„Hier Beziehungsstatus einfügen“. Ein paar Gedanken zu Liebe_Freund*innenschaft_RZB

Dieser Post ist eine Zusammenarbeit. Es beginnt Esme.

Wie viele meiner Entwürfe lag auch dieser schon mehrere Monate in einem Ordner und wartete darauf, dass aus zwei Links mehr wird. Beziehungen, romantische wie sexuelle, und die Art, wie wir mit ihnen umgehen, haben mich schon immer ein wenig gestört. Romantische, vornehmlich heterosexuelle Zweierbeziehungen (kurz RZBs) sind für mich allgegenwärtig und doch nicht fassbar. Es scheint eine Übereinkunft zu geben wie die aussehen, aber wenn ich mich umschaue, selbst die Menschen ansehe, die in einer RZB sind, sieht die Realität völlig anders aus als das Ideal.

Zuerst einmal ein Zitat zur Wichtigkeit, die verschiedenen Beziehungen beigemessen wird – innerhalb der Familie, freundschaftlich, romantisch und sexuell. Irrationalpoint schrieb auf sirem Blog über die „Relationship Hierarchy“:

In other words, from a very young age, we are taught The Relationship Hierarchy. Which is something like: blood ties and marriage ties trump other sorts of ties. Sexual relationships trump non sexual relationships. You have only one partner, who shall be your sexual partner and your lawfully-wedded spouse, and no other partners, and they trump all other relationships. Marriages that produce children trump non-procreating relationships, but Thou Shalt Not Be A Single Parent. “Family” and “Friends” are distinctive sets of people, and “Family” trumps “Friends”. “Friends” should mean only people of the same sex, but otherwise, same sex friends trump other-sex friends. You shall be emotionally intimate only with same-sex friends, unless you are a man, and then Thou Shalt Not Have Emotions.

(Hier klicken für Übersetzung.)

Nun möchte ich Bäumchen, das ich oben schon zitierte, in diesem Artikel begrüßen. Wir haben vorgestern wieder einmal über Beziehungen diskutiert. Dieses Gespräch brachte mich auch dazu, diesen Artikel endlich zu beginnen.

Ohai, Ezra¹. Nun, ich freue mich sehr, an diesem Artikel mitwirken zu können. Freund*innenschaften beschäftigen mich sehr: Was passiert da, wie halten sie, was wird als selbstverständlich vorausgesetzt, wieso können sie so intensiv sein und warum redet da kaum wer drüber? Ich habe dabei viel von einigen Freund*innen, aber auch von den eigenen Bedürfnissen, Sehnsüchten und Wünschen lernen dürfen.

Das hier Beschriebene ist kein abgeschlossener Text, keine „Formel“ für Beziehungen_Freund*innenschaften. Esme und ich versuchen unsere Erfahrungen zusammenzubringen, unsere Beobachtungen und das, was wir uns bei anderen Menschen angelesen haben. Dabei haben wir uns vorbehalten, das „Ich“ im Text zu lassen, nachdem wir uns gegenseitig fröhlich in unseren Textteilen herumeditierten. Dass „Freund*innenschaft“ in dem Text vor „Liebe“ kommt, soll kein Hinweis auf eine Art „Vorstufe“ sein oder gar eine tatsächliche/naturgegebene Hierarchie andeuten. Wir beschäftigen uns zuerst mit den geltenden Normen, um dann auf Alternativen einzugehen. Ich hoffe, ihr habt Freude an dem Text.

Freund*innenschaften

Freund*innenschaften sind nicht per se exklusiv, im Gegensatz zur Romantischen Zweierbeziehung. In unserer Gesellschaft ist eine große Vielfalt an verschiedensten Freundschaften gleichzeitig möglich und sogar wünschenswert. Dabei sind diese Freund*innenschaften in der Norm nicht sexuell und nicht romantisch. Ich kann nicht nur enge Freund*innen haben, zu denen ich viel Kontakt habe(n kann) und mit denen ich viel teile; auch nicht so enge Freundschaften sind möglich und erlauben mir oftmals einen Blick über meinen eigenen Tellerrand hinweg. Zwar dominiert das Thema Freund*innenschaften in Peer Groups, also unter sogenannten Gleichaltrigen; aber Freundschaften können zwischen allen Altersgruppen geschlossen werden. Die hieraus resultierenden, aber auch generell in Freund*innenschaften beobachtbaren Machtdynamiken werden weitaus weniger problematisiert als in sexuellen_Liebesbeziehungen. Das wird unterstützt durch die „Unwichtigkeit“ von Freund*innenschaften im Vergleich zu sexuellen_Liebesbeziehungen. Thema großer Literatur ist nun einmal die romantische Liebe, deren Aspekte dann auch ‚rauf- und ‚runteranalysiert werden.

