Klassistisches Push-back

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: Klassismus – Sprache – Fachbegriffe – Hartz IV – Sanktionen – Feminismus

Engl. to push back: etwas oder jemanden zurückdrängen

Artikel zu Klassismus zu schreiben, hat einen sonderbaren Effekt: man erfährt von Menschen, die man für völlig fortschrittlich hielt, dass man mal langsamer treten soll (RW=Redewendung). Nicht nur in der Klassismus-Diskussion im deutschen Feminismus, von z.B. Nadia Shehadeh, Antje Schrupp, Nadine Lantzsch oder sanczny (nach unten scrollen für Links), sondern auch unter anderen Artikeln zum Thema. Derartige Kommentare, die sich unter meinen Artikeln gefunden haben, sind zum Teil hier gelandet (Abschnitt „Warum Noten an der Uni ein Hohn sind“).

Was ich mich frage, ist, woher das kommt. Bei der feministischen Debatte wahrscheinlich durch den hohen Anteil an Akademiker*innen und damit akademischer Sprache. Man ist halt dran gewöhnt so zu reden und komplizierte Worte drücken komplizierte Sachverhalte so schön kurz aus. Dass das nur gilt, wenn man mit der Sprache vertraut ist, vergisst man dann schnell. Ich sitz immer noch manchmal vor meinen Texten und entdecke ein weiteres Wort, dass ich vielleicht umformulieren sollte. Ich selbst versteh‘ es ja, also verstehen es alle..? Oh nein, Moment. Ein Text wird halt nur für die leichter mit Fachbegriffen, denen deren Bedeutung vertraut ist.

Aber allgemein, warum diese harsche Reaktion auf die Kritik an Klassismus? Warum krieg‘ ich so viele „ist halt so“, wenn ich sage, dass Noten keine Lebensrealität widerspiegeln? Dass Noten angeblich gerecht verteilt werden, aber das System überhaupt nicht in der Lage ist, die für die Abgabe geleistete Arbeit zu überblicken? Warum geht es plötzlich um Hochbegabte, wenn ich den Intelligenz-Begriff kritisiere?
Es ist der gleiche Grund, warum Hartz IV-Bezieherinnen* immer noch mit „faul“ verbunden werden. Warum Menschen nicht den Bogen von supertollen Bekannten, die zufällig auch Hartz IV beziehen zu „den“ Hartz IV-Bezieherinnen* spannen können (RW). Die sind ja anders. Die sind was Besonderes. Aber die echten Hartz-IV-Bezieherinnen*, ganz schlimme Sache das.

Nein.

Ich denke, Klassismus ist die Sache, die immer den anderen passiert.

Die sind anders

Die Leute, die angeblich von unseren Steuergeldern leben, das sind die anderen (was heißt „angeblich“, tun sie. Und ich bin dankbar, dass sie von Steuergeldern leben statt ohne Steuergelder zu sterben, herrgottnochmal). Ich kenn zwar nur tolle und rechtschaffene Hartz IV-Bezieherinnen*, aber irgendwoher muss die B***-Zeitung doch ihre Geschichten haben. Können ja nicht alle erstunken und erlogen sein (HAHAHAHAHAHA *rofl*).
Sind sie aber. Es gibt diese Zwei-Dimensionalen Figuren zum Ausschneiden nicht, mit denen die Sanktionen gerechtfertigt werden. Es gibt nur Menschen, die versuchen in einem Land zu überleben, wo sie Gewalt ausgesetzt sind. Von Behörden, von Mitmenschen, oft mündlicher Gewalt, aber Gewalt. Gewalt, die von ihren eigenen Freundinnen* und ihrer eigenen Familie kommt, denn wir wissen ja, es wär so leicht, einfach „’nen Job“ zu kriegen. Gewalt, die durch unser System bedingt ist, weil Politik und Zeitungen Zwei-Dimensionale Schablonen produzieren, die aber voll total echte Menschen darstellen sollen. Die sind in dieser echten Hängematte und trinken echten Martini. Ham so ’nen echten Swimming-Pool und so ’nen richtig echten Benz. Irgendwann glaubt man den Scheiß auch noch.

Ich bin anders

„Die anderen“ sind aber nicht nur die bösen Hartz-IV-Bezieherinnen*. „Die anderen“ sind auch die, die wirklich von Klassismus betroffen sind. Wenn ich mir noch Essen leisten kann und nur frieren muss, weil die Heizkosten sonst zu hoch werden, geht’s mir doch noch gut, oder? Wenn ich nur einen Nebenjob brauche, um mich selbst über Wasser zu halten (RW), darf ich doch nicht klagen? Wenn ich mir das zweite Getränk beim Ausgehen mit Freundinnen* nicht leisten kann, liegt es sicher nur an schlechtem Geldmanagement? Andere müssen doch sicher auch einen Essensplan aufstellen, um sicherzustellen, dass sie sich genug Nährstoffe leisten können? Wenn ich nur jedes zweite Fachwort eines Textes nicht verstehe, muss ich mich doch nur mehr anstrengen? Oder? Oder???

Lassen wir’s einfach

Wenig Geld ist nichts Neutrales und nichts Okayes in diesem Land. Auf der einen Seite will man sich nicht damit identifizieren, weil sofort Stereotype über arme Menschen auf eine* einprasseln. Auf der anderen Seite will man sich nicht damit identifizieren, weil es so wehleidig, so selbstmitleidig klingt.
Der Zustand ist einfach perfekt! Keine* möchte sich als arm zu erkennen geben, weil es nur noch mehr Schwierigkeiten bedeutet. Mehr Ausgrenzung, mehr Beschimpfung, mehr „Beiß die Zähne zusammen“, mehr „Aber hast du schon mal dran gedacht, dass du Geld sparen könntest, wenn…“. Der Zustand ist wirklich einfach supertoll. Denn so werden wir weiter auf der Stelle treten (RW). So werden unbeachtet mehr Sozialleistungen gekürzt, mehr Leute in die Wohnungslosigkeit getrieben und dann verprügelt, mehr (Wahl-) Familien auf dem niedrigstmöglichen Lebensstandard gehalten, der tatsächliches Überleben überhaupt noch erlaubt.
(Trigger-Warnung: Tod) Und manchmal auch nicht.

