Du hast die Wahl den Mund zu halten – Diskriminierung zur Bundestagswahl 2013

Schlagwörter: Politik – Wahlen – Diskriminierung

Euch mag vielleicht aufgefallen sein, dass Bundestagswahlen anstehen. – Ja, ich weiß! Bei dem Thema steht Haare raufen und lamentieren an, denn so ziemlich jede*r kann es nicht mehr hören. Ich zumindest nicht. Wo Menschen sich viel und gerne empören, geht aber einiges oft schief und darüber möchte ich kurz sprechen.

Die Kandidat*innen für die Bundestagswahl und Kanzleranwärter*innen mögen selten Mehrfachdiskriminierung aufweisen, aber tatsächlich gibt es einige unter ihnen, die nicht weiß, hetero und männlich gleichzeitig sind. Merkel ist trotz Status und Geld immer noch ein Ziel von Sexismus, Rösler von Rassismus und Westerwelle von Heterosexismus. In the grand scheme of things¹ geht es diesen (und einigen anderen) Politiker*innen natürlich ziemlich gut. Das ist es, was z.B. Geld tut. Aber sie können, trotz Status, immer noch Ziel von diskriminierenden Angriffen sein.
Ich möchte hier weniger darauf hinaus, was das für sie persönlich bedeutet (es macht einen Unterschied, ob eine Person auf politischer Ebene kritisiert wird oder unter der Gürtellinie (RW = Redewendung)). Ich möchte darauf hinaus, dass Diskriminierung nicht lustig wird, nur weil sie gegen „die Starken und Mächtigen“ gerichtet ist.
Wenn Merkel auf ihr Äußeres reduziert wird, schreibt das den Gedanken fort, dass es okay ist, Frauen* nach ihrem Äußeren zu bewerten. Sexistische Aussagen über Merkel zementieren immer noch herkömmlichen Sexismus, weil es diskriminierenden Strukturen egal ist, wer heute das Ziel ist – was hängenbleibt und fortgeschrieben wird, ist der niedere Status der Gruppe, über die da gewitzelt wird. Das gleiche gilt für Rösler oder Westerwelle. Es ist keine Kritik an der Person, wenn man ihr den falschen Umgang mit ihrer eigenen Herkunft unterstellt. Das ist ganz blanker Rassismus, der ein „Wir“ gegen „die anderen“ herstellt. Wenn eine Zeitung wie die taz sich erdreistet, ur-rassistische Fragen zu stellen, bleibt nicht nur „Ach das darf man Rösler fragen.“ hängen. Man „darf“ das Rösler fragen, weil er nicht zum Uns gehört. Man darf das folgerichtig alle fragen, die nicht zum Uns gehören. Das ist Fortschreibung von Rassismus. Und jeder müde heterosexistische Witz über Westerwelle ist so schon über 1000 andere gemacht worden, die aufgrund ihrer Sexualität oder als mangelhaft eingeschätzter gender-performance als Schwächere eingeordnet wurden. Da muss mir keine*r erzählen, das hätte noch irgendwas mit der Person zu tun.

Mein Punkt ist: Es ist mir scheißegal, was du über Merkels Körperbau, Röslers Reisgewohnheiten oder Westerwelles Partnerschaft denkst. Halt einfach den Mund, wenn dir außer diskriminierenden Angriffen nichts einfällt. Wir leben in diskriminierenden Strukturen, wo eine Handlung nie nur für sich steht. Sie steht für ein ganzes diskriminierendes System, das auf diese Art weiterhin am Leben erhalten wird. Bring entweder eine sachliche Kritik an oder lass es ganz.

1 Im Großen und Ganzen

PS: Es tut mir so leid, dass ich ein Wortspiel auf die Wahl in den Titel eingebaut habe.

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Schlagwörter: BDSM – Assange – Ableismus – Pille danach – Feminismus – Gehörlosigkeit – Consent – [Trigger Warnung] – [TW] r*** culture

Über einen Workshop, der Feminismus schreiben lernen verspricht. Hier habe ich mir „si:er“ und „di:er“ geklaut.
[Deutsch]

[Trigger-Warnung] Wie Fetlife Aufklärung bei Ver****l***ung verhindert und warum „falsche Anklagen“ Derailing sind
[Englisch]

[Trigger-Warnung] Weitere Gedanken zu den r*** joke-Zwischenfällen der letzten Zeit
[Englisch]

Ein Mann mit Brüsten. Der Text hat mich sowohl mitgenommen als auch mitgerissen.
via @hainhawen [Englisch]

Eine grundlegende Erklärung von „women“ vs. „females“
via @vivsmythe @hainhawen [Englisch]

10 Dinge, die du nie zu einer tauben Person sagen solltest
via @ennomane @zwzora [Englisch]

„Über Menschen mit Behinderungen berichten“ – Ein Online-Ratgeber
via alle [Deutsch]

Wir schützen dich vor dir selbst!! Die Pille danach ist in Deutschland nur schwer erhältlich.
[Deutsch]

