Gefühle und Diskriminierung – Diskriminierende Gefühle? (Teil 3)

Schlagwörter: Diskriminierung – Gefühle – Grenzüberschreitung – Consent – Oppression Olympics

Inhaltswarnung: Beispiele von rassistischen und klassistischen Vorurteilen, Ableismus, Antisemitismus, Selbstbeschimpfung, übergriffige Situationen, street harassment

Vor allem in Teil 1 habe ich behauptet, dass es keine bösen Gefühle gibt – gemeint waren solche wie Neid, Eifersucht, Missgunst. Das passt allerdings nicht ganz damit zusammen, dass ich gegen Diskriminierung bin, schließlich entstehen Gefühle auch aufgrund von Vorurteilen, die man gelernt hat.
Die Angst vor „kriminellen Ausländer*innen“ oder Menschen, die als psychisch krank eingeschätzt werden, die Abscheu gegenüber „faulen“ Hartz IV-Bezieher*innen, das Gefühl der Überlegenheit gegenüber Menschen, die „nicht mit ihrem Geld umgehen können“. All dies sind keine Gefühle, die durch eigene Erfahrung gerechtfertigt sind. Sie entstehen, weil Menschen mit verbreiteten Vorurteilen umgehen als wären sie Erfahrung.

Wenn ich gegen eine Glastür laufe, werde ich die nächsten Male vorsichtiger sein. Ich meide sie aus Erfahrung. Bei Stereotypen erzählt sich eine privilegierte Gruppe Menschen eine Geschichte so lange, bis sie wahr scheint. Mitunter erzählen die negativ Betroffenen sogar mit (z.B. bei internalisiertem Sexismus), um sich gegen „die anderen“ abzugrenzen. „Andere Frauen sind so xy, aber ich bin das nicht.“ Weil alle davon sprechen, kann es keinen Zweifel geben, dass man hier auf eine wichtige Sache gestoßen ist und *poof* ist es völlig in Ordnung, zu diskriminieren.
Manchmal hat die Geschichte auch wahre Inhalte, aber Ursache und Wirkung werden verzerrt. Das kann man z.B. bei Rassismus bzw. Antisemitismus beobachten: Erst enthält man einer Gruppe die Möglichkeit vor, Arbeit zu finden, weil man sie strukturell benachteiligt – Diskriminierung in Schule, Ausbildung, dem Arbeitsmarkt. Dann sucht man die Schuld für eingebildete oder reale Joblosigkeit bei ihnen – alles, um nicht die strukturelle Gewalt anerkennen zu müssen. Schon im Mittelalter hatte man das drauf: Erst Jüd*innen verbieten in fast allen Berufen zu arbeiten und sie dann für ihre „Geldgier“ beschimpfen, wenn sie die einzig bleibende Einnahmequelle nutzen.

Wir erzählen uns als Gesellschaft also Geschichten darüber, warum Diskriminierung gerechtfertigt sein soll und behandeln sie wie einen Film, an dessen Ende „Basierend auf wahren Ereignissen“ steht. Jede Person, die „stereotypes“ Verhalten an den Tag legt, ist dann ein „Beweis“ für die Vorurteile. Jede Person, die es nicht tut, wird vernachlässigt. Eine Frau*, die rosa mag: BEWEIS!!! Eine Frau*, die grün mag: gleich vergessen.

Es ist also nicht von der Hand zu weisen, was Lundy Bancroft in Teil 1 sagte: Unsere Gefühle werden (auch) von unseren Einstellungen und Gewohnheiten und damit Vorurteilen beeinflusst.

Wie mit solchen Gefühlen umgehen?

Meine Antwort darauf leitet sich durchaus aus den vorhergehenden Teilen ab: Ich sehe keinen Sinn darin, sich selbst für diskriminierende Gefühle zu beschimpfen.

