Schlag halt zurück, Mädchen!

Schlagwörter: street harassment – please do have a piece of my mind – victim blaming – empowerment
Auch wenn es die Schlagwörter nicht vermuten lassen, folgt keine triggerende Sprache. Die Lektüre sollte eher angenehm sein.

che2001 schreibt hier

[…] Offensive Gegenwehr von Frauen scheint da kein Thema zu sein, auch Zweisatz appeliert an die Anständigkeit von Männern, argumentiert aber eigentlich nicht mit Gegenmaßnahmen. Frauen erscheinen zwar als Subjekte mit eigenen, der heteromännlichen Suprematie entgegenstehenden Interessen, zugleich aber als tendenziell ausgelieferte Opfer. Da waren wir schon mal weiter.

https://highoncliches.wordpress.com/2012/05/17/wie-verhalte-ich-mich-moglichst-nicht-wie-ein-arsch/

[…]

Es ist kein Zufall, dass ich Frauen* nicht thematisiere. Den Grund erkläre ich gerne.

Zunächst einmal: ich habe den Text nur überflogen und weiß deswegen a) nicht, ob es eine schlechte Idee ist, den Blog zu verlinken. Nach den Brocken, die ich las, sieht es aber unbedenklich aus. b) Ist dieses Zitat wirklich aus dem Zusammenhang gerissen, da ich den Text nicht vollständig gelesen habe. Deswegen besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich mit meiner Argumentation, was che2001 angeht, offene Türen einrenne, aber das ist mir egal. Ich würde meine Motivation gerne allen erklären, da mir die Gründe wichtig sind.

Daraus, dass der Text sich an heterosexuelle Männer* richtet, abzuleiten, dass ich Frauen* hauptsächlich die Opferrolle zugedenke, ist logisch nicht haltbar. Dass mein Text Männer* fokussiert, ist ein Statement: ich sehe das Problem nicht bei den Frauen* (respektive anderen Menschen, die auf der Straße belästigt werden).

Ich sehe das Problem immer bei denen, die Grenzen überschreiten, nicht bei denen, die auf eine Grenzüberschreitung reagieren müssen. Ich richte mich absichtlich an die Aggressoren*, weil ich mich weigere, die Schuld bei den Falschen zu suchen. Und ich richte mich an die Täter*, weil es immer noch viel zu selten geschieht.
Ich will, dass es normal wird, sich an die Täter*innen zu richten. Ich will, dass es als unlogisch empfunden wird, sich mit etwas anderem an Betroffene und Überlebende zu wenden als: „Geht es dir gut? Wie kann ich dir helfen?“. Ich möchte, dass anerkannt wird, wen die Schuld trifft.

„Schuld“ klingt sehr pompös. Tatsächlich fällt es Menschen sehr schwer anzuerkennen, dass sie etwas falsch gemacht haben, wenn sie keine bösen Absichten hatten. Deswegen kann ich es auch gerne „Verantwortung“ nennen: wenn man Menschen eingeschüchtert, geängstigt oder verletzt hat, trägt man die Verantwortung für die ursächliche Handlung. Intention egal.
Ich möchte betonen: einzugestehen, dass man etwas falsch gemacht hat, ist nicht das Gleiche wie einzugestehen, dass man ein schlechter Mensch ist. Eine verletzende Handlung macht keinen schlechten Menschen. Nicht die Verantwortung zu übernehmen, das macht einen schlechten Menschen aus.

Ja mag sein, ich bin ein bisschen abgeschweift.
Was denke ich nun davon, dass Frauen* (oder von Diskriminierung Betroffene allgemein) sich wehren, ja sogar selber angreifen, zurückschlagen?
Na ja, ich denke: ‚Not my business, aber wenn ich kann, helfe ich gerne dabei.‘ You see, ich fühle mich nicht in einer Position Menschen vorzuschreiben, wie sie auf persönliche Angriffe reagieren. Denn selbst nett gemeinte Aufforderungen, die bestärkend (aka empowerend) wirken sollen, werden irgendwann immer gegen die Betroffenen verwendet. Schon mal von victim blaming gehört? Ach was, das hat jede*r schon mal erlebt!
Selbst bei alltäglichkeiten Unglücken wie einer Schürfwunde oder einem verlorenen Schlüssel werden einige Menschen kommen und sagen: „Aber hast du schon mal dran gedacht, Armschützer zu tragen?“ – „Du hättest ein Schlüsselband benutzen sollen. Ich benutze immer ein Schlüsselband.“ Woraufhin ich denke: ‚What the everloving fuck?! Ich habe eine Verletzung, die tut weh. Ich komme nicht in meine verdammte Wohnung und du gibst mir „Tips“, auf die ich schon vorgestern gekommen bin?‘

