Feministischer Kauderwelsch

Schlagwörter: feministisch Fachsprache – Wortwahl – Fremdwörter

Auch erschienen auf takeover.beta

(Ich schreibe „feministisch“/“Feminismus“, für mich fällt darunter aber jede Art von Aktivismus gegen Diskriminierung. Feminismus, der nur Sexismus in den Blick nimmt (RW=Redewendung), ist nutzlos.)

Auch jetzt bin ich noch nicht ganz mit dem Thema Feminismus und Sprache fertig.
Denn es bleibt eine Frage: Wenn ich doch versuche, meine Texte zugänglicher zu gestalten, warum dann Begriffe aus dem englischen Sprachraum beibehalten? Warum überhaupt Begriffe aus „der Szene“ benutzen, statt sich allgemeinverständlich auszudrücken? „People of Color“, „Mansplaining“, „Hetero-Sexismus“, geht das nicht auch irgendwie anders? In einfach? (Vielleicht auch in nett?)

Halt nicht. Beziehungsweise nur teilweise. Lasset mich ausholen.

Während @NurGedanken sich hier dazu äußert, warum akademische Sprache schwierig ist, ist der Punkt auch für feministische „Fachsprache“ wichtig; „Sexismus“ meint nicht einfach „Frauen*-Feindlichkeit“. „Rassismus“ ist nicht „Angst vor Fremden“ (ich mag das Wort „Xenophobie“ kein bisschen). In beiden Fällen ist nicht nur die Diskriminierung „von Mensch zu Mensch“ gemeint, also zum Beispiel feindliche Aussagen oder Handlungen. Die Begriffe stehen für ein größeres System der Diskriminierung, das sich durch Behörden, Universitäten und Geschichtsbücher zieht. Mit anderen Worten: die Begriffe, die benutzt werden, haben keine Ein-Wort-Übersetzung ins Deutsche. Eben weil ein Wort nicht die gesamte Bedeutung eines vielschichtigen Begriffes zusammenfassen kann.

Warum so viel Englisch?

Kiturak:

Es gibt einen Berg an guten Gedanken und Theorien, den sich Feminist_innen erkämpft haben. Ein guter Teil davon ist in der letzten Zeit in englischer Sprache. Die Diskussionen und politischen Kämpfe in deutschsprachigen Blogs sind in dem Bereich schlicht um ein paar zig Jahre hinter dem englischsprachigen Bereich (meist USA/Kanada) hinterher.

Intersectionality, zu deutsch „Intersektionalität“ kann man auch als „Mehrfach-Diskriminierung“ bezeichnen. Bei anderen Begriffen wird es schon schwerer.
Kiturak:

“Allies” heißt nicht einfach “Verbündete”. “Allies” sind privilegierte Verbündete, im Gegensatz zu diskriminierten Menschen. Schreib ich was von “Verbündeten”, denken die Leut, ich mein, mit wem zusammen ich ne Demo organisier.

Mit anderen Worten: einige Begriffe sind leicht zu übersetzen. Durch die Übersetzung verlieren sie aber den Bezug zu ihrer ursprünglichen Bedeutung. Das ist ein bisschen, wie wenn man ein Wortspiel aus einer anderen Sprache übersetzt und plötzlich macht es keinen Sinn mehr. Leider merkt man bei einer Übersetzung wie „allies“ => „Verbündete“ gar nicht, dass Bedeutung verloren geht. Aus dem englischen übersetzte Wortspiele lassen eine*n hingegen stutzen, weil sie in deutsch sonderbar klingen.

Es bleibt natürlich das Problem, wie man solche Begriffe nachschlagen soll, wenn man selbst nicht gut englisch spricht. Einerseits denke ich: wer der Meinung ist, man solle „doch einfach“ deutsche Begriffe verwenden, schafft es sicher alleine dict.cc oder leo.org zum Übersetzen zu verwenden.
Damit die Begriffe nicht unverständlich bleiben, habe ich sonst mein Glossar angelegt. (Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass ich die einzige Person bin, die solche Wörter jemals erklärt hat. Auch in Deutsch. Google benutzen, ernsthaft.)

Worte mit Geschichte

Und dann kommt noch ein sehr wichtiger Punkt, den kiturak schon im ersten Zitat ansprach: diese „Fachbegriffe“ und die dahinerstehenden Theorien wurden von Menschen erkämpft, die von aller Art von Diskriminierung negativ betroffen sind. Sie wurden nicht total unpersönlich und von außen, wie es die Weiße-Männer-Philosophie gerne tut, erdacht.
Diese Wörter dienen dazu, Diskriminierung einen Namen zu geben. Man kann nicht über Dinge reden, für die man keinen Namen hat. Man braucht Worte, um zu beschreiben, was passiert. Diese Wortfindungs-Prozess, diese Begriffe dienen der Befreiung, sie dienen den gemeinsamen Kampf gegen ungerechte Systeme. Sie erst ermöglichen die Kritik am herrschenden System, durch Benennung.

