Abwehrverhalten bitte an der Tür abgeben

Schlagwörter: feministische Grundlagen – Derailing – Privileg – Abwehrmechanismen – Diskriminierung

Wer kennt das nicht: da stürzt man sich engagiert in eine Diskussion, die Diskriminierung thematisiert und nickt beim Lesen so vor sich hin, aber dann beginnen Leute in eine ungute Richtung abzudriften. Sie legen nahe, dass man selbst zu den Personen gehört, die hier Arbeit zu tun haben, denn man ist vom diskutierten Problem eben nicht betroffen, auch privilegiert genannt. In einigen Schilderungen von problematischem Verhalten findet man sich dann auch noch selbst wieder und es ist zu spät: man haut in die Tasten und erklärt in einem erbosten Traktat, warum man unmöglich so böse sein kann. Um etwas Würze hineinzubringen erwähnt man, wie man damals mal etwas gegen Diskriminierung getan hat und zeigt auf, dass die da drüben noch viel schlimmer diskriminieren. Davon mal abgesehen hat man’s nicht so gemeint und findet, dass der Artikel schon recht boshaft geschrieben war und man das netter hätte formulieren können. Außerdem … – an dieser Stelle ziehe ich mal die Notbremse.

Was wir hier erlebt haben, wertes Publikum, ist Abwehrverhalten. Es setzt dann ein, wenn man sehr wohl erkennt, dass es ein Problem gibt, an dem man darüber hinaus beteiligt ist, dieses Gefühl aber – verständlicherweise – so unangenehm findet, dass man darauf verzichten möchte, sich in Ruhe damit zu beschäftigen und stattdessen mitten in die Diskussion platzt, um das eigene Ego wieder aufzubauen.
Was dann mit der Diskussion geschieht, hängt nur noch vom Moderationsverhalten der Verantwortlichen ab. Wenn sie so gnädig sind zu verhindern, dass sich die Erbosten vor aller Welt blamieren, löschen sie entsprechende Beiträge und Derailing kann vermieden werden. Wenn wir hingegen von einer größeren Tageszeitung sprechen, bricht an dieser Stelle die Apokalypse aus, denn alle, die einmal gedemütigt und verletzt wurden (sprich: auf Fehlverhalten oder Privilegien hingewiesen), kommen jetzt aus dem Unterholz und feiern eine große “Antidiskriminierungsopfer”-Party.

Werfen wir noch einmal einen näheren Blick auf die Folgen einer übereilten Reaktion: Abwehrverhalten lenkt den Fokus vom eigentlichen Thema (das wichtig ist, sonst hättest du die Diskussion ja nicht verfolgt, richtig?) auf die persönlichen Empfindungen der Teilnehmer*innen ab. Das kann nur unter einer Bedingung wertvoll sein: wenn eine Person, die von der genannten Diskriminierung betroffen ist, ihre Empfindungen äußert.
Ich verstehe das Bedürfnis, die eigenen Privilegien mit anderen zu reflektieren und im Dialog auf die eigenen Gefühle klarzukommen – dieses Vorgehen kann sogar wertvoll sein, falls Privilegierte es fertig bringen, sich (ohne weitere Erklärungen von Diskriminierten zu verlangen) an einem anderen Ort zusammenzufinden und das eigene Verhalten objektiv zu reflektieren. Dadurch gewinnen alle.
Es kann aber nicht sein, dass ich als Privilegierte eine Diskussion dominiere, in der es darum geht, dass ich privilegiert bin. Das dient vielleicht als Paradebeispiel meines Bedürfnisses, im Vordergrund zu stehen, torpediert aber die ganze wertvolle Unterhaltung.

Also Leute:

  • wenn ihr das N-Wort sagt, gilt nicht eure Intention oder der besondere Kontext, in dem ihr euch wähnt. Es ist falsch.
  • in einer Diskussion um street harassment geht es ganz bestimmt nicht um Dating-Schwierigkeiten von heterosexuellen Männern* (mir wird jedes Mal schlecht, wenn ich versuche, den Gedankengang nachzuvollziehen)
  • Diskussionen über racial profiling laden sicher nicht dazu ein, über die Rate von von “Ausländer*innen” verübten Verbrechen zu schwadronieren (wer häufiger kontrolliert wird, kommt häufiger in die Statistik, die in Berlin eh gefälscht war. By the way, unterschreibt die Petition gegen racial profiling)
  • wenn Menschen von bestimmten Diskriminierungserfahrungen aufgrund eines Teils ihrer Identität erzählen, ist nicht “wo ist mir das als privilegierte Person auch schon mal passiert?”-Tag

Ich liebe produktive Diskussionen. Lasst uns mal damit anfangen.