„Liebe“, diese Blackbox, die wir beide nicht wirklich verstehen, ist nicht unbedingt das bindende Element, das Freund*innenschaften zusammenhält. Es gibt keine Verpflichtung wie in einer RZB, diese aufzulösen, sobald die Gefühle nicht mehr „echt und wahr“ sind. Freund*innenschaften können rein auf einem einzigen gemeinsamen Interesse beruhen, zB Sportarten. Sie müssen in dieser Hinsicht keine Kompromisse machen, weil sie bereits den Absolutheitsgedanken der alles erfüllenden Beziehung abweisen. Eine gewisse Grundsympathie reicht aus.

Dass Freundschaften nicht per se den Anspruch haben, all-erfüllend zu sein, ist ihre Chance wie auch ihr Fluch. Menschen werden entlastet von dem Bedürfnis, alles für die andere Person zu sein. Andererseits ist diese Eigenschaft von Freund*innenschaft sehr eng verknüpft mit ihrer ihr erstmal vorausgesetzten Unverbindlichkeit. Diese ist keinesfalls unschuldig. In unserer hetero- und paarnormativen Gesellschaft bedingen die Unverbindlichkeit der Freundschaft und die Verbindlichkeit der Romantischen Zweierbeziehung sich gegenseitig: Letztendlich kann eine romantische Zweierbeziehung nur deshalb solche Dominanz entwickeln, weil Menschen in ihr das einzige Versprechen nach Geborgenheit, Sicherheit, praktischer gemeinsamer (nicht einsamer) Lebensführung und Alltagsbewältigung sehen. Wie Eva Illouz in ihrem Buch beschrieb, geschah diese Verschiebung von Verbindlichkeit bereits einmal von der Familie hinein in die Ehe und die RZB. Weshalb romantische Liebe auch viel stärker heute mit unserem Selbstwertgefühl zusammenhängt als zuvor. Also: Wer keine Beziehung hat, hat erstmal „nur“ [scheinbar] weniger Unterstützung im Alltag. Aber plötzlich bedeutet es auch: Was ist falsch an dir, dass du keine Beziehung führst? – Eine Frage, die v.a. immer noch an Frauen* herangetragen wird.

Freund*innenschaften können oftmals an den Hürden scheitern, bei denen RZBs eher gesellschaftliche Unterstützung für gewisse Lösungswege erfahren. Viele meiner Freund*innenschaften erledigten sich mit einem Umzug, ohne dass es jemals Streit gegeben hätte. Die Idee einer „Fernfreundschaft“ in Vergleich zur kompromissbereiten „Fernbeziehung“ lag oftmals beiden Seiten fern, und wenn sie versucht wurde, klappte es nur in den seltensten Fällen, wobei das Internet als dritter „gemeinsamer“ Ort eine wichtige Rolle spielte.

Freund*innenschaften unterliegen stärker als noch RZBs und auch Polybeziehungen dem kapitalistischen Flexibilitätszwang. Die Zuneigung soll manchmal bis über große Distanzen hinweg halten können, um gute Freund*innenschaften sein zu können, auch bei wenig bis keinem Kontakt. Sie sollen jederzeit bereit sein, geben zu können, auffangen zu können. Dies alles, ohne dass Freund*innenschaften den gleichen gesellschaftlichen Schutz genießen würden wie RZBs. Freund*innenschaften sollen „wie nebenbei“ geführt werden.

Freund*innenschaft_Poly

Wenn wir über Freund*innenschaft reden, die sich nicht der Hierarchisierung ergeben will, und ihre ihr normativ gesetzten Grenzen überschreitet, wird’s komplex. Liebe, Begehren und Eifersucht sind in Freund*innenschaften kaum sichtbar. Aber auch ausgeweitete Formen einer gegenseitigen Verantwortung werden nicht „klassisch“ vorgelebt. Wer versucht, Alternativen zu leben, muss dies immer in Gegenwart der vorgefundenen Normativität machen. Dadurch ergeben sich andere, neue Probleme. Wenn ich versuche, verbindliche Freund*innenschaften aufzubauen mit Menschen, die immernoch ihre Beziehungen mehr oder weniger bewusst hierarchisieren, werde ich mich abarbeiten. Dabei kann viel Frust entstehen. Neue Ideen und Praxen stoßen nicht nur auf bewährte äußere konservative Strukturen, sondern auch auf unsere verinnerlichten -ismen. Unser Enttäuschungsruf dann: Es funktioniert einfach nicht/ Es soll nicht so sein. Wir müssen uns erstens also der Macht der Konvention bewusst werden, die in all unseren Beziehungen und Interaktionen wirkt. Ferner brauchen wir ein Verständnis davon, wie Gewaltstrukturen gemeinsam wirken. Ansonsten wiederholen wir nur das Gewaltvolle unter neuen Vorzeichen. In einer Gesellschaft in der zB Männer* dafür belohnt werden, mehrere (Sex-)Partnerinnen* zu haben, finde ich es nicht emanzipatorisch, wenn das öffentliche Bild von Polyamorie v.a. von weißen Männern* dominiert wird und mir diese erzählen, wie poly „funktioniert“.

