Open Thread: Ist der #aufschrei nur der Anfang?

Schlagwöter: #aufschrei – Feminismus – sexualisierte Gewalt

Ihr habt siiicher aaalle mitbekommen, dass auf Twitter unter dem Stichwort #aufschrei von sexistischen Kommentaren und Erlebnissen berichtet wird.
Leider sind die Tweets unter dem Hashtag (d.h. Stichwort) teils heterosexistisch und viele versuchen die Teilnehmer*innen zum Schweigen zu bringen. Es finden sich also nicht nur Erfahrungsberichte und Kommentare, sondern schlicht sexistische Bemerkungen. Deswegen mit Vorsicht genießen (RW=Redewendung). Hier aktuelle Tweets ansehen.

Eine Artikelsammlung zum #aufschrei gibt es u.a. hier. Ich selbst habe meinen Frust in den zwei letzten Artikeln rausgelassen: #aufschrei und Bis zum männlichen* Horizont und nicht weiter.

Nun meine Frage an euch: Glaubt ihr, dass sich etwas ändern wird? Denkt ihr, dass Menschen Feminismus für sich neu entdeckt haben oder endlich anti-sexistische Gesetzgebung folgen wird? Oder geht ihr davon aus, dass alles schnell vergessen sein wird und es bleibt wie es ist?

17 Gedanken zu “Open Thread: Ist der #aufschrei nur der Anfang?

  1. Ich bin extrem skeptisch, ob sich gesamtgesellschaftlich was ändern wird. Gerade die Art und Weise, wie das Thema in den Mainstream-Medien verhandelt wurde („Hat Deutschland ein Sexismus-Problem?“, argh) scheint in meinen Augen eher ein Abwicklungs-Mechanismus zu sein: Auseinandersetzung vortäuschen, um das Thema dann als geklärt vom Tisch zu schieben. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die Debatte bei einzelnen Personen für Sensibilisierung gesorgt hat (in Blogs gefunden: Hinterfragen der „Ich bin doch kein Opfer“-Haltung / Hinterfragen eigener, bisher unreflektiert gebliebener Verhaltensweisen), das ist ja auch was wert.

      1. Me too. Habe den Eindruck dass unheimlich Viele über die Medien, vor Allem übers Fernsehen, ragen könnten.
        Deswegen habe ich eine Petition an ARD und ZDF gestartet, bei der hoffentlich ganz viele Menschen unterzeichnen, um deutlich zu machen, dass wir nicht zufrieden mit der Art und Weise sind, wie das Thema bisher behandelt wurde.
        Ich hatte schon vorher auch einen offenen Brief an ARD, ZDF und dritte Programme geschickt, aber die Befürchtung, dass der vielleicht untergeht: http://feminist-in.net/index.php/topic,25.0.html

        Aber je mehr sich drüber aufregen und das auch sagen, desto besser.
        Deswegen unterschreibt hier:
        http://www.change.org/de/Petitionen/ard-zdf-und-die-dritten-programme-kl%C3%A4rt-endlich-angemessen-%C3%BCber-den-sexismus-in-dieser-gesellschaft-auf

  2. Mhm…
    Also ich habe momentan nicht den Eindruck, dass die Aktion zu mehr feministischen Menschen führt. Dafür findet mir zu wenig Querverbindung zu feministischen Themen statt.
    Was passiert, ist, dass auch mal mehr Feminist*innen als Alice Schwarzer irgendwohin eingeladen werden. Anne Wizorek und Nicole von Horst oder Anke Domscheidt-Berg oder Merle Stöver z.B. Das ist gut, wenn da mal mehr Vielfalt gezeigt und gehört wird.
    Und es wird immer wieder erwähnt, dass die Thematik seit unzähligen Jahren von Feminist*innen angesprochen und behandelt wird.
    Irgendwie lese ich aber so gut wie kaum von Menschen, die deswegen Feminismus jetzt toll fänden. Die, die bereits feministisch aktiv sind, werden dadurch sichtbarer. Nicht unbedingt mehr.