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Wie verhalte ich mich möglichst nicht wie ein Arsch?

Schlagwörter: feministische Grundlagen – street harassment – Don’t be that asshole – Frauen*

[Triggernde Worte und Beschreibung von street harassment und anderen Formen der (sexuellen) Belästigung folgend]
Im Folgenden geht es aufgrund des Themas um Interaktionen zwischen Personen, die männlich wirken und Personen, die sich als weiblich identifizieren.


Street harassment ist unglaublich anstrengend, nervtötend und einschüchternd für Betroffene, also was tun, wenn Mann* doch mal eine Frau* ansprechen will?

Dieses Thema wurde in mindestens einem [Trigger Warnung für Titel des verlinkten Posts] englischsprachigen Artikel, der inzwischen recht bekannt ist, behandelt, aber ich werde dennoch im Geiste meines letzten Artikels zu street harassment darauf eingehen.

Man stelle sich vor, man ist unterwegs. In der Bahn oder zu Fuß, vielleicht mit dem Fahrrad oder dem Auto. Man hat ein Ziel, denn man muss zur Arbeit, einkaufen, möchte Freund*innen treffen oder endlich nach Hause, um sich entspannen zu können. Vielleicht ist man auch unterwegs, um sich dabei zu entspannen. Sehr unwahrscheinlich ist, dass man sich im öffentlichen Raum bewegt, um Menschen kennen zu lernen.
Nun wird man unterbrochen. Eine hoffentlich freundlich wirkende Person spricht eine* an.
Bereits in diesem Moment gibt es viele Umgebungsbedingungen, die beeinflussen, wie die Interaktion auf die Angesprochene wirken wird.

Aber gehen wir einen Moment zurück in der Zeit.

Die angesprochene Person ist in einer rape culture aufgewachsen. Ihr wurde von klein auf vermittelt, dass sie zu bestimmten Tageszeiten, in bestimmten Umgebungen, mit bestimmter Kleidung und in bestimmten Situationen vorsichtig sein muss, “damit ihr nichts geschieht”. Ihr wurde vermittelt, dass fremde Männer* eine Gefahrenquelle sind.
Leider wird sie aber nahezu unausweichlich nicht nur dieses theoretische Training erhalten haben, sondern auch ein praktisches. Sie wird erlebt haben, wie sie anzüglich oder mit Abscheu im Blick angestarrt wird, ihr hinterhergerufen oder sie angehupt wurde. Oft auch Einschneidenderes.
Wenn man bereits erlebt hat, wie die körperliche oder sexuelle Selbstbestimmung auf die eine oder andere Art verletzt wurde, wird man eine natürliche Reaktion darauf zeigen: man versucht zu verhindern, dass es noch einmal geschieht und befindet sich in einer Situation, die als gefährlich wahrgenommen wird, in Alarmbereitschaft.

Das klingt jetzt alles sehr negativ und deprimierend, aber wenn dich das überraschend trifft, kann ich nur sagen: Grüß dich, Privileg.

Also kommen wir dazu, welche Faktoren, die du beeinflussen kannst, bestimmen wie du während eines Gesprächs wahrgenommen wirst.

-> Umgebung
Vorzugsweise befindet ihr euch in der Hörweite von einigen anderen Menschen (die nicht unter dem Einfluss von Rauschmitteln stehen oder ein “Frauen sind scheiße”-Plakat herumtragen), je mehr desto besser. Öffentliche Verkehrsmittel, offene Plätze oder überfüllte Einkaufspassagen sind in der Hinsicht positiv.

-> Fluchtweg
Das klingt wieder sehr bedrohlich, ist aber nicht von der Hand zu weisen. Niemand möchte sich fühlen, als wäre hän in einer ausweglosen Situation. Fang also kein Gespräch mit einer Frau* an, die an einem Fensterplatz sitzt, während du den Weg zum Gang versperrst.

