkt, in denen Klarnamen, aber auch andere Kontaktmöglichkeiten, massiv ausgenutzt wurden, um Feministinnen* zu bedrohen.

Wenn man einen Klarnamen zur Hand hat, kann es auch sein, dass man mit dessen Hilfe Fakten über ein Person aufdecken kann, wegen derer sie diskriminiert wird. Zuweilen ist es der Name selbst, der als Anlass für z.B. rassistische oder sexistische Beschimpfungen genommen wird.

Alles in Allem stimme ich Ich also zu: die Forderung nach Klarnamen ist Unsinn. Gefährlicher Unsinn.

Thema via @KapuzenAuf

Adultismus bei Captain Awkward

Schlagwörter: Adultismus – Vernachlässigung – Privileg – Captain Awkward

Adultismus ist ein Thema, dass ich erst vor Kurzem durch die takeover.beta-Belegschaft, namentlich kiturak, näher kennengelernt habe. Insofern bin ich selbst noch am Erforschen und gehe relativ intuitiv vor: wenn es sich wie Adultismus anfühlt, wird es Adultismus sein.

Was ist das denn nun?

Adultismus ist, grob gesagt, Diskriminierung aufgrund von nicht vorhandener Volljährigkeit. Wobei „Volljährigkeit“ oder „Erwachsen sein“ von Land zu Land und Kultur zu Kultur anders definiert werden kann.

In diesem Artikel möchte ich allerdings nicht weiter auf Adultismus im Allgemeinen eingehen (das in einem der zukünftigen Artikel), sondern auf Adultismus bei CaptainAwkward.com. Denn so sehr ich von der Seite schwärme, geht mir der Umgang mit Adultismus gewaltig auf die Nerven.

Da wäre zunächst die Häufigkeit, mit der Kommentator*innen von „unreifem“ Verhalten sprechen. Vergleiche anführen wie „wie ein Kleinkind zu quängeln“ oder „ein Tobsuchtsanfall zu bekommen“, wenn sie unangemessene Reaktionen auf Kritik beschreiben möchten. Dies wird logischerweise als völlig legitim angesehen, während z.B. sexistische und rassistische Vergleiche gelöscht würden.
Derlei Formulierungen gibt es unzählige, die auch bei uns (das heißt in deutschsprachigen Ländern) weit verbreitet sind.

Was mir aber noch stärker auffiel und mich störte, war der Umgang von JenniferP/Captain Awkward mit Kritik an Eltern und ihren Methoden.
Es ist keine Frage, dass z.B. schwangere Frauen* unglaublich bevormundet werden. Ich bin mir auch dessen bewusst, dass frische Eltern die unterschiedlichsten und vor allem widersprüchlichsten Ratschläge bekommen.
Die Fälle, in denen auf CaptainAwkward.com gemahnt wurde, man solle Eltern nicht reinreden, waren jedoch keine moralisch-drohend vorgebrachten Forderungen, sondern vorsichtige Einwände, dass nicht gut klinge, was man da gerade gelesen hat. Wenig überraschend habe ich diesen Einwänden zugestimmt.

Inhaltswarnung: (emotionale) Vernachlässigung von Kindern (Übersetzung der Zitate auf Anfrage)

Im ersten Falle erwähnte JenniferP beiläufig Bekannte

5) My good friends are training their 5-month old to sleep and to comfort himself if he wakes. So they ignore his cries at night (unless they go on for a certain duration and intensity = more than 10 minutes, a sharp upset cry vs. a “Hey, come hang out with me” cry) so that he’ll learn to soothe himself.

Ich fand die Stelle beunruhigend. In den Kommentaren wurde das auch von anderen erwähnt. JenniferPs Reaktion

The parents, kid, etc. are fine and happy, they are using a method suggested by their pediatrician, and their parenting choices aren’t really up for general judgment and discussion.