    Zumindest in Österreich ist auch eine Veränderung des Strafrechts in der Debatte. Die hiesige Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek bringt seit einigen Jahren immer wieder einen Vorschlag zur Gesetzesänderung ein, der den Paragraphen zur sexuellen Belästigung ausweitet. Und bisher wurde er immer wieder abgelehnt. Die Justizministerin ist nämlich vehement dagegen.
    Vielleicht ist der gesellschaftliche Unmut jetzt groß genug, um auch ins Parlament zu wirken. Sind ja auch bald Wahlen. ich hoffe jedenfalls, dass sich da was tut.

    In Deutschland kann ich noch nicht groß erkennen, ob es auf der Ebene der Medien und Partei“interna“ bleibt oder wirklich breitete Kreise zieht.

    Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass das Thema so schnell vergessen sein wird. Irgendwas wird da definitiv noch draus passieren. Nur was, ist die Frage.

    1. Ich glaube Linke oder Grüne hatten schon versucht, die Sache zu instrumentalisieren o.ô („Ein Thema, für das wir schon immer gestritten haben, wurde wieder aktuell“ oder so)

  3. Anfangs war ich sehr hoffnungsvoll, aber wenn ich jetzt sehe, dass fast nur noch frauenfeindliche, derailende und Troll-Tweets kommen, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Zumindest haben viele gemerkt, dass sie nicht allein mit ihren Erfahrungen sind. Das ist ja schon mal was wert.
    Die Reaktion der Medien war auch nicht sehr gehaltvoll. Wenig Grundsatzdiskusion, viel Herungekaue auf Brüderle, viel Evolutions-Bla, viel Unterbrechen der feministischen Parteien in Diskusionen, viel Selbstinszenierung.
    Ich hoffe wirklich, dass die Diskusion noch ein wenig anhält und möglichst viele Menschen registrieren, was Alltagssexismus ist und dass er überall ist.
    Ich weiß nicht, ob ich hoffe, dass sich was bewegt… ich würde gern glauben, dass ich das hoffe, abe ich kann mich schwer selbst davon überzeugen.

  4. Was die Sache besonders schwer macht, finde ich, dass Medienöffentlichkeit halt durch Medien gemacht wird. Und wie schon gesagt wurde: die haben zu 97% völlig unterirdisch und inkompetent reagiert; Die Talkshows zum Thema wurden wahlweise genutzt, um den Sexismus des Moderators (Jauch) auszuleben oder einfach eine möglichst schlamm-schlachtige, ins Nichts führende Situation aufzubauen. Wie käme man sonst auf die völlig sinnlose Idee, einen PickUp-Heini „gegen“ Feministinnen* auf die Bühne zu schicken?

    Auch das ganze: „Hat Deutschland ein Sexismus-Problem?“. Wie unzählige Male auf Twitter gesagt wurde: Wie kommt man auf die Idee, es sei eine angemessene Reaktion auf 50.000 Tweets, die von sexistischen oder/und sexualisierten Übergriffen berichten, diese Frage zu stellen, statt über Deutschlands Sexismus-Problem zu reden…

  5. Also ich bin positiv überrascht, dass es überhaupt zu einem Ding geworden ist. Kann die Appelle nicht ausstehen, die zu einem Lauter und Mehr aufrufen. Es war immer schon laut und viel, aber jetzt hats n Hashtag und Medienaufmerksamkeit.
    Der New Yorker hat dazu geschrieben und jetzt auch Forbes. Ich bin gerade gut drauf und glaube dass es eine Wirkung haben wird. Wird nicht in der Revolution münden, aber manch Mini-Erschütterung wirds geben.

    1. Das lauter und mehr war nie das Problem. Es gab immer Leute. Hat halt niemand zugehört -.- Ich find’s halt scheiße, wie die innerdeutschen Medien berichtet haben, aber mehr Aufmerksamkeit isses schon, da hast du Recht.

  6. Ich denke, die Aufschrei-Debatte wird bei heterosexuellen Männern zu zwei Effekten führen.

    Erstens: Bei denen, die es betrifft, die Frauen sexistisch beleidigen und belästigen, wird die Debatte höchstens ein Achselzucken verursachen – und sie werden weitermachen.