Tolle Grundlagen zu Consent. Trigger–Warnung für Beispiele, besonders auch in den Kommentaren
[Englisch]

Assange, der Arsch (© Esme Grünwald) Ein praktischer Artikel, um ihn dem nächsten Anonymous-Fanboy in die Hand zu drücken, der erklären will, wie alles wirklich gelaufen ist. Trigger-Warnung because obviously, starke Empfehlung nicht die Kommentare zu lesen.
[Englisch]

IBB – Wir haben Integration hier

Schlagwörter: Rassismus – Derailing – unsere Gesellschaft – Abwehrverhalten
Inhaltswarnung für die Links: Beschreibung von rassistischen Erfahrungen und verbaler Gewalt

Anlässlich dieses Artikels (via @Naekubi) möchte ich zwei Aussagen behandeln, die regelmäßig getroffen werden. Eine wird von Kwesi aufgegriffen

…und der Typ sagte mir, es gebe keinen Rassismus! Er relativierte und entwertete meine Meinung mit Verweis darauf, dass es in anderen Ländern wie den USA viel schlimmer sei.

Die andere ist im gesamten Artikel präsent: wenn du Weißen erklärst, dass ihre Aussage oder Handlung rassistisch war, bezeichnest du sie als Nazi, was schnell mal zu „die Nazi-Keule schwingen“ wird.
Beides sind Argumente, die eine Auseinandersetzung mit der Thematik verhindern sollen. „Guck mal da drüben, die <rassistisches Stereotyp> ihre Frauen*/Kinder!“
WHO THE FUCK CARES?
Okay, I care wenn irgendwo Menschenrechte verletzt werden, aber diese Aussagen sind meist grobe Vereinfachungen oder gar völlige Falschinformationen. Sie dienen dazu Missstände in Deutschland im gleichen Atemzug wie sie sie anerkennen als unbedeutend erscheinen zu lassen. Ironischerweise geschieht das meist durch Menschen, die „die Rechte der Frauen*“ oder von Homosexuellen nicht weniger interessieren könnten, allen voran im dem Land, in dem sie leben.
Gleiches beobachtet man, wenn von der „unterdrückten Muslima“ (weil kopftuchtragend), die Tanja erwähnt, die Rede ist: diesen Leuten ist es sonst auch scheißegal, in welcher Form Frauen* in dieser Gesellschaft Unrecht widerfährt, aber wenn ihre angebliche Sorge um die muslimische Frau™ als Sprungbrett für rassistische Höhenflüge genutzt werden kann, steigt man gerne mal auf.

Und kommt mir nicht mit den Nazis. Ich habe bereits darüber geschrieben, wie der Hinweis auf eine rassistische Tat als Beleidigung aufgefasst wird, statt als Tatsachenbehauptung, die er ist.

Um es zusammenzufassen: es gibt uns und es gibt „die Nazis“. „Die Nazis“ sind eindeutig definiert: im Zweifelsfall immer die anderen. „Die Nazis“ sind rassistisch und die einzigen, die rassistische Gewalt ausüben … außer dass wir das in unseren Zeitungen nie so nennen. Bestenfalls noch „ausländerfeindlich“. Aber ich schweife ab und rege mich nur auf.
Jedenfalls gehört „den Nazis“ quasi Rassismus. Das bedeutet, wenn ich etwas rassistisch nenne, nenne ich die Person einen Nazi. Die ist aber kein Nazi, weil siehe oben und voilà: kein Rassismus vorhanden! q.e.d. Himmelherrgottnochmal.
Wenn dir jemand sagt „Das war rassistisch“ geht es nicht um dich. Dann ist es nicht an der Zeit zu erklären, wie du das eigentlich gemeint hast. Es nicht Zeit mit dem Finger auf die „richtigen Rassist*innen“ zu zeigen oder zu erklären, warum deine dunklen Haare, deine asiatische Freundin* oder deine Vorliebe für indisches Essen dich zur*m Guten Weißen™ machen, di:er Rassismus nicht ausüben kann.
Ganz ruhig, niemand hat gesagt „Du bist scheiße.“, sondern dir wurde die einmalige Möglichkeit geliefert zu lernen, was du tun kannst, um dich weniger ignorant zu verhalten. Wenn du drei mal durchatmest, dir Zeit nimmst und dann versuchst zu verstehen, wird dir das keine*r übel nehmen. Wenn du anerkennst, dass das, was du getan hast, relativ uncool war und dich entschuldigst, wird niemand herausplatzen: „Aha! Also doch ein*e Rassist*in!“ (Oder vielleicht doch, aber das ist doch völlig egal. Wenn wir ehrlich sind, wir in dieser Gesellschaft niemand dafür verurteilt, rassistisch zu sein. Nichts könnte die Mehrheit weniger interessieren.)

Also lasst einfach „die Nazis“ und „die Rassist*innen“ stecken, wenn das immer nur die anderen sein sollen.

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