Ich zeichne

Ich habe angefangen zu zeichnen.

Es ist schon fast ein Jahr her, da habe ich mir ein A6-Notizheft gekauft (A4 – zwei mal halbiert) und die Angst vor der weißen Seite überwunden. Das ist nämlich das Schwerste: diese weißen Seiten in diesem schönen Heft anzusehen und sich vorzustellen, wie man hilflos darauf herumkrakelt, abrutscht und alles versaut. Ich bin oft abgerutscht. Ich habe sehr unförmige Menschen gemalt. Ihr Arme und Beine sehen eher aus wie Klamotten auf Stöcken, statt menschliche Gliedmaßen. Aber ich weiß trotzdem noch, wo ich gerade saß, als ich sie gemalt habe. Und ich schaue nicht kritisch auf di:en damalige Ezra, ich schaue wohlwollend. Gerne blättere ich durch das Heft und sehe mir an, was ich schon alles gemalt habe.

Mit dem selbst Schaffen kam auch ein größeres Interesse an anderer Kunst. Auf Tumblr begegnen mir immer wieder Zeichnungen, Gemälde, Photos, Skulpturen, die mir gefallen. Früher konnte ich Kunst nicht wirklich genießen. Ich hatte nur einige der Künstler (kann man getrost sagen) kennengelernt, die halt berühmt sind und mir wurde etwas über geometrische Formen und Säulenenden erzählt. Wir haben im Kunstunterricht zwar mit vielen verschiedenen Techniken und einigen Materialien gemalt, aber eins habe ich nicht gelernt: zeichnen. Keine Proportionen, keine Perspektive (nur sie zu analysieren), keine Schatten. Mit dem Selbermachen habe ich angefangen, mir das selbst beizubringen, abzuschauen, zu erlesen und es gefällt mir. Die gemalten Arme und Beine sind jetzt auch nicht mehr parallel.
Und anscheinend hatte ich keinen richtigen Kunstgeschmack, denn von den Bildern, die wir besprochen haben, fand ich nur wenige wirklich gelungen. Falsch. Das, was mir vermittelt wurde, ist ein völlig eingeschränktes Bild. Es ist geprägt von „westlichen“ Maßstäben, was Kunst ist und was nicht. Also Kunst ist es schon mal nicht, wenn man nicht weiß ist. Falsch.
Selbst zu zeichnen hat mich anders, vielleicht genauer, vielleicht interessierter, auf andere Kunst schauen lassen. Und es hat mir die Freiheit gegeben zu sagen: Nope, gefällt mir nicht. Picasso? Find ich jetz nicht krass.

Ich hab zum Beispiel die hier gemacht.

Bild von Nahadoth, einer Figur aus einem Roman von N.K. Jemisin
Nahadoth, einer der Götter aus der „Inheritance Trilogy“ von N.K. Jemisin

Bild eines Sturms in einer Kaffeetasse
Sturm in der Teetasse

Bild einer Person, die Wärmflaschen an ihren Bauch presst und eine an den Kopf gebunden hat. Drumherum steht in Englisch 'it's period time'
Ein Versuch mit meinem Grafik Tablet

Bild zweier Augen
Verzweifeltes Augenrollen, geboren aus der Situation

Was macht ihr Kreatives? Wenn ihr mögt, verlinkt es. Macht es euch fröhlicher? Macht ihr es aus einem anderen Grund?

PS: Ich würde gerne bloggen, aber mein Körper lässt mich nicht. Also mal ein anderes Thema.

7 Gedanken zu “Ich zeichne

  1. Mir hilft eine Packung weißer, bemalbarer Postkarten gerade sehr dabei, die Angst vor dem leeren Blatt Papier zu überwinden. Sie sind relativ klein (also leicht zu füllen), ich kann sie danach als Karte verschicken, und wenn alles schiefgeht, nehme ich einfach eine neue vom Stapel.

