Allies ja, Selbstdarstellung nein

Schlagwörter: Allies – Diskriminierung – Selbstdarstellung – Solidarität

If you are going to actually be an ally this means that you have to take a true and legitimate interest in the causes and or people that you are claiming allegiance to. Wearing the right assortment of coloured bracelets or ribbons does not constitute activism. Sitting in a coffee house expounding on the lightness of being, while you quote esoteric quotes to prove how in touch you are with the downtrodden is the equivalent of a hot breeze on a hot day; annoying and needless.

Renee Martin auf Womanist Musings

Zuerst die Grundlagen; „Allies“ (oder dt. korrekt „Allys“, sieht jedoch schlimm aus), zu deutsch „Verbündete“, sind Menschen, die von einer Diskriminierung nicht betroffen sind, sich aber explizit gegen diese aussprechen und von sich sagen, sie wöllten gegen diese Diskriminierung vorgehen. Ich könnte mich zum Beispiel, was Rassismus angeht, als Ally bezeichnen.

Wenn es um Allies geht, kommt es durch die Art unserer Gesellschaft mit Diskriminierung umzugehen unweigerlich zu einem Problem: es wird immer derjenigen Person zugehört, die weniger sich überschneidende Diskriminierung erfährt. In der Folge erfahren Allies mehr Aufmerksamkeit als Betroffene, obwohl sie Diskriminierung ansprechen, mit der sie keine persönliche Erfahrung haben (ich schwör: daneben zu stehen, wenn eine Person rassistisch beschimpft wird ist nicht „Erfahrung mit Rassismus“).
Was heißt hier „Allies“ – Es wird lieber Nicht-Marginalisierten¹ zugehört. Mit etwas Glück sind das wenigstens Allies.

Das brisanteste Beispiel der letzten Tage für den Ausschluss betroffener Stimmen war eine Sendung von DRadio Wissen mit dem Titel “Sex, Gewalt und Hochkultur – ein Talk über Computerspiele”. Sexismus wurde thematisiert, keine Frau* war eingeladen. Vom Rassismus möchte ich hier gar nicht sprechen. Auf femgeeks.de wurde das ganze Debakel rückblickend beleuchtet und kritisiert. Unter ihrem inhaltlich gleichen Beitrag auf der Mädchenmannschaft wurde dann prompt die Erwartungshaltung und Lernresistenz der Angesprochenen durch einen Teilnehmer* verdeutlicht.

Nun wird das Ignorieren von betroffenen Stimmen durch die Presse, Radio und Fernsehen gerne als Motivator benannt „erst recht für die Rechte von … einzutreten“. Hugo Schwyzer etwa war im An-sich-Reißen des feministischen Dialogs in den USA ganz groß. Warum das nichts Gutes für Frauen* und Feministinnen* bedeutete, besonders für die mit sich überschneidenden Diskriminierungen, lässt sich vielerorts nachlesen.
Denn „für“ andere sprechen ist vielleicht nett gedacht, aber sehr sehr kurz. Allies haben per Definition weniger Ahnung vom betreffenden Thema, weil sie nie nicht und nimmer davon betroffen sein werden (außer in sehr wenigen Fällen, aber für den Ist-Zustand ist das unerheblich).
Kiturak hat hierzu auf Facebook mal hilfreich die Definition eines „Sprachrohrs“ verlinkt, da sich einige Allies gerne als solches für „marginalisierte Stimmen“ verstehen: ein Sprachrohr kann das Gesagte nicht verändern, es wiederholt den Inhalt nur lauter. (Durch kituraks unermüdliches Beharren ist mir übrigens auch die Wichtigkeit der folgenden Liste deutlicher geworden.)

Aus all diesen Punkten ergibt sich die folgende Aufgabenstellung für Allies:

  • Die Texte von marginalisierten Personen verlinken, selbsterklärend kommentiert. Ein Äquivalent zur Frauen*quote kann für solche Links als Maßstab genutzt werden: wenn es zum gleichen Thema den Text einer marginalisierten Person und den einer*s Allys gibt, ist ersterer immer vorzuziehen.
  • Edit zu Punkt 1: das bedeutet absichtlich nach Texten von Marginalisierten zu suchen! „Ich lese halt keine Texte von Betroffenen, nur über Betroffene – wer weiß ob die überhaupt bloggen“ ist eine furchtbar schlechte Entschuldigung.
  • Zitate, Zitate, Zitate mit Quelle und Erwähnung der Person, von der sie stammen.
  • Ablehnen an öffentlichen Diskussionen teilzunehmen, die nur aus nicht-Marginalisierten besteht. (via accalmie)
  • Bei Anfragen für Vorträge, Artikel usf. schamlos Blogger*innen o.a. promoten, die von der Diskriminierung betroffen sind.
  • In Artikeln und Diskussionen mitdenken, wo man gelernt hat, was man gerade wiedergibt. Die entsprechenden Namen konsequent nennen.
  • In Gremien und Diskussionen allgemein die eigene Redezeit selbstständig (d.h. unaufgefordert!) beschränken, wenn man z.B. cis-männlich ist oder Betroffene der Diskriminierung, die gerade diskutiert wird, anwesend sind – um ihnen den Diskussionsball zuzuspielen, versteht sich.

Versteht mich nicht falsch, mindestens die Hälfte dieser Liste muss ich selber noch besser angehen. Aber eine Erinnerung kann nicht schaden.

Drei weiterführende grandiose Links zum Ally-Sein und arbeiten mit Allies
When Allies Fail, Part I
When allies fail – Pt. 2
I’m An Ally But

Weitere Links zum Thema in den Kommentaren gerne willkommen.

1 „marginalisiert“ – wörtlich: an den Rand gedrängt

Crossposted auf takeover.beta

Edit: “öffentlich” in den vierten Anstrich eingefügt

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7 Gedanken zu “Allies ja, Selbstdarstellung nein

  1. Ein Toller Post! Und sehr wichtig!
    Ich bin heil froh, dass ich mich in den Ally-Fehlern nicht wiedererkannt habe. Scheinbar hat mich mein gesunder Menschenverstand davor bewahrt.

    1. Sich selber fürs allie sein/nicht diskriminieren auf die schulter klopfen – typischer Ally Fehler!

      1. (Auch witzig: sich fürs Ally-Sein-aber-nicht-auf die-Schulter-klopfen auf die Schulter klopfen, was überhaupt nicht Fürs-richtiger™-Ally-Sein-auf-die-Schulter-Klopfen ist. Oder auch: the best ally in da house.)

        Edit: Zugegeben, du bist da vielleicht etwas auf der Spur, aber es wirkt schon recht von oben herab.

  2. (Durch kituraks unermüdliches Beharren ist mir übrigens auch die Wichtigkeit der folgenden Liste deutlicher geworden.)

    Wooooord! Und auch durch Stephanies! Danke dafür!

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