Gefühle und Diskriminierung – Diskriminierende Gefühle? (Teil 3)

Schlagwörter: Diskriminierung – Gefühle – Grenzüberschreitung – Consent – Oppression Olympics

Inhaltswarnung: Beispiele von rassistischen und klassistischen Vorurteilen, Ableismus, Antisemitismus, Selbstbeschimpfung, übergriffige Situationen, street harassment

Vor allem in Teil 1 habe ich behauptet, dass es keine bösen Gefühle gibt – gemeint waren solche wie Neid, Eifersucht, Missgunst. Das passt allerdings nicht ganz damit zusammen, dass ich gegen Diskriminierung bin, schließlich entstehen Gefühle auch aufgrund von Vorurteilen, die man gelernt hat.
Die Angst vor „kriminellen Ausländer*innen“ oder Menschen, die als psychisch krank eingeschätzt werden, die Abscheu gegenüber „faulen“ Hartz IV-Bezieher*innen, das Gefühl der Überlegenheit gegenüber Menschen, die „nicht mit ihrem Geld umgehen können“. All dies sind keine Gefühle, die durch eigene Erfahrung gerechtfertigt sind. Sie entstehen, weil Menschen mit verbreiteten Vorurteilen umgehen als wären sie Erfahrung.

Wenn ich gegen eine Glastür laufe, werde ich die nächsten Male vorsichtiger sein. Ich meide sie aus Erfahrung. Bei Stereotypen erzählt sich eine privilegierte Gruppe Menschen eine Geschichte so lange, bis sie wahr scheint. Mitunter erzählen die negativ Betroffenen sogar mit (z.B. bei internalisiertem Sexismus), um sich gegen „die anderen“ abzugrenzen. „Andere Frauen sind so xy, aber ich bin das nicht.“ Weil alle davon sprechen, kann es keinen Zweifel geben, dass man hier auf eine wichtige Sache gestoßen ist und *poof* ist es völlig in Ordnung, zu diskriminieren.
Manchmal hat die Geschichte auch wahre Inhalte, aber Ursache und Wirkung werden verzerrt. Das kann man z.B. bei Rassismus bzw. Antisemitismus beobachten: Erst enthält man einer Gruppe die Möglichkeit vor, Arbeit zu finden, weil man sie strukturell benachteiligt – Diskriminierung in Schule, Ausbildung, dem Arbeitsmarkt. Dann sucht man die Schuld für eingebildete oder reale Joblosigkeit bei ihnen – alles, um nicht die strukturelle Gewalt anerkennen zu müssen. Schon im Mittelalter hatte man das drauf: Erst Jüd*innen verbieten in fast allen Berufen zu arbeiten und sie dann für ihre „Geldgier“ beschimpfen, wenn sie die einzig bleibende Einnahmequelle nutzen.

Wir erzählen uns als Gesellschaft also Geschichten darüber, warum Diskriminierung gerechtfertigt sein soll und behandeln sie wie einen Film, an dessen Ende „Basierend auf wahren Ereignissen“ steht. Jede Person, die „stereotypes“ Verhalten an den Tag legt, ist dann ein „Beweis“ für die Vorurteile. Jede Person, die es nicht tut, wird vernachlässigt. Eine Frau*, die rosa mag: BEWEIS!!! Eine Frau*, die grün mag: gleich vergessen.

Es ist also nicht von der Hand zu weisen, was Lundy Bancroft in Teil 1 sagte: Unsere Gefühle werden (auch) von unseren Einstellungen und Gewohnheiten und damit Vorurteilen beeinflusst.

Wie mit solchen Gefühlen umgehen?

Meine Antwort darauf leitet sich durchaus aus den vorhergehenden Teilen ab: Ich sehe keinen Sinn darin, sich selbst für diskriminierende Gefühle zu beschimpfen.

Kennt ihr das, wenn andere sich oder ihr euch selbst so hart verurteilt, dass es nur noch darum geht, wie scheiße sie/ihr seid und irgendwie gar nicht mehr um die Sache?
Wenn eine Person dies bei sich tut, führt es zu einer unendlichen Spirale der Schuld und Scham, in der die Person sich beschimpft bis sie erschöpft genug ist, um sich in den Schlaf zu weinen. Problem gelöst? Nein.
Ich steh nicht so auf den Ansatz der katholischen Kirche, wo man sich einfach selbst schlägt (im übertragenen Sinne oder wörtlich) und dann ist das Thema gegessen. Lerneffekt: null. Grausamkeit: 100%
Wenn man eine Person in einem Gespräch kritisiert und sie sagt: „OMG das war mir nicht klar. Das tut mir so Leid! Wie kann ich nur so dumm sein? Oh Gott, scheiße. Ich geh jetzt besser. Oh Gott, das kann ich gar nicht wieder gut machen.“ geht es auch nicht um das Thema. Ich weiß, dass es sich für Menschen, die dazu neigen sich fertig zu machen so wirkt als wäre das die richtige Reaktion. Paradoxerweise übernehmen sie auf diese Art aber weniger Verantwortung für das Gesagte. Die unausgesprochenen Regeln unserer Gesellschaft verlangen nämlich, dass man eine Person beruhigen und ihr gut zureden soll, wenn sie sich fertig macht. Möglichkeit auf das ursprüngliche Problem einzugehen: null.

