„Feminist*innen sind…“

„…Männerhasser.“
Falsch. Die Rolle einer Gruppe von Menschen in der Gesellschaft in Frage zu stellen, bedeutet nicht, die Menschen, die dieser Gruppe angehören, zu hassen.
Da viele Leute, die feministischen Gedanken begegnen, Schwierigkeiten haben nicht nur das zu hören, was ihre Vorurteile bestätigt, eine kleine Erklärung:
„Ich setze mich kritisch mit dem männlichen Rollenbild auseinander.“ heißt nicht „Ich hasse Männer*.“
„Männer* (Weiße/Physiotypische/Neurotypische/Heterosexuelle/Cissexuelle) sind in unserer Gesellschaft privilegiert.“ heißt nicht „Männer* (…) begegnen nie einem einzigen Problem in ihrem Leben.“ (Ein beliebtes Strohmann-Argument.)
„Ich als Feminist*in entscheide mich dagegen, dem mir aufgedrückten Rollenbild zu entsprechen.“ heißt nicht „Alle Männer* müssen jetzt Röcke tragen und Frauen* dürfen nicht mehr Hausfrau* sein.“

Ich finde es, nebenbei gesagt, tragikomisch, dass Menschen glauben, Feminist*innen würden nichts Spannenderes tun, als die ganze Zeit über Männer* zu reden.

„…versessen darauf, jedes Substantiv weiblich zu machen.“
Das ist Unsinn. Es wird angestrebt, alle möglichen Identitäten mit einzubeziehen. Daher „Frau*“, „Mann*“, „Feminist*in“ bzw. „Feminist_in“ usf. Die Sonderzeichen sollen deutlich machen, dass es Intersexuelle und Genderqueere gibt, die sich ohnehin nicht als weiblich oder männlich verstehen (ich glaube, der * sollte auch Transsexuelle mit einbeziehen, diese identifizieren sich aber meist sehr wohl als männlich oder weiblich). Gleichzeitig dient der Wortaufbau dazu zu zeigen, dass -neben Genderqueeren- die weibliche und männliche Form gemeint ist.

Die Nutzung dieser Schreibweise wird forciert¹ da man Frauen* unsichtbar macht, sobald man nur die männliche Form eines Wortes benutzt, so wie man Genderqueere ohne die Sonderzeichen unsichtbar macht. Jaja, Frauen* sind mitgemeint. Also bei „Arzt“ denken alle im gleichen Maße an weibliche und männliche Ärzt*innen? Bei „Informatiker“ auch? Bei „Polizist“? Das wage ich zu bezweifeln. Wie viele Männer* würden sich bei „Hebamme“ angesprochen fühlen, obgleich das die korrekte Berufsbezeichnung ist?
Wer ganz ganz fest an das „Mitmeinen“ glaubt (was ich euch schon mal nicht abnehme, wenn es um Genderqueere geht, die gesellschaftlich nahezu unsichtbar sind), können wir gerne ein Vereinbarung treffen: ich benutze ab jetzt nur noch weibliche Personenbezeichnungen und ihr seid alle mitgemeint. Versprochen. Wenn ihr das nicht so seht, liegt das ganz sicher nur an euch.

„…unrasiert.“
Oh mein Gooott, Frauen* mit Haaren. *gähn* Einige rasieren sich, andere nicht. Genau wie in der restlichen Bevölkerung. Euch ist schon klar, dass Frauen* sich nicht rasieren müssen, nur weil Leute, die auf Frauen* stehen, das manchmal mögen?

„…lesbisch.“
Natürlich sind einige lesbisch, genau wie überall sonst auch. Warum klingt das immer wie ein Vorwurf?
Lesbisch sein, genau wie viele andere Identitäten, wird von der Gesamtgesellschaft nur wahrgenommen, wenn es sie anspringt – wer kein leuchtendes Hinweisschild trägt, wird ungefragt als heterosexuell (cis, neurotypisch, …) abgestempelt. Mag sein, dass Leute die Zeichen bei lesbischen Feminist*innen durch ihre Vorurteile häufiger korrekt deuten. Was weiß ich.
Der Gedanke, alle Feminist*innen seien lesbisch, beruht eher darauf, dass Frauen*, die sich mit den Geschlechterbildern auseinandersetzen, die Rolle von Männern* in Frage stellen (so weit so richtig). Wer die Rolle von Männern* in Frage stellt, hasst Männer. Wer Männer hasst, „bestraft“ sie, indem die Person nicht mit Männern* schläft. Wer nicht mit Männern* schläft, ist lesbisch. Voilà. So lächerlich und androzentristisch²** diese Gedankengänge sind, für viele scheinen sie Sinn zu ergeben.

