Open Thread: Richtiger Bio-Unterricht

Schlagwörter: Sex – Open Thread – Sexualerziehung – Beziehungen – Consent – Gewalt

Warnung: Erwähnung von verschiedenen Formen der Gewalt

In der Schule gibt es in Deutschland ja so etwas wie „Sexualerziehung“, üblicherweise im Rahmen des Biologie-Unterrichts. Der war total furchtbar.

Deswegen möchte ich von euch hören, was ihr gerne über Sexualität, Körper, Beziehungen usw. gelernt hättet.

Ich fange mal an:

Ich hätte als erstes gerne das, was uns als „Geschlechtsverkehr“ beigebracht wurde, nicht als eben solchen beschrieben gesehen (also so, dass man annehmen musste, dass Penis-in-Vagina-Sex Sex schlechthin ist), sondern lieber ein Unterrichtssegment gehabt, das etwa genannt wurde: durch diese Sexualakte können Menschen mit Uterus schwanger werden.

Ich hätte gerne eine vorurteilsfreie und unterstützende Vorstellung aller möglicher Körper- und Begehrensformen gehabt: Asexualität, Intersexualität, Bisexualität, Transsexualität, Homosexualität usw.

Des Weiteren hat auf jeden Fall ein Segment dazu gefehlt, was eine gute Beziehung ausmacht. Es gibt eindeutige Zeichen für emotionale, sexualisierte und körperliche Gewalt. Nichts über körperliche Selbstbestimmung beizubringen ist vollkommen fahrlässig.

Also was hättet ihr gerne gelernt? Es kann so konkret oder allgemein sein, wie ihr wollt.

Bitte vergesst nicht Trigger-Warnungen zu setzen, wenn angebracht.

17 Gedanken zu “Open Thread: Richtiger Bio-Unterricht

  1. Ich muss gerade ein bisschen lachen, aber in der Vergangenheit ist mir das auch nie aufgefallen: was zum Teufel hat eigentlich Sexualkunde im Biologieunterricht verloren? Ist das der Versuch, das Mäntelchen der seriöslichen Naturwissenschaft über das Thema zu breiten, wenn es schon nicht völlig vermieden werden kann?

    [WARNUNG: Es folgen ein paar Sätze zu BDSM, die Menschen mit Gewalterfahrungen vielleicht nicht lesen wollen.] Was das Fehlen von Themen angeht: Über BDSM hatte unser Biologielehrer lediglich ein paar Sätze verloren. Sinngemäß sagte er, dann gäbe es noch Leute, die darauf stehen, anderen Schmerz zuzufügen oder sie zu schlagen, die Sadisten, und auch noch die Masochisten, die darauf stünden, wenn man genau das mit ihnen macht, aber so richtig würden die deswegen noch lange nicht zusammenpassen. Das war so ziemlich alles und kann (so meine Erinnerung) nicht länger als drei Minuten gedauert haben und repräsentierte so ziemlich nichts, was BDSM-Begehren und damit einen Großteil meiner Sexualität ausmacht. Und die hatte sich schon mindestens zwei Jahre vorher bemerkbar gemacht, ohne dass ich mir darüber klar geworden wäre. Das hat noch Jahre gedauert und der Biologieunterricht (oder irgendein anderer Unterricht) war dabei keine Hilfe.

    1. Ich muss sagen, mein Unterricht war anscheinend so grottig, dass ich sogar erstaunt bin, dass BDSM bei dir erwähnt wurde.
      In jedem Falle hast du recht: völlig unzureichend.