Was aber dann?

  • Schritt 1: Keine Selbstbeschimpfung.
  • Schritt 2: Sich vorsichtig sagen, dass man gerade wahrscheinlich Scheiße gebaut hat.
  • Schritt 3: Erst mal Zeit nehmen, um die Scham, die Selbstzweifel, die Wut und Abwehrreaktionen zu verdauen.
  • Schritt 4: Darüber nachdenken, was man falsch gemacht hat.
  • Schritt 5: Sh. Schritt 3.
  • Schritt 6: Überlegen, ob und bei wem man sich entschuldigen muss.
  • Schritt 7: Sh. Schritt 3.
  • Schritt 8: Entschuldigung und oder Wiedergutmachung angehen.

Wiedergutmachung kann dabei auch bedeuten, dass man sich zum Thema informiert, z.B. wenn niemand von der Handlung direkt betroffen war.

You see, es geht mir nicht darum sich in Selbstkasteiung zu sagen, dass man ein lebensunwertes Nichts ist, weil es nichts bringt und grausam ist (aus Sicht von Selbstpflege).
Aber, wie ich schon in Teil 2 sagte: Man trägt Verantwortung für das eigene Handeln. Wenn du eine Person verletzt/diskriminiert/unfair behandelt hast, hat die ein Recht auf eine Entschuldigung und Wiedergutmachung. Genau so darf diese Person wütend sein. Diese Person darf dir sogar berechtigte Vorwürfe machen (Ich meine mit „berechtigt“: „Du hast gerade total abgefuckt und das macht mich wütend.“ Unberechtigt: „Du -istisches Schimpfwort.“)
Ich empfehle, mit sich persönlich vorsichtig umzugehen und natürlich schadet es nicht, nett zu anderen zu sein (Kraft dafür und Lust darauf vorausgesetzt). Aber „Du hast Scheiße gebaut.“, von einer Person zur anderen gesagt, ist keine Beschimpfung. Es ist eine notwendige Aussage, wenn wir das mit Diskriminierung abschaffen mal durchziehen wollen.

Darf ich Grenzüberschreitungen nicht mögen?

Als letztes möchte ich noch auf eine Frage von serialmel eingehen:

Welchen Unterschied macht es, wenn ein Mann(TM) immer wieder absichtlich Körperkontakt herstellt im Verhältnis zu einem Kleinkind. Welche Unterstellungen existieren (unbewusst?) bevor jemand eine Reaktion auslöst?

Ich trenne das von dem vorherigen Thema ab, weil hier eine gute intuitive Reaktion auf eine Grenzüberschreitung vorliegt.
Es ist gar nicht wichtig, welche Hintergedanken der Mann konkret hat. Es ist nicht einmal wichtig, ob das nur ein fehlgeleitetes Zeichen der Freundlichkeit sein soll (Tipp: Das ist eine gängige Entschuldigung, aber wesentlich seltener der Fall). Denn jede Person darf darüber bestimmen, wo ihre Grenzen sind. Sie darf bestimmen, wie oft, wie und von wem sie (nicht) angefasst werden will, (nicht) angesprochen werden will, wer sich ihr wie weit (nicht) nähern darf und so weiter. Dass unsere Gesellschaft das bestenfalls in Ansätzen beachtet, ist uninteressant. Jede Person hat dieses Recht. Es gibt keine Pflicht, mit anderen Menschen auf eine Art zu interagieren, die man unangenehm findet. Es muss kein beweisbares Fehlverhalten vorliegen. Es muss überhaupt kein Fehlverhalten vorliegen. Jede*r. Entscheidet. Selbst.

