Wie verhalte ich mich möglichst nicht wie ein Arsch?

17Mai12

Schlagwörter: feministische Grundlagen – street harassment – Don’t be that asshole – Frauen*

[Triggernde Worte und Beschreibung von street harassment und anderen Formen der (sexuellen) Belästigung folgend]
Im Folgenden geht es aufgrund des Themas um Interaktionen zwischen Personen, die männlich wirken und Personen, die sich als weiblich identifizieren.


Street harassment ist unglaublich anstrengend, nervtötend und einschüchternd für Betroffene, also was tun, wenn Mann* doch mal eine Frau* ansprechen will?

Dieses Thema wurde in mindestens einem [Trigger Warnung für Titel des verlinkten Posts] englischsprachigen Artikel, der inzwischen recht bekannt ist, behandelt, aber ich werde dennoch im Geiste meines letzten Artikels zu street harassment darauf eingehen.

Man stelle sich vor, man ist unterwegs. In der Bahn oder zu Fuß, vielleicht mit dem Fahrrad oder dem Auto. Man hat ein Ziel, denn man muss zur Arbeit, einkaufen, möchte Freund*innen treffen oder endlich nach Hause, um sich entspannen zu können. Vielleicht ist man auch unterwegs, um sich dabei zu entspannen. Sehr unwahrscheinlich ist, dass man sich im öffentlichen Raum bewegt, um Menschen kennen zu lernen.
Nun wird man unterbrochen. Eine hoffentlich freundlich wirkende Person spricht eine* an.
Bereits in diesem Moment gibt es viele Umgebungsbedingungen, die beeinflussen, wie die Interaktion auf die Angesprochene wirken wird.

Aber gehen wir einen Moment zurück in der Zeit.

Die angesprochene Person ist in einer rape culture aufgewachsen. Ihr wurde von klein auf vermittelt, dass sie zu bestimmten Tageszeiten, in bestimmten Umgebungen, mit bestimmter Kleidung und in bestimmten Situationen vorsichtig sein muss, “damit ihr nichts geschieht”. Ihr wurde vermittelt, dass fremde Männer* eine Gefahrenquelle sind.
Leider wird sie aber nahezu unausweichlich nicht nur dieses theoretische Training erhalten haben, sondern auch ein praktisches. Sie wird erlebt haben, wie sie anzüglich oder mit Abscheu im Blick angestarrt wird, ihr hinterhergerufen oder sie angehupt wurde. Oft auch Einschneidenderes.
Wenn man bereits erlebt hat, wie die körperliche oder sexuelle Selbstbestimmung auf die eine oder andere Art verletzt wurde, wird man eine natürliche Reaktion darauf zeigen: man versucht zu verhindern, dass es noch einmal geschieht und befindet sich in einer Situation, die als gefährlich wahrgenommen wird, in Alarmbereitschaft.

Das klingt jetzt alles sehr negativ und deprimierend, aber wenn dich das überraschend trifft, kann ich nur sagen: Grüß dich, Privileg.

Also kommen wir dazu, welche Faktoren, die du beeinflussen kannst, bestimmen wie du während eines Gesprächs wahrgenommen wirst.

-> Umgebung
Vorzugsweise befindet ihr euch in der Hörweite von einigen anderen Menschen (die nicht unter dem Einfluss von Rauschmitteln stehen oder ein “Frauen sind scheiße”-Plakat herumtragen), je mehr desto besser. Öffentliche Verkehrsmittel, offene Plätze oder überfüllte Einkaufspassagen sind in der Hinsicht positiv.

-> Fluchtweg
Das klingt wieder sehr bedrohlich, ist aber nicht von der Hand zu weisen. Niemand möchte sich fühlen, als wäre hän in einer ausweglosen Situation. Fang also kein Gespräch mit einer Frau* an, die an einem Fensterplatz sitzt, während du den Weg zum Gang versperrst.