*Dieser Text ist wegen der Woche des generischen Femininums und aus Spaß an der Freude im generischen Femininum mit Gender-Sternchen geschrieben.

4 Gedanken zu “Klassistisches Push-back

  1. ich habe den artikel jetzt ein paarmal gelesen, und ich verstehe dich so, dass du einerseits schlecht findest, dass in der feministisch-fast-nur-akademischen „szene“ unverständlich geredet wird und damit ausgeschlossen wird, aber dann geht der artikel weiter. mit vorurteilen gegenüber von armen und abwertung von armen. ich finde das schliesst sich leider so nahtlos aneinander an – dass mir der eindruck entsteht, die feminist_innen, die meinten, sprache dürfe ruhig mal akademischer sein, sind für dich dann auch die gleichen leute, die vorurteile gegenüber hartz4 empfängerinnen haben und die einer person die von armut betroffen ist, raten, sich halt ihr geld besser einzuteilen.
    das finde ich schade, dass das alles so in einem topf landet.

    wenn ich genau und dreimal drüberlese, sehe ich zwar, dass du mit dem feminismus eigentlich in dem einen absatz über sprache fertig bist und dann geht es eher allgemein um armut und vorurteile und woher die ablehnung in den kommentaren kommt. aber das sind für mich auch zwei verschiedene themen, ausgrenzung von armen und die sprachgeschichte.

    zur ausgrenzung von armen: die verheimlichung von armut kann auch dringend nötig sein. als arme person die sich mal was schenken oder helfen lässt, bist du nämlich den mildtätigen gegenüber zu ewiger dankbarkeit verurteilt und hast du aber weiterhin ein eigenes leben und ne eigene meinung statt der dankbarkeit, kann dir ganz schön irrationaler hass entgegenschlagen. du kannst rausgedrängt, gemobbt, sonstwas werden, dir kann die eh schon spärliche existenz zerstört werden. da gehts wirklich um „trau, schau, wem“. ich finde es sicherer, armut vor leuten, die man nicht kennt und denen man nicht vertrauen kann, mit denen man aber irgendwie auskommen muss (nachbar_innen, arbeitskolleg_innen etc) so weit es geht, zu verheimlichen.

    wer über armut reden will, forderungen stellen will, darf in dem moment nicht mehr arm sein, ohne viel zu riskieren, so schauts doch aus. deswegen finde ich die proteste der geflüchteten so irre gut. weil menschen in diesem asylantragspipapo prozess eigentlich in einer lage sind, wo sie in angst und schrecken gehalten werden, ständig bedroht sind dass ihnen das wenige, was ihnen zugestanden wird, auch noch entzogen wird. diese kraft, trotzdem selbstbewusst aufzutreten, die politische bühne zu rocken, alles zu riskieren, nicht als bittsteller_in und almosenempfänger_in, das ist so eine inspiration und macht mich wirklich sehr sehr froh und dankbar. dass das in diesem land jetzt gemacht wird. ich hoffe (und helfe manchmal auch ein bischen) dass die geflüchteten ihre ziele erreichen!

    aber allein (als einzelperson) offen gegen residenzpflicht verstossen, alleine sich mit den vorurteilen der gesellschaft rumschlagen, alleine mit forderungen auftreten als flüchtling – das wäre einfach viel zu gefährlich gewesen.
    und als mensch, der von armut betroffen ist, ist das auch relativ (wenn auch nicht sooo) gefährlich. die leute schnallen das, dass du nicht die ressourcen hast dir einen anwalt zu nehmen, dich zu wehren, vielleicht ein schwaches soziales netz der gar keins. das enthemmt. schön wär, wenn wieder mehr zusammenschluss da wäre und das wieder mehr öffentlich thema wäre, dass sich arme menschen nicht mehr einzeln unterbuttern und einmachen lassen müssen. aber angesichts der konkreten gefahr, die es sein kann, sich als arm zu outen.. das ist einfach ein teufelskreis, wie du schon geschrieben hast.

    naja, zum ende hin noch eine verständnisfrage: du schriebst „die _wirklich_ von klassismus betroffen sind“ und meinst damit arme menschen? ich dachte, armut sei nicht das gleiche wie betroffenheit von klassismus. ich dachte, klassismus ist, wenn menschen diskriminiert werden, weil ihnen armut oder ein bestimmter bildungs- oder klassenhintergrund unterstellt wird. die armut selbst ist dann nochmal was anderes, oder hab ich das falsch verstanden?

    hm, also ein fazit hab ich jetzt keines in meinem kommentar. ausser nochmal in kürze, dass ich das thema armut sehr wichtig finde, aber dass ich das nicht vermischen würde mit der sprachdiskussion in der feministischen blogosphäre. das wird weder dem thema noch der debatte gerecht (ist halt meine meinung).
    und dass ich pessimistisch annehme, dass man, um zum thema armut auf den putz hauen zu können, entweder sich zusammentun muss oder man muss schon aus dem gröbsten raus sein. alles andere ist risikoreich.
    ..
    ja dann, soweit erstmal..
    grüsslis!

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