  2. Also soweit ich mich erinnern kann, gab es solchen Unterricht nicht an meiner Schule. Die „Älteren“ hatten zwar immer davon berichtet (und irgendwie waren wir dann auch alle neugierig) aber es kam nie dazu. So gesehen hat bei mir praktisch alles gefehlt :)
    Mein erstes Wissen bekam ich von meiner Mutter und Büchern, allerdings auch nur der Akt zwischen Mann und Frau und wie die Schwangerschaft so funktioniert. Als Verhütung wurde dann nur das Kondom angeführt und die Pille, wobei ich später erst selbst gelesen habe wie die Pille und diverse andere Mittel wirken. Mir hat also eine ganze Menge gefehlt was ich doch ganz gerne direkt erklärt bekommen hätte, dazu hatte ich jahrelang Probleme mit mir selbst besonders in sexueller Hinsicht und ich konnte/wollte mich niemandem anvertrauen.
    In den Unterricht sollte m.E. das einfließen was du schon sagtest, dazu eine kompetente Person an die mensch sich möglicherweise wenden kann; eine vorurteilsfreie Sicht auf Sexualpraktiken und die Äufklärung über Krankheiten. Zusätzlicher Unterricht dazu wäre sicherlich sinnvoller und kann eine andere Atmosphäre erzeugen als dieses Gefühl „Wir haben jetzt Bio und reden da über Sex“.

  3. Ich finde das das Vertrauensverhältnis zu dem/ der BiologielehrerIn nicht groß genug ist um so intime Dinge wie sexuelle Praktiken etc. zu besprechen. Die BiologielehrerInnen sind nicht in erster Linie Pädagogen sondern Wissenschaftler. Sexualerziehung könnte doch zum Beispiel von den VertrauenslehrerInnen angeboten werden. Um da kompetent zu sein, werden erst mal Schulungen benötigt. Vielleicht auch Broschüren für die Eltern etc. Die Eltern haben doch auch einen Erziehungsauftrag. Darüberhinaus gibt es auch viele Organisationen die sich um das Thema bemühen. Ansprechpartner nennen an die man sich selbst als SchülerIn wenden kann, Literaturvorschläge das hätte ich toll gefunden! Schularbeitsgruppen in denen die SchülerInnen selbstständig Themen wie Verhütung, Arten der Sexualität, Krankheiten und sexuelle Gewalt erarbeiten und dne anderen Schülern vorstellen, wäre doch auch ne Idee. B

    1. Klingt super! Vielleicht sollten man Sex Education komplett aus dem Klassenzimmer auslagern und das mit Organisationen zusammen gestalten. Wenn wir Zeit haben für „Tage der religiösen Orientierung“ einzurichten, wie wärs dann mal mit „Tage für die Sexualität“ oder so :)

      1. Fänd ich gut. ;-) Ich hatte damals die Bravo und meine große Schwester. Sexualkundeunterricht war rein „technisch“ aufgebaut. Ich war eh eine Spätzünderin und wollte mich von Niemanden dazu drängen lassen ( Danke Mama für das Selbstbewusstsein ). Eigentlich gefällt mir das Wort Spätzünder nicht. Ist früh sexuell aktiv zu sein positiv und Spätzünder etwas Negatives? Ganz schön viel Doppelmoral für so junge Mädchen.

      2. Weder das eine noch das andere ist schlimm. Aber natürlich wird es so dargestellt. Ironischerweise bist du als weiblicher Mensch schlecht, wenn du früh Sex hast und lächerlich/was auch immer, wen du spät Sex hast. Also entweder kannst du zaubern oder bist so oder so verdammt.

        Edit: Wobei „spät“ und „früh“ völlig zufällige Werte sind, die sich je Person ändern.

    2. Stimme dir voll zu. Den Lehrern müsste man Weiterbildungen auf diesem Gebiet geben oder ein Projekt (wie DaniSojasahne es schon erwähnt hat) veranstalten. Ich persönlich hätte auch mehr über sexuelle Gewalt, Beziehungsführung und Aufklärung über Pornos bzw. generell sexuelle Reize in den Medien erfahren. Vielleicht sollten sich Lehrer speziell dafür auch im Internet weiterbilden [Link entfernt. Zweisatz], um sich überhaupt einmal selbst ein Bild davon zu machen.

  4. Hinzufügen würde ich noch, dass ich bei „Peter, Ida & Minumum“ gerne gesehen hätte, dass auch Frauen Haare haben, nicht nur der Mann. (Erinnert ihr euch an diese Skizzen?) Damals sagten meine Eltern „Hach süß, wie detailverliebt das ist sogar mit Haaren an den Beinen!“ Jahaaa, aber die Frau war natürlich komplett glattrasiert (Beine, Vulva etc.). Und das in nem Grundschulbuch. Dann dieses gruselige Wort „Spalte“, kein Wunder, dass das niemand sagen möchte.

