IBB – Wir haben Integration hier

Schlagwörter: Rassismus – Derailing – unsere Gesellschaft – Abwehrverhalten
Inhaltswarnung für die Links: Beschreibung von rassistischen Erfahrungen und verbaler Gewalt

Anlässlich dieses Artikels (via @Naekubi) möchte ich zwei Aussagen behandeln, die regelmäßig getroffen werden. Eine wird von Kwesi aufgegriffen

…und der Typ sagte mir, es gebe keinen Rassismus! Er relativierte und entwertete meine Meinung mit Verweis darauf, dass es in anderen Ländern wie den USA viel schlimmer sei.

Die andere ist im gesamten Artikel präsent: wenn du Weißen erklärst, dass ihre Aussage oder Handlung rassistisch war, bezeichnest du sie als Nazi, was schnell mal zu “die Nazi-Keule schwingen” wird.
Beides sind Argumente, die eine Auseinandersetzung mit der Thematik verhindern sollen. “Guck mal da drüben, die <rassistisches Stereotyp> ihre Frauen*/Kinder!”
WHO THE FUCK CARES?
Okay, I care wenn irgendwo Menschenrechte verletzt werden, aber diese Aussagen sind meist grobe Vereinfachungen oder gar völlige Falschinformationen. Sie dienen dazu Missstände in Deutschland im gleichen Atemzug wie sie sie anerkennen als unbedeutend erscheinen zu lassen. Ironischerweise geschieht das meist durch Menschen, die “die Rechte der Frauen*” oder von Homosexuellen nicht weniger interessieren könnten, allen voran im dem Land, in dem sie leben.
Gleiches beobachtet man, wenn von der “unterdrückten Muslima” (weil kopftuchtragend), die Tanja erwähnt, die Rede ist: diesen Leuten ist es sonst auch scheißegal, in welcher Form Frauen* in dieser Gesellschaft Unrecht widerfährt, aber wenn ihre angebliche Sorge um die muslimische Frau™ als Sprungbrett für rassistische Höhenflüge genutzt werden kann, steigt man gerne mal auf.

Und kommt mir nicht mit den Nazis. Ich habe bereits darüber geschrieben, wie der Hinweis auf eine rassistische Tat als Beleidigung aufgefasst wird, statt als Tatsachenbehauptung, die er ist.

Um es zusammenzufassen: es gibt uns und es gibt “die Nazis”. “Die Nazis” sind eindeutig definiert: im Zweifelsfall immer die anderen. “Die Nazis” sind rassistisch und die einzigen, die rassistische Gewalt ausüben … außer dass wir das in unseren Zeitungen nie so nennen. Bestenfalls noch “ausländerfeindlich”. Aber ich schweife ab und rege mich nur auf.
Jedenfalls gehört “den Nazis” quasi Rassismus. Das bedeutet, wenn ich etwas rassistisch nenne, nenne ich die Person einen Nazi. Die ist aber kein Nazi, weil siehe oben und voilà: kein Rassismus vorhanden! q.e.d. Himmelherrgottnochmal.
Wenn dir jemand sagt “Das war rassistisch” geht es nicht um dich. Dann ist es nicht an der Zeit zu erklären, wie du das eigentlich gemeint hast. Es nicht Zeit mit dem Finger auf die “richtigen Rassist*innen” zu zeigen oder zu erklären, warum deine dunklen Haare, deine asiatische Freundin* oder deine Vorliebe für indisches Essen dich zur*m Guten Weißen™ machen, di:er Rassismus nicht ausüben kann.
Ganz ruhig, niemand hat gesagt “Du bist scheiße.”, sondern dir wurde die einmalige Möglichkeit geliefert zu lernen, was du tun kannst, um dich weniger ignorant zu verhalten. Wenn du drei mal durchatmest, dir Zeit nimmst und dann versuchst zu verstehen, wird dir das keine*r übel nehmen. Wenn du anerkennst, dass das, was du getan hast, relativ uncool war und dich entschuldigst, wird niemand herausplatzen: “Aha! Also doch ein*e Rassist*in!” (Oder vielleicht doch, aber das ist doch völlig egal. Wenn wir ehrlich sind, wir in dieser Gesellschaft niemand dafür verurteilt, rassistisch zu sein. Nichts könnte die Mehrheit weniger interessieren.)

Also lasst einfach “die Nazis” und “die Rassist*innen” stecken, wenn das immer nur die anderen sein sollen.