Kennt ihr das, wenn andere sich oder ihr euch selbst so hart verurteilt, dass es nur noch darum geht, wie scheiße sie/ihr seid und irgendwie gar nicht mehr um die Sache?
Wenn eine Person dies bei sich tut, führt es zu einer unendlichen Spirale der Schuld und Scham, in der die Person sich beschimpft bis sie erschöpft genug ist, um sich in den Schlaf zu weinen. Problem gelöst? Nein.
Ich steh nicht so auf den Ansatz der katholischen Kirche, wo man sich einfach selbst schlägt (im übertragenen Sinne oder wörtlich) und dann ist das Thema gegessen. Lerneffekt: null. Grausamkeit: 100%
Wenn man eine Person in einem Gespräch kritisiert und sie sagt: „OMG das war mir nicht klar. Das tut mir so Leid! Wie kann ich nur so dumm sein? Oh Gott, scheiße. Ich geh jetzt besser. Oh Gott, das kann ich gar nicht wieder gut machen.“ geht es auch nicht um das Thema. Ich weiß, dass es sich für Menschen, die dazu neigen sich fertig zu machen so wirkt als wäre das die richtige Reaktion. Paradoxerweise übernehmen sie auf diese Art aber weniger Verantwortung für das Gesagte. Die unausgesprochenen Regeln unserer Gesellschaft verlangen nämlich, dass man eine Person beruhigen und ihr gut zureden soll, wenn sie sich fertig macht. Möglichkeit auf das ursprüngliche Problem einzugehen: null.

Was aber dann?

  • Schritt 1: Keine Selbstbeschimpfung.
  • Schritt 2: Sich vorsichtig sagen, dass man gerade wahrscheinlich Scheiße gebaut hat.
  • Schritt 3: Erst mal Zeit nehmen, um die Scham, die Selbstzweifel, die Wut und Abwehrreaktionen zu verdauen.
  • Schritt 4: Darüber nachdenken, was man falsch gemacht hat.
  • Schritt 5: Sh. Schritt 3.
  • Schritt 6: Überlegen, ob und bei wem man sich entschuldigen muss.
  • Schritt 7: Sh. Schritt 3.
  • Schritt 8: Entschuldigung und oder Wiedergutmachung angehen.

Wiedergutmachung kann dabei auch bedeuten, dass man sich zum Thema informiert, z.B. wenn niemand von der Handlung direkt betroffen war.

You see, es geht mir nicht darum sich in Selbstkasteiung zu sagen, dass man ein lebensunwertes Nichts ist, weil es nichts bringt und grausam ist (aus Sicht von Selbstpflege).
Aber, wie ich schon in Teil 2 sagte: Man trägt Verantwortung für das eigene Handeln. Wenn du eine Person verletzt/diskriminiert/unfair behandelt hast, hat die ein Recht auf eine Entschuldigung und Wiedergutmachung. Genau so darf diese Person wütend sein. Diese Person darf dir sogar berechtigte Vorwürfe machen (Ich meine mit „berechtigt“: „Du hast gerade total abgefuckt und das macht mich wütend.“ Unberechtigt: „Du -istisches Schimpfwort.“)
Ich empfehle, mit sich persönlich vorsichtig umzugehen und natürlich schadet es nicht, nett zu anderen zu sein (Kraft dafür und Lust darauf vorausgesetzt). Aber „Du hast Scheiße gebaut.“, von einer Person zur anderen gesagt, ist keine Beschimpfung. Es ist eine notwendige Aussage, wenn wir das mit Diskriminierung abschaffen mal durchziehen wollen.

Darf ich Grenzüberschreitungen nicht mögen?

Als letztes möchte ich noch auf eine Frage von serialmel eingehen:

Welchen Unterschied macht es, wenn ein Mann(TM) immer wieder absichtlich Körperkontakt herstellt im Verhältnis zu einem Kleinkind. Welche Unterstellungen existieren (unbewusst?) bevor jemand eine Reaktion auslöst?