    Habe für ein Referat mal Biologie Schulbücher durchforstet. Die Frage, ob das überhaupt in das Fach gehört ist ja mehr als berechtigt. Von mir aus darf gerne Sexualität von Fortpflanzung/Reproduktion getrennt werden.

    Grundsätzlich lernt man in der Schule Sex = Penis in Vagina. Und dann noch was über Krankheiten und Verhütung, Schwangerschaft etc. Wenn noch Zeit übrig ist, wird vll noch drüber gesprochen, dass es ja auch Menschen gibt, die gar nicht heterosexuell sind (woho!), dass man nicht alles mitmachen muss etc.

    Meine eigene spätere Sexualkunde konnte man eh knicken, da katholische Schule. ;)

    Würde ich Sex Education machen, würde ich das mit Laci Green Videos tun ;D

  5. „Wenn noch Zeit übrig ist, wird vll noch drüber gesprochen, dass es ja auch Menschen gibt, die gar nicht heterosexuell sind (woho!), dass man nicht alles mitmachen muss etc.“

    An sowas kann ich mich gar nicht erinnern. Soweit ich mich erinnere, lief unser Sexualkundeunterricht (wenn man die paar Unterrichtsstunden in Biologie so nennen kann) zwanghaft nüchtern und rein anatomisch, völlig ignorant gegenüber jeglicher Lebensrealität, wie sie junge Pubertierende nun mal erleben. Ich hätte mir eine wesentlich lebensnähere und komplexere Aufklärung darüber gewünscht, was Sexualität alles beinhaltet neben Penis, Gebärmutter, Eizelle, Zyklus und Schwangerschaft. Aber das hätte vermutlich den Lehrplan gesprengt…

    1. Entspricht so auch meiner Erfahrung ;)

      Ich habe das aus den Bio-Schulbüchern, die ich vor ein paar Monaten gewälzt habe, um die Lehrpläne zu checken. (Referat über Heteronormativität). Das sind dann so „Sonderkapitel“ und die werden noch gemacht, wenn man extraschnell mit dem Stoff durch war. Jetzt waren wir ja alle vermutlich lange genug in der Schule um zu wissen, wie das abläuft mit extraschnell und so…

  6. Mensch kann nur hoffen, dass Aufklärungsunterricht inzwischen anders abläuft als bei mir damals. Ruppiger Lehrer, der das Thema gleich mal als „Tabuthema“ eingeordnet hat; entsprechend war dann auch der Unterricht. Kein Wort über Gefühle, nur wie menschliche Fortpflanzung funktioniert. Verhütung? Kann mich nicht erinnern, dass das ein Thema war. Und Homosexualität erst im Zusammenhang mit AIDS, kann das sein?, frage ich mich jetzt; ich fürchte ja. Einmal ein Theaterstück, das in der Aula für die gesamte Stufe aufgeführt und in dem sexueller Missbrauch thematisiert wurde, das haben wir aber mit unserer Klassenlehrerin besprochen (Deutschunterricht). Schon sehr interessant, die Frage: Was hätte ich gerne über Sex gewusst, bevor ich anfing, selber welchen zu haben. Mir hätte da zB die Unterrichtseinheit „Was es alles für Gefühle gibt und wie man über sie redet“ einiges gebracht ;-)

    1. Stimmt! So ein Theaterstück hatten wir auch. Habe ich wenigstens minimal etwas mitgenommen. Aber wie du schon sagst, auf zwischenmenschlicher Ebene: gähnende Leere. Dabei gibt es so viel zu navigieren, wenn man zwischenmenschliche Beziehungen pflegen will, in denen man sich gegenseitig respektiert.

      Re: Gefühle Da fällt mir auch der ganze Selbstfindungsprozess ein, den man so durchläuft. Mit diesem klischeebeladenen „du hast ganz viele komische Gefühle“ bla konnte ich mich nie identifizieren. Ich habe den Eindruck, dass solche Broschüren nie von Leuten verfasst wurden, die Kinder/Jugendliche tatsächlich als Menschen mit einem Innenleben wahrnehmen.

      1. Ja! