50 Shades of Grey – Die Abrechnung (2)

Schlagworte: Gewalt in Beziehungen – sexualisierte Gewalt

Im ersten Teil meiner Abrechnung sprach ich über den Schreibstil, Sexismus, die Hauptfiguren und den Plot von 50 Shades of Grey (50SoG). All dies sind ausgezeichnete Gründe das Buch zu hassen. Im zweiten Teil möchte ich allerdings auf einen Punkt eingehen, der nicht auf harmlose Art schlecht ist, sondern schlicht besorgniserregend: die Beschreibung einer emotional, sexualisiert und physisch gewalttätigen Beziehung (im Text kurz: abusive) als sexy romance!story unserer Zeit.

Jenny Trout, deren Zusammenfassungen des Buches ich gelesen hatte, hat Folgendes dazu zu sagen (Übersetzung wie immer gern auf Anfrage):

I’m not exaggerating when I say that I fear for women. I fear for the women who embrace this book. I fear for the women who will raise their Greybies to be “gentlemen” like Christian and “strong women” like Ana. I fear for the lives of domestic violence victims to be, the woman who seek out their own Christian Grey and find him. I fear for the women who see their abuse experience reflected in this book, and who find no solace from people they used to trust, because they know that they’ll never be understood so long as 50 Shades is the greatest romance of our time. I fear for the children who will be born to dangerously flawed fathers because their mothers believe, from the example set in these books, that abusive men can change through the shared miracle of unwanted pregnancy.

Und dem kann ich nicht wirklich widersprechen. Es ist nämlich so: Es gibt Bücher, Serien und Filme, an denen ich Dinge auszusetzen habe. Oft sind es Sachen, die mit „-ismus“ enden, teils auch manipulatives Verhalten der Charaktere untereinander, das in dem Medium nicht wirklich kritisch angesprochen wird. Aber selten habe ich eine derart detaillierte und konsistente (schlüssige, anhaltende) Beschreibung von abusive Verhalten gelesen. Dieses Buch kann in zwei Richtungen gelesen werden: Eine umfassende Sammlung von red flags¹, das heißt Anzeichen für eine abusive Beziehung. Oder als Anleitung für Gewalt in Beziehungen. Was es angeblich sein soll: Die romantische (und sexy) Idealbeziehung unserer Zeit. Ich kann nicht ausdrücken, wie gefährlich das ist.
Und nein, ich rede hier nicht von dem BDSM-Teil, der so unglaublich naughty sein soll (obwohl da auch sexualisierte, emotionale und physische Gewalt vorkommt, weil Consent fehlt – nicht gespielt, sondern in echt). Ich rede von fast jeder einzelnen Interaktion zwischen den Hauptcharakteren.

Im folgenden werde ich einige red flags für Beziehungen aufzählen, die wiederholt im Buch abgehakt werden. Wenn ich mich noch erinnern kann, füge ich Beispiele hinzu.

■ Dein*e Partner*in versucht dich von Freund*innen und Familie zu isolieren

Einmal möchte Ana mit ihren Freundinnen ausgehen, während Christian nicht in der Stadt ist. Er kommt zurückgeflogen (!) und bestraft sie dann dafür, dass sie ausgegangen ist (nicht Teil der BDSM-Beziehung).

■ Eifersucht und Besitzdenken

Ana kann einen Typen nicht einmal mit dem Zehennagel ansehen, ohne dass Christian herbeigewetzt kommt und eifersüchtig wird. Von ihrem besten Freund hält er sie fern oder ist eifersüchtig, wenn die beiden miteinander reden, ihren Chef feuert er (in beiden Fällen ist auch ~Zeug~ passiert, aber ändert nichts an seiner ekligen Art) und als Ana sich einmal oben ohne auf ihrer eigenen Yacht sonnt, lässt er jede Zurückhaltung fallen, weil die (männlichen) Bodyguards!!!

■ Wenn du in der Gegenwart von Partner*in bist, weißt du nicht, wo dir der Kopf steht. Du bist dauernd emotional aufgewühlt, aufgebracht, unsicher

Selbsterklärend. Ana hat unendlich viele Monologe, in denen sie darüber nachsinnt, wie schlecht und kopflos sie sich fühlt.

■ Die Beziehungsstadien werden unglaublich schnell durchlaufen

Christian sieht sie, lädt sie zum Essen ein, fängt an krass besitzergreifend zu werden, macht sexuelle Anspielungen. Nach wenigen (3-5) Wochen ziehen sie zusammen, verloben sich, sie arbeitet (ohne es zu wissen) indirekt für ihn, Schwangerschaft usw.