  2. Oh ja, das zeichnen lernen. Ich habe auch nie zeichnen gelernt. Einmal im Kunstunterricht sollten wir Portraits zeichnen, haben das dann eher mathematisch aufgebaut mit Flächen und von einem Foto abgezeichnet. Später hatte ich dann einen Kunstlehrer, der ganz cool war. Mit dem sind wir dann auch rausgegangen und haben mal in der Natur gemalt, und der hatte generell Ideen (voll nice, Ideen^^) und hatte Lust Leuten Zeichnen beizubringen, oder eher Hilfe zur Selbsthilfe: Dass die Leute sich selbst zeichnen beibringen.

    Das Problem des westlichen Blicks ist ja generell da. Da muss mensch sich wahrscheinlich auch selbst helfen. Das Internet hat ja tolles Potential auch nicht-westliche, nicht-weiße, nicht-Männer kennenzulernen.

    Oh und das weiße Papier, ja. Ich wollte auch immer ein Zeichenbuch um mir im Nachhinein Zeichnungen anzuschauen, oder Malereien, aber das hat nie geklappt, weil es immer so gezwungen war und ich es halt gerne wollte, aber irgendwie… naja. So entstanden dann eher einzelne Arbeiten, momentan Linoldrucke (macht super viel Spaß) und generell Acryl-Portraits und Stencils.

    Deine Kunst gefällt mir, auch wenn ich bei dem Tablet-Entwurf die gemalte Schrift etwas gruselig finde. Aber so ist das mit gemalter Schrift manchmal. *wirr*^^ … ansonsten fein. Besonders das erste sieht so furchteinflößend professionell aus. *grusel*

    :)

    1. Haha, danke dir. Das erste ist auch chronologisch das erste von den 4. Perfektionismus yay?

      Ich habe totale Probleme mit Tablet-Schrift, einfach mit dem Schreiben auf dem Tablet. Vielleicht’s liegt an meinem Tablet, aber ich kann da nicht mal produzieren, wie ich sonst schreiben würde.

      Wie finanziell aufwändig ist denn das Material, dass du verwendest? Das schränkt immer noch so’n bisschen ein, was ich benutze (momentan nur Bleistift, Gelstifte, stinknormale Filzstifte, Wasserfarben).

      1. genau. Das sieht so nach Klimt aus.^^ (jaha, der westlich-sozialisierte Blick).

        oh, mh. Naja, fürs Stenciln brauchst du halt nen Cutter oder nen Skalpell und alte Plastikordner. Das Teure ist dann die Farbe, aber die gibts auch in kleineren Mengen, je nachdem. Mensch muss ja nicht mit 4*4meter-Stencils anfangen. Ach so, genau. Ich spreche halt von Textildruck, aber du kannst die Stencils auch mit Lack und keine Ahnung sprühen, aber Lack ist halt auch nicht so billig.
        Und für Linoldruck bietet sich halt leider an eine Presse zu haben… oder zumindest Zuang dazu in einer Kunstuniversität deiner Wahl. ó.ò …
        ja, alles eher nicht so billig. Aber für den Linoldruck kannst du ganz normales PVC benutzen, das gibts sogar im Fußboden der Züge der Deutschen Bahn. :D

  3. Ich tanze Flamenco. Weil es da egal ist, wie alt oder wie schwer/dick ich bin, weil es da o.k. ist, dass die Erfahrungen und Narben, die ich im Laufe des Lebens erworben habe, sichtbar sind. Ja, das Tanzen macht mich meistens fröhlicher. (Ich wollte eigentlich am Wochenende ein kurzes Video mit ein paar Lieblingsschritten für mein Blog machen, aber nun habe ich mir den Fuß verstaucht, also ist erst einmal nichts mit Tanzen).

    1. …wobei ich hier noch ergänzen wollte, dass beim Flamenco durchaus das Problem der „cultural appropriation“ berücksichtigt werden muss.

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