Ernsthaft, ich muss Frauen* nicht erzählen, was sie tun sollen. Jede*r kennt sir Leben am besten, weiß ob hän Probleme mit Panikattacken hat oder schon so lange im Theater spielt, dass hän sich in der Lage fühlt, jeden Klappspaten auf der Straße zur Schnecke zu machen. Und was unweigerlich passieren wird, wenn ich beginne, Menschen „Ratschläge“ zu geben, ist dass die mit den Panikattacken sich schlechter fühlen werden. Und dass es für ihre Umgebung noch akzeptabler wird, sie zu bedrängen, warum sie sich „nie wehren“. Das möchte ich in hundert Jahren nicht.

Dennoch will ich Betroffenen gerne helfen. Und deswegen versuche ich, wann ich kann, Menschen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie sich wehren können. Wie diese Artikelserie. Wenn ich tatsächlich Ideen habe, wie ich helfen kann, versuche ich sie z.B. auf diese Art mitzuteilen or hell, mit diesem ganzen Blog! Aber mir ist es wichtig, sie nur im Schaufenster auszustellen und zum Verschenken anzubieten. Ich will keinen High-Pressure-Verkauf¹ auf der Straße machen, bei dem ich Leute belabere, bis sie sich überzeugen lassen. Das erzeugt Druck. Das erzeugt Schuldgefühle und eine „hättest du mal“-Mentalität. Der direkte Vorgänger der „selber Schuld“-Mentalität, die ich wie die Pest meide.

Die andere Art, wie ich versuche Betroffenen zu helfen? Indem ich die Leute anspreche, die Scheiße bauen. Wo keine Ursache, da keine Wirkung und was ist denn effektiver, als gegen die Ursache vorzugehen?

Versteht mich nicht falsch. Sich verteidigen zu können ist toll und kann sehr befreiend sein. Weil unsere Welt scheiße ist, ist das oft sogar die einzige Hilfe, die man bekommt. Aber was die Welt nicht braucht, ist noch eine Person, die Menschen die Pflicht auferlegt, nicht bedroht zu werden. Glaubt mir, auch ohne mich wird Frauen* unaufhörlich nahegelegt, sich Pfefferspray zu besorgen oder eine Trillerpfeife. Ich verschaffe ihnen lieber die Freiheit, weder das eine noch das andere zu kaufen.

1 Es gibt einen Begriff für diese Methoden – und der hier ist definitiv falsch

Crossposted auf takover.beta

10 Gedanken zu “Schlag halt zurück, Mädchen!

  1. YEAH! Danke! Ich hab den Artikel bei che2001 gelesen und finde nicht, dass du offene Türen einrennst. Ich liebe auch deine Schaufenster- vs. Straßenverkauf-Metapher.
    Ich muss sagen, dass für mich der Austausch mit Frauen* über street harassment unglaublich wichtig ist. Was fühlen wir in welcher Situation? Wie können wir das beeinflussen? Welche Art der Reaktion ermöglicht uns, uns hinterher gut zu fühlen? Wovon hängt es ab, ob die Reaktionen umsetzbar sind? Das besprech ich aber nicht mit Typen* im Internet, die eh nix beizutragen haben.

    1. Genau! Is all I’m saying. Ich wollte schon immer mal gute Reaktionen entwickeln, die Leuten tatsächlich helfen. Erinnere mich an einen Thread, wo das diskutiert wurde. Ich werde den nochmal aufgreifen, wenn ich ihn finde, und dazu viell. selbst ’nen Open Thread machen. Der Austausch und viell. auch ein paar Lösungen wäre mir auch sehr wichtig.