-> Körperhaltung
Abstand ist zentral. Je mehr Platz zwischen dir und ihr ist, umso besser. Menschen variieren im Empfinden, was für sie im Gespräch die beste Entfernung zueinander ist. Im Zweifelsfall wird sie auf dich zukommen.
Das gilt übrigens generell in öffentlichen Verkehrsmitteln, denn wenn ich kuscheln will, gehe ich damit zu Personen, die ich mag und die Lust drauf haben, nicht zu meinem Sitznachbarn.

-> Easy out
Da davon auszugehen ist, dass “Dich unterwegs kennelernen” nicht auf ihrer heutigen ToDo-Liste stand, halte das Gespräch kurz und biete ihr eine einfache Möglichkeit, es zu beenden. Wenn du nur nach dem Weg/der Uhrzeit fragen möchtest, belass’ es auch dabei und verwickel’ sie nicht in ein Gespräch, weil sie so freundlich wirkte.
Wenn du sie gerne treffen möchtest, biete ihr deine Nummer/E-Mail-Adresse/Twitternamen an. (Wenn sie Nein dazu sagt, ist das in Ordnung und du beendest das Gespräch höflich.)

-> Enthusiasmus ist key
Achte darauf, wie sie reagiert und wie viel sie von sich aus sagt. Freundlichkeit allein ist kein Zeichen von Interesse oder Freude am Gespräch, es ist mehr oder weniger der weiblich sozialisierte Default-Wert. Eine rege enthusiastische Beteiligung am Gespräch (das heißt nicht, nur auf Fragen zu antworten!) ist z.B. ein klareres Zeichen von Interesse.
Wenn sie allerdings schon zu Begin des Gesprächs bedrückt, ängstlich, aggressiv oder abweisend wirkt, beende es so schnell wie möglich. Zu versuchen sie von deiner Nettigkeit zu überzeugen wirkt nur aufdringlich (und stellt deine Nettigkeit ernstlich in Frage, schließlich hat sie nicht um das Gespräch gebeten).

-> Muss das wirklich sein?
Zu Beginn einer Interaktion, sollte immer die Frage stehen: ist das wirklich wichtig? Frauen*, an denen du vorbeigehst, müssen überhaupt nicht wissen, wie attraktiv du sie findest.

Tatsache ist: keine Frau* schuldet dir ihre Freundlichkeit oder Interesse und nicht einmal ihre Aufmerksamkeit. Wenn du Frauen* kennenlernen möchtest, tust du das am besten in Kontexten, die dafür geschaffen sind, wie Partys, Clubs¹ oder noch besser: Dating-Webseiten. Aber auch wenn du ehrlich nur nach der Uhrzeit oder dem Weg fragen möchtest, hat die Angesprochene jedes Recht nicht mit dir sprechen zu wollen. Du weißt nicht, was sie schon erlebt hat und sie muss sich nicht rechtfertigen.

1 Editiert am 25.05.2012, Wie ich mehrfach korrekt daraufhingewiesen wurde, sind Partys und Clubs (oder während des Urlaubs oder im Park) eben keine Orte, um Frauen* bedenkenlos anzumachen, weil es die Orte sind, an denen es am häufigsten und vor allem aufdringlichsten geschieht. Sie sind zur Entspannung geschaffen und daher sollte im Blick behalten werden, dass es nicht für jede Frau* “Entspannung” ist, angemacht zu werden – erst recht nicht, wenn es in einer übergriffigen Weise geschieht, wie ich in meinem Artikel zu street harassment beschrieb oder auch oben (bedrängen, isolieren, zulabern).

