[TW] You can stop r**e extra: Du hast nicht das Recht, für andere eine Anzeige zu erstatten

Inhalt des und Links im Artikel können triggernd sein. Thema: sexualisierte Gewalt

Im Zuge dieses Artikels bei Captain Awkward wies ich darauf hin, dass es nicht in Ordnung ist „für“ andere eine Anzeige zu erstatten, wenn diese sexualisierte Gewalt erfahren haben. Ich gehe von einer Situation aus, in der man von ihnen selbst oder durch Dritte (hoffentlich mit Einverständnis) nach der Tat davon erfährt, es also jetzt gerade keine Gefahr gibt. Anscheinend ist nicht allen klar warum, also gebe ich es hier noch einmal wieder.

Strukturelle Gründe

Viele Menschen haben berechtigtes Interesse daran, mit der Polizei erst gar nicht in Kontakt zu kommen. Das können Menschen ohne Papiere sein, Menschen of Color, trans* Menschen und viele mehr. Es besteht die Gefahr, dass sie unmittelbar eines Verbrechens beschuldigt werden, dass sie im Verlauf von Ermittlungen zu ihrem Fall diskriminierender und erniedrigender oder gewalttätiger Behandlung ausgesetzt sind. Sie haben mitunter schon Erfahrung mit Polizeigewalt. In jedem Falle wäre eine Anzeige keine Hilfe, sondern eine weitere Gefahr für ihre Person und andere, die möglicherweise von ihnen abhängig sind.

Persönliche Gründe

Wir gehen davon aus, dass einer Person sexualisierte Gewalt angetan wurde, ja? Gegen ihren Willen wurden ihre Grenzen verletzt, sie hat sich bei der Tat oder danach möglicherweise hilflos, ausgeliefert oder fernab jeder Kontrollmöglichkeit gefühlt. Und jetzt kommt eine Person, die ohne sich mit ihr abzusprechen entscheidet, dass sie (1) mit fremden Menschen (2) die ihr gegenüber möglicherweise feindlich eingestellt sind und/oder (3) sie für die Tat verantwortlich machen werden (4) über ein traumatisches Erlebnis reden muss. Klingt das fair? Klingt das hilfreich? Klingt das auch nur im Entferntesten OKAY? Ich hoffe nicht. Es ist eine Grenzüberschreitung, diese Entscheidung über den Kopf einer Person hinweg zu treffen. Es lässt die Person ein weiteres Mal die Kontrolle verlieren, über ihre Geschichte, darüber inwiefern sie mit ihrer Geschichte in irgendeiner Form an die Öffentlichkeit gehen will und ob sie sich in der Lage sieht di:en Täter*in öffentlich zu beschuldigen.

Zynische Gründe

Ich muss hier einen Moment auch noch einmal auf die Realität eingehen: Was genau soll eine Anzeige bringen? Jetzt echt. Was glaubt ihr, welche Chancen die Sache hat von der Polizei ernsthaft und geflissentlich verfolgt zu werden, jemals vor irgendein Gericht zu kommen? Anzeigen werden dauernd eingestellt. Ich will gar nicht die ganzen widerlichen Fälle ausbuddeln, in denen mit den abartigsten Gründen Verurteilungen abgelehnt wurden. Das einzige, was solch eine Anzeige ist, ist Ausdruck des „aber wenigstens habe ich was getan“. Tu lieber was für deine*n Freund*in.
(Das alles heißt nicht, dass Menschen in ihrem eigenen Namen keine Anzeige mehr erstatten sollen. Das kann jede*r für sich selbst am besten abwägen. Es geht mir nur um den Fall, das die Entscheidung abgenommen wird.)

Was tun?

Dazu gibt es schon diverse Artikel von Menschen, die aus eigener Erfahrung sprechen. Sucht nach denen. Wenn ihr aber jetzt sofort was für eure*n Freund*in tun wollt: Sucht eine Opferberatungsstelle vor Ort raus und bietet ggf. eure Begleitung an/sucht die Nummer einer Notfallberatungshotline heraus und gebt die eurer*m Freund*in weiter. Fragt nach, was si:er braucht. Das ist wirklich das Wichtigste. Und haltet euch daran, was euch gesagt wird (z.B. nicht davon weiterzuerzählen/nicht auf eigene Faust (RW) di:en Täter*in zu konfrontieren). Worum es geht, ist die volle Kontrolle und Entscheidungsmacht bei eurer*m Freund*in/Bekannten etc. zu belassen. Ja sowas ist furchtbar, ja eins möchte nicht tatenlos dastehen, aber schadet bitte keiner*m, nur damit ihr euch besser fühlen könnt.

Weiterführend Links, auch eigene, gerne willkommen.

[TW] You can stop r***: Schritt 4 – Warum seid ihr Freunde?

<< Schritt 3

Schritt 5 >>

Wie für die ganze Serie gilt eine Trigger-Warnung.