Also die Argumente sind: mehrere Erwachsene schätzen dieses Vorgehen als in Ordnung ein und das Kind zeigt keine unmittelbaren Anzeichen emotionaler Schädigung (außer schreien/nicht schreien, schätze ich…), deswegen ist das Vorgehen in Ordnung. Darüberhinaus: eine Person, die gelernt hat, was das Beste™ für Kinder ist, sagt, dass es richtig ist.
Was nun aber, wenn die Kritik von Menschen kommt, die wissen, wie es ist am anderen Ende dieser coolen Methode zu sein? Dann ist das irrelevant, weil Erwachsene einfach Bescheid wissen und die Methode von einer Autorität abgesegnet wurde.
Mehr Gedanken dazu auf Zmrzlinu.

Der zweite Fall trug sich letztens zu. Es ging um eine Person, deren Partner sie(?) und ihre(?) Kinder absolut vernachlässigte durch exzessives Videospielen. In den Kommentaren wurde von MHM dann vorsichtig folgendes angemerkt. („LW“ steht für „Letter Writer“)

I find myself feeling protective of the LW’s children […] Should they continue to be exposed to this lifestyle? I think it’s worth a discussion with a professional. A consultation with a psychologist could help the LW figure out if and how the addiction is impacting her children.

Das ist eine völlig relevante Frage, die auch stark auf der Hand liegt, wenn man sich den Brief durchliest. Es wird beschrieben, wie der Vater die Kinder mit „Später.“ abspeist und warten lässt während er Stunde um Stunde weiter Computer spielt, wenn sie etwas von ihm wollen. Der Beschreibung nach ist er nicht einmal emotional verfügbar, wenn er sie wäscht, weil er nebenbei Spiele auf dem Handy spielt.
Aber auch diese harmlose Frage wird damit abgebügelt, dass man „parenting styles“ nicht kritisieren soll. Entschuldigung, welcher „Stil“? Emotionale Verwahrlosung?

Was hier geschieht, und da wären wir wieder bei Adultismus, ist, dass es als wichtiger erachtet wird, die Eltern vor Kritik zu schützen als den Kindern ein sicheres, respektvolles und geborgenes Heim zu bieten. Und diese Art von Parteilichkeit sehe ich einfach nicht ein. Denn wenn es in jemandes Hand und Verantwortung liegt, dass es den Kindern gut geht, dann sind es die Eltern.

Ich bin mir sicher, dass dieses Thema, vor allem für Eltern, starke Emotionen auslöst. Die Kommentare sind aber nicht offen für eine Diskussion, wie es Eltern in dieser Gesellschaft schwer gemacht wird (was zweifelsohne der Fall ist). In diesem Artikel geht es darum, wie Kinder und Jugendliche ignoriert und bevormundet werden, also möchte ich nur Parteilichkeit auf deren Seite lesen. Erwachsen sein ist einfach mal ein Privileg. Bitte nicht vergessen.
Wer eigene Erlebnisse aus der Kindheit/dem täglichen Leben erzählen möchte, die zu passen scheinen, ist dazu eingeladen.

30 Zitat der Woche 29

Schlagwörter: Privileg

Here’s the thing about privilege: it’s unearned. That’s right, privilege isn’t something that people ask for, nor is it something to feel guilty about. What’s important is that you understand that your position, your unearned advantages, create limitations and boundaries, whether it’s epistimological (knowledge-based) or material. This means you aren’t going to know a whole lot of shit about other positions because you haven’t experienced them, and never will.

[Hier ist die Sache mit den Privilegien: sie sind unverdient. Das ist richtig, Privileg ist weder etwas, worum Menschen bitten, noch ist es etwas, wofür man sich schuldig fühlen muss. Wichtig ist zu verstehen, dass deine Lage, deine unverdienten Vorteile, Einschränkungen und Grenzen, seien sie epistemologisch (erkenntnistheoretisch[= wissens-basiert]) oder materiell, schaffen. Das heißt, dass du nicht das kleinste Bisschen über die Lage anderer weißt, weil du sie nicht erlebt hast und niemals wirst.]

Von und auf Queer Insurrection (via lasagne.soup.io)

Die Normalität des Männlichen

Schlagwörter: Redeverhalten – Sexismus – Privileg – Dominanz

[„Frauen*“ und „Männer*“ sind in diesem Artikel vor allem „weiblich und männlich Sozialisierte“, also Erzogene, im weitesten Sinne.]