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Ein Missverständnis

Hiermit möchte ich ein Missverständnis quasi präventiv¹ aufklären: ich stehe nicht für den weißen, hetero- und monosexuellen, binären, cis, mittelklasse, physio- und neurotypischen Feminismus. Ich besitze einen großen Teil dieser Eigenschaften, aber ich bin der Ansicht, dass sie nicht der Maßstab sein dürfen, an dem gemessen wird, wessen Belange wichtig sind. Es sind auch und vor allem die Belange derjenigen Menschen wichtig, die entsprechende Privilegien nicht ihr eigen nennen können. Ich kann nicht über soziale und institutionelle Ungleichbehandlung diskutieren, wenn ich die Identität einer Person nur über ihr Geschlecht definiere. Dadurch werden meine Argumente schwächer, weil ich die Realität zu stark vereinfache.
Unser Leben ist manchmal unübersichtlich und kompliziert. Umso erstaunlicher ist es, dass Leute so oft glauben, ein Teil der Identität eines Menschen würde ihnen alles über diese Person verraten. Woher weißt du, ob eine muslimische Frau* gezwungen wurde, ein Kopftuch zu tragen? Wer hat dir verraten, dass der fertige Typ* da drüben ein nichtsnutziger Alkoholiker ist und nicht gerade von der Nachtschicht kommt? Warum meinst du, aus der Hautfarbe dieser Person lesen zu können, dass sie nicht Deutsch spricht und nicht in Deutschland geboren wurde und kein regelmäßiges Einkommen hat?** Das bildest du dir alles nur ein!
Die Menschen, über die du (und ich) mir nichts dir nichts Urteile fällst, haben ein ebenso ausgefülltes und unvorhersehbares Leben wie du. Sie treffen Entscheidungen aus komplexen Gründen. Sie blicken auf eine Lebensgeschichte, die du nie vollständig wirst nachvollziehen können.
Flache Charaktere, die diese Haarfarbe haben und jene Hobbys und gerne Wein trinken gibt es nur in Literatur und Film. Echte Menschen sind unvorstellbar komplizierter.
Also maß dir bitte nicht an zu wissen, warum jemand dies und jenes tut oder anzieht, nicht mag oder befürwortet. Menschen sind mehr als einer Schablone entstiegen, aus der man sie ausgeschnitten hat.
Und darum können wir Sachverhalte nicht nur durch eine Linse betrachtet diskutieren. Man kann Personen nicht ansehen und sagen: du bist eine Person of Color, also bist du von x betroffen. – Hat sie Geld oder nicht? Ist sie männlich, weiblich oder genderqueer? Ist sie physiotypisch oder körperlich behindert? Usw. usf.
Deswegen funktioniert einfacher Feminismus nicht. Es gibt Aspekte einer Identität abseits des Geschlechts, die hineinspielen in die Art, wie eine Person wahrgenommen und behandelt wird. Wenn man beim Geschlecht aufhört, tut man Menschen Unrecht, weil man viele Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, von vornherein nicht anspricht und als irrelevant² abtut. Dies möchte ich nicht unterstützen.

1 vorbeugend
2 unerheblich, unwichtig

**Ich möchte mit diesen Beispielen nicht sagen, dass es falsch oder schlimm wäre, keine Arbeit zu haben.

Frage I

hallo,
ich hab nur eine kurze wissens-lücke-frage: kannst du mir vielleicht einen link nennen oder literatur sagen, wo ich einen beleg für die von dir verwendeten artikel/pronomen/etc. finde? ich suche nämlich schon länger danach..
danke!!
utrumque

Hallo utrumque!
Ich muss dir leider mitteilen, dass es sich um eine Falle handelt :) So weit mir bekannt ist, benutzt niemand anderes diese Worte (bis auf eine Ausnahme) außer mir.
Ich hatte sie mir eines Tages ausgedacht, weil ich eine Alternative dazu wollte, immer die männliche und weibliche Form zu notieren. Verspätet ging mir auch der Sinn des Gendergaps auf, den ich jetzt ebenfalls verwende, aber seit Neuestem durch das Sternchen ersetze (* statt _).
Also zunächst der Link zu meinem alten Artikel. Und der Einfachkeit halber ein Zitat des relevanten Abschnitts:

sie_er hän*
ihr_ihm sim
sie_ihn sin
   
sein_ihr sir
seinem_ihrem sirem
seinen_ihren siren
   
dessen_deren desren
der_die ki (Relativpronomen)
   
jede_r jese
jedem_jeder jesem
jeden_jeder jesen

[…]
*Habe mich jetzt doch für die finnische Form entschieden, die ich schon immer schön fand.

Praktischerweise hast du mich mit deiner Frage daran erinnert, dass ich mir schon eine Lösung für “der_die” überlegt habe. Danke.
Und da die Worte doch recht wichtig sind, um meinen Blog zu verstehen, werde ich sie demnächst auch mal bei den Worterklärungen verlinken.

Für gute Vorschläge, wie man Substantive bilden kann, ohne _ bzw. * zu benutzen und ohne Identitäten auszuradieren, bin ich nach wie vor zu haben!

Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen.
Zweisatz

“Feminist*innen sind…”

“…Männerhasser.”
Falsch. Die Rolle einer Gruppe von Menschen in der Gesellschaft in Frage zu stellen, bedeutet nicht, die Menschen, die dieser Gruppe angehören, zu hassen.
Da viele Leute, die feministischen Gedanken begegnen, Schwierigkeiten haben nicht nur das zu hören, was ihre Vorurteile bestätigt, eine kleine Erklärung:
“Ich setze mich kritisch mit dem männlichen Rollenbild auseinander.” heißt nicht “Ich hasse Männer*.”
“Männer* (Weiße/Physiotypische/Neurotypische/Heterosexuelle/Cissexuelle) sind in unserer Gesellschaft privilegiert.” heißt nicht “Männer* (…) begegnen nie einem einzigen Problem in ihrem Leben.” (Ein beliebtes Strohmann-Argument.)
“Ich als Feminist*in entscheide mich dagegen, dem mir aufgedrückten Rollenbild zu entsprechen.” heißt nicht “Alle Männer* müssen jetzt Röcke tragen und Frauen* dürfen nicht mehr Hausfrau* sein.”

Ich finde es, nebenbei gesagt, tragikomisch, dass Menschen glauben, Feminist*innen würden nichts Spannenderes tun, als die ganze Zeit über Männer* zu reden.

“…versessen darauf, jedes Substantiv weiblich zu machen.”
Das ist Unsinn. Es wird angestrebt, alle möglichen Identitäten mit einzubeziehen. Daher “Frau*”, “Mann*”, “Feminist*in” bzw. “Feminist_in” usf. Die Sonderzeichen sollen deutlich machen, dass es Intersexuelle und Genderqueere gibt, die sich ohnehin nicht als weiblich oder männlich verstehen (ich glaube, der * sollte auch Transsexuelle mit einbeziehen, diese identifizieren sich aber meist sehr wohl als männlich oder weiblich). Gleichzeitig dient der Wortaufbau dazu zu zeigen, dass -neben Genderqueeren- die weibliche und männliche Form gemeint ist.

Die Nutzung dieser Schreibweise wird forciert¹ da man Frauen* unsichtbar macht, sobald man nur die männliche Form eines Wortes benutzt, so wie man Genderqueere ohne die Sonderzeichen unsichtbar macht. Jaja, Frauen* sind mitgemeint. Also bei “Arzt” denken alle im gleichen Maße an weibliche und männliche Ärzt*innen? Bei “Informatiker” auch? Bei “Polizist”? Das wage ich zu bezweifeln. Wie viele Männer* würden sich bei “Hebamme” angesprochen fühlen, obgleich das die korrekte Berufsbezeichnung ist?
Wer ganz ganz fest an das “Mitmeinen” glaubt (was ich euch schon mal nicht abnehme, wenn es um Genderqueere geht, die gesellschaftlich nahezu unsichtbar sind), können wir gerne ein Vereinbarung treffen: ich benutze ab jetzt nur noch weibliche Personenbezeichnungen und ihr seid alle mitgemeint. Versprochen. Wenn ihr das nicht so seht, liegt das ganz sicher nur an euch.

“…unrasiert.”
Oh mein Gooott, Frauen* mit Haaren. *gähn* Einige rasieren sich, andere nicht. Genau wie in der restlichen Bevölkerung. Euch ist schon klar, dass Frauen* sich nicht rasieren müssen, nur weil Leute, die auf Frauen* stehen, das manchmal mögen?

“…lesbisch.”
Natürlich sind einige lesbisch, genau wie überall sonst auch. Warum klingt das immer wie ein Vorwurf?
Lesbisch sein, genau wie viele andere Identitäten, wird von der Gesamtgesellschaft nur wahrgenommen, wenn es sie anspringt – wer kein leuchtendes Hinweisschild trägt, wird ungefragt als heterosexuell (cis, neurotypisch, …) abgestempelt. Mag sein, dass Leute die Zeichen bei lesbischen Feminist*innen durch ihre Vorurteile häufiger korrekt deuten. Was weiß ich.
Der Gedanke, alle Feminist*innen seien lesbisch, beruht eher darauf, dass Frauen*, die sich mit den Geschlechterbildern auseinandersetzen, die Rolle von Männern* in Frage stellen (so weit so richtig). Wer die Rolle von Männern* in Frage stellt, hasst Männer. Wer Männer hasst, “bestraft” sie, indem die Person nicht mit Männern* schläft. Wer nicht mit Männern* schläft, ist lesbisch. Voilà. So lächerlich und androzentristisch²** diese Gedankengänge sind, für viele scheinen sie Sinn zu ergeben.