■ Dein*e Partner*in kontrolliert dein Leben

Well. Christian nervt einfach so lange rum, bis er seinen Willen hat. Das erstreckt sich auch darauf, ob Ana ihr altes Auto behalten darf (nein), ihr neues von ihm gegen ihren Willen gekauftes Auto fahren darf (nein), kurze Sachen tragen darf, wenn sie rausgeht (nein) und entscheiden darf, dass sie gerade keinen Hunger hat (nein). Das, wohlgemerkt, wird alles im Buch nicht als Teil der BDSM-Beziehung dargestellt, so dass man mit „power exchange“ oder ähnlichem argumentieren könnte.
Nachtrag [04.08.14]: Da hab ich doch glatt eine riesige Sache vergessen; Christian kauft Anas Job. Sie betont, dass sie es alleine schaffen will, aber kurz nachdem sie eine Anstellung findet, stellt sich heraus, dass Christian die gesamte Firma gekauft hat. Weswegen er später in der Lage ist ihren Chef zu feuern.

■ Stalking

Schon ganz zu Beginn findet Christian erstaunlich viel Zeug über sie heraus, inklusive ihrer GPS-Daten als sie tanzen geht, um dort dann aufzutauchen.

■ Dein*e Partner*in tut sexuelle Dinge, die du nicht möchtest

Es passiert, mindestens zwei Mal, teils mit „dubious consent“, wo man im Nachhinein davon ausgehen soll, dass Ana es mochte. Sehr abgefuckt.

■ Manipulation

Ana erhält dauernd Geschenke mit Hintergedanken von Christian, die sie nicht ablehnen kann (weil er sie nicht lässt). Sie kriegt ein Notebook, damit sie erreichbar ist. Sie kriegt ein neues Auto, weil ihr altes zu unsicher sei – dass sie dann nicht fahren darf, weil das auch zu unsicher ist.

■ Emotionale Manipulation

Christian schmollt unzählige Male, bis er seinen Willen bekommt. Wiederholt weigert er sich auch mit ihr zu schlafen als Strafe (kein Teil der BDSM-Beziehung und es ist klar, dass das der einzige Grund ist – nicht dass er keine Lust hat).

■ Partner*in übernimmt keine Verantwortung für eigene Taten
■ Am Ende scheinst du immer das zu machen, was Partner*in will/zuzustimmen, weil es einfacher ist als dauernd zu streiten

Das sind die gesamten Bücher 2 und 3. Ana will irgendetwas, Christian will das nicht. Sie streiten ewig, bis Christian seinen Willen bekommt (wenn er die Situation nicht schon so manipuliert hat, dass es ohnehin geschieht). Im 3. Buch scheint Anas Wille einfach nur noch gebrochen und sie wendet teils nichts mehr ein, weil es ohnehin nichts bringt.

Eine weitere Liste mit konkreten red flags und Bezügen zum (1. Teil des 1.) Buch, könnt ihr hier auf Englisch nachlesen.

Ich kann nicht wirklich in Worte fassen, wie schlimm, gefährlich und verachtenswert ich diese Buchreihe finde. Ich kann nur sagen, dass es ab der Hälfte aufhörte Spaß zu machen zu lesen (obwohl ich eine lustige Review mit vielen Witzen gelesen habe!) und ich ohne Pausen nicht mehr weiterkam.

1 Wörtlich: rote Fahnen/Flaggen
2: BDSM: Ein Sammelbegriff für sexuelle Vorlieben, laut Wikipedia zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben von „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“.

10 Gedanken zu “50 Shades of Grey – Die Abrechnung (2)

  1. Vielen Dank für diesen Einblick in den Inhalt des Buches. Ich habe mir damals, als ich bei Thalia an der Kasse gejobbt habe, die Leseprobe von Shades of Grey zur Hand genommen und nach zwei Seiten weggelegt, da dieses Buch literarischer Abfall ist. Ich bin genau deiner Meinung, wenn du sagst, dass du keine verschnörkelten, blumigen Sätze brauchst. Aber ich verstehe nicht, wie diese Frau einen Verlagsvertrag bekommen hat mit diesen Subjekt-Prädikat-Objekt-Grundschulsätzen. Mit dem Thema habe ich mich nicht weiter auseinandergesetzt. Umso schockierter war ich, als ich deine beiden Artikel gelesen habe. Wenn Simone de Beauvoir und all die anderen Frauen, die für die Gleichberechtigung jahrelang mühsam gekämpft haben, wüssten, wie viele der heutigen Frauen ihr Werk mit Füßen treten, würden sie sich im Grabe umdrehen…

