Consent und die Unterhosen-Regel

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: Consent Culture – Selbstbestimmung – Grenzen – Grenzüberschreitung – Hilfe

(Consent = Einverständnis, Zustimmung)

Vom Essen, über Gesundheitsfragen, hin zu persönlichen Erlebnissen: irgendeine*r weiß es definitiv besser als du. Z.B. was du wirklich auf deinem Teller haben solltest. Oder dass du nur ein bisschen Sport machen müsstest gegen deine Depressionen. Oder dass deine Erzählung nicht soo schlimm klingt; Sicher, dass du nicht überzogen reagierst?

Wie Cliff Pervocracy in seinen Artikeln zu Consenct Culture betont hat, sind (solche) Grenzüberschreitungen nicht erst im Dunstkreis (RW=Redewendung) der Sexualität von Bedeutung.

Die Nase in fremden Angelegenheiten (RW)

Sowohl in den USA als auch in Deutschland sind Menschen einfach daran gewöhnt, alles zu kommentieren und zu allem eine Meinung haben zu können. Schließlich beruhen zwischenmenschliche Beziehungen stark darauf: man unterhält sich mit anderen Menschen über noch andere Menschen und was die so tun. Meist bewertet man das Tun auch.
Die Neugierde und die Genugtuung, die u.a. als Motor dienen, können aber schädliche Folgen haben. In den Medien sieht man das etwa an Celebrity-Zeitschriften und -Sendungen. Ein Großteil der Storys beruht auf Fotos, die über Paparazzi beschafft werden. Was die tun, kann mitunter als nichts anderes als Stalking bezeichnet werden – nur um an ein nichts-sagendes Foto zu kommen, das verschwommen vergrößert werden kann, um eine an den Haaren herbeigezogene (RW) Geschichte zu „bestätigen“. Aber wenn man Geld damit machen kann, wird es natürlich durchgezogen. Wie z.B. Fotos unter Emma Watsons Rock zu jagen, sobald sie 18 wurde. (Trigger-Warnung sexualisierte Gewalt, Sexismus, Mysogynie für Quelle)

Aber auch im engeren sozialen Kreis vergisst man schnell, dass man zwar eine Meinung dazu haben kann, wie andere ihr Leben führen, aber dass man kein Recht hat, ich wiederhole, kein Recht ihnen dabei reinzureden. Nein, es ist nicht notwendig, anderen zu sagen, was man für „besser“ halten würde.

[…] but it’s important to remember that unsolicited advice (no matter how well-intentioned and on-its-merits-correct) can be the perfect cocktail of presumptuous and judgmental.  You’re basically saying “You’re doing that wrong, and I think I’m smarter than you.”

We think we know, so we forget to ask. No one knows how to make an Ass out of U and Me like families, old friends, and long-term relationship partners. We think that things that happened way back when constitute data that allows us to make assumptions about how things are now, like “You aren’t patient enough to be a teacher, remember how you were when you played school that one time with your little brother and I had to stop you from shoving the chalk up his nose?”

Ooh, look how that has nothing to do with how you’ll actually perform as a teacher and look how it conveniently reminds you that the other person remembers when you were small and powerless and not good at stuff and tries to place you back there. And then you’re standing there, like, um, I’m actually a teacher, like, I get paid to do it now for real, that’s what it says on my taxes and everything and why would you even bring that up? YOU DON’T KNOW ME!

JenniferP/Captain Awkward

In dem Zusammenhang fand ich die Unterhosen-Regel ganz toll, von der ich letztens las: du bist di:er Chef*in deiner Unterhosen und anderer Leute sind ihr*e eigene*r Chef*in. Das bedeutet grob gesagt: vermeide Allaussagen. Denn wenn „alle“ etwas tun sollen, schließt das zwingend mehr Unterhosen ein als deine eigenen.
Wenn du mit „Man sollte…“, „Wenn nur jede*r…“ usw. anfängst, kommt daher meist Mist heraus.

Das eigene Leben kennt man am besten, also geht man bei allen Überlegungen von der eigenen Situation aus. Und dann sagt man, dass Leute, die nicht joggen gehen, einfach nicht auf ihre Gesundheit achten. Und eine fragt, wie sie mit ihrem verstauchten Knöchel joggen gehen soll. Und du merkst: du hast abgefuckt. Da war doch was, namentlich Ableismus (um ein Gegenargument von vielen zu nennen).
Es scheint also keine Idee zu sein, eine einzige Idee für eine Vielzahl von verschiedenen Lebensrealitäten vorzuschlagen.

