Selbsthilfe bei Depressionen?

Schlagwörter: Depressionen – Selbsthilfe – Lesekreis

Ich habe gerade ein Buch zuende gelesen, das da heißt “Jetzt geht es um mich – Die Depression besiegen – Anleitung zur Selbsthilfe” und ich finde es fantatastisch, bis auf einige Kleinigkeiten. Ich finde es fantatastisch, weil ich schlicht und ergreifend merke, wie es mir hilft. (Zumindest, wenn ich dazu komme es zu lesen bzw. mich dran erinnere, wozu ich von dem Buch inspiriert wurde.) Autor ist Josef Giger-Bütler.

Es zeigt aber gleichzeitig ein Problem, dass es bei vielen (psychischen) Krankheiten gibt: was einer Person hilft, muss einer anderen mit dem gleichen Problem nicht helfen.

Es fängt schon grundlegend an: ich kann verstehen, wenn einige Leute schlicht und ergreifend den Stil des Buches nicht mögen. Er ist sehr repetitiv (d.h. die gleichen Aussagen in ähnlicher Form wiederholend) und es wurde absichtlich (größtenteils) nicht gegendert. Ersteres fand ich jedoch sehr hilfreich, weil ich immer wieder hören muss, dass ich mir Zeit nehmen kann, dass die Welt nicht untergeht, dass ich Pausen machen darf, dass ich Nein sagen darf und so fort.

So schade ich es finde, dass ich nicht um Aufmerksamkeit heischend durch die Gegend rennen und allen Menschen mit Depressionen dieses Buch als DIE LÖSUNG empfehlen kann, muss ich anerkennen: es hat mir geholfen. Anscheinend funktioniert es sehr gut für mich. Für meinen Charakter und meine Probleme. Es wird deswegen aber nicht zwingend anderen helfen. Beispielsweise ist der Autor mir zu sehr davon überzeugt, dass dieser Ansatz für alle funktionieren kann. Und wenn ich stärkere Depressionen hätte bzw. nicht ohne Medikamentierung auskäme, würde ich mich von ihm verarscht fühlen, denke ich. Denn “hier, ich habe eine tolle Lösung” kann sehr schnell klingen wie “und warum bist du da nicht früher drauf gekommen, dummy?” – etwas, was ein Selbsthilfebuch selbstverständlich nicht tun sollte. Bzw. kann es auch klingen wie “Wenn mein Ansatz für dich nicht funktioniert, versuchst du’s nicht stark genug.” Und wow, we don’t wanna go down that road.
Eine andere Sache, die sicher auch wichtig ist: wie es bei Selbsthilfebüchern so ist, geht es nur darum, was *man selbst* ändern kann. Einerseits hat es mir geholfen auszuloten, worauf ich alles Einfluss habe und mich mehr in control zu fühlen. Andererseits kann das wirklich beleidigend sein, wenn man gerade einfach nur metertief in der Scheiße steckt (Redewendung) und schlicht abhängig ist von Menschen und Institutionen, die man nicht beeinflussen kann. Oder einer Gesamtsituation gegenübersteht, die sich nicht in absehbarer Zeit bessern wird.

Zum Ansatz des Buches, falls ihr’s mal ausprobieren wollt: Giger-Bütler geht davon aus, dass Depression vor allem durch eine extrem ausgeprägte Erschöpfung gekennzeichnet ist, weil man seit Jahren über die eigenen Ressourcen gelebt hat. Für mich passt das absolut. Daher geht es im Buch eigentlich “nur” darum zu lernen einzuschätzen, wie viel man gerade machen kann/ob man es auch wirklich machen will und sich nicht zu überfordern. Der Schwerpunkt liegt dabei auf extrem kleinen Schritten. Also statt: “Diese Woche werde ich meine Depression besiegen, indem ich dieses krasse Workout-Programm endlich durchziehe, alle meine Notizen sortiere und mich einfach zusammenreiße!!!”, ein “heute möchte ich versuchen, mich zu loben, wenn ich etwas gut gemacht habe”. Oder “Heute will ich drauf achten, wie ich mich gerade fühle und ob ich mit dem, was ich gerade tue, weitermachen will.” Usw. Der Hintergedanke ist dabei, dass die meisten – vor allem, wenn sie schon so *erschöpft* sind – mit großen Schritten zwangsläufig scheitern. Deswegen der Fokus auf kleine Schritte, einen nach dem anderen. Und Pausen machen. Schauen, ob man gerade weitermachen will oder erst mal nur abwarten. Noch einen winzig kleinen Schritt, gucken ob es passt. Usw. usf.
Das Buch ist dabei eine hilfreiche Erinnerung das durchzuziehen. Denn auf die Idee Pausen zu machen ist sicher jede*r schon gekommen. Aber dann geschieht dies und das und „nur für den einen Notfall“ wirft man die Selbstfürsorge über Bord (Redewendung). Mir hat die ständige Erinnerung geholfen, konsequenter zu bleiben und langsam kleine Fortschritte zu machen.

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