Aktivismus vs. Self-care

Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr gebloggt und weiß nicht, wie das geht – aber ich werde es nun mutig versuchen.
Heute soll es um die Wechselwirkung oder auch die Widersprüche zwischen aktivistischer Arbeit und Selbstfürsorge (nenne ich kurz „self care“, gesprochen etwa self käh) gehen. Unter aktivistische Arbeit fällt dabei nicht nur vor die Tür zu gehen und Flyer zu verteilen/Demos zu organisieren/Werbung kreativ zu bemalen, sondern auch online zu diskutieren, einen Blog zu betreiben (versteht ihr??) oder sich einfach nur damit auseinanderzusetzen, was eins selbst an falschen Feindbildern und Vorurteilen eingetrichtert bekommen hat.
Ich würde euch nun clever auf meinen Self Care-Artikel verlinken, wenn ich den mal fertig gestellt hätte. Habe ich aber nicht, darum eine kurze Zusammenfassung zu Self Care: Selbstfürsorge kann auf sehr viele Arten betrieben werden, hat aber immer zum Inhalt, auf sich zu achten und sich zu pflegen. Grundlegende Arten der Self Care sind regelmäßig ausreichend essen, trinken und schlafen. Vor allem geht es weiterhin darum zu erkennen, wann man eine Grenze erreicht hat und weitere Aufgaben auf später verschieben sollte. Diese Überlegung ist auch für Aktivismus sehr wichtig.

Drin oder Draußen

Aber bevor ich näher darauf eingehe, welche Konflikte es zwischen Self Care und Aktivismus geben kann, möchte ich kurz betrachten, ob dieser Konflikt für uns alle gleich aussieht. Ihr habt es vielleicht erraten, jedenfalls: Nein, tut er nicht.
Überhaupt die Entscheidung zu treffen, ob man sich nun um Aktivismus kümmern möchte oder lieber ein Wochenende frei nehmen, das ist nur einer bestimmten Gruppe von Leuten möglich. Wenn mein Aktivismus darin besteht jeden Tag verteidigen zu müssen, dass ich auch als Angehörige*r von Minderheiten die gleichen Dinge in der Öffentlichkeit tun darf wie andere, gibt es nur bedingt mal Pausen. Wenn ich hingegen Aktivismus hauptsächlich in meiner Organisation mache, das Thema aber für mich gelaufen ist, sobald ich nach Hause gehe – dann habe ich ganz andere Möglichkeiten mich auszuruhen. „Aktivismus oder Selbstfürsorge“ kann man sich also nur wirklich fragen, wenn man ausreichend privilegiert ist. Ich schreibe aus einer weißen und ausreichend privilegierten Perspektive, um mir die Frage tatsächlich meist stellen zu können.

Arbeiten, ausruhen oder keine Wahl?

Diesen Artikel schreibe ich natürlich nicht einfach so, sondern weil ich diesen Konflikt regelmäßig bei mir selbst spüre. All die Dinge, die ich „in der Freizeit“ im Netz mache, sind angefüllt mit aktivistischen Themen. Auf Twitter, auf Tumblr, in meinem Feedreader – überall folge ich Leuten, die sich mit ähnlichen Themen wie ich auseinandersetzen. Da sind zwischen den Katzenbildern dann halt Meldungen über die in Kauf genommenen Tode von Geflüchteten oder neuer Forschung zu sexistisch motivierter Gewalt.
Wenn es immer etwas zu tun gibt, auf neue Fälle von Diskriminierung aufmerksam zu machen ist, ist es schwer zu beantworten, wann man einen Schluss-Strich ziehen sollte. Wann wird „mir ist gerade etwas flau im Magen“ zu „wenn ich die Seite nicht bald zumache, ist meine Woche gelaufen“? Und vor allem: Wie kann ich die Seite zumachen, wenn das Problem davon nicht weggeht?
Wenn man bemerkt, dass unsere Welt scheiße läuft und man die Entscheidung trifft etwas dagegen zu tun, dann übernimmt man auch eine Verantwortung. Nicht zwingend eine Verantwortung für eine konkrete Person, aber eine Verantwortung vor sich selbst sich zu kümmern. Die Frage ist, wann man diese für den Tag oder die Woche oder gar längere Zeit ablegt. Wenn man Kopfschmerzen bekommt? Wenn die Motivation irgendetwas zu tun schwindet? Wenn man Probleme hat, ausreichend Schlaf zu finden und Essen zu essen? Wann wird Aktivismus zur Selbstschädigung?
Wie oben angesprochen sieht „die Verantwortung abgeben“ nicht für alle gleich aus. Viele, vielleicht sogar die meisten, finden ja zum Aktivismus, weil sie persönlich betroffen sind – sei es von Rassismus und/oder Cis-Sexismus und/oder Ableismus usw. D.h. selbst wenn sie sich entscheiden nicht mehr im Großen zu kämpfen, landen sie nicht in einer diskriminierungsfreien Hängematte, sondern müssen weiterhin mit den kleinen Stichen und Anfeindungen umgehen, die ihnen die Gesellschaft schon immer aufgetischt hat. Wie viel Pause ist also wirklich drin?

Ich habe zu all dem natürlich keine Antwort. Bzw. keine Antwort, die für wesentlich mehr Leute als mich selber funktionieren würde. Aber ich denke es ist wichtig, dass wir auf uns achten, sowohl auf uns selbst als auch gegenseitig aufeinander. Wo Anstrengung ist, da muss auch Ruhe sein, anderenfalls sind die Kraftreserven irgendwann leer.

Viele Gedanken zum Thema Feminismus und Erschöpfung hat Melanie auch schon bei den Femgeeks veröffentlicht, gesammelt und diskutiert.

(Weitere Artikel zum Thema können gerne in den Kommentaren verlinkt werden – aber wenigstens mit einer kurzen Erklärung zum Inhalt.)