Ein Weg zur Consent-Gesellschaft

Wofür ich mich aber einsetze, ist nicht nur die Abschaffung von Allaussagen. Die vielen kleinen Einmischungen sollen weg.

Ein Frage, die man sich stellen sollte, bevor man Ratschläge verteilt, lautet: Handele ich gerade im Sinne einer Consent-Gesellschaft (Trigger-Warnung für Link: Erwähnung von sexualisierter Gewalt)? Unterstütze ich mit dem, was ich vorhabe, eine Gesellschaft, in der alle über ihre (quasi sprichwörtlichen und echten) Unterhosen herrschen? – Unerbetene Tips oder das Drängen zu „nur einem Bissen“/“einem Schlückchen“ sind Grenzüberschreitungen. Die einen mögen sie als nervig wahrnehmen, die anderen als unhöflich, aber selten hält man inne, um zu prüfen, warum sie ärgerlich stimmen: Eine andere Person greift in die eigene Autonomie ein und ignoriert deinen Willen in einer Sache, die einzig deiner Entscheidungsmacht unterstehen sollte. Eine verärgerte Reaktion hilft dir dabei, vor einer erneuten Grenzüberschreitung solcher Art auf der Hut zu sein.
Wozu solcher Ärger aber selten führt, ist zur Forderung nach neuen Regeln für den Umgang miteinander. Es liegt einfach nicht nahe, Verhalten in Frage zu stellen, dass offensichtlich keine*n sonst stört, sonst würden die anderen ja etwas dagegen sagen, wenn man ihnen Häppchen aufdrängt…?

Wir brauchen aber neue Regeln. Dass wir neue Regeln brauchen, wird nicht nur durch die hohe Rate an (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen* und Minderheiten deutlich. Eine gut durchdachte Praxis von Consent macht es auch möglich, wie Cliff Pervocracy oft wiederholt, einer Situation „an der Nasenspitze“ (RW) anzusehen, ob hier Einverständnis vorliegt oder man eingreifen muss.

One of the major steps toward creating a consent culture is making consent look different from coercion.

Cliff Pervocracy

Das Ziel ist es Übergriffe und freundschaftliches Verhalten auf den ersten Blick (RW) unterscheidbar zu machen.

Wo anfangen…

Wenn man nun vermeiden möchte, selbst eine von diesen pushy (aufdringlichen, fordernden) Personen zu sein, muss man leider gegen die eigene Erziehung ankämpfen. Je nach Kultur bist du auch ein*e schlechte*r Gastgeber*in, wenn du nicht mindestens drei Mal fragst, ob deine Gäste wirklich nichts essen möchten.
Und wenn man Freund*innen oder Familie anspricht, möchte man ihnen oft nur helfen bzw. einfach sicherstellen, dass es ihnen gut geht.
Aber selbst in diesem Zusammenhang ist intent halt nicht magic: Gutes wollen und Gutes tun ist nicht das Gleiche.
Diesem Problem kann man sich auch nicht entziehen, wenn man irgendeine Form von Aktivismus ausführt. Es geht halt nicht drum irgendetwas zu tun, sondern etwas Hilfreiches. Deswegen braucht man immer wieder Rückversicherungen und Absprachen, was die Personen, denen man helfen will, denn überhaupt möchten. Und, ganz wichtig, ob sie überhaupt Hilfe brauchen. Hilfe kann nicht als Einbahnstraße verstanden werden, wo man einfach das tut, das man für gut hält und am Ende der Straße kriegt man die Medaille „ich war ein guter Mensch“. Auch wenn eine consent-basierte Form des Helfens schwerer umzusetzen ist: Hilfe ist es erst a) wenn du mit der zu behelfenden Person gesprochen hast b) dich versichert hast, dass sie Hilfe braucht und möchte und c) gefragt hast, was tatsächlich hilfreich wäre. Es gibt keinen kurzen Weg um die Rücksprachen und Kursänderungen, wenn man Hilfe tatsächlich für die anderen anbieten will und nicht als Abkürzung nutzen, um das eigene Ego zu stärken.

Wer nun otterly (das ist ein Wortspiel aus utterly = völlig und „Otter“) verwirrt ist, was nun tun, eine erste Idee: How not to talk to people who tell you something sad.