Schlagwörter: r**e culture – Grenzüberschreitung – street harassment – allies – you can stop r**e

fluffy bunny in front of a grass
Quelle: Emergency Cute von playboy-seobaby

Es gibt eine US-amerikanische Studie, die besagt, dass auf einen Vergewaltiger¹ im Schnitt 6 Betroffene kommen.
Das ist eine ganz schön hohe Zahl. In einer Welt, in der Vergewaltigungen tatsächlich als das Verbrechen behandelt und verfolgt werden, dass sie sind, sollte das unmöglich sein. Ich möchte hier nicht völlig sarkastisch werden, aber: Überraschung! Ist es bei uns nicht!

Einer der Gründe, warum Vergewaltiger offensichtlich lange genug frei herumlaufen können, um mehrere Menschen zu vergewaltigen, ist, dass unsere Gesellschaft sie lässt. In vielen Staaten wacht man gerade erst auf und denkt: ‚Oh, sexuelle Belästigung auf der Straße sollte vielleicht mal strafrechtlich verfolgt werden.‘ Deutschland gehört nicht dazu.

Sexuelle Belästigung ist jedoch der Vorläufer von weiteren Grenzüberschreitungen und muss deswegen entsprechend behandelt werden. Und hier kommst du ins Spiel:

Es darf in deinem Freund*innen- und Bekanntenkreis keine Person geben, die ohne Konsequenzen anderer Leute Grenzen verletzt.

Nicht „nur wenn er betrunken ist“. Nicht „er verteilt halt gerne ungefragt Massagen. Hört ja auch auf, wenn man es ihm sagt“. Nicht „er weiß halt nicht wie man flirtet und steht deswegen zu nah oder versucht es zu lang“. Nicht „sexuelle Bemerkungen gehören einfach dazu, auch wenn die Angesprochene unangenehm berührt ist“.
Für die, die bereits protestieren „Aber, aber – ich weiß doch nicht, wie ich vermeiden soll, anderer Leute Grenzen zu überschreiten“, werfe ich diesen Artikel hier ein und lege, für die, die mit Körpersprache nicht viel anfangen können, diesen Kommentar drauf.

Grenzüberschreitendes Verhalten hält nicht nur an, weil es Menschen gibt, die Grenzen überschreiten. Es hält an, weil eben diese Menschen keine Sanktionen zu erwarten haben. Wenn ich nach dem zweiten sexuellen Kommentar auf Arbeit gefeuert werden kann, wenn ich fürs „Netter Hintern“-Hinterherrufen auf der Straße ’ne saftige Geldstrafe zahlen muss, wenn die Anwesenden auf einer Party mir geschlossen die Tür zeigen, wenn ich eine Frau* beim Tanzen bedrängt habe, werde ich es mir überlegen.
Ich werde es mir nicht überlegen, wenn alle Bekannten beschämt oder desinteressiert wegsehen statt der Frau* zu helfen, auf die ich’s abgesehen habe. Ich werde es mir nicht überlegen, wenn ich weiß, dass eine Tiefenanalyse ihrer Klamotten, ihres Trinkverhaltens und allgemein ihrer Glaubwürdigkeit aufgrund ihres Charakters, ihrer sexuellen Vorlieben und ihres Beziehungsstatusses erfolgen wird, wenn sie mir eine Grenzüberschreitung vorwerfen sollte. Stattdessen mache ich eine formvollendete Verbeugung und bedanke mich fürs Entgegenkommen meiner Bekannten.

Also merke: Menschen, die Grenzen verletzen, sind nicht deine Freunde. Oder du bist mitschuld.
Ich wüsste nicht, wie ich den Ernst der Lage besser ausdrücken kann, als mit den folgenden Links.

Für die folgenden beiden: in dem Kommentaren sind auch Schilderungen von Überlebenden! Weder in den Artikeln noch den Kommentaren sind verlässliche Trigger-Warnungen gepostet, also Vorsicht.
Zwei Beispiele eines Freundeskreises, der grenzüberschreitendes Verhalten möglich macht, sexuelle Belästigung entschuldigt und die betroffenen Frauen* nicht unterstützt.
Wenn sich wirklich wer die Frage stellen sollte: „Kann ich mit einem Vergewaltiger befreundet sein.“ Lies die Antwort. Lies die Kommentare.

Zu diesem Themenbereich gibt es zu viele gute Artikel. Ich lege sie euch alle ans Herz.
Cliff erklärt auf Pervocracy wie es einen Damm brechen kann, wenn man es wagt auszusprechen, was man gerade gesehen hat. Schweigen schützt die Täter*innen.

Thomas erläutert auf Yes Means Yes anhand verschiedener Studien, wie Sexualstraftäter vorgehen und was das für unser Vorgehen bedeuten sollte. (Be warned, depressing statements)

Hier die detaillierte Auswertung von Ich habe nicht angezeigt.

Und als relativ aktuelles und deutliches Beispiel, wie Täter sich in unserer Gesellschaft verteidigen können, selbst wenn alle Karten schon auf dem Tisch liegen: accalmie auf Stop! Talking. über den Fall Assange.

Edit: Und thematisch hunder prozentig passend fugitivus dazu, fast alle Freund*innen an den Vergewaltiger zu verlieren.

1 Ich benutze aufgrund der Statistiken gegenderte Sprache. Wer darauf hinweisen möchte, „Frauen* vergewaltigen auch“, der*m sage ich: ja, generisches Maskulinum.