Das ist keine neue Aussage und ich weiß auch gerade nicht, wie ich es in Worte fassen soll. Es ist schwer zu beschreiben, wie wichtig es ist, Diskriminierung benennen zu können. Oder die eigene Identität in Worte fassen zu können (etwa mit „trans*“ und (gender-) „queer“, um nur zwei Worte zu nennen).
Wenn man die Existenz dieser Worte angreift, spricht man sich dagegen aus, dass Menschen endlich sichtbar werden. Man möchte einen Wortschatz vernichten, der die Grundlage darstellt, um sich gegen Diskriminierung aufzulehnen.

Sprache finden

Um ein persönliches Beispiel dafür zu nennen, welche Bedeutung es haben kann, wenn man bestimmte Begriffe kennenlernt: Mansplaining (setzt sich zusammen aus man = „Mann“ und ’splaining, kurz für explaining = „erklären“). Ich habe das mal wie folgt beschrieben:

[dabei erklärt ein Mann*] einer Frau*, die entweder qua [durch] Beruf/Ausbildung oder durch ihre bisherigen Redebeiträge deutlich gemacht hat, dass sie bestens mit dem aktuellen Thema vertraut ist, in einem langen Kommentar die Feinheiten des aktuellen Themas. Bonuspunkte, wenn der Inhalt bereits von Frauen* in vorherigen Beiträgen dargelegt wurde.

Diesen Begriff zu entdecken war einfach toll. Endlich hatte ich ein Wort für Erfahrungen, die ich immer wieder gemacht hatte. Endlich konnte ich mit einem Wort benennen, warum mich etwas wütend machte, statt es kompliziert beschreiben zu müssen. Ich konnte sogar in einer ganzen Kommentarspalte nachlesen, welche ähnlichen Erfahrungen andere Frauen* gemacht haben.

Feministische „Fachworte“ werde ich deswegen beibehalten.

Kiturak:

Nochmal: Hier geht’s um Klassismus, und speziell akademische Sprache. Nicht darum, ob es okay ist oder nicht, erkämpfte Sprache und Wissen von politischen Bewegungen ohne Unterschied als Angeberei abzutun.

Schlusswort: alles so kompliziert

Ja, ich erinnere mich noch an die Zeit, als alle feministischen Texte einschüchternd waren. Ich erinnere mich an den Eindruck, dass manche das ja echt eng sehen mit der diskriminierungs-freien Sprache. Ich erinnere mich an das bange Gefühl, als ich nach 1 1/2 Jahren vielleicht den ersten Kommentar hinterließ. Würde man mich kritisieren? In der Luft zerreißen?
Für mich hat es sich gelohnt. Für mich hat es sich gelohnt, stille Mitleserin zu sein und mich immer und immer wieder in den Texten wiederzufinden.
Später war ich erstaunt, wie viele bereichernde Texte ich von Menschen finden konnte, deren Probleme ich nicht teile. Sie haben mir neue Perspektiven gezeigt. Sie haben mir auch Mut gemacht, weil ich gesehen hab, dass manche Menschen zusammenarbeiten wollen, um verschiedenste Missstände anzugehen.

Was ich sagen will: es ist ein langer Prozess, mit den Gedanken zu Rassismus, Sexismus, Ableismus, Klassismus, … vertraut zu werden. Aber er lohnt sich. Und es gibt keine*n, di:er mit den Begriffen „einfach so“ vertraut ist. Alle mussten sich irgendwie in die Themen einarbeiten.
Kritik soll nicht dazu dienen, Leuten eins ‚reinzuwürgen. Die Kritik soll dazu dienen, einen besseren Raum für alle zu schaffen.
Die Einarbeitungszeit ist schwer, weil die Themen so schwer und vielschichtig sind. Weil so vieles für das privilegierte Auge unsichtbar ist. Und die Einarbeitungszeit ist für niemanden jemals vorbei. Das kann ich jetzt schon sagen.

Nachtrag: Nicht zu vergessen ist, dass die „Theorie“, von der wir reden, für viele Menschen Praxis ist. Wir behandeln diese Themen, weil wir nicht mehr von Diskriminierung betroffen sein wollen bzw. möchten, dass andere nicht mehr negativ betroffen sind. Hinzugehen und zu sagen „ich als Weiße finde es so schweeeer nichts Rassistisches zu sagen/anti-rassistische Theorie zu lernen“, ist einfach nur die Höhe an Selbstgerechtigkeit. Ja, anderen „können“ das Thema schon, weil sie täglich damit konfrontiert sind. Sagt mir bitte nicht, ihr habt es schwer, weil ihr euch das anlesen sollt.