Vielleicht ist es noch nicht allen aufgefallen, aber: Frauen* und Männer* neigen zu unterschiedlichen Sprach-Stils. Mit „neigen“ meine ich nicht, „weil ihre Sexualorgane es ihnen vorgeben“, sondern „weil sie so erzogen wurden und sich an ihre Umwelt anpassen“. „Neigen“ bedeutet auch, dass das kein Naturgesetz ist, das man bei jeder beliebigen Person, die man aus der Welt-Bevölkerung zufällig wählt, nachweisen können wird. Aber zurück zum Thema. Frauen* und Männer* haben also teils unterschiedliche Sprachstile.

Dabei stellt sich heraus, dass ein „männlicher“ Sprachstil in unserer Gesellschaft besser dazu geeignet ist, eine Diskussion zu dominieren (wir leben in einer Kyriarchie, wer hätte das also erwartet?!). Dies wird von verschiedenen Faktoren unterstützt;
Viele Frauen* neigen zu Füllwörtern wie „nur“ und „vielleicht“ und präsentieren ihre Gedanken als ihre persönliche Sicht der Dinge („meiner Meinung nach“) und Vorschläge eher zurückhaltend („vielleicht sollte man“), während Männer* ihre Meinung häufiger derart präsentieren, dass es den Eindruck erweckt, sie sei ein Fakt (keine „meiner Meinung nach“-Relativierungen, Vermeidung von Zeichen der Unsicherheit).

Gesprächsbeiträge von Frauen* und Männern* werden aufgrund ihres Geschlechts aber auch unterschiedlich eingeordnet. Aufgrund von (internalisiertem) Sexismus bzw. der höheren Wertschätzung des männlichen Gesprächsmodells wird den Beiträgen von Frauen* schlicht weniger Wichtigkeit beigemessen. Sie erhalten weniger Aufmerksamkeit und auch der Faktengehalt ihrer Aussagen wird schlechter eingeschätzt.
Diesen Umstand kann man sehr gut in größeren Gruppen beobachten, wenn ein Mann* eine Aussage wiederholt, die bereits von einer Frau* getroffen wurde und breite Zustimmung erhält, ohne dass die Wiederholung aufzufallen scheint.
Ein anderes Beispiel ist das allseits beliebte Mansplaining: dabei erklärt eine Person, die sich als männlich identifiziert, einer Frau*, die entweder qua Beruf/Ausbildung oder durch ihre bisherigen Redebeiträge deutlich gemacht hat, dass sie bestens mit dem aktuellen Thema vertraut ist, in einem langen Kommentar die Feinheiten des aktuellen Themas. Bonuspunkte, wenn der Inhalt bereits von Frauen* in vorherigen Beiträgen dargelegt wurde.

Die Benachteiligung des weiblichen Gesprächsstils zeigt sich aber auch dort, wo es notwendig ist, anderen oft genug ins Wort zu fallen, um sich zu gleichen Teilen am Gespräch beteiligen zu können oder wo Frauen* „nicht gehört werden“, wenn sie einen Punkt anbringen – die Diskussion also nur auf Teilnehmer*innen mit männlichem Redeverhalten eingestellt ist. (Ich schätze, die (Gegen-) Beispiele werden im dt. Sprachraum auch unter „dominantem Redeverhalten“ geführt, aber mit dem Thema bin ich noch nicht so vertraut.)

Zuguterletzt gibt es noch eine Klassiker, der besonders perfide¹ ist: Menschen (aller Geschlechter) äußern häufiger ihr Unwohlsein im Angesicht von „hohen quietschenden Frauenstimmen“. Dies ist ein sexistisches, derailendes BullshitStrohmann-Argument.
Wie ich gerne immer wieder betone, ist die Zuordnung Frau* = hohe Stimme und Mann* = tiefe Stimme nicht haltbar. Die Varietät in der Stimmhöhe ist innerhalb der Gruppe der Frauen (ich schätze, in der Studie haben sie nur Cis-Menschen zählen lassen) größer als zwischen Männern und Frauen. Und wie jede*r sicher bestätigen kann, sprechen nicht alle Männer* brummig-bassig tief und nicht alle Frauen* sopran-trällernd hoch. Dies aber nur als vorläufiges Gegenargument.
Viel schlimmer ist doch, wenn man einer Person gegenübertritt und meint, ihr aufgrund von körperlichen Eigenschaften (!) in einer Diskussion nicht zuhören zu können bzw. zu müssen. Das ist blankester *-ismus! Wer in einer Diskussion fair alle Stimmen zu Wort kommen lassen will, kann nicht plötzlich die mit Husten, einer verstopften Nase, einem Sprachfehler, Fremdsprachler*innen etc. etc. ausschließen. Dann soll man sich klar positionieren und sagen, dass man nur an gesunden able-bodied weißen cis-hetero Männern interessiert ist. Dann weiß der Rest wenigstens, woran er_sie ist.