“…übersensibel.”
(Mannweiber und gleichzeitig übersensibel, erstaunliche Koinzidenz³. Wo wir doch wissen, dass Männer* keine Gefühle haben.) Aber Sarkasmus beiseite:
Wenn Menschen auf Diskriminierung aufmerksam machen, ist das kein Zeichen von Übersensibilität.
Bevor ich mir wieder Mist anhören muss: Nein, Männer* können nicht sexistisch diskriminiert werden, Weiße nicht rassistisch und Menschen aus der Oberschicht nicht klassistisch. Diskriminierung funktioniert nur von oben nach unten, weil die entsprechenden Handlung sonst nicht von jemandem in einer Machtposition ausgeübt wird – eine wichtige Voraussetzung für das Vorhandensein von Diskriminierung.
Aber zurück zur Sensibilität: Diskriminierung zu erkennen ist wichtig, es ist essentiell. Wenn andere dir dabei behilflich sind, ist die beste Reaktion, dich zu bedanken. Es ist korrekt anzunehmen, dass Menschen, die von einer bestimmten Diskriminierung betroffen sind, ein besseres Gespür für diese haben. Denn in den meisten Fällen haben sie bereits ihr ganzes Leben Erfahrung mit ihr gesammelt. Und in exakt und ausschließlich diesem Wortsinne sind sie “sensibel”.
Eine Person “übersensibel” zu nennen, wenn sie sich diskriminierendes Verhalten verbittet, ist einfach nur noch privilegiert. Um genau zu sein, setzt man die Diskriminierung weiter fort. Wenn man den Betroffenen dann auch noch rät, einfach damit klar zu kommen und “keinen Aufstand” zu machen, handelt es sich um Victim Blaming.

Ein einfaches Beispiel zeigt, dass für den weißen Cis-Mann* Beschimpfung dennoch nicht gleich Beschimpfung ist: “F****”, “N****”, “T*****” soll kein Grund zum Aufregen sein, weil weiße Cis-Männer damit nicht beleidigt werden können, wegen “Arschloch” und “Wichser” fangen die Leute Schlägereien an.

“…Spalter*innen, die andere Bewegungen unter die Räder kommen lassen.”
Ja, das ist leider oft wahr. (Vor allem die privilegiertesten) Feminist*innen haben immer wieder große Probleme, People of Color, Behinderte, GLBTQIPPA-Leute etc. etc. und den Intersektionalitätsgedanken an sich in ihre Überlegungen einzubeziehen. Dabei ist nicht zu vergessen, dass es behinderte, queere, transsexuelle Feminist*innen of Color gibt und es sich nicht um getrennte, sondern überlappende Gruppen handelt.
Ich habe die Hoffnung, dass diese Situation sich in Zukunft bessert. Aber sowohl bei deutschen, als auch bei US-amerikanischen Feminist*innen mangelt es teils stark am Bewusstsein für die Wichtigkeit eines intersektionellen Ansatzes. Ich selbst bin nicht ausreichend in jedem Bereich informiert und versuche mich entsprechend konstant weiterzubilden.

“Feministen* sind Weicheier.”
Diese Aussage verrät lediglich etwas über hän Sprecher*in. Sie zeugt von der Angst, das Geschlechterrollengefüge könne zusammenbrechen und die Menschen orientierungslos zurücklassen. Was kann man besseres tun, um dem Gefüge wieder auf die Sprünge zu helfen, als Menschen in ihre vordefinierten Rollen zurückzudrängen.
Ich kann euch auf jeden Fall sagen, was Feministen* sind. Menschen, die verstanden haben, dass alle tatsächlich die gleichen Rechte haben müssen. Dass keine Person durch irgendeine körperliche oder psychische Eigenschaft jemals in irgendeiner Form “unterlegen” oder “weniger Wert” sein kann. Dass Interaktionen zwischen allen Geschlechtern auf Augenhöhe stattfinden müssen, um erfüllend zu sein. Dass die Angst vor “Entmännlichung” oder “Verweichlichung” keinerlei Bedeutung hat, weil diese Begriffe nur schwache Versuche sind, Männer* daran zu hindern, aus Rollenklischees auszubrechen. Nehmt euch die Freiheit.

