„Psychische Krankheit“ als Trendaccessoire

Schlagwörter: Selbstbezeichnung – Fremdbezeichnung – Ableismus – Depression

Auf der Suche nach Wörtern, die uns dem langweiligen Alltag entreißen, scheint die Werbeindustrie wieder verstärkt auf „Durchgeknalltheit“ zu setzen. Ob „wir müssen verrückt sein“, weil sie ihr Produkt so spottbillig anbieten oder eine Einladung zur „crazy“ Party. Denn was ist spannender als eine augelassen kichernde Person, die sich verhält, als wäre sie betrunken? Selbst betrunken sein! Und dann alles rauslassen, schätze ich.
Nur ist weder Ausgelassenheit, noch Betrunken-Sein, noch übergriffiges Verhalten „irre“, „crazy“, „verrückt“ oder „durchgeknallt“. Es ist ausgelassen, betrunken oder übergriffig.
Ich merke schon, dass Menschen sich nichts Spannenderes vorstellen können als „crazy“ zu sein, aber das ist mir relativ egal. Ich hab‘ trotzdem was dagegen, wenn sie Begriffe benutzen, die ihnen nicht gehören.

Die Romantik der Depression

Auf der Blogging-Plattform/dem sozialen Netzwerk Tumblr habe ich inzwischen öfter eine Romantisierung der Depression erlebt.

people with depression have depression because they see the world how it reALLY is

Nein. Depression ist nicht Melancholie. Depression ist nicht der Stoff, aus dem große Künstler*innen sind (obwohl ich nicht sagen will, dass es keine großen Künstler*innen mit Depressionen gibt). Depression ist nicht cute oder „eine realistische Sicht auf unsere verdammende Welt“. Depression ist vor Allem nicht leicht. Ein Leben mit Depression ist harte Arbeit, die durch beschissene „Tips“ und romantisierenden Vorstellungen erschwert wird von Leuten, die keine Ahnung haben, wovon sie reden. So fucking please, wenn ihr über Depression reden wollt, dann arbeitet mit dem, was ihr von depressiven Menschen gelernt habt.

„Durchgeknallte“ Bösewicht*innen

Bei fortschreitender Handlung vieler Bücher und Filme stellt sich die Frage: Warum würde jemand so etwas Schlimmes tun? Die schnelle Antwort lautet natürlich: Weil sie durchgeknallt sind! Heidiho, man das war einfach. Was ist Charakterentwicklung? Was ist Backstory? Was ist nicht scheiße sein?
Ich lese Terry Pratchett für mein Leben gern, aber es geht mir richtig auf den Sack, wie oft Bösewichte beim ihm „irre“ sind. Was gehört zu jeder*m super villain? Natürlich das irre Lachen! Leute, this shit ain’t cute. Das ist unglaublich faules schreiben und meiner Meinung nach einer der Hauptgründe, warum Menschen so eine falsche Vorstellung von „psychischer Krankheit“ haben. Wir sind sonderbar und aufgeregt und kichern zu komischen Zeitpunkten und wiegen uns hin und her und machen Sachen, die keine*r sonst versteht, gell? (Solches Verhalten ist übrigens überhaupt kein Problem. Das Problem ist, dass man dafür beschimpft und angegriffen werden kann.) Die Darstellung von Menschen in psychiatrischen Einrichtungen in Film und Fernsehen gibt dem Image dann noch den Todesstoß (RW).

Warum mich das so aufregt? Weil Vorurteile töten. Vorurteile töten immer. Was passiert wohl, wenn man Menschen mit „psychischer Krankheit“ jede Realitätswahrnehmung abspricht? Genau, man kann sie ohne Rechte wegschließen, mit weniger nutzbaren rechtlichen Mitteln als Leute, die in den Knast kommen. Vorurteile gegen Menschen mit „psych. Krankheiten“ ist eine Gefahr für Leib und Leben, auch für neurodiverse Menschen. Da ist nix Süßes, Romantisches oder Lustiges dran.

(Ich hoffe die verwendeten Bezeichnungen sind für alle okay. Wenn nicht, lasst es mich bitte wissen.)

Edit: Da ich nichts gegen habe, mit dem Begriff „psychische Krankheit“ zu hantieren, das aber nicht allen so geht, habe ich den erst einmal überall in Anführungszeichen gesetzt. Werde den noch ändern, wenn ich ’ne gute Vorstellung habe, wie.