Ich trenne das von dem vorherigen Thema ab, weil hier eine gute intuitive Reaktion auf eine Grenzüberschreitung vorliegt.
Es ist gar nicht wichtig, welche Hintergedanken der Mann konkret hat. Es ist nicht einmal wichtig, ob das nur ein fehlgeleitetes Zeichen der Freundlichkeit sein soll (Tipp: Das ist eine gängige Entschuldigung, aber wesentlich seltener der Fall). Denn jede Person darf darüber bestimmen, wo ihre Grenzen sind. Sie darf bestimmen, wie oft, wie und von wem sie (nicht) angefasst werden will, (nicht) angesprochen werden will, wer sich ihr wie weit (nicht) nähern darf und so weiter. Dass unsere Gesellschaft das bestenfalls in Ansätzen beachtet, ist uninteressant. Jede Person hat dieses Recht. Es gibt keine Pflicht, mit anderen Menschen auf eine Art zu interagieren, die man unangenehm findet. Es muss kein beweisbares Fehlverhalten vorliegen. Es muss überhaupt kein Fehlverhalten vorliegen. Jede*r. Entscheidet. Selbst.

Manchmal liegt auch ein schwer zu durchblickende Kombination aus Privilegiertheit und Diskriminiertheit vor.
Darf ein lesbische Frau* einer heterosexuellen Frau* gegen ihren Willen einen Kuss geben? Darf ein Mann* of Color einer weißen Frau* auf der Straße hinterherrufen? Darf ein autistischer Mann* gegen ihren Willen zu nah an einer neurotypischen Frau* stehen? Die Antwort lautet nein. Das ist alles nicht in Ordnung, weil es die Grenzen der Frauen* verletzt. Die Definitionsmacht besagt, dass sie die Situation als übergriffig bezeichnen dürfen. Die Definitionsmacht besagt ebenfalls, dass die jeweiligen anderen das als heterosexistisch, rassistisch bzw. ableistisch bezeichnen dürfen. (Danke an die takeover.beta-Redaktion für diesen Lernfortschritt.)
Es besteht definitiv die Möglichkeit, dass ein Teil der Ablehnung durch Vorurteile bestimmt ist. Wenn Schwarze Frauen* mit Profilbild im Online-Dating wesentlich seltener angeschrieben werden (oder geantwortet wird) als weiße Frauen* ist das ein Zeichen dafür, dass hier etwas nicht stimmt. Jedoch hat man keine Möglichkeit zu sagen, wie sehr die Ablehnung durch Vorurteile bedingt ist. Vor allem kann man keine individuellen privilegierten Menschen dazu zwingen mit konkreten anderen nicht privilegierten Menschen zu reden/sie zu daten. Das verträgt sich einfach mit dem Prinzip der Selbstbestimmung nicht. Was hingegen notwendig ist, ist rassistische (ableistische, sexistische, …) Vorurteile in der Gesellschaft zu bekämpfen, bis solche Ungleichheiten nicht mehr bestehen (dies bezogen auf das Online-Dating, die Beispiele oben sind Grenzverletzungen – ich gehe zumindest davon aus, dass die Reaktionen sich mit anderen Machtverhältnissen nicht groß ändern würden).

Was ist dieses ‚Grenzüberschreitung‘ und wo kann ich es abonnieren?

Weil der Unterschied zwischen Grenzüberschreitung-nicht-mögen und Diskriminierung manchen nicht klar ist, ein sehr offensichtliches Beispiel zum Schluss: Wenn du Essen nicht bei People of Color kaufst, aber bei Weißen, ist das rassistisch. „Wenn People of Color Essen zubereiten, finde ich das grenzüberschreitend.“ Bullshit. Go home.
Wenn du dich für Matheaufgaben nur an Männer* wendest, statt auch mal eine Frau* um Hilfe zu fragen, ist das sexistisch. „Frauen*, die Mathe machen, lösen in mir Angstgefühle aus.“ Nope. Go home.
„Wenn ich eine Person nicht auf eine Art, die mir gefällt kontaktieren/anfassen/ansprechen darf, finde ich das grenzüberschreitend.“ Drei mal MEEEP. Go home.
Sowohl offensichtliche Diskriminierung als auch selbst grenzüberschreitend zu sein zählt nicht.