    Zweitens: Bei zurückhaltenden und schüchternen Männern, die eh schon ein Problem damit haben, Frauen anzusprechen wird die Debatte dazu führen, dass sie noch zurückhaltender und schüchterner werden.

    Wetten, wann der nächste Artikel über „Schmerzensmänner“ (http://www.zeit.de/2012/02/Maenner) erscheint, die für frustrierte Frauen sorgen, werden noch angenommen.

    1. AAARRRRRGGGGHHH. Nicht schon wieder so ein Typ, der ne Debatte um sexuelle Belästigung derailt zu dem traurigen tränenrührenden Mythos über einsame Männer, deren Einsamkeit viel schlimmer ist als die der Allgemeinheit.

    2. Dieser Diskussionsstrang ist geschlossen. Weitere Kommentare zum Thema* sind willkommen.

      *Nicht das Thema: Warum haben Hetero-Männer* es so schwer beim Flirten, die Armen.

  7. Disclaimer: männlich, weiß, cis-hetero, privilegiert.

    Ich beschäftige mich seit einigen Jahren laienhaft mit dem Feminismus, und möchte ein paar Aspekte ansprechen.

    Mit antisexistischer Gesetzgebung (über das hier existierende hinaus) habe ich keine Erfahrung. Gibt es da Ansätze, zB im Ausland, die funktionieren? Ich habe die Befürchtung, dass hier schnell – wie derzeit bei Belästigung oder gar V*rg*w*lt*g*ng – die Betroffenen zum zweiten Mal leiden müssen. Wir kennen ja die ganzen Scheinargumente. Ich würde dafür plädieren, zunächst die „hat sich nicht genug gewehrt“-Argumentation aus unserer Rechtspraxis und den Gesetzen zu entfernen. Zweifel am Konsens und trotzdem „weitergemacht“? -> Inakzeptabel.

    Zum Thema „Awareness“ möchte ich kurz erzählen, wie meine Erfahrungen da sind. Dadurch, dass ich mittlerweile eine recht sensible Antenne für Sexismus habe, störe ich den „Frieden“ in meiner Umgebung recht häufig durch Konfrontation. Das funktioniert in den verschiedenen Situationen unterschiedlich gut.

    (1) Unter Männern lernt man schnell, die eigene Genervtheit herunterzuschlucken und diplomatisch zu formulieren, da sonst jegliche Botschaft untergeht. Unter Fremden ist ein externes Eingreifen auch ein zweischneidiges Schwert (zB Männer die sich am Nachbartisch über ihre Übergriffe unterhalten).

    (2) Viele meiner Freund*innen sind zurecht empfindlich, wenn ich den Eindruck erwecke in ihrem Namen sprechen zu wollen. Zudem sind die persönlichen Grenzen sehr unterschiedlich. Zusätzlich zum mittlerweile besseren Verständnis ihrer persönlichen Grenzen, versuche ich hier, sehr stark auf Körpersprache und andere Signale zu achten. Eine Ablenkungsstrategie funktioniert hier besser als ein offenes Eingreifen.

    (3) Unter ganz fremden Menschen (ich kenne weder „Täter“ noch „Opfer“) kommen weitere Dimensionen hinzu: Nehme ich der betroffenen Person den Raum und mache sie dadurch erst zum Opfer? Wie kann ich eine Eskalation (zB Gewalt) vermeiden? Wirke ich evtl. als weiterer Angreifer? Bin ich schon durch mein Beobachten der Situation („glotzen“) Teil des Übergriffs? Welche „harmlose“ Strategie (Ablenkung, welche Seite?) könnte funktionieren?

    Aus meiner Erfahrung glaube ich, dass es allgemeingültige Regeln und Lösungen nicht gibt. Menschen sind zu kompliziert und individuell. Respekt ist leider immer noch keine Selbstverständlichkeit, Kommunikation ist unglaublich schwierig, und das gilt sogar vollkommen unabhängig von allen Geschlechtergrenzen.

