„Gucken, aber nicht anfassen“

Schlagwörter: street harassment – Blicke – Selbstbestimmung

Ein gerne benutzter Satz von Menschen, die ich scheiße finde, weltweit.

Das Ding ist: Selbst ohne den Sexismus-Kontext kann man leicht sehen (haha), dass gucken oft scheiße ist. Menschen, die in irgendeiner Form von der Norm abweichen, sind vielen Blicken ausgesetzt;
Menschen mit Behinderungen oder außergewöhnlichen Verletzungen – etwa am Kopf, Menschen of Color, je weißer die Umgebung ist, augenscheinlich gleichgeschlechtliche Pärchen, Menschen mit außergewöhnlicher Kleidung usw.

Während die Blicke nicht alle stören mögen (ich denke gerade an meine Tage in einem Gothic-Forum zurück), sind sie dennoch unhöflich. Es macht tatsächlich ein Unterschied, ob ich mich mehr oder weniger unbeachtet in der Öffentlichkeit bewegen kann oder immer von Blicken verfolgt werde. Blicke können z.B. ein Alarmsignal sein: Die Person könnte mich als Gefahr betrachten, mich angreifen oder beschimpfen, ohne Einwilligung ein Foto von mir machen (und es im Internet verbreiten). Ein Blick kann Ekel, Abscheu, Entsetzen, Missbilligung ausdrücken. Oder Überraschung, dass man „solche Menschen“ hier sieht.

Natürlich ist das nicht die vollständige Auswahl an Bedeutungen. Blicke können auch ehrliche, unvoreingenommene Neugier bedeuten, Wertschätzung, Freude über die Anwesenheit, Bewunderung für die Kleidung. Aber da der öffentliche Raum meist durchquert wird, um etwas zu erledigen, sollte es keine großen Hürden geben, ihn zu betreten. Und wenn Menschen aus irgendwelchen Gründen sehr eindrücklich auf eine*n reagieren, kann das durchaus ein Hürde darstellen. Denn auch wenn eine Person Interesse an meiner Person oder Aufmerksamkeit hat, heißt das nicht, dass ich mich mit ihnen beschäftigen möchte. Wenn ich viele lange Blicke auffange (RW = Redewendung), kann das störend wirken.

Wann oder wie man sich Menschen nähern können/darf/sollte, wurde schon x mal beschrieben und diskutiert, auch in feministischen Blogs. Ich habe nicht vor, da noch einmal drauf einzugehen. („Buhu, darf ich jetzt niemandem mehr anlächeln?!“ wird auch in den Kommentaren gelöscht.)

Ich möchte schlicht darauf hinaus, dass eine gehäufte Aufmerksamkeit eine Form von Belästigung sein kann. Und so wie Menschen, die weiblich präsentieren, nicht zur Freude der Zuschauer*innen vor die Tür gehen, sondern weil sie ein Ziel im Sinn haben, sollte man ihnen respektvoll begegnen. (Was natürlich auch für alle anderen Menschen gilt, die in irgendeiner Form die Blicke auf sich ziehen (RW).)

Was sich hinter „Gucken, aber nicht anfassen“ auch verbirgt, ist richtig ekliger, gruseliger Sexismus. Es bedeutet nicht nur, dass man es völlig in Ordnung findet, Frauen* anzustarren, weil man kann. „Aber nicht anfassen“ beinhaltet das Schulterklopfen, dass man nicht übergriffig wird. – Wow, Sternchen fürs Erfüllen der niedrigsten Bedingung der „Kein scheiß Mensch sein“-Liste. 1 a. Applaus. Menschen, die so einen Satz benutzen, sind nicht nur sexistisch, sondern könnten auch übergriffig sein. (Well, sind es wahrscheinlich, denn Glotzen ist ja okay.)
Das ist Rape Culture in einem Satz. Nicht etwa ein Verständnis dafür zu haben, dass alle Menschen gleich unbehelligt durchs Leben gehen können müssen. Sondern die Einstellung, dass man wenigstens irgendeine Form von Zugriff auf den weiblich gelesenen Körper hat und dass nichts dabei ist. Beschwerden von Frauen* sind dann nur „übersensibel“ oder „eingebildet“ (weil sie* Vertrauen in ihr* Äußeres hat) oder peinlich (weil der Betrachter sie* nicht sexy genug findet und wer würde ihr* schon hinterherschauen?). Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung wird wieder einmal zur Diskussion gestellt, wo es keiner Diskussion bedarf: Your body, your rules.

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