Zombie thoughts eating my brain

Auch erschienen auf takeover.beta

Schlagwörter: Feminismus – Aktivismus – gaslighting – selfcare

Wenn man sich für bestimmte Fortschritte in der Gesellschaft einsetzt, hat man meist etwas gegen einen aktuellen Zustand einzuwenden, sagen wir z.B. gegen die Existenz von Hartz IV. Sobald man nun seine Meinung darüber kundtut, warum Hartz IV menschenunwürdig und diskriminierend ist, werden sich Menschen finden, die ganz anderer Meinung sind. Und die dir auch lang und breit erklären müssen, warum.
Erkenntnis: Solche Diskussionen wirken sich wie gaslighting (gesprochen „gäsleiting“) auf mich aus. Ich hatte den Begriff letztens wie folgt erklärt

[Gaslighting] bedeutet etwa, dass man einer Person so häufig die Realität und Legitimität [Berechtigung] ihrer Wahrnehmung/Gefühle abspricht, dass sie zunehmend an ihnen zweifelt und sich immer mehr an die Wünsche der*s Partner*in anpasst – meist um Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Natürlich meine ich den Begriff in diesem Artikel ein wenig anders. Ich rede nicht von Menschen in einer Beziehung, die versuchen ihre jeweilige Meinung durchzusetzen, sondern von politischen Gegner*innen. Ich finde jedoch, der Effekt kann ein ähnlicher sein, wenn man sich andauernd mit einem Thema auseinandersetzt. Man lernt die Argumente der Gegenseite sehr gut kennen. Wenn man sich die Mühe macht, versucht man sie zu entkräften und muss sich dafür noch tiefer hineindenken. Unfreiwillig beschäftigt man sich mit einer Menge Ideen, die man eigentlich für völlig falsch hält.

Was nach einer Weile auch verloren geht, ist der Schock-Effekt. Von den ersten hasserfüllten Aussagen ist man noch vor den Kopf gestoßen (RW = Redewendung) und regt sich auf, fühlt sich vielleicht sogar zum Handeln angespornt. Aber irgendwann hat man alles schon gelesen und alles schon gehört. Sicher, man teilt die Links weiterhin, man macht andere darauf aufmerksam. Aber tief drin hat man solche Einstellungen als normal akzeptiert. Nicht dass man sie auch nur ansatzweise in Ordnung findet, aber solche Menschen gibt es halt. Kennt man. Meine Abstumpfung bereitet mir Sorgen … Ich bin mir einfach nicht sicher, wie viele absurde Ideen bei eine*r hängen bleiben, di:er Artikel über Mitt Romney liest (den aktuellen Gegner Barack Obamas im Präsidentschafts-Kampf). Ich weiß nicht, was es mit einer*m macht, ständig neue sexistische Äußerungen zu lesen. Ich glaube, irgendetwas davon nistet sich bei dir ein.

Zum Teil schirme ich mich dagegen ab, indem ich einschränke, wie viel deprimierende Sachen ich pro Tag lese. Ich bin auch schneller beim Blocken auf Twitter oder Kommentare-Löschen auf meinem Blog. Schon durch die Themen, die ich behandele, habe ich ausreichend schlechte Laune. Da habe ich keine Lust, zusätzlich von Leuten vollgequatscht zu werden, die mir unbedingt ihre Meinung näher bringen müssen. Aber hin und wieder frage ich mich, um wie viel schöner mein Tag wär‘, wenn ich den Strom an schlechten Nachrichten häufiger hinter mit lassen würde.
(Mit der Fußnote: manche können das beinahe vollständig, andere haben die Möglichkeit gar nicht.)

2 Gedanken zu “Zombie thoughts eating my brain

  1. „vor den Kopf gestoßen (RW = Redewendung)“

    Öhm, kennzeichnen wir jetzt Redwendungen? Ich schreibe wir, weil ich mich sehr bemühe, die Gepflogenheiten der Bloggosphäre selbst zu praktizieren. Inklusion, you know.

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