      1. @“Ich sehe das Problem immer bei denen, die Grenzen überschreiten, nicht bei denen, die auf eine Grenzüberschreitung reagieren müssen. Ich richte mich absichtlich an die Aggressoren*, weil ich mich weigere, die Schuld bei den Falschen zu suchen. Und ich richte mich an die Täter*, weil es immer noch viel zu selten geschieht.
        Ich will, dass es normal wird, sich an die Täter*innen zu richten. Ich will, dass es als unlogisch empfunden wird, sich mit etwas anderem an Betroffene und Überlebende zu wenden als: “Geht es dir gut? Wie kann ich dir helfen?”. Ich möchte, dass anerkannt wird, wen die Schuld trifft.“

        —- Da bin ich dann völlig bei Dir. Mir ging es in meinem Beitrag auch eher um so eine Art Gesamtschau – weil ich mich, ohne eine Antwort zu haben, frage, wieso hinsichtlich heteromännlichem Aggressionsverhalten trotz über 40 Jahren Neuer Frauenbewegung die Verhältnisse so ganz und gar nicht verändert sind. Und dann natürlich auch darum, selber Perspektiven zu entwickeln, wobei für mich als Hetero-Mann die Sichtweise auf Positionen von Frauen notwendig eine Außensicht bleibt, wenn auch eine solidarische. In diesem Sinne solidarische Grüße!

  2. Also, hier jetzt meine ausführliche Antwort:

    Ich habe ja nicht selber „Schlag zurück, Mädchen!“ geschrieben, und wenn mein Beitrag in diesem Sinne interpretiert wurde, als so eine Art Zwischending aus unverlangtem Ratschlag und Abbügeln von Betroffenen-Positionen, das sich dann sogar als verkapptes Victim-Blaming interpretieren lässt, dann tut das mir sehr Leid. Falls das allgemein so rüberkommt müsste ich mal an meiner Perfomance arbeiten. Mir geht es um etwas ganz anderes, und wäre mein Beitrag nur eine Antwort auf das Posting von Zweisatz hier hätte ich einfach hier einen Kommentar und kein eigenesPosting bei mir geschrieben.

    Also grundsätzlich, und da muss ich lange ausholen: Ich bin ein Historiker, der sich mit Alltagsgeschichte beschäftigt und gerne eine Untersuchung der Geschichte der Neuen Sozialen Bewegungen in der BRD seit 1970 vornehmen möchte, die ich bislang noch nicht begonnen habe. Und ich bin seit 30 Jahren selber in linken, emanzipatorischen, alternativen Projekten aktiv, schwerpunktmäßig in der Antirassismusarbeit und der konkreten Unterstützung von Flüchtlingen und Asylsuchenden. Der größere Teil meiner Genossinnen betätigt sich (auch) in feministischen Zusammenhängen, wie auch meine weiblichen Beziehungsfreundbekanntschaften, Techtel und Kumpaneien sich zeitweise oder langfristig in feministischen Kontexten bewegt haben oder bewegen. Eine Debatte über Street Haressment, das wir damals aber nicht so nannten (wir sprachen von Mackerdominanz im öffentlichen Raum) hatten wir gruppenübergreifend so um 1990 geführt, und daraus entstand die Kampagne „Frauen schlagt zurück“. Die bestand u.a. aus Präsenz zeigen von Frauenpatrouillen an Orten, wo es häufiger zu Belästigungen gekommen war mit teilweise spürbarem Erfolg, so dass etwa bestimmte Parks sicherer wurden. Das meinte ich damit, als ich schrub, dass wir früher schon mal weiter waren. Das beinhaltet weder eine Kritik an diesem Posting noch ein Manplaining, sondern eine Kritik an den Verhältnissen, wie sie sind. Ich habe im Lauf der Zeit erlebt, dass wiederholt erkämpfte Freiräume nicht gesichert und ausgebaut werden konnten, weil Kontinuität und die Weitergabe von Wissen, Erfahrung und erkämpften Positionen aus bereits gelaufenen Auseinandersetzungen deshalb nicht stattfanden, weil der größere Teil der Aktiven aus diesen Auseinandersetzungen sich ab einem bestimmten Zeitpunkt zurückzog und die Folgenden die vorangegangenen Erfahrungen auf sich gestellt neu machen mussten, immer und immer wieder.

