Ethische Dimensionen von Liebestränken – Wäre die Welt mein

Schlagwörter: Liebestränke – Liebeszauber – Homosexualität – Consent – Film – sexualisierte Gewalt

Inhaltswarnung: Grenzüberschreitung, sexualisierte Gewalt

Sorry für den schwurbeligen Titel. Ich brauche eine Wortgruppe, die nicht gleich meine Einstellung zu Liebestränken verrät – damit ich sie nachher in einem Satz abspeisen kann! Aber von vorne.

Wäre die Welt mein, im Original Were the World Mine, ist ein US-amerikanischer Musical-Film des Regisseurs Tom Gustafson aus dem Jahre 2008. Hier der deutsche Wikipedia-Artikel voller Spoiler.
Der Film greift den Sommernachtstraum von William Shakespeare auf zwei Weisen auf: Der Hauptcharakter Timothy übernimmt einerseits die Rolle des Puck in einer Aufführung des Sommernachtstraums, die seine Privatschule für Jungen veranstaltet. Gleichzeitig wird er gewissermaßen selbst zu Puck, als er vom Originaltext inspiriert einen Liebestrank mischt.
Gleich zu Beginn erfährt man, dass Timothy schwul ist und sich mit hetero-sexistischen Sprüchen seiner Mitschüler und seines Sportlehrers konfrontiert sieht.

[HERE BE SPOILERS]

Der Liebestrank, den er angerührt hat, funktioniert wie durch ein Wunder. Aus Versehen verzaubert er seinen besten Freund, der sich sofort unwiderstehlich von ihm angezogen fühlt. Als ein Mitschüler dann bei der Probe eine hetero-sexistische Bemerkung macht, verzaubert er auch ihn.
Wie im Sommernachtstraum verliebt sich die verzauberte Person in den ersten Menschen, den sie erblickt. Im Film ist das im Folgenden immer eine Person des gleichen (gelesenen) Geschlechts.
Im weiteren Verlauf verzaubert Timothy vielleicht 8 seiner Mitschüler, die Chefin seiner Mutter, seinen Schwarm Jonathan (der sich in ihn verliebt!) und die (Ex-) Freundin seines Schwarms samt deren Freundin. Es folgen der Sportlehrer und andere Bewohner*innen des Ortes.
Jede der verzauberten Person wurde vorher als hetero-sexistisch dargestellt.
Anschließend sind sie relativ untrennbar von der Person, auf die sie sich fixiert haben und versuchen auch, sie z.B. zu küssen.

Mir ist klar, was der Film mit ihrer Verzauberung sagen will: Einerseits ist es schlicht eine Form der Rache bzw. Strafe für ihr diskriminierendes Verhalten. Andererseits sind die Menschen dann mit einer der furchtbarsten Situationen konfrontiert, die sie sich vorstellen können: ins gleiche Geschlecht verliebt zu sein.
Abgesehen davon, dass das nicht richtig funktioniert, weil sie sich (unter dem Zauber) a) freuen, in ihre neue Liebe verliebt zu sein und b) durch den Ausnahmezustand im Ort eben keine vergleichbare Diskriminierung erfahren wie der schwule Hauptdarsteller, habe ich noch einen weiteren Kritikpunkt, wegen dem ich diesen Artikel schrieb.

Liebestränke sind nicht Consent

Dieses Bild zu Harry Potter hat mir dazu sehr gefallen. Leider ist mir di:er Urheber*in nicht bekannt.

Was mir schon den Sommernachtstraum an sich verdorben hat, ist die ständige Besorgnis darum, was die Protagonist*innen tun, während sie verzaubert sind. Sich gegen den eigenen Willen in jemanden zu verlieben ist natürlich schlimm genug, das kann ich aber als vorübergehendes Element einer Handlung noch ertragen. Was ich jedoch nicht ertragen kann, ist, wenn die verzauberten Menschen tatsächlich etwas tun, das sie sonst nicht getan hätten.
Einerseits gehen Grenzüberschreitungen von den „Liebeskranken“ aus, die im ursprünglichen Stück und in Wäre die Welt mein sehr aufdringlich sind. Sie laufen ihren Angebeteten (im Film) unablässig nach, hängen sich an sie, versuchen sie zu küssen. So weit so schlimm. Noch übler wird es dann, wenn ihre „Zuneigung“ erwidert wird. Im Film gibt es da einige Nebenrollen, die gegenseitig ineinander verliebt gemacht wurden sowie Jonathan, der nun in Timothy „verliebt“ ist. Sie küssen sich alle und von den Nebenrollen schlafen auch ein paar miteinander.

Mir ist jetzt übel, ich weiß nicht, wie es euch geht.

Liebe überwindet alles?!

Was den Hauptdarsteller angeht, erfährt man schließlich, dass man nochmal Glück gehabt hat (I guess?): Sein Schwarm war anscheinend schon vorher in ihn verliebt.
Ich weigere mich aber das als eine Art rückwirkenden Consent zu betrachten. Denn der Hauptdarsteller wusste zu dem Zeitpunkt, als er ihn verzaubert hat nichts davon – hat also im Glauben dass sein Schwarm ohne den Zauber ganz anders gedacht und gefühlt hätte mit ihm Freund und Freund gespielt und ihn geküsst. Mir ist es unmöglich, mich mit so einer Hauptfigur zu identifizieren.
Auch ist Verliebtheit selbst natürlich kein Consent. Okay, Jonathan mochte ihn anscheinend. Aber Jonathan hat, aus welchen Gründen auch immer – sie könnten sogar hetero-sexistisch sein – nicht mit ihm über seine Gefühle gesprochen. Offensichtlich hat er sich vor seiner Verzauberung nicht damit wohlgefühlt, eine Beziehung mit Timothy einzugehen. Egal welche Gründe er dafür hatte, seien sie auch diskriminierender Natur, hat Timothy sie missachtet und gegen dessen unverzauberten Willen mit Jonathan Händchen gehalten und ihn geküsst. Das ist weder romantisch noch lustig noch süß.

Was die Nebenrollen angeht, von denen einige miteinander geschlafen haben: Diese Typen waren hetero-sexistisch. Sie haben sich im Grunde nicht einmal damit wohlgefühlt, sich zu umarmen.
Klar, ihre Einstellung ist scheiße. Aber überlegt einmal, wie ein Mensch sich fühlt, der erfährt, dass er mit einer Person Sex hatte (?? Ich frag mich, ob die Formulierung noch angebracht ist), mit der er nie bei klarem Verstand schlafen würde. Nicht gut, um es vorsichtig zu sagen.
Nachdem die Verzauberung aufgehoben wird, wird die Reaktion der Nebenrollen eher für Lacher genutzt. Sie haben davor noch Händchen gehalten, weil sie ja ineinander „verliebt“ waren und rücken nun mit unangenehm berührten Gesichtern voneinander ab.
Nachdem das aufgeführte Schauspiel endet, erhält man auch einen Hinweis, dass sie ihre Meinung zu Timothy und seiner Homosexualität zum Positiven geändert haben.
Aber für mich ist ihre Verzauberung trotzdem kein gelungenes plot device, sondern eine Manipulation, die zu Vergewaltigung führt.

Entsprechend war der Film für mich eine sehr negative Überraschung.