-> Körperhaltung
Abstand ist zentral. Je mehr Platz zwischen dir und ihr ist, umso besser. Menschen variieren im Empfinden, was für sie im Gespräch die beste Entfernung zueinander ist. Im Zweifelsfall wird sie auf dich zukommen.
Das gilt übrigens generell in öffentlichen Verkehrsmitteln, denn wenn ich kuscheln will, gehe ich damit zu Personen, die ich mag und die Lust drauf haben, nicht zu meinem Sitznachbarn.

-> Easy out
Da davon auszugehen ist, dass “Dich unterwegs kennelernen” nicht auf ihrer heutigen ToDo-Liste stand, halte das Gespräch kurz und biete ihr eine einfache Möglichkeit, es zu beenden. Wenn du nur nach dem Weg/der Uhrzeit fragen möchtest, belass’ es auch dabei und verwickel’ sie nicht in ein Gespräch, weil sie so freundlich wirkte.
Wenn du sie gerne treffen möchtest, biete ihr deine Nummer/E-Mail-Adresse/Twitternamen an. (Wenn sie Nein dazu sagt, ist das in Ordnung und du beendest das Gespräch höflich.)

-> Enthusiasmus ist key
Achte darauf, wie sie reagiert und wie viel sie von sich aus sagt. Freundlichkeit allein ist kein Zeichen von Interesse oder Freude am Gespräch, es ist mehr oder weniger der weiblich sozialisierte Default-Wert. Eine rege enthusiastische Beteiligung am Gespräch (das heißt nicht, nur auf Fragen zu antworten!) ist z.B. ein klareres Zeichen von Interesse.
Wenn sie allerdings schon zu Begin des Gesprächs bedrückt, ängstlich, aggressiv oder abweisend wirkt, beende es so schnell wie möglich. Zu versuchen sie von deiner Nettigkeit zu überzeugen wirkt nur aufdringlich (und stellt deine Nettigkeit ernstlich in Frage, schließlich hat sie nicht um das Gespräch gebeten).

-> Muss das wirklich sein?
Zu Beginn einer Interaktion, sollte immer die Frage stehen: ist das wirklich wichtig? Frauen*, an denen du vorbeigehst, müssen überhaupt nicht wissen, wie attraktiv du sie findest.

Tatsache ist: keine Frau* schuldet dir ihre Freundlichkeit oder Interesse und nicht einmal ihre Aufmerksamkeit. Wenn du Frauen* kennenlernen möchtest, tust du das am besten in Kontexten, die dafür geschaffen sind, wie Partys, Clubs¹ oder noch besser: Dating-Webseiten. Aber auch wenn du ehrlich nur nach der Uhrzeit oder dem Weg fragen möchtest, hat die Angesprochene jedes Recht nicht mit dir sprechen zu wollen. Du weißt nicht, was sie schon erlebt hat und sie muss sich nicht rechtfertigen.

1 Editiert am 25.05.2012, Wie ich mehrfach korrekt daraufhingewiesen wurde, sind Partys und Clubs (oder während des Urlaubs oder im Park) eben keine Orte, um Frauen* bedenkenlos anzumachen, weil es die Orte sind, an denen es am häufigsten und vor allem aufdringlichsten geschieht. Sie sind zur Entspannung geschaffen und daher sollte im Blick behalten werden, dass es nicht für jede Frau* “Entspannung” ist, angemacht zu werden – erst recht nicht, wenn es in einer übergriffigen Weise geschieht, wie ich in meinem Artikel zu street harassment beschrieb oder auch oben (bedrängen, isolieren, zulabern).

Crossposted auf takeover.beta

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13 Responses to “Wie verhalte ich mich möglichst nicht wie ein Arsch?”

  1. Eisboer und allen Männern*, die sich die Frage stellen, ob sie nie niemals nicht einer Frau* öffentlich komplimentieren dürfen, empfehle ich die Lektüre dieses Artikels (inklusive Kommentaren), dieses Artikels (inklusive Kommentaren), den Kommentaren hier und des Artikels, samt Kommentaren (ernsthaft) hier.
    Betrachtet das Verlinken als Service. Es steht tausendfach im Netz und es ist nicht zu viel verlangt, sich die Zeit zu nehmen, verschiedene Texte von Frauen* auch tatsächlich mal zu lesen und sich nicht alles immer erklären zu lassen.