Advertisements

Consent und die Unterhosen-Regel

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: Consent Culture – Selbstbestimmung – Grenzen – Grenzüberschreitung – Hilfe

(Consent = Einverständnis, Zustimmung)

Vom Essen, über Gesundheitsfragen, hin zu persönlichen Erlebnissen: irgendeine*r weiß es definitiv besser als du. Z.B. was du wirklich auf deinem Teller haben solltest. Oder dass du nur ein bisschen Sport machen müsstest gegen deine Depressionen. Oder dass deine Erzählung nicht soo schlimm klingt; Sicher, dass du nicht überzogen reagierst?

Wie Cliff Pervocracy in seinen Artikeln zu Consenct Culture betont hat, sind (solche) Grenzüberschreitungen nicht erst im Dunstkreis (RW=Redewendung) der Sexualität von Bedeutung.

Die Nase in fremden Angelegenheiten (RW)

Sowohl in den USA als auch in Deutschland sind Menschen einfach daran gewöhnt, alles zu kommentieren und zu allem eine Meinung haben zu können. Schließlich beruhen zwischenmenschliche Beziehungen stark darauf: man unterhält sich mit anderen Menschen über noch andere Menschen und was die so tun. Meist bewertet man das Tun auch.
Die Neugierde und die Genugtuung, die u.a. als Motor dienen, können aber schädliche Folgen haben. In den Medien sieht man das etwa an Celebrity-Zeitschriften und -Sendungen. Ein Großteil der Storys beruht auf Fotos, die über Paparazzi beschafft werden. Was die tun, kann mitunter als nichts anderes als Stalking bezeichnet werden – nur um an ein nichts-sagendes Foto zu kommen, das verschwommen vergrößert werden kann, um eine an den Haaren herbeigezogene (RW) Geschichte zu „bestätigen“. Aber wenn man Geld damit machen kann, wird es natürlich durchgezogen. Wie z.B. Fotos unter Emma Watsons Rock zu jagen, sobald sie 18 wurde. (Trigger-Warnung sexualisierte Gewalt, Sexismus, Mysogynie für Quelle)

Aber auch im engeren sozialen Kreis vergisst man schnell, dass man zwar eine Meinung dazu haben kann, wie andere ihr Leben führen, aber dass man kein Recht hat, ich wiederhole, kein Recht ihnen dabei reinzureden. Nein, es ist nicht notwendig, anderen zu sagen, was man für „besser“ halten würde.

[…] but it’s important to remember that unsolicited advice (no matter how well-intentioned and on-its-merits-correct) can be the perfect cocktail of presumptuous and judgmental.  You’re basically saying “You’re doing that wrong, and I think I’m smarter than you.”

We think we know, so we forget to ask. No one knows how to make an Ass out of U and Me like families, old friends, and long-term relationship partners. We think that things that happened way back when constitute data that allows us to make assumptions about how things are now, like “You aren’t patient enough to be a teacher, remember how you were when you played school that one time with your little brother and I had to stop you from shoving the chalk up his nose?”

Ooh, look how that has nothing to do with how you’ll actually perform as a teacher and look how it conveniently reminds you that the other person remembers when you were small and powerless and not good at stuff and tries to place you back there. And then you’re standing there, like, um, I’m actually a teacher, like, I get paid to do it now for real, that’s what it says on my taxes and everything and why would you even bring that up? YOU DON’T KNOW ME!