Übersetzung der englischen Stellen auf Anfrage

5 Gedanken zu “Consent und die Unterhosen-Regel

  1. Haha, die Tipps gegen ungebetenes Tippgeben sind hilfreich. Eigentlich möchte ich ja jemand sein, die für andere hilfreich ist, aber das Nachfragen, ob etwas auch jetzt und jetzt OK und gewünscht ist, scheint auch ab und zu zu irritieren. Es ist so, als ob man oft auch wieder Gedanken lesen können soll oder eine Gedankenlesphantasie erfüllen…
    (Besonders arg ist das bei der Mutter meines Freundes, die wütend ist, weil ich ein mal selbstständig was ganz Kleines gemacht habe vor langer Zeit und zwar, weil man mir gesagt hatte, ich müsse wegen solcher Sachen nicht jedes Mal fragen…und weil ich überhaupt da war. (Weil sie meinem Freund die Frage ob ich mitkommen kann mit „ja“ beantwortet hat. Aber er hätte sich ja denken können, dass sie das nicht will. Oder so.)
    Das verunsichert total…)
    Bei mir läufts mittleriweile auf stur trotzdem immer bei jeder Sache fragen raus, aber das Gefühl es (jedenfalls bei neuen Menschen) so oder so nur falsch machen zu können ist blöd.

    Ich finds mittlerweile auch einfacher, mich zu entschuldigen, wenn ich das Gefühl habe, was falsch gemacht haben zu können vielleicht eventuell mal schauen. Entschuldigen kostet in der Triumphkultur hier viel Überwindung, leider. Fand ich Übungssache.

    Ich glaube, dieses Einmischen ist oft auch als eine Art Fragen und Herausfordern, mehr zu erzählen, gedacht. Ein bissl verquer, aber wenn sich sowas mal eingebürgert hat…Man soll sich quasi in der Sache verteidigen, zu der einem „geraten“ wird oder wo der andere sagt „noch nie gehört, gibts das echt?“…

    1. (Besonders arg ist das bei der Mutter meines Freundes, die wütend ist, weil ich ein mal selbstständig was ganz Kleines gemacht habe vor langer Zeit und zwar, weil man mir gesagt hatte, ich müsse wegen solcher Sachen nicht jedes Mal fragen…und weil ich überhaupt da war. (Weil sie meinem Freund die Frage ob ich mitkommen kann mit “ja” beantwortet hat. Aber er hätte sich ja denken können, dass sie das nicht will. Oder so.)

      Mit sowas kann man dann nicht mehr produktiv umgehen. Wenn ich eine Person nach ihren Wünschen frage und sie mir eine Antwort gibt, halte ich mich an die Antwort (wenn ich’s nicht vergesse). Dann wütend zu sein, wenn ich nicht errate, sie meinte etwas anderes? Nope, not cool.

      Ich glaube, dieses Einmischen ist oft auch als eine Art Fragen und Herausfordern, mehr zu erzählen, gedacht. Ein bissl verquer, aber wenn sich sowas mal eingebürgert hat…Man soll sich quasi in der Sache verteidigen, zu der einem “geraten” wird oder wo der andere sagt “noch nie gehört, gibts das echt?”…

      Das könnte einer der Gründe sein, warum es mich so sehr stört.
      Ich erlebe es halt auch öfter, dass ich nur Dampf ablassen will und dann geben Leute mir Ratschläge. Dann sage ich natürlich: „Nein, das kann ich nicht machen, weil a, b, c und das auch nicht, das auch nicht.“ und es ist für alle Beteiligten unproduktiv, weil man völlig aneinander vorbeiredet. Deswegen finde ich es wichtig darauf zu achten, ob eine Person gerade im Beschwer- oder im Lösungs-Such-Modus ist.

      Das kann auch so aussehen, dass ich irgendwann feststelle, dass Leute sich immer nur über die gleiche Sache beschweren (also Woche über Woche) und ich irgendwann für mich ’nen Schlussstrich ziehen muss, weil ich’s nicht mehr hören kann. So in etwa das 10. Mal „Omg, ich bin so arm dran, ich bin wieder von meinem wackelnden Stuhl gefallen“ und immer noch kein Anzeichen, dass der mal repariert werden soll. (Ich meine natürlich Sachen, wo die Person es tatsächlich in der Hand hätte, etwas zu machen. Nicht irgend so’n „Du brauchst nur frische Luft und ’n bisschen Bewegung. Ich weiß es total besser als du“-Scheiß.)