Schlusswort

Auch wenn ich hier teils Grundlagen erklärt habe, ist das keine Einladung zu Grundlagendiskussionen. Es mag sein, dass ich Kommentare zulassen werde, bei denen ich ein ernstzunehmendes Interesse zu erkennen meine oder Kommentare, die wirklich interessante Punkte zum Weiterdenken aufwerfen (solche schaffen es immer), aber ich habe keine Lust auf ein “Lasst uns die Gravitationstheorie nochmal ganz kritisch beäugen, vielleicht ist sie ja doch
falsch.”-Level zu gehen.

**heterosexistisch, monosexistisch und sexistisch nicht zu vergessen

1 bestärkt
2 männer*zentriert
3 Zufall, Zusammentreffen von Ereignissen

[TW] You can stop r**e: Schritt 2 – R**e Culture

Der zweite Schritt zum Ziel, Vergewaltigungen zu verhindern: lerne, was es heißt, in einer rape culture zu leben. Also in einer Kultur, die Verhalten gutheißt und unterstützt, das Vergewaltigungen begünstigt.

Für alle die englisch sprechen, empfehle ich diesen Artikel auf Shakesville. Ein Weiterlesen ist in dem Falle nicht nötig, weil dies der verständlichste und vollständigste Artikel ist, den ich je zu diesem Thema gelesen habe.
Für alle anderen versuche ich im Folgenden eine einleuchtende Beschreibung zur Verfügung zu stellen.


In einer rape culture wird zunächst angenommen, dass Frauen* mit sexuellen Avancen¹ einverstanden sind statt immer zuerst davon auszugehen, dass man sie nach ihrer Zustimmung fragen muss.
Es ist nicht gerne gesehen, wenn sie “Nein” sagen und die Gründe werden oft in Frage gestellt (diskutieren über die Gründe, warum eine Person etwas ablehnt, nennt man übrigens Manipulation) oder gar überhört.
Frauen* werden allgemein so erzogen, dass sie Konfrontationen aus dem Weg gehen und es anderen Recht machen wollen, während Männern* besseres Werkzeug an die Hand gegeben wird, um Ablehnung zu äußern und zu bekräftigen.

In einer rape culture wird nicht beachtet, wie fragwürdig es ist, wenn man Menschen als Sexualpartner wählt, die unter so starkem Drogen- oder Alkoholeinfluss stehen, dass es ihnen schwer fällt deutlich zu machen, ob sie Lust auf Sex haben oder “Sexualpartner” wählt, die gar bewusstlos sind.

In einer rape culture sagt man Frauen*, was sie tun sollen, um “nicht vergewaltigt zu werden” statt Vergewaltiger_innen zu sagen, dass sie nicht vergewaltigen sollen. Vergewaltigungsopfer werden gesellschaftlich sanktioniert² durch slut shaming (Beleidigung und Beschuldigung von Frauen* mit aktivem Sexualleben), rituelles in Frage stellen ihrer Erlebnisse und Vorwürfe, sie hätten sich selber in diese Situation gebracht, während Vergewaltiger_innen nicht konsequent aus ihren entsprechendem sozialen Umfeld ausgeschlossen werden und damit das Signal erhalten, dass ihre Strategie funktioniert und sie unbehelligt weitermachen können.

In einer rape culture denkt die Öffentlichkeit schneller an das Wohl und die Karriere eines potenziellen Vergewaltigers als das Wohlergehen des potenziellen Opfers, obwohl die Rate an falschen Beschuldigungen bei Vergewaltigungen nicht höher liegt als bei anderen Verbrechen auch, die Verurteilungsrate wahrscheinlich alarmierend darunter.

In einer rape culture sind Menschen der Meinung, dass es lustig sei, Vergewaltigungswitze zu reißen, obwohl es sich um eines der traumatisierendsten Verbrechen handelt, die man gegenüber einem Menschen verüben kann (siehe Seife bücken-Witze und “spaßige” Bemerkungen zu Vergewaltigung in Gefängnissen allgemein).

In einer rape culture glauben Menschen, es sei keine Vergewaltigung,

  • wenn hän Partner_in am Ende doch einwilligte
  • obwohl hän Partner_in keine aktive Zustimmung zeigte
  • wenn hän Partner_in körperlich oder geistig nicht in der Lage war, sire Zustimmung zu äußern
  • wenn jemand mit sirer_m Vergewaltiger_in in einer Beziehung lebte.