    1. Es geht hier ja nicht nur um das eine Symptom: Übergriffe auf der Straße. Es geht um anti-sexistische Gesetzgebung. Wurden Leute durch die Aktion aufmerksamer? Werden sie sich mehr damit beschäftigen, was Sexismus überhaupt ist und wo sie sexistisch handeln, fernab von den Straßensituationen? Usw.

      Darüber, wie man ein guter männlicher Ally sein kann (um z.B. das für Frauen* sprechen zu vermeiden), hat Ana Mardoll geschrieben: http://www.anamardoll.com/2012/11/deconstruction-how-to-be-male-ally.html

      Bei Auseinandersetzungen zwischen Fremden finde ich es generell gut, respektvoll ggü. der*m Angegriffenen zu sein (nicht: „Ich begleite Sie jetzt hier ‚raus“), aber Aufmerksamkeit zu signalisieren. Und du hast Recht, dass man da als Mann* nochmal anders herangehen sollte, um nicht bedrohlich zu wirken. „Ist alles in Ordnung?“ an die Frau* gerichtet, finde ich z.B. gut. Oder den Mann* abzulenken, wenn möglich (in ein Gespräch eines völlig anderen Themas zu verwickeln, nicht ihn seine „Schuld sehen zu lassen“ oder so). Aber klar, es gibt keine Lösung, die immer funktionieren wird. Aber es geht hier, wie oben gesagt, eben um viel mehr, als bei Übergriffen auf der Straße einzuschreiten.

      Meine Hoffnung ist halt, dass solche Übergriffe schlicht abnehmen, wenn es in der Familie, auf Arbeit, in der Schule, überall als falsch angesehen wird, übergriffig zu sein.

      1. Ich denke schon, dass die Debatte bei vielen zu mehr Aufmerksamkeit führt. Habe einige sehr konstruktive Diskussionen zu dem Thema gehabt, vor allem mit Männern die sich schlicht damit noch nie beschäftigt hatten.

        Mindestens genauso viel Gegenwind, Derailing und Mimimi habe ich allerdings auch gespürt. Erschreckend, wie sich manche Menschen (lies: Männer) als stumpfe Ignoranten entlarven.

        Unter antisexistischer Gesetzgebung kann ich mir leider immer noch nicht viel vorstellen. Und ja: Es geht um mehr als (Street) Harrassment. Aber abgesehen von strukturellen Änderungen (erster Schritt: Frauenquote zum Aufweichen von männlichen Machtstrukturen) sind aus meiner Perspektive vor allem Diskussionen in meinen sozialen Umfeldern (Arbeit, Freizeit, Internet, Straße) meine unmittelbaren Einflussmöglichkeiten.

        Den Ally-Text (und viele andere in der Richtung) kenne ich. Daher wollte ich kurz aus meiner Perspektive berichten, wie sich mein Verhalten da entwickelt hat und wie schwierig ich es in der Praxis empfinde, aber natürlich immer noch deutlich „einfacher“ als für unmittelbar Betroffene. :-(

      2. Ich denke, politisch entscheidet auch oft, wie viel Druck man machen kann. Wie Khaos.Kind schon sagte, hat es anscheinend in Österreich ein bisschen geholfen. Auch soll hier (sprich in Deutschland) ja ein Beratungstelefon geschaltet werden ab März für Fälle sexueller Belästigung.
        Sind halt alles kleine Schritte und ich glaube @LenaSchimmel hatte gestern recht, als sie auf Twitter schrieb, dass durch die ganzen Datenkanäle (von Twitter in die Medien in die Öffentlichkeit usf.) viel der Dringlichkeit verloren geht. Vor allem, wenn sich die Medien so furchtbar inkompetent und schlicht sexistisch anstellen.

        Aber ich finde’s auch gut, wenn alle auch auf ihr unmittelbares Umfeld einwirken. Natürlich sieht man es als krasseren Effekt, wenn endlich sinnvolle Gesetze eingeführt werden, aber ich denke, „lokaler Aktivismus“ trägt dazu bei, die gesellschaftliche Meinung positiv zu verschieben.

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