Manchmal liegt auch ein schwer zu durchblickende Kombination aus Privilegiertheit und Diskriminiertheit vor.
Darf ein lesbische Frau* einer heterosexuellen Frau* gegen ihren Willen einen Kuss geben? Darf ein Mann* of Color einer weißen Frau* auf der Straße hinterherrufen? Darf ein autistischer Mann* gegen ihren Willen zu nah an einer neurotypischen Frau* stehen? Die Antwort lautet nein. Das ist alles nicht in Ordnung, weil es die Grenzen der Frauen* verletzt. Die Definitionsmacht besagt, dass sie die Situation als übergriffig bezeichnen dürfen. Die Definitionsmacht besagt ebenfalls, dass die jeweiligen anderen das als heterosexistisch, rassistisch bzw. ableistisch bezeichnen dürfen. (Danke an die takeover.beta-Redaktion für diesen Lernfortschritt.)
Es besteht definitiv die Möglichkeit, dass ein Teil der Ablehnung durch Vorurteile bestimmt ist. Wenn Schwarze Frauen* mit Profilbild im Online-Dating wesentlich seltener angeschrieben werden (oder geantwortet wird) als weiße Frauen* ist das ein Zeichen dafür, dass hier etwas nicht stimmt. Jedoch hat man keine Möglichkeit zu sagen, wie sehr die Ablehnung durch Vorurteile bedingt ist. Vor allem kann man keine individuellen privilegierten Menschen dazu zwingen mit konkreten anderen nicht privilegierten Menschen zu reden/sie zu daten. Das verträgt sich einfach mit dem Prinzip der Selbstbestimmung nicht. Was hingegen notwendig ist, ist rassistische (ableistische, sexistische, …) Vorurteile in der Gesellschaft zu bekämpfen, bis solche Ungleichheiten nicht mehr bestehen (dies bezogen auf das Online-Dating, die Beispiele oben sind Grenzverletzungen – ich gehe zumindest davon aus, dass die Reaktionen sich mit anderen Machtverhältnissen nicht groß ändern würden).

Was ist dieses ‚Grenzüberschreitung‘ und wo kann ich es abonnieren?

Weil der Unterschied zwischen Grenzüberschreitung-nicht-mögen und Diskriminierung manchen nicht klar ist, ein sehr offensichtliches Beispiel zum Schluss: Wenn du Essen nicht bei People of Color kaufst, aber bei Weißen, ist das rassistisch. „Wenn People of Color Essen zubereiten, finde ich das grenzüberschreitend.“ Bullshit. Go home.
Wenn du dich für Matheaufgaben nur an Männer* wendest, statt auch mal eine Frau* um Hilfe zu fragen, ist das sexistisch. „Frauen*, die Mathe machen, lösen in mir Angstgefühle aus.“ Nope. Go home.
„Wenn ich eine Person nicht auf eine Art, die mir gefällt kontaktieren/anfassen/ansprechen darf, finde ich das grenzüberschreitend.“ Drei mal MEEEP. Go home.
Sowohl offensichtliche Diskriminierung als auch selbst grenzüberschreitend zu sein zählt nicht.

3 Gedanken zu “Gefühle und Diskriminierung – Diskriminierende Gefühle? (Teil 3)

  1. Ich hab jetzt etwas besser verstanden.
    Jemand piekt mir in die Seite. Es tut weh, ich fühle Wut. Dann seh ich, wer es war. Ein Kleinkind: Die Wut verfliegt. Ein Mensch, der glaubt er könne sich das herausnehmen: die Wut bleibt. Aber es liegt nicht daran, dass ich ein Motiv unterstele, sonddern daran, dass ich eine Grenzverletzung erfuhr, Das macht Sinn. Danke.

  2. „Ich weiß, dass es sich für Menschen, die dazu neigen sich fertig zu machen so wirkt als wäre das die richtige Reaktion. Paradoxerweise übernehmen sie auf diese Art aber weniger Verantwortung für das Gesagte. Die unausgesprochenen Regeln unserer Gesellschaft verlangen nämlich, dass man eine Person beruhigen und ihr gut zureden soll, wenn sie sich fertig macht. “

    guten morgen –

    das finde ich unheimlich wichtig. ich habe mich beim lesen gefreut, diese these im netzfeministischen kontext wiederzufinden.
    vor jahren wurde mir dies von einer für mich sehr wichtigen person nähergebracht. sie forumulierte das so:
    du sollst dich nicht ent-schuldigen lassen, sondern du sollst es nicht wieder tun! erstens habe ich nichts davon, wenn du: es tut mir leid, es tut mir leid, sagst.
    zweitens ist es dein fehler, nicht meiner, du schiebst mir aber die verantwortung zu, indem ICH dich ent-schuldigen soll. ich soll die sache wiedergut machen, für dich.
    sag doch einfach: das war scheiße von mir.

    das war in dem moment erstmal hart. ich bin nämlich auch gut im selbst-fertigmachen. aber dies omg-ich-bin-so-schlecht ist auch irgendwie bequemer, als den fehler zu reflektieren. plus, seitdem ich es beherzige, arbeitet sich aber auch die selbstbeschimpfe langsam (langsam…) etwas herunter. somit ist damit beiden geholfen, der person, die ich versehentlich verletzt habe, und mir selbst.

    disclaimer – dass sich dieses konzept nicht auf alles anwenden lässt, ist klar.

    schöne posting-serie! :D

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