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IBB – Deine Beobachtungsgabe beleidigt mich

Schlagwörter: Rassismus – Derailing – Abwehrverhalten – Intersektionalität – Diskriminierung – intersektionelles Bullshit-Bingo

(Dieser Artikel nahm seinen Anfang vor dem Kuttner-Debakel. Ich schließe nicht aus, dass er auch in diesem Kontext hilfreiche Einblicke liefern kann, dafür ausgelegt ist er jedoch sicher nicht.)

Sogar die Polizei hat das größte Problem unserer Zeit erkannt*: wenn Menschen als rassistisch beleidigt werden.

Ich schreibe bewusst “beleidigt”, weil die Bezeichnung “Rassist/in” nicht etwa als Konsequenz dessen betrachtet wird, dass man eine rassistische Handlung beobachtet hat und der Person daraufhin eine passende Bezeichnung zuweist. Sie gilt schlicht und ergreifend als Beleidigung, als würde ich “Arschloch” sagen.
Die Logik dahinter will mir nicht in den Kopf.

Obwohl man es nach gängigen Diskussionsverhalten erwarten würde, wird nicht einmal scheinbar zum Thema gekontert (“Bla kann nicht rassistisch sein, denn Bla hat nichts gegen Ausländer.” oder “Bla ist gut befreundet mit einem Schwarzen – HOMIES FOREVER.”), nicht einmal die Mühe klassisches Derailing zu verwenden macht man sich also. “Rassist/in” ist schlicht und ergreifend ein neues Schimpfwort geworden, dessen inhaltliche Bedeutung (“rassistisch denken oder handeln”) man völlig ignoriert. Eine inhaltliche Debatte über das, was Anlass zu der Bezeichnung gab, ist damit nicht mehr möglich. Man könnte also sagen, der empörte Aufschrei nach einer Rassist/in-“Attacke” ist die beste Derailing-Taktik.

Wegen der neuen(?) Bedeutung von “Rassist/in” stoße ich auch in Gesprächen auf Unverständnis, wenn ich unumwunden sage: “Ja, ich bin rassistisch”. Entweder nehmen Menschen an, dass ich was falsch verstanden habe und wollen die böse Aussage, die man mir eingeredet haben muss, abschwächen oder Personen, die mir näher stehen, sind der Meinung, dass ich es mit meiner kritischen Selbstanalyse inzwischen übertrieben habe und “nicht so hart mit mir ins Gericht gehen” solle – in jedem Falle wird “rassistisch” im Kopf mit der beleidigenden Note in Zusammenhang gebracht.
Tatsache ist: ich sage das weder, weil ich krasse Hetze gegen Einheimische anderer Länder, Migrant*innen oder Deutsche of Color betreibe, noch weil ich Ally-Sternchen bekommen möchte, weil ich so toll introspektiv bin (à la “Seht her! Ich habe entdeckt, dass ich sexistisch bin! Geil, wa? … Oh ja, ich will voll dran arbeiten.”) – nein, für mich ist es eine nicht wertende Tatsachenbeschreibung. Man kann mich aufgrund dieser Bezeichnung bewerten, wenn man das möchte, die Beschreibung selbst ist aber keine Beleidigung. Sie sagt aus, dass ich weiß, dass ich als Weiße in einem rassistischen Land aufgezogen wurde und all die Bilder, die ich dadurch aufgenommen habe und noch aufnehme, ihre Spuren hinterlassen haben, gegen die ich aktiv vorgehen, die ich aber sehr unwahrscheinlich restlos beseitigen kann. Viele werden mir wahrscheinlich auch nie bewusst. Ganz davon abgesehen, dass ich spätestens bei rassistischen Strukturen mit Solidarität nicht weit komme. Ich kann dagegen protestieren, dass racial profiling als zulässig erklärt wurde, werde aber immer noch weiß sein, wenn ein*e rassistische*r Kontrolleur*in in der Bahn meine Karte mit dem Blick streift und bei der schwarzen Frau* neben mir ganz genau hinsieht.

Also merke: nicht alles, was weh tut, ist eine Beleidigung. Manchmal ist der Schmerz ein Zeichen von unwillkommener Erkenntnis.
Es war zwar nicht beabsichtigt, dass es wieder einen roten Faden in meinen Beiträgen gibt, aber ich kann nur auf meinen vorherigen Artikel zum Abwehrverhalten verweisen: wenn dich eine*r als -istisch bezeichnet, mach’s erst mal ganz in Ruhe mit dir aus, bevor du losschlägst.

*In dem Fall, von dem ich spreche, sagte ein Polizist etwas sehr Rassistisches zu einer Frau* (was ich aus diesem Grund nicht verlinke), die daraufhin darauf bestand, dass die Aussage nicht in Ordnung sei. Dann zeigte man sie an.