JenniferP/Captain Awkward

In dem Zusammenhang fand ich die Unterhosen-Regel ganz toll, von der ich letztens las: du bist di:er Chef*in deiner Unterhosen und anderer Leute sind ihr*e eigene*r Chef*in. Das bedeutet grob gesagt: vermeide Allaussagen. Denn wenn „alle“ etwas tun sollen, schließt das zwingend mehr Unterhosen ein als deine eigenen.
Wenn du mit „Man sollte…“, „Wenn nur jede*r…“ usw. anfängst, kommt daher meist Mist heraus.

Das eigene Leben kennt man am besten, also geht man bei allen Überlegungen von der eigenen Situation aus. Und dann sagt man, dass Leute, die nicht joggen gehen, einfach nicht auf ihre Gesundheit achten. Und eine fragt, wie sie mit ihrem verstauchten Knöchel joggen gehen soll. Und du merkst: du hast abgefuckt. Da war doch was, namentlich Ableismus (um ein Gegenargument von vielen zu nennen).
Es scheint also keine Idee zu sein, eine einzige Idee für eine Vielzahl von verschiedenen Lebensrealitäten vorzuschlagen.

Ein Weg zur Consent-Gesellschaft

Wofür ich mich aber einsetze, ist nicht nur die Abschaffung von Allaussagen. Die vielen kleinen Einmischungen sollen weg.

Ein Frage, die man sich stellen sollte, bevor man Ratschläge verteilt, lautet: Handele ich gerade im Sinne einer Consent-Gesellschaft (Trigger-Warnung für Link: Erwähnung von sexualisierter Gewalt)? Unterstütze ich mit dem, was ich vorhabe, eine Gesellschaft, in der alle über ihre (quasi sprichwörtlichen und echten) Unterhosen herrschen? – Unerbetene Tips oder das Drängen zu „nur einem Bissen“/“einem Schlückchen“ sind Grenzüberschreitungen. Die einen mögen sie als nervig wahrnehmen, die anderen als unhöflich, aber selten hält man inne, um zu prüfen, warum sie ärgerlich stimmen: Eine andere Person greift in die eigene Autonomie ein und ignoriert deinen Willen in einer Sache, die einzig deiner Entscheidungsmacht unterstehen sollte. Eine verärgerte Reaktion hilft dir dabei, vor einer erneuten Grenzüberschreitung solcher Art auf der Hut zu sein.
Wozu solcher Ärger aber selten führt, ist zur Forderung nach neuen Regeln für den Umgang miteinander. Es liegt einfach nicht nahe, Verhalten in Frage zu stellen, dass offensichtlich keine*n sonst stört, sonst würden die anderen ja etwas dagegen sagen, wenn man ihnen Häppchen aufdrängt…?

Wir brauchen aber neue Regeln. Dass wir neue Regeln brauchen, wird nicht nur durch die hohe Rate an (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen* und Minderheiten deutlich. Eine gut durchdachte Praxis von Consent macht es auch möglich, wie Cliff Pervocracy oft wiederholt, einer Situation „an der Nasenspitze“ (RW) anzusehen, ob hier Einverständnis vorliegt oder man eingreifen muss.

One of the major steps toward creating a consent culture is making consent look different from coercion.

Cliff Pervocracy

Das Ziel ist es Übergriffe und freundschaftliches Verhalten auf den ersten Blick (RW) unterscheidbar zu machen.