    Noch ein kleiner Tip: nur lesen, nicht aus einem Reflex heraus kommentieren.
    Und fragt mal die Frauen* in eurem Bekanntenkreis zu dem Thema und hört nur zu. Sobald ihr gegen das, was sie euch erzählen, argumentiert, wird diese wertvolle Wissensquelle versiegt sein. Zu Recht.

  2. Ich kann eigentlich bei allem zu stimmen, nur hier bin ich gestolpert:

    “Wenn man (Geschlechts-) Partner*innen kennen lernen möchte, geht das am Unaufdringlichsten immer noch dort, wo es geplant ist.Wenn man (Geschlechts-) Partner*innen kennen lernen möchte, geht das am Unaufdringlichsten immer noch dort, wo es geplant ist.

    Das finde ich ja so gar nicht. An Orten, an denen alle Menschen irgendwie davon ausgehen (warum auch immer…), jede_r sei an Kontaktaufnahme/Dating/Sex/whatever interessiert, ist es mMn am schlimmsten. Partys, Clubs, im Urlaub, im Park… – die Situationen kommen mir immer so vor wie riesige inoffizielle Single-Partys. Schleimige Anmachen, dumme Sprüche, ungewolltes Anfassen usw. finde ich gerade in solchen Kontexten am ausgeprägtesten.
    Auch Dating-Seiten sind lange kein Raum, an dem man sich locker-flockig kennenlernen kann. Als ich mit dem Internet “angefangen” habe (vor 10 Jahren, also so im Alter von 13-14) waren Chatrooms etc. das allerschlimmste. Da schreibt einem ein “Romeo567″ nach dem anderen, ob man seinen Pimmel sehen will und woher man kommt. Berichten von Freundinnen zu Folge ist das auf “modernen” Dating-Seiten ähnlich. Online Kontakt zu suchen heißt ja auch nicht gleich, dass man sich beim skypen nackt ausziehen will.

    • Deine Punkte sind vollkommen korrekt, hatte schon vor, den Teil nochmal zu überarbeiten, weil besonders die Clubs und Partys-Sache keinen Sinn macht, aber natürlich auch eine Dating Website nicht bedeutet, dass jeder Verstand fahren gelassen werden darf.

    • Bezüglich der Dating-Seiten: ich bleibe bei diesem Vorschlag, weil sie nun wirklich zum Kennenlernen gedacht sind. Dass das kein Grund ist, sich daneben zu benehmen, versteht sich von selbst! Nur weil man vielleicht auch Leute kennenlernen möchte, mit denen man später ins Bett geht, heißt das nicht, dass man ungefragt Nacktbilder versenden darf oder überhaupt mit aufdringlichen Anmachen kommen sollte.
      Als ich Dating-Seiten vorschlug meinte ich das also aus meiner rosa Wolke heraus, dass ich annahm, Menschen würden sich nicht daneben benehmen ;)

      Natürlich ist es auch online nirgendwo okay, plump Genitalien zu präsentieren oder Menschen ungefragt unangemessen anzumachen (oder schlicht einzuschüchtern und zu bedrohen).

  3. Der Artikel hat mich zum Nachdenken gebracht. Es ist nämlich irgendwie so, dass ich in meiner Position gar nicht anders kann, als Männer dazu zu zwingen, sich mir gegenüber arschlochhaft zu verhalten – sofern man sich tatsächlich auf die hier gelieferte Defintion des Wortes “Arschloch” stützen will.

    Ich glaube, dazu muss ich demnächst selbst einen Beitrag schreiben. Darf ich diesen dann rebloggen (hui, das wäre dann mein erstes Mal)?

    • Du meinst, ob du meinen rebloggen kannst? Ich habe ehrlich gesagt noch nicht mitbekommen, wie das aussieht. Wenn es sich dabei um einen Auszug mit Link auf meinen Blog handelt, na klar, aber bitte nicht den gesamten Artikel.

      • Ich hab das so verstanden, dass dann vor meinem Beitrag ein Link zu deinem erscheint… wir können es ja probieren und wenn es dir nicht passt, mach ichs wieder weg.


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