In den letzten Punkt spielt auch hinein, worauf ich eigentlich hinaus wollte: „weibliche“ Attribute werden oft als schlechter (weniger wert/nicht wünschenswert) wahrgenommen als „männliche“ – im oben genannten Fall ist es die als weiblich eingeordnete Stimme. Einen Großteil dieses Themas hebe ich mir für einen anderen Artikel auf, aber wo ich gerade beim Redeverhalten bin, spreche ich noch eine häufige Forderung sprechen: sollen Frauen* doch lernen so zu reden, dass man ihnen zuhört (ergo auf stilistische Mittel und Vokabular verzichten, das weiblich assoziiert wird).
Das sehe ich nicht ein.
Wir können gerne diskutieren, welche Arten von Redeverhalten in welcher Art von Diskussion dienlich sind und uns aufgrunddessen objektiv einigen, welche unter ihnen wir fördern möchten, aber die Einstellung, dass weibliches Redeverhalten per se keinen Wert hat, Menschen mit diesem Verhalten sich also besser anpassen, damit sie nicht übergangen werden, das akzeptiere ich nicht.

Ist es überhaupt wichtig, Argumente auf eine bestimmte Art zu präsentieren oder besteht das größere gesellschaftliche Problem darin, dass Menschen, die nicht auf eine bestimmte Art reden, nicht zugehört wird? Sicher ist es schwer sich die Geringschätzung weiblicher* Positionen abzugewöhnen, die man in einer sexistischen Gesellschaft gelernt hat, aber wenn man es nicht versucht, handelt man eben auch (internalisiert) sexistisch.

1 verschlagen, niederträchtig

Edit 07.06.2012: Link Mansplaining eingefügt

Crossposted auf takeover.beta

Abwehrverhalten bitte an der Tür abgeben

Schlagwörter: feministische Grundlagen – Derailing – Privileg – Abwehrmechanismen – Diskriminierung

Wer kennt das nicht: da stürzt man sich engagiert in eine Diskussion, die Diskriminierung thematisiert und nickt beim Lesen so vor sich hin, aber dann beginnen Leute in eine ungute Richtung abzudriften. Sie legen nahe, dass man selbst zu den Personen gehört, die hier Arbeit zu tun haben, denn man ist vom diskutierten Problem eben nicht betroffen, auch privilegiert genannt. In einigen Schilderungen von problematischem Verhalten findet man sich dann auch noch selbst wieder und es ist zu spät: man haut in die Tasten und erklärt in einem erbosten Traktat, warum man unmöglich so böse sein kann. Um etwas Würze hineinzubringen erwähnt man, wie man damals mal etwas gegen Diskriminierung getan hat und zeigt auf, dass die da drüben noch viel schlimmer diskriminieren. Davon mal abgesehen hat man’s nicht so gemeint und findet, dass der Artikel schon recht boshaft geschrieben war und man das netter hätte formulieren können. Außerdem … – an dieser Stelle ziehe ich mal die Notbremse.

Was wir hier erlebt haben, wertes Publikum, ist Abwehrverhalten. Es setzt dann ein, wenn man sehr wohl erkennt, dass es ein Problem gibt, an dem man darüber hinaus beteiligt ist, dieses Gefühl aber – verständlicherweise – so unangenehm findet, dass man darauf verzichten möchte, sich in Ruhe damit zu beschäftigen und stattdessen mitten in die Diskussion platzt, um das eigene Ego wieder aufzubauen.
Was dann mit der Diskussion geschieht, hängt nur noch vom Moderationsverhalten der Verantwortlichen ab. Wenn sie so gnädig sind zu verhindern, dass sich die Erbosten vor aller Welt blamieren, löschen sie entsprechende Beiträge und Derailing kann vermieden werden. Wenn wir hingegen von einer größeren Tageszeitung sprechen, bricht an dieser Stelle die Apokalypse aus, denn alle, die einmal gedemütigt und verletzt wurden (sprich: auf Fehlverhalten oder Privilegien hingewiesen), kommen jetzt aus dem Unterholz und feiern eine große „Antidiskriminierungsopfer“-Party.