Weiter spielen Rassismus, Klasse, Ableismus uvm in unsere verschiedenen Beziehungsdynamiken hinein. Poly kann mehr bedeuten und muss mehr bedeuten. Ein*e queere*r Migrant*in auf Tumblr schrieb darüber: poly kann bedeuten, in einer migrantischen Großfamilie zu leben, die sich gegenseitig unterstützt und füreinander Sorge trägt, wo gegenseitig die Erziehung der Kinder der anderen übernommen wird, damit Eltern arbeiten gehen können. Oder wenn mein Großvater seine Enkel für ein halbes Jahr bei sich aufnimmt, wenn sein Sohn in einer Krise ist. Das alles geschieht innerhalb einer Gesellschaft, in der sie in vielen Aspekten benachteiligt, prekarisiert und_oder kriminalisiert werden. Es ist wichtig, die Augen zu öffnen, für die vielen Formen von Liebe und Verantwortung, die Menschen bereits schon leben außerhalb von normativen Beziehungen und Hetero-Kleinfamilien.

Liebe ™ / sexuelle_romantische Zweierbeziehungen

Auf Twitter schrieb ich letztens scherzhaft, dass ein Artikel über Beziehungsformen bei mir nur „What … How? *Kopf kratz*“ lauten würde. Sie sind mir tatsächlich unklar. Ich meine, natürlich verstehe ich das Konzept: Wenn (bleiben wir mal bei) zwei Menschen sich lieb haben und zusammen finden, dann … usw. Das alles natürlich allgemein als sexuelle UND romantische Beziehung gedacht – da liegt mein erstes Problem. Mein zweites Problem liegt dabei, was danach kommt. Lasst mich erklären.

Wie Khaos.Kind einmal schrieb: Bücher und Filme hören da auf, wo der eigentliche Beziehungsalltag anfängt. Der Spannungsbogen ergibt sich daraus, ob zwei Menschen „sich kriegen“, nicht daraus, wie sie die Aufteilung von Haushaltsaufgaben meistern oder ob sie Kommunikations-Schwierigkeiten überwinden können. Die Vorlagen für Beziehungen hören also komischerweise gerade da auf, wo der zentrale Teil der Beziehung anfängt. Für eine gute Beziehung ist es eben nicht wichtig, dass sie aus einem Mann und einer Frau besteht, dass sie sexuell ist und der Heranzucht von 1,3 Kindern dient. Es ist wichtig, was die Partner*innen daraus gewinnen, sich gegenseitig geben können. Aber dieser Teil einer Beziehung bleibt unklar. Du erfährst, dass die Protagonist*innen im Film sich furchtbar lieben, aber nicht warum.

Sicher ist das dem Format Film geschuldet, aber ich erinnere mich sonst gerade nur an eine einzige (!) Liebeserklärung, die ich je las, die mich tatsächlich hat verstehen lassen, warum das Ganze. Also so, dass ich „ja, das klingt ganz nett“ sagen konnte. Denn vielfältig ist das, was ich von realen RZBs mitbekomme, eher gruselig. Da scheint das Zusammenleben nur aus Kompromissen und „ist halt so“ zu bestehen, gegenseitige Wertschätzung ist nicht im Bild. „Aber ich liebe si:hn halt“ oder „der Sex ist gut“ ist für mich kein Grund, mich langfristig in einer RZB zu binden, wenn es sonst an allem mangelt. Dann doch lieber eine neue Beziehungsform wählen, die den Umständen gerecht wird. Wenn v.a. der Sex gut ist, dann fuck your friends (als eine von vielen Optionen).

