IBB – Deine Beobachtungsgabe beleidigt mich

Schlagwörter: Rassismus – Derailing – Abwehrverhalten – Intersektionalität – Diskriminierung – intersektionelles Bullshit-Bingo

(Dieser Artikel nahm seinen Anfang vor dem Kuttner-Debakel. Ich schließe nicht aus, dass er auch in diesem Kontext hilfreiche Einblicke liefern kann, dafür ausgelegt ist er jedoch sicher nicht.)

Sogar die Polizei hat das größte Problem unserer Zeit erkannt*: wenn Menschen als rassistisch beleidigt werden.

Ich schreibe bewusst „beleidigt“, weil die Bezeichnung „Rassist/in“ nicht etwa als Konsequenz dessen betrachtet wird, dass man eine rassistische Handlung beobachtet hat und der Person daraufhin eine passende Bezeichnung zuweist. Sie gilt schlicht und ergreifend als Beleidigung, als würde ich „Arschloch“ sagen.
Die Logik dahinter will mir nicht in den Kopf.

Obwohl man es nach gängigen Diskussionsverhalten erwarten würde, wird nicht einmal scheinbar zum Thema gekontert („Bla kann nicht rassistisch sein, denn Bla hat nichts gegen Ausländer.“ oder „Bla ist gut befreundet mit einem Schwarzen – HOMIES FOREVER.“), nicht einmal die Mühe klassisches Derailing zu verwenden macht man sich also. „Rassist/in“ ist schlicht und ergreifend ein neues Schimpfwort geworden, dessen inhaltliche Bedeutung („rassistisch denken oder handeln“) man völlig ignoriert. Eine inhaltliche Debatte über das, was Anlass zu der Bezeichnung gab, ist damit nicht mehr möglich. Man könnte also sagen, der empörte Aufschrei nach einer Rassist/in-„Attacke“ ist die beste Derailing-Taktik.

Wegen der neuen(?) Bedeutung von „Rassist/in“ stoße ich auch in Gesprächen auf Unverständnis, wenn ich unumwunden sage: „Ja, ich bin rassistisch“. Entweder nehmen Menschen an, dass ich was falsch verstanden habe und wollen die böse Aussage, die man mir eingeredet haben muss, abschwächen oder Personen, die mir näher stehen, sind der Meinung, dass ich es mit meiner kritischen Selbstanalyse inzwischen übertrieben habe und „nicht so hart mit mir ins Gericht gehen“ solle – in jedem Falle wird „rassistisch“ im Kopf mit der beleidigenden Note in Zusammenhang gebracht.
Tatsache ist: ich sage das weder, weil ich krasse Hetze gegen Einheimische anderer Länder, Migrant*innen oder Deutsche of Color betreibe, noch weil ich Ally-Sternchen bekommen möchte, weil ich so toll introspektiv bin (à la „Seht her! Ich habe entdeckt, dass ich sexistisch bin! Geil, wa? … Oh ja, ich will voll dran arbeiten.“) – nein, für mich ist es eine nicht wertende Tatsachenbeschreibung. Man kann mich aufgrund dieser Bezeichnung bewerten, wenn man das möchte, die Beschreibung selbst ist aber keine Beleidigung. Sie sagt aus, dass ich weiß, dass ich als Weiße in einem rassistischen Land aufgezogen wurde und all die Bilder, die ich dadurch aufgenommen habe und noch aufnehme, ihre Spuren hinterlassen haben, gegen die ich aktiv vorgehen, die ich aber sehr unwahrscheinlich restlos beseitigen kann. Viele werden mir wahrscheinlich auch nie bewusst. Ganz davon abgesehen, dass ich spätestens bei rassistischen Strukturen mit Solidarität nicht weit komme. Ich kann dagegen protestieren, dass racial profiling als zulässig erklärt wurde, werde aber immer noch weiß sein, wenn ein*e rassistische*r Kontrolleur*in in der Bahn meine Karte mit dem Blick streift und bei der schwarzen Frau* neben mir ganz genau hinsieht.

Also merke: nicht alles, was weh tut, ist eine Beleidigung. Manchmal ist der Schmerz ein Zeichen von unwillkommener Erkenntnis.
Es war zwar nicht beabsichtigt, dass es wieder einen roten Faden in meinen Beiträgen gibt, aber ich kann nur auf meinen vorherigen Artikel zum Abwehrverhalten verweisen: wenn dich eine*r als -istisch bezeichnet, mach’s erst mal ganz in Ruhe mit dir aus, bevor du losschlägst.

*In dem Fall, von dem ich spreche, sagte ein Polizist etwas sehr Rassistisches zu einer Frau* (was ich aus diesem Grund nicht verlinke), die daraufhin darauf bestand, dass die Aussage nicht in Ordnung sei. Dann zeigte man sie an.

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