8 Gedanken zu “Feministischer Kauderwelsch

  1. Das ulkige ist ja, dass zB „ally“ im Englischen tatsächlich nur „Verbündeter, Alliierter“ bedeutet, und dass erst im Diskurs eine Umdeutung zu „privilegierter Verbündeter“ stattgefunden hat.

    Das heisst, wir könnten den deutschen Begriff nutzen, wenn wir in der ersten Zeit die Zeit investieren, ihn auch mit dieser zusätzlichen Bedeutung aufzuladen.

    1. Da merkt man, dass hier die Entwicklung einfach nicht so weit ist. Wenn wir in Deutschland nicht so langsam wären, wär‘ der Begriff schon klar definiert ;)

      1. Zu dem „allies“ und wie es kam: Mir wurde das so erklärt (also heißt, so hab ichs in Erinnerung gelesen zu haben, keine persönliche Erklärung):

        Es gibt Menschen, die direkt von einem *ismus unterdrückt werden. Die kämpfen gegen diesen *ismus. Für andere, die nicht diskriminiert werden, aber trotzdem dagegen sind, ist das ganz einfach nicht der gleiche Kampf. Nicht die gleiche Bedrohung. Nicht das gleiche Trauma. Insgesamt, eine andere (durch die Gesellschaft gemachte) Lage. (Oder vielleicht, nicht die gleiche „Position“, wenn ich das mit der „Positionierung“ annähernd richtig verstehe.) Insgesamt, um die geht es halt ganz einfach nicht in der Hauptsache.
        Von einer Diskriminierungsart Privilegierte können also höchstens „Verbündete“ sein für die, die hauptsächlich betroffen sind. Darum heißt es dann zum Beispiel oft anti-racist allies und eben nicht anti-racists für Weiße, die versuchen, sich gegen Rassismus einzusetzen. „Feminist allies“ für Typen-gegen-Sexismus. Das, was im Deutschen oft „Feministen“ genannt wird, was zu Recht politisch unschön gefunden werden kann. (Ich find das)

        Das Ganze hat den Vorteil, dass Diskriminierte dann an „allies“ auch ganz bestimmte Forderungen stellen können. Weil, „allies“ sind die, um die es *nicht* geht, und deren Gefühle etc. eben für genau den Kampf nicht im Mittelpunkt stehen sollen. Die, die sich für andere nützlich machen sollen. Natürlich hab ich als Weiße auch Gedanken zu Rassismus. Und natürlich kann ich für die samt Gefühlen AUFMERKSAMKEIT!! verlangen. Aber dann bin ich halt keine (oder ne miese) Verbündete.
        Das nimmt mir im Gegensatz zu gängigen Vorurteilen auch nicht die Fähigkeit (oder Verpflichtung), selbst zu denken. Leute, die nicht selber denken, sind im Gegenteil eher miese Verbündete, sag ich mal. Für mich als diskriminierter Mensch ;)

        Ansonsten: So ziemlich ja zu allem. Find’s wichtig, dass natürlich auch aus Unis wichtige Wörter (und Gedanken dahinter) kommen. Und auch bei feministischem Kauderwelsch ists sinnvoll, so verständlich wie möglich zu bleiben. Glossar z.B. find ich einen guten Kompromiss.

  2. Vorallem mit dem Schlusswort kann ich mich sehr gut identifizieren! Mit der Theorie des Feminismus habe ich mich erst seit Anfang dieses Jahres richtig auseinandergesetzt und bin zurzeit auch noch eher stumme Mitleserin.
    Sich in ein Thema einzulesen ist ja wohl, behaupte ich mal, das einfachsteder Welt, vorrausgesetzt, dass man sich siren Privilegien bewusst ist und wirklich gegen Diskriminierung einstehen möchte. Es ist einfach zu sagen: ‚Ich bin gegen diese und jene Art der Diskriminierung!‘. Wenn man aber nicht wirklich versteht, wo und in welcher Art und Weise Diskriminierung geschieht, kann man nicht gegen Diskriminierung angehen und man neigt eher dazu, die bestehenden Verhältnisse unbewusst zu unterstützen. Wenn z.B. Weiße behaupten ‚Das ist doch nicht rassistisch!‘ kann ich nur noch facepalmen! Wer von Diskriminierung nicht betroffen ist, hat nicht den Diskriminierten vorzuschreiben, wovon sie sich diskriminiert (oder eben nicht) zu fühlen haben!
    Alles in allem, fabelhafter Beitrag!

  3. ich las mal eine schöne übersetzung von mansplaining

    HERRklären..

    herrisches, arogantes erklären. ds gefiehl mir ganz gut.

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