  3. Ich bin erschrocken, zu lesen, dass 1990 schon das Gleiche passiert ist, was wir in 2012 mühsam zu installieren versuchen – eine öffentliche Debatte über Street Harassment.

    Ich hoffe, es kommt irgendwann mal endlich in die breite Öffentlichkeit. In Belgien wurde ja gerade ein neues Gesetz gegen Street Harassment verabschiedet.

    Es schmerzt mich, dass Deutschland so unglaublich rückständig ist. Wirklich, ehrlich! Obwohl es immer noch schlimmer geht. Aber es gibt auch so viel bessere und modernere Länder! Schweden, die USA, sogar in Frankreich wird Street Harassment schon öffentlich an den Pranger gestellt – bei uns? Fehlanzeige!

  4. Vielen Dank, high-on-clichés, das ist ein sehr wichtiger Artikel für mich, Du hast mir einen Denkanstoß gegeben.

    Ich gehöre glücklicherweise zu den Frauen, die den Mut und die Nerven haben, sich laut und erfolgreich gegen dumme Anmachen auf der Straße zu wehren.
    Ich gehöre daher auch leider anscheinend manchmal zu den Menschen, die nicht verstehen, wieso sich andere Frauen nicht wehren (wenn ich es doch auch kann?). Tja, hallo, aufwachen.

    Ich denke zwar ständig über vieles nach, aber um zu erkennen, dass ich in diesem Falle selbst drohe, Grenzen zu übertreten, unabsichtlich und in guter Absicht zwar, war wichtig.

    Ich halte es halt so schwer aus, wenn Frauen sich nicht wehren und ich stelle mir dann vor, dass sie hinterher geschwächt und erniedrigt sind… Und dann brennt bei mir irgendwie eine Sicherung durch, weil ich mich selbst NIE so fühlen will. Aber das muss ich aushalten, dass die Welt so ist.
    Und ich kann nur für mich sorgen. Andere müssen für sich selbst sorgen, für sich selbst entscheiden, wie sie sich verhalten.

    Da muss ich den Frauen Respekt entgegenbringen, wie auch der Welt an sich, das schaffen wir ja auch alle in der Regel.
    Also Akzeptanz der Realitäten:
    Viele Frauen haben nunmal Angst in der Öffentlichkeit unangepasst zu reagieren.
    Die Welt macht viele Menschen in vielerlei Hinsicht unfrei.
    So ist das leider.

    Könnte ich doch nur mein Superwoman-Kostüm anziehen und allen sexistischen, rassistischen etc. Idioten die Fresse polieren gefolgt von einem Umerziehungsunterricht, könnte ich doch nur allen Gedemütigten Selbstvertrauen einflößen und könnte ich doch nur alle verhungernden, missbrauchten, vernachlässigten Kinder/Katzen/Lebenspartner/Pflanzen/Insekten/sonstige Kreaturen mal eben RETTEN…. haha

    1. Ja, es ist sehr wichtig zu beachten, dass wir alle mit verschiedenen Ressourcen an die Sache gehen. „Selbst“ wenn eine Frau* sich bewusst entscheidet, sich nie mit Reaktionen auf street harassment auseinanderzusetzen, ist das vollkommen ihre Sache und gerechtfertigt. Schließlich belästigt sie niemanden.
      Es ist wichtig in jedem Falle Solidarität zu zeigen und Victim Blaming um jeden Preis zu vermeiden, sonst untergräbst du selbst die Autorität von anderen Frauen* und das kann und sollte nicht das Ziel sein. Ob und wie sich Menschen gegen Diskriminierung wehren, ist ganz allein ihre Sache. Besonders das Ob. Alles andere ist nur Victim Blaming, weil du wieder vermittelst, dass sie etwas falsch machen, dass sie an irgendwas Schuld seien, dass sie überhaupt eine Verantwortung bei den Geschehnissen trügen.

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