In einer rape culture wird Homosexualität mit (ausgelebter) Pädophilie gleichgesetzt und behauptet, gleichgeschlechtliche Partner könnten nicht vergewaltigt werden. Überhaupt führen einige Umstände zu Nichtvergewaltigbarkeit, wie zum Beispiel die Arbeit als Prostituierte_r, der Widerruf von vorheriger Einwilligung in sexuelle Handlungen, die falschen Klamotten, die falsche Gender-Identität.

In einer rape culture sind übergriffige “Spielereien” in Ordnung, wie eine Person zu kitzeln ohne ihre klare Zustimmung erhalten zu haben oder eine Möglichkeit für sie, dies zu unterbrechen. Es ist normal, dass Kinder Erwachsenen die Hand geben, sie umarmen oder ihnen gar einen Kuss geben müssen, auch wenn sie nicht möchten.

Einer rape culture fehlt das, was eine consent culture hat.

PS: Ich habe an einigen Stellen nicht die weibliche und männliche Form genommen, weil es mir entsprechend den Statistiken angemessen schien.

1 Annäherung, Angebote
2 bestraft

Edit 09.02.2012 13:00: Fußliebe korrigiert

Fragen, die die Welt noch nicht gesehen hat

Ich gestehe, auch ich bin eine von den Personen, die gerne alles erklären und jesse mit ungefragten Ratschlägen beglücken. Ich möchte dieser Sucht frönen und euch gleichzeitig zu Gute kommen lassen. Daher eröffne ich eine neue Kategorie: “Fragen, die die Welt noch nicht gesehen hat”.
Wie der Titel verrät, schließe ich vorerst keine aus (Siehe Regeln unten für Klarheit). Aber natürlich werde ich an die Beantwortung um so motivierter herangehen, je interessanter, ungewöhnlicher oder von allgemeinem Interesse sie sind.
Beispiele? “Gab es auch Frauen, die in den Naturwissenschaften bekannte Entdeckungen gemacht haben?” “Ich habe Bekannte, die mich immer mit einem Spitznamen rufen, den ich nicht leiden kann. Muss ich mir das gefallen lassen?” “Warum machen Feminist_innen immer diese sonderbaren Unter_striche_?_?_?”

Regeln

(1) Hinterlasse einen Kommentar mit deiner Frage hier, bei Twitter @HighOnCliches oder sende eine Mail mit dem Betreff “Mal ’ne Frage” an zweisatz {at} takeoverbeta {Punkt} de.
(2) Stell mir deine Frage in weniger als 500 Zeichen und sag mir, wenn du mich per Mail kontaktierst, unter welchem Namen ich dich bei der Beantwortung ansprechen soll. Falls du nicht anonym bleiben möchtest, schreib deinen Namen dazu und -soweit vorhanden und gewünscht- deinen zu verlinkenden Blog oder Tumblr oder …
(3) Wer mir eine Frage hier in einem Kommentar, auf Twitter oder per Mail unter dem genannten Betreff sendet, erklärt sich mit der Veröffentlichung einverstanden.
(4) Ich garantiere weder, dass ich auf eingesandte Fragen antworte, noch, dass die Antwort in irgendeiner Form befriedigend sein wird.
(5) Wenn deine Frage nicht ernst gemeint ist oder gar den Prinzipien meines Blogs widerspricht, sinkt die Chance auf eine Antwort gen Null.
(6) Wer mir eine Frage schickt, die einfach nur dazu gedacht ist, mich aus der Reserve zu locken/nerven/trollen oder beleidigen erklärt sich mit dem Einsenden der Frage damit einverstanden, dass ich die Frage beim Veröffentlichen, falls ich mich dafür entscheide, aufs Brutalste auseinandernehme und lächerlich mache.
(7) Das Recht auf Anonymität wird bei mir groß geschrieben, gehätschelt, getätschelt und gepflegt; Weder werde ich eure dahingehenden Wünsche missachten, noch in einer Art mit Menschen über eure Frage sprechen, dass sie mit euch in Verbindung gebracht werden könnte.

Und nun bin ich gespannt. *Hinsetz* *Tee koch*

Editiert, um hinzuzufügen: Sagt es allen weiter, die euch einfallen! Ohne Fragen keine Antworten.

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