Wo anfangen…

Wenn man nun vermeiden möchte, selbst eine von diesen pushy (aufdringlichen, fordernden) Personen zu sein, muss man leider gegen die eigene Erziehung ankämpfen. Je nach Kultur bist du auch ein*e schlechte*r Gastgeber*in, wenn du nicht mindestens drei Mal fragst, ob deine Gäste wirklich nichts essen möchten.
Und wenn man Freund*innen oder Familie anspricht, möchte man ihnen oft nur helfen bzw. einfach sicherstellen, dass es ihnen gut geht.
Aber selbst in diesem Zusammenhang ist intent halt nicht magic: Gutes wollen und Gutes tun ist nicht das Gleiche.
Diesem Problem kann man sich auch nicht entziehen, wenn man irgendeine Form von Aktivismus ausführt. Es geht halt nicht drum irgendetwas zu tun, sondern etwas Hilfreiches. Deswegen braucht man immer wieder Rückversicherungen und Absprachen, was die Personen, denen man helfen will, denn überhaupt möchten. Und, ganz wichtig, ob sie überhaupt Hilfe brauchen. Hilfe kann nicht als Einbahnstraße verstanden werden, wo man einfach das tut, das man für gut hält und am Ende der Straße kriegt man die Medaille „ich war ein guter Mensch“. Auch wenn eine consent-basierte Form des Helfens schwerer umzusetzen ist: Hilfe ist es erst a) wenn du mit der zu behelfenden Person gesprochen hast b) dich versichert hast, dass sie Hilfe braucht und möchte und c) gefragt hast, was tatsächlich hilfreich wäre. Es gibt keinen kurzen Weg um die Rücksprachen und Kursänderungen, wenn man Hilfe tatsächlich für die anderen anbieten will und nicht als Abkürzung nutzen, um das eigene Ego zu stärken.

Wer nun otterly (das ist ein Wortspiel aus utterly = völlig und „Otter“) verwirrt ist, was nun tun, eine erste Idee: How not to talk to people who tell you something sad.

Übersetzung der englischen Stellen auf Anfrage

34 Zitat der Woche 35

Schlagwörter: Consent – Grenzen – Grenzüberschreitung

Doing things to people that they don’t consent to is wrong. We all need to stop pretending that it’s rude to say that. Violating limits isn’t cute or funny or edgy. Joking about violating limits isn’t cute or funny or edgy.

[Mit Menschen Dinge zu tun, denen sie nicht zugestimmt haben, ist falsch. Wir müssen alle aufhören vorzugeben, dass es falsch sei das zu sagen. Grenzen zu verletzen ist nicht niedlich oder lustig oder trendy. Witze darüber Grenzen zu verletzen sind nicht niedlich oder lustig oder trendy.]

Thomas auf Yes Means Yes Trigger-Warnung für Quell-Link

[TW] You can stop r***: Schritt 4 – Warum seid ihr Freunde?

<< Schritt 3

Schritt 5 >>

Wie für die ganze Serie gilt eine Trigger-Warnung.

Schlagwörter: r**e culture – Grenzüberschreitung – street harassment – allies – you can stop r**e

fluffy bunny in front of a grass
Quelle: Emergency Cute von playboy-seobaby

Es gibt eine US-amerikanische Studie, die besagt, dass auf einen Vergewaltiger¹ im Schnitt 6 Betroffene kommen.
Das ist eine ganz schön hohe Zahl. In einer Welt, in der Vergewaltigungen tatsächlich als das Verbrechen behandelt und verfolgt werden, dass sie sind, sollte das unmöglich sein. Ich möchte hier nicht völlig sarkastisch werden, aber: Überraschung! Ist es bei uns nicht!

Einer der Gründe, warum Vergewaltiger offensichtlich lange genug frei herumlaufen können, um mehrere Menschen zu vergewaltigen, ist, dass unsere Gesellschaft sie lässt. In vielen Staaten wacht man gerade erst auf und denkt: ‚Oh, sexuelle Belästigung auf der Straße sollte vielleicht mal strafrechtlich verfolgt werden.‘ Deutschland gehört nicht dazu.

Sexuelle Belästigung ist jedoch der Vorläufer von weiteren Grenzüberschreitungen und muss deswegen entsprechend behandelt werden. Und hier kommst du ins Spiel:

Es darf in deinem Freund*innen- und Bekanntenkreis keine Person geben, die ohne Konsequenzen anderer Leute Grenzen verletzt.