  2. Hallo Esme,

    danke für deinen Text, eigentlich für alle deine Texte! :)

    Aber ich hätte eine Frage wie du es siehst, wie ich selbst im Consent bleiben kann, wenn ich ständigen Übergriffen durch zum Beispiel Drogensucht ausgesetzt bin?

    Nehmen wir einmal Beispielsweise an, ich hätte in meiner Familie eine suchtkranke Person, die durch Coabhängigkeit gedeckt wird. Und die Abhängigkeit würde mich so belastet, dass ich selbst beinahe in die Abhängigkeit abrutschen würde.

    Als Ausweg sehe ich da nur drei Optionen:
    1. Entweder ich bin übergriffig und bring es zur Sprache oder
    2. ich bin übergriffig und verlasse die Familie oder
    3. ich lasse es auf meine Kosten weiter zu.

    1. Alsooooooooo, ähm, da es anscheinend viele Fragen aufwirft, werd ich dazu noch ’nen Artikel schreiben, aber erst mal:

      (1) Consent praktizieren heißt nicht, dass man selbst keine Grenzen mehr hat/haben darf.
      Dann ist es ja eben nicht Consent. Wenn eine Person etwas von dir will und du willst es nicht, dann heißt die Lösung: es wird nicht gemacht. Consent ist etwas, das auf Gegenseitigkeit beruht und nicht immer von dir „gegeben“ wird, aber nicht von dir „genommen“ werden darf.

      (2) Menschen um etwas zu bitten/eine Grenze zu ziehen ist nicht zwingend Übergriffigkeit. (Ich würde sogar sagen: kann in den wenigsten Fällen überhaupt übergriffig sein.)
      Wenn du einer Person sagst, sie kann dich nicht mehr besuchen, weil – keine Ahnung – sie schon zu viele Teller kaputt gemacht hat, dann ist das nicht „übergriffig“. Das ist ein Akt der Grenzziehung, wo du sagst, „Ich brauche für mich, dass die Person nicht mehr in meine Wohnung kommt.“ und das ist völlig in Ordnung. Übergriffig wäre es, wenn du z.B. ungefragt bei Menschen zu Besuch kommst, ohne dass ihr ein Verhältnis zueinander hättet, indem das normal ist. Also z.B. bei neuen Arbeitskolleg*innen wäre das nicht in Ordnung.
      Übergriffig ist, wenn du für eine Person entscheidest, was sie [mit ihrem Körper] tut. Z.B. dich in ihrer Wohnung treffen, obwohl ihr nichts dergleichen ausgemacht habt.

      Also in deinem Beispiel:
      Die Person darauf ansprechen, dass du mit der Situation nicht leben kannst: nicht übergriffig.
      Ihr sagen, dass du gerne einen Kompromiss/eine Lösung finden würdest: nicht übergriffig.
      Sagen, dass du Konsequenzen xyz ziehen wirst (für dich, d.h. hauptsächlich in deinem Zimmer sein/nicht mehr mit ihnen Umgang haben wollen/ausziehen/Kontaktabbruch): nicht übergriffig. Ja, auch ein Kontaktabbruch ist nicht übergriffig.
      Die Konsequenzen folgen lassen: nicht übergriffig.

      Wo die Grenze zur Übergriffigkeit überschritten würde, ist wenn du die Person irgendwo outest. Oder wenn du sie gegen ihren Willen nehmen und zu einer Untersuchung schleppen würdest.
      Manchmal werden „zum Wohl“ der anderen Person auch in Kauf genommen, etwa wenn ein Krankenwagen gerufen wird, um ihn zu einer*m suizidgefährdeten Person zu schicken; die Person hat den Krankenwagen ja nicht angefordert bzw. kann man sagen, man steht ihrem Wunsch zu sterben im Weg. Da wird dann halt nach dem Grundsatz gehandelt, dass die Grenzüberschreitung nicht so schwer wiegt wie der eventuelle Tod der Person.
      Aber das ist moralisch schon komplexer und für die Frage weniger relevant, denn niemand kann eine Person nicht-suchtkrank machen, als die Person selbst.

      Worauf ich hinaus will: „Ich kann so nicht leben und möchte deswegen eine Lösung finden. Sollte dieser Kompromiss nicht funktionieren, werde ich (für mich) xyz tun.“ ist als Gedanken und laut ausgesprochen völlig in Ordnung und richtig.

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