„…übersensibel.“
(Mannweiber und gleichzeitig übersensibel, erstaunliche Koinzidenz³. Wo wir doch wissen, dass Männer* keine Gefühle haben.) Aber Sarkasmus beiseite:
Wenn Menschen auf Diskriminierung aufmerksam machen, ist das kein Zeichen von Übersensibilität.
Bevor ich mir wieder Mist anhören muss: Nein, Männer* können nicht sexistisch diskriminiert werden, Weiße nicht rassistisch und Menschen aus der Oberschicht nicht klassistisch. Diskriminierung funktioniert nur von oben nach unten, weil die entsprechenden Handlung sonst nicht von jemandem in einer Machtposition ausgeübt wird – eine wichtige Voraussetzung für das Vorhandensein von Diskriminierung.
Aber zurück zur Sensibilität: Diskriminierung zu erkennen ist wichtig, es ist essentiell. Wenn andere dir dabei behilflich sind, ist die beste Reaktion, dich zu bedanken. Es ist korrekt anzunehmen, dass Menschen, die von einer bestimmten Diskriminierung betroffen sind, ein besseres Gespür für diese haben. Denn in den meisten Fällen haben sie bereits ihr ganzes Leben Erfahrung mit ihr gesammelt. Und in exakt und ausschließlich diesem Wortsinne sind sie „sensibel“.
Eine Person „übersensibel“ zu nennen, wenn sie sich diskriminierendes Verhalten verbittet, ist einfach nur noch privilegiert. Um genau zu sein, setzt man die Diskriminierung weiter fort. Wenn man den Betroffenen dann auch noch rät, einfach damit klar zu kommen und „keinen Aufstand“ zu machen, handelt es sich um Victim Blaming.

Ein einfaches Beispiel zeigt, dass für den weißen Cis-Mann* Beschimpfung dennoch nicht gleich Beschimpfung ist: „F****“, „N****“, „T*****“ soll kein Grund zum Aufregen sein, weil weiße Cis-Männer damit nicht beleidigt werden können, wegen „Arschloch“ und „Wichser“ fangen die Leute Schlägereien an.

„…Spalter*innen, die andere Bewegungen unter die Räder kommen lassen.“
Ja, das ist leider oft wahr. (Vor allem die privilegiertesten) Feminist*innen haben immer wieder große Probleme, People of Color, Behinderte, GLBTQIPPA-Leute etc. etc. und den Intersektionalitätsgedanken an sich in ihre Überlegungen einzubeziehen. Dabei ist nicht zu vergessen, dass es behinderte, queere, transsexuelle Feminist*innen of Color gibt und es sich nicht um getrennte, sondern überlappende Gruppen handelt.
Ich habe die Hoffnung, dass diese Situation sich in Zukunft bessert. Aber sowohl bei deutschen, als auch bei US-amerikanischen Feminist*innen mangelt es teils stark am Bewusstsein für die Wichtigkeit eines intersektionellen Ansatzes. Ich selbst bin nicht ausreichend in jedem Bereich informiert und versuche mich entsprechend konstant weiterzubilden.

„Feministen* sind Weicheier.“
Diese Aussage verrät lediglich etwas über hän Sprecher*in. Sie zeugt von der Angst, das Geschlechterrollengefüge könne zusammenbrechen und die Menschen orientierungslos zurücklassen. Was kann man besseres tun, um dem Gefüge wieder auf die Sprünge zu helfen, als Menschen in ihre vordefinierten Rollen zurückzudrängen.
Ich kann euch auf jeden Fall sagen, was Feministen* sind. Menschen, die verstanden haben, dass alle tatsächlich die gleichen Rechte haben müssen. Dass keine Person durch irgendeine körperliche oder psychische Eigenschaft jemals in irgendeiner Form „unterlegen“ oder „weniger Wert“ sein kann. Dass Interaktionen zwischen allen Geschlechtern auf Augenhöhe stattfinden müssen, um erfüllend zu sein. Dass die Angst vor „Entmännlichung“ oder „Verweichlichung“ keinerlei Bedeutung hat, weil diese Begriffe nur schwache Versuche sind, Männer* daran zu hindern, aus Rollenklischees auszubrechen. Nehmt euch die Freiheit.

Schlusswort

Auch wenn ich hier teils Grundlagen erklärt habe, ist das keine Einladung zu Grundlagendiskussionen. Es mag sein, dass ich Kommentare zulassen werde, bei denen ich ein ernstzunehmendes Interesse zu erkennen meine oder Kommentare, die wirklich interessante Punkte zum Weiterdenken aufwerfen (solche schaffen es immer), aber ich habe keine Lust auf ein „Lasst uns die Gravitationstheorie nochmal ganz kritisch beäugen, vielleicht ist sie ja doch
falsch.“-Level zu gehen.

**heterosexistisch, monosexistisch und sexistisch nicht zu vergessen

1 bestärkt
2 männer*zentriert
3 Zufall, Zusammentreffen von Ereignissen