Nicht „nur wenn er betrunken ist“. Nicht „er verteilt halt gerne ungefragt Massagen. Hört ja auch auf, wenn man es ihm sagt“. Nicht „er weiß halt nicht wie man flirtet und steht deswegen zu nah oder versucht es zu lang“. Nicht „sexuelle Bemerkungen gehören einfach dazu, auch wenn die Angesprochene unangenehm berührt ist“.
Für die, die bereits protestieren „Aber, aber – ich weiß doch nicht, wie ich vermeiden soll, anderer Leute Grenzen zu überschreiten“, werfe ich diesen Artikel hier ein und lege, für die, die mit Körpersprache nicht viel anfangen können, diesen Kommentar drauf.

Grenzüberschreitendes Verhalten hält nicht nur an, weil es Menschen gibt, die Grenzen überschreiten. Es hält an, weil eben diese Menschen keine Sanktionen zu erwarten haben. Wenn ich nach dem zweiten sexuellen Kommentar auf Arbeit gefeuert werden kann, wenn ich fürs „Netter Hintern“-Hinterherrufen auf der Straße ’ne saftige Geldstrafe zahlen muss, wenn die Anwesenden auf einer Party mir geschlossen die Tür zeigen, wenn ich eine Frau* beim Tanzen bedrängt habe, werde ich es mir überlegen.
Ich werde es mir nicht überlegen, wenn alle Bekannten beschämt oder desinteressiert wegsehen statt der Frau* zu helfen, auf die ich’s abgesehen habe. Ich werde es mir nicht überlegen, wenn ich weiß, dass eine Tiefenanalyse ihrer Klamotten, ihres Trinkverhaltens und allgemein ihrer Glaubwürdigkeit aufgrund ihres Charakters, ihrer sexuellen Vorlieben und ihres Beziehungsstatusses erfolgen wird, wenn sie mir eine Grenzüberschreitung vorwerfen sollte. Stattdessen mache ich eine formvollendete Verbeugung und bedanke mich fürs Entgegenkommen meiner Bekannten.

Also merke: Menschen, die Grenzen verletzen, sind nicht deine Freunde. Oder du bist mitschuld.
Ich wüsste nicht, wie ich den Ernst der Lage besser ausdrücken kann, als mit den folgenden Links.

Für die folgenden beiden: in dem Kommentaren sind auch Schilderungen von Überlebenden! Weder in den Artikeln noch den Kommentaren sind verlässliche Trigger-Warnungen gepostet, also Vorsicht.
Zwei Beispiele eines Freundeskreises, der grenzüberschreitendes Verhalten möglich macht, sexuelle Belästigung entschuldigt und die betroffenen Frauen* nicht unterstützt.
Wenn sich wirklich wer die Frage stellen sollte: „Kann ich mit einem Vergewaltiger befreundet sein.“ Lies die Antwort. Lies die Kommentare.

Zu diesem Themenbereich gibt es zu viele gute Artikel. Ich lege sie euch alle ans Herz.
Cliff erklärt auf Pervocracy wie es einen Damm brechen kann, wenn man es wagt auszusprechen, was man gerade gesehen hat. Schweigen schützt die Täter*innen.

Thomas erläutert auf Yes Means Yes anhand verschiedener Studien, wie Sexualstraftäter vorgehen und was das für unser Vorgehen bedeuten sollte. (Be warned, depressing statements)

Hier die detaillierte Auswertung von Ich habe nicht angezeigt.

Und als relativ aktuelles und deutliches Beispiel, wie Täter sich in unserer Gesellschaft verteidigen können, selbst wenn alle Karten schon auf dem Tisch liegen: accalmie auf Stop! Talking. über den Fall Assange.

Edit: Und thematisch hunder prozentig passend fugitivus dazu, fast alle Freund*innen an den Vergewaltiger zu verlieren.

1 Ich benutze aufgrund der Statistiken gegenderte Sprache. Wer darauf hinweisen möchte, „Frauen* vergewaltigen auch“, der*m sage ich: ja, generisches Maskulinum.