Das erste angesprochene Problem war die Definition einer RZB als romantische und sexuelle Beziehung (der Zweierbeziehungs-Aspekt ist natürlich auch eine Norm, der man entgegentreten kann). Ich will das nämlich nicht. Genau wie ich nicht durch den Physical Touch Escalator automatisch vom Kuscheln zu Sex rutschen will, will ich nicht durch emotionale oder körperliche Intimität automatisch in eine bestimmte normierte Form von Beziehung rutschen, die all die Beziehungsregeln unausgesprochen mit sich bringt („Du sollst in dein*e Partner*in verliebt sein.“ „Du sollst nur in dein*e Partner*in verliebt sein.“ „Du sollst Sex haben.“ „Du sollst nicht mit anderen flirten.“ usw).

Während diese Regeln für Menschen in einer RZB sinnvoll sein können, ist es schädlich sie unbesprochen über jede einzelne Beziehung zweier Menschen zu stülpen. Nicht alle wollen Sex. Nicht alle Menschen verlieben sich. Menschliche Bedürfnisse sind wesentlich verschiedener als es diese Regeln erscheinen lassen. Und dennoch werden sie mit jeder Generation fortgeschrieben und wenn man sie nicht möchte, muss man sich aktiv dagegen wehren, statt sich frei für die eigenen Beziehungsregeln entscheiden zu können.

Ich sage nicht, dass man so etwas nicht besprechen kann. Natürlich wird es besprochen, die Regeln angepasst, Menschen einigen sich. Aber Absprachen finden vor dem Hintergrund dieser Regeln statt. Sie sind die Norm und wenn man abweicht, muss man sich einiges erarbeiten. Und man muss zunächst einmal auf die Idee kommen und den Mut haben, diese Regeln zu ändern.

Beziehungen neu gedacht

Wie bereits geschrieben: Neue Beziehungsformen haben es schwer. Von „dem Freund“ oder „der Freundin“ zu reden, das macht keine Probleme (wenn man augenscheinlich ins Heteroschema fällt, keine Behinderung hat usw.) Aber erklär mal der Verwandtschaft, dass der nette Mensch, der dich da begleitet, dein*e gute Freund*in ist, mit der*m du auch schläfst. Genauso gibt es wenig Verständnis dafür, wenn du deine gute Freundin, mit der du auch zusammenwohnst, auf Firmenfeste oder Familienfeiern mitnehmen willst oder sie gar beerben. Da liegt es nahe, einfach von der*m „Partner*in“ zu sprechen. Um den Gedanken weiter zu fassen: Als ein notwendiges Tool im Umgang mit Konventionen seh ich eine gewisse Form von Selfcare als notwendig beim „Üben“ und Leben neuer Beziehungsformen. Nämlich die Grenze zu ziehen, zwischen dem, wo ich neue Wege ausprobiere und dem, wo ich mich immer wieder neu in Debatten, Erklärungen, schmerzhaften Outings beweisen muss, gegenüber Menschen, die vielleicht vor allem derailen, hasserfüllt sind oder voller Spott.

Für Normabweichungen muss sich wie überall gerechtfertigt werden. Sie stehen auch unter Beweispflicht: „Funktionierts denn?“. Im Schema zu bleiben wird belohnt. Das lässt mich auch ab und an fragen, wie viele Menschen in einer RZB sind, weil die Alternativen zu kompliziert sind. Oder nicht genug Absicherung bieten. Oder wie viele Menschen, die in einer Hetero-RZB zu leben scheinen, ganz anderen Regeln folgen.
Das Zurückfallen auf Normen findet sich selbst in Kreisen, die Neues ausprobieren. „Poly“ ist ein bekannter Begriff in der linken Szene, aber wie steht’s mit einem Verständnis für aromantische oder asexuelle Beziehungen? Neuerungen stehen immer einem gewissen Widerstand gegenüber. Und das Bekannte, erst die RZB, vllt. einmal Poly, genießt immer mehr Sicherheit als das, was folgt.

1 Die* Autori*n von High on Clichés benutzt Esme und Ezra austauschbar.

Weiterlesen:
Die folgenden Links teils via @antiprodukt.

Das ewige Ideal, ZEIT-Artikel zum Thema Treue
Liebe ,,Ich bin Poly“-Bezeuger*innen!, von Bäumchen
Herrschaftsaffären und Ausschlüsslichkeiten, von Sanczny
Die Alternative zur Consent Culture: Moral der Fürsorge!, von schizoanalyse
Die Romantische Zweierbeziehung. Beleuchtung einer trotzigen linken Praxis, von alek und die katrina von fremdgenese
liebe.arranca.de (Textsammlung)

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