    1. Ich würde es nicht einmal zwingend in den Kontext Gleichberechtigung einordnen bzw. es v.a. den Frauen* zu Lasten legen, die diese Bücher kaufen. Die Popularität dieses Buches entsteht auch immer aus einem gesellschaftlichen Kontext heraus. Der ist in den USA, wo es zuerst verlegt wurde, der, dass (weibliche) Sexualität in vieler Hinsicht tabuisiert wird. Für viele, auch ältere, Frauen* scheint das das erste „naughty“ Buch zu sein, dass sie jemals in der Hand hielten (v.a. weil sie es durch die Popularität „dürfen“). Kein Wunder, dass die erste Wahl nicht zwingend die beste ist, wenn sie gar nicht wissen, was es da draußen Gutes gibt (oder vllt. auch vorm Kauf nicht wissen, was genau sie mit diesem Buch erwartet. Es wird ja als *das* heiße Buch vermarktet und nicht als das, was es ist – ein furchtbares Buch).
      Das zweite ist, dass es nicht aus heiterem Himmel kommt, dass viele Frauen* ein Buch kaufen, in dem solch eine furchtbare Beziehung angepriesen wird. Auch das ist der Gesellschaft anzulasten, wenn die Mehrheit der Frauen* nicht mit einer unmittelbaren Abscheu reagiert, weil ihnen abusive Beziehungen wiederholt schlicht als wünschenswert und „heiß“ oder ihre einzige Chance auf wahre Liebe verkauft wurden usw.
      Was auf jeden Fall objektiv schlimm für mich ist, ist a) dass die Autorin sich standhaft weigert anzuerkennen, was sie hier geschrieben hat und b) wir in einer Gesellschaft leben, die diesen Hype erst möglich gemacht hat.

      1. Ich stimme deiner Analyse vollkommen zu. Natürlich ist das Ganze viel komplexer und bei genauer Betrachtung des gesellschaftlichen Kontextes erklärt sich auch so einiges. Ich unterstelle den Leserinnen auch keine bewusst und bösartig anti-feministische Einstellung bzw. Haltung. Nur schockiert mich dieses unbewusste und völlig gedankenlose Konsumieren (was natürlich kein reines Frauenproblem ist!). Zudem bin ich ein wenig pikiert über die anscheinend nicht mehr existierenden literarischen Ansprüche seitens der Leser_innen. Ich kann ja verstehen, wenn mensch sich gerne mal bei einer Erotiklektüre etc. entspannen und seine Fantasien literarisch ausleben will, aber auch bei diesem Genre gibt es Niveau…

        „Was auf jeden Fall objektiv schlimm für mich ist, ist a) dass die Autorin sich standhaft weigert anzuerkennen, was sie hier geschrieben hat und b) wir in einer Gesellschaft leben, die diesen Hype erst möglich gemacht hat.“

        Jup, bei meiner Ablehnung dieser Bücher geht es auch vor allem „ums Prinzip“..

      2. Bei der Qualität kann ich es mir tatsächlich auch nur so erklären, dass die meisten nicht reingelesen haben, bevor sie es gekauft haben. Selbst die Sexszenen klingen furchtbar („He touched me … there“, is jetzt ned der Höhepunkt (ha) an erotischer Lektüre.)

  2. Völlige Zustimmung. Ich habe es nicht geschafft, den ersten Band durchzulesen. Das hat auch mit BDSM im eigentlichen Sinne wenig zu tun, da bestimmt ja die Sub-Person durch das Codewort die Grenzen, die Dom-Person richtet sich nach deren Wünschen. Nicht so bei 50 Shades of Grey, es geht da um permanente Grenzverletzung durch einen narzisstisch gestörten Kontrollfetischisten. Dann ist das Buch auch auf einer anderen Ebene erzreaktionär, es ist ja so eine Aschenbrödel-Cinderella-Story: Arme unschuldige Jungfrau wird durch schwerreichen Lebemann verführt und findet das gut. Ein in jeder Hinsicht ärgerliches Machwerk, und stinklangweilig geschrieben, sprachlicher Müll.

  3. Mich stört er deswegen so sehr, weil er in Kombination mit Entmündigung und einem falschen BDSM-Verständnis daherkommt. Das ist nicht nur sexistisch und antiemanzipativ, sondern Antiaufklärung pur.

  4. Ich habe diese Buchreihe nie in die Hände genommen, auch wenn ich nicht genau erklären kann, wieso. Irgendwie hat mich der Hype nicht gepackt, tut er ohnehin selten.

    Deine Analyse hat mich nun aber aufmerksam werden lassen. Ich finde es erschreckend, welche Tendenzen darin zu finden sind und noch mehr, dass es als gesunde – aber eben auch besonders aufregende – Beziehung verkauft wird.
    Viele der Verhaltensweisen weisen für mich ebenso eher auf eine gefährliche Missbrauchsbeziehung hin als auf irgendetwas erstrebenswertes.
    Grundlage für eine Beziehung sollte doch vor allem gegenseitiger Respekt (eben auch der Grenzen des anderen) sein und auf keinen Fall und niemals Machtmissbrauch.
    Es ist wohl ein wenig wie das Märchen, dass Eifersucht auf besonders intensive Liebe hindeutet und nicht auf ein Missverstehen eines reifen Umgangs miteinander. Gruselig, wenn man bedenkt, dass so eine breite Akzeptanz solchen Verhaltens wahrscheinlich einige Frauen glauben lässt, dass es vollkommen normal wäre, so behandelt zu werden und Männer, dass es wünschenswert ist, sich so zu verhalten.

    Danke für den Artikel auf jeden Fall.

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