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Abwehrverhalten bitte an der Tür abgeben

Schlagwörter: feministische Grundlagen – Derailing – Privileg – Abwehrmechanismen – Diskriminierung

Wer kennt das nicht: da stürzt man sich engagiert in eine Diskussion, die Diskriminierung thematisiert und nickt beim Lesen so vor sich hin, aber dann beginnen Leute in eine ungute Richtung abzudriften. Sie legen nahe, dass man selbst zu den Personen gehört, die hier Arbeit zu tun haben, denn man ist vom diskutierten Problem eben nicht betroffen, auch privilegiert genannt. In einigen Schilderungen von problematischem Verhalten findet man sich dann auch noch selbst wieder und es ist zu spät: man haut in die Tasten und erklärt in einem erbosten Traktat, warum man unmöglich so böse sein kann. Um etwas Würze hineinzubringen erwähnt man, wie man damals mal etwas gegen Diskriminierung getan hat und zeigt auf, dass die da drüben noch viel schlimmer diskriminieren. Davon mal abgesehen hat man’s nicht so gemeint und findet, dass der Artikel schon recht boshaft geschrieben war und man das netter hätte formulieren können. Außerdem … – an dieser Stelle ziehe ich mal die Notbremse.

Was wir hier erlebt haben, wertes Publikum, ist Abwehrverhalten. Es setzt dann ein, wenn man sehr wohl erkennt, dass es ein Problem gibt, an dem man darüber hinaus beteiligt ist, dieses Gefühl aber – verständlicherweise – so unangenehm findet, dass man darauf verzichten möchte, sich in Ruhe damit zu beschäftigen und stattdessen mitten in die Diskussion platzt, um das eigene Ego wieder aufzubauen.
Was dann mit der Diskussion geschieht, hängt nur noch vom Moderationsverhalten der Verantwortlichen ab. Wenn sie so gnädig sind zu verhindern, dass sich die Erbosten vor aller Welt blamieren, löschen sie entsprechende Beiträge und Derailing kann vermieden werden. Wenn wir hingegen von einer größeren Tageszeitung sprechen, bricht an dieser Stelle die Apokalypse aus, denn alle, die einmal gedemütigt und verletzt wurden (sprich: auf Fehlverhalten oder Privilegien hingewiesen), kommen jetzt aus dem Unterholz und feiern eine große “Antidiskriminierungsopfer”-Party.

Werfen wir noch einmal einen näheren Blick auf die Folgen einer übereilten Reaktion: Abwehrverhalten lenkt den Fokus vom eigentlichen Thema (das wichtig ist, sonst hättest du die Diskussion ja nicht verfolgt, richtig?) auf die persönlichen Empfindungen der Teilnehmer*innen ab. Das kann nur unter einer Bedingung wertvoll sein: wenn eine Person, die von der genannten Diskriminierung betroffen ist, ihre Empfindungen äußert.
Ich verstehe das Bedürfnis, die eigenen Privilegien mit anderen zu reflektieren und im Dialog auf die eigenen Gefühle klarzukommen – dieses Vorgehen kann sogar wertvoll sein, falls Privilegierte es fertig bringen, sich (ohne weitere Erklärungen von Diskriminierten zu verlangen) an einem anderen Ort zusammenzufinden und das eigene Verhalten objektiv zu reflektieren. Dadurch gewinnen alle.
Es kann aber nicht sein, dass ich als Privilegierte eine Diskussion dominiere, in der es darum geht, dass ich privilegiert bin. Das dient vielleicht als Paradebeispiel meines Bedürfnisses, im Vordergrund zu stehen, torpediert aber die ganze wertvolle Unterhaltung.

Also Leute:

  • wenn ihr das N-Wort sagt, gilt nicht eure Intention oder der besondere Kontext, in dem ihr euch wähnt. Es ist falsch.
  • in einer Diskussion um street harassment geht es ganz bestimmt nicht um Dating-Schwierigkeiten von heterosexuellen Männern* (mir wird jedes Mal schlecht, wenn ich versuche, den Gedankengang nachzuvollziehen)
  • Diskussionen über racial profiling laden sicher nicht dazu ein, über die Rate von von “Ausländer*innen” verübten Verbrechen zu schwadronieren (wer häufiger kontrolliert wird, kommt häufiger in die Statistik, die in Berlin eh gefälscht war. By the way, unterschreibt die Petition gegen racial profiling)
  • wenn Menschen von bestimmten Diskriminierungserfahrungen aufgrund eines Teils ihrer Identität erzählen, ist nicht “wo ist mir das als privilegierte Person auch schon mal passiert?”-Tag

Ich liebe produktive Diskussionen. Lasst uns mal damit anfangen.

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