Werfen wir noch einmal einen näheren Blick auf die Folgen einer übereilten Reaktion: Abwehrverhalten lenkt den Fokus vom eigentlichen Thema (das wichtig ist, sonst hättest du die Diskussion ja nicht verfolgt, richtig?) auf die persönlichen Empfindungen der Teilnehmer*innen ab. Das kann nur unter einer Bedingung wertvoll sein: wenn eine Person, die von der genannten Diskriminierung betroffen ist, ihre Empfindungen äußert.
Ich verstehe das Bedürfnis, die eigenen Privilegien mit anderen zu reflektieren und im Dialog auf die eigenen Gefühle klarzukommen – dieses Vorgehen kann sogar wertvoll sein, falls Privilegierte es fertig bringen, sich (ohne weitere Erklärungen von Diskriminierten zu verlangen) an einem anderen Ort zusammenzufinden und das eigene Verhalten objektiv zu reflektieren. Dadurch gewinnen alle.
Es kann aber nicht sein, dass ich als Privilegierte eine Diskussion dominiere, in der es darum geht, dass ich privilegiert bin. Das dient vielleicht als Paradebeispiel meines Bedürfnisses, im Vordergrund zu stehen, torpediert aber die ganze wertvolle Unterhaltung.

Also Leute:

  • wenn ihr das N-Wort sagt, gilt nicht eure Intention oder der besondere Kontext, in dem ihr euch wähnt. Es ist falsch.
  • in einer Diskussion um street harassment geht es ganz bestimmt nicht um Dating-Schwierigkeiten von heterosexuellen Männern* (mir wird jedes Mal schlecht, wenn ich versuche, den Gedankengang nachzuvollziehen)
  • Diskussionen über racial profiling laden sicher nicht dazu ein, über die Rate von von „Ausländer*innen“ verübten Verbrechen zu schwadronieren (wer häufiger kontrolliert wird, kommt häufiger in die Statistik, die in Berlin eh gefälscht war. By the way, unterschreibt die Petition gegen racial profiling)
  • wenn Menschen von bestimmten Diskriminierungserfahrungen aufgrund eines Teils ihrer Identität erzählen, ist nicht „wo ist mir das als privilegierte Person auch schon mal passiert?“-Tag

Ich liebe produktive Diskussionen. Lasst uns mal damit anfangen.

Crossposted auf takeover.beta

Links 18

[leichte Trigger Warnung] Kampagne, die Täter statt Opfer anspricht, führt zu merklichem Rückgang der Sexualdelikte [Englisch] (Leider durch Seitenbetreiber*innen unzugänglich gemacht, 08.03.2012)

Periodenblut in der Öffentlichkeit? Leute kriegen Panik [Englisch]

Geschichte der Heterosexualität [Englisch]

Keine Toleranz für Genitalverstümmelung von Intersexuellen

Kapitalismus ist ein Arsch [Englisch]

„Dubiose Praktiken einer Öko-Kosmetikkette“ (zu beachten: älterer Artikel)

Ein kurzes klärendes Gespräch mit der US-amerikanischen Atheist*innen-Community [Englisch]

Warum „Es liegt in den Genen“ meist kein sinnvolles Argument ist [Englisch]

Pocher suhlt sich im „Tabubruch“ während er „mutig“ die Mehrheitsmeinung wiedergibt via @kuebra

Über queere Frauen*, die eine heterosexuelle Beziehung eingehen [Englisch]

FBB – „Can’t you take a joke?“ bzw. „Das war doch nur ein Witz“

Im heutigen Beitrag zum Feministischen Bullshit-Bingo soll es also darum gehen, warum Feminist_innen so unglaublich wenig Humor haben.

[Trigger-Warnung für fluchen meinerseits, beginnend hinter den Caps]

Eigentlich das einzige und daher zentrale Argument, was man zu diesem Thema verstehen muss, lautet: du machst keinen Witz über eine abstrakte Entität (wie zum Beispiel das Spaghetti-Monster) sondern über echte Menschen. Menschen mit Gefühlen. Menschen mit Problemen, die größtenteils durch Menschen wie dich fortbestehen. Die Probleme bestehen durch Menschen fort, die etwas gegen bestimmte Eigenschaften haben und das mehr oder weniger „lustig“ verpacken. Manchmal auch einfach in einer humorvollen Tracht Prügel.

Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht Witze per se schlimm sind. Auch nicht Witze über bestimmte Menschen. Sondern ganz konkret Witze, die sich über einen Teil der Identität eines Menschen lustig machen, aufgrund deren dieser Mensch gesellschaftsweit diskriminiert wird, weil die Gesellschaft keine Abweichler_innen mag.

Verwirrend aber wahr: oft habe ich den Eindruck, dass den Witze-Reißenden gar nicht bewusst ist, dass es echte Menschen gibt, denen die Eigenschaft zu eigen ist, aufgrund der sie sich gerade schlapp lachen. Oder sie sehen diese Menschen als Abziehbilder, wandelnde Klischees, aber nicht Wesen wie sie, mit komplexen Bedürfnissen, Gefühlen und Wertegefügen.
Wie z.B. die Person, die es witzig fand, als jemand auf einer Internetseite zu bedenken gab, Blinde könnten das lesen, was diese Person schrieb. „Blinde im Internet – haha.“

WIE KANN MAN SO IGNORANT SEIN!

Wenn man sie mit Fakten konfrontiert, stehen solche Menschen logischerweise auch immer schlecht da. Weil sie keine Ahnung haben von Screenreadern. Weil sie sich nie informiert haben, wie „lesbischer Sex“* funktioniert. Weil sie nicht wissen, dass nahezu dreiviertel der Vergewaltigungsopfer ihre_n Täter_in vorher kannten. Weil sie nicht begreifen, was der Unterschied zwischen Transsexuellen und Drag Queens ist. Weil sie nicht verstehen, dass man hart arbeiten und gleichzeitig bettelarm sein kann. – Weil es sie einen Scheißdreck interessiert.
Es geht ihnen nicht darum, ernsthaft herauszufinden, warum sie solche Witze nicht mehr machen sollen. Es geht ihnen darum, dass man sie endlich mit dem anstrengenden Generve in Ruhe lässt, damit sie weiter Hass verbreiten können.

Oh stimmt, das war nicht „böse“ gemeint. Dann erklärt mir mal, wie ein_e Rassist_in wissen soll, aus welchem Grund du eine beschissene Afro-Perücke trägst? Gar nicht. Diese Person wird einfach nur glauben, dass deine Ansichten genau so abgefuckt sind wie ihre eigenen, sich bestätigt fühlen und exakt so weiter machen wie vorher. Und das heißt, dass du Diskriminierung mit jedem miesen Flachwitz verschlimmerst, weil du dafür sorgst, dass sie gesellschaftsfähig bleibt.

Man tut nichts gegen Diskriminierung, indem man „weniger schlimme“ Witze macht oder die Leute wenigstens nicht anpöbelt[\Sarkasmus]. Man tut nur etwas gegen Diskriminierung, indem man sich endlich zusammenreißt und Leuten aktiv sagt, dass man ihre Aussagen und Witze nicht okay findet, weil xyz. Und Konsequenzen folgen lässt, wenn sie ihr Verhalten um dich her nicht ändern.
Wenigstens solltest du diese abartig penetrante Nerv-Person werden, in deren Gegenwart sich niemand mehr was „nicht politisch Korrektes“ zu sagen traut, weil du voll hän Stimmungskiller_in bist.

Nein … um genau zu sein spreche ich dir meinen ernst gemeinten herzlichen Glückwunsch aus, wenn du es so weit geschafft hast.

*Anführungszeichen, weil „Sex“ schon allumfassend ist, aber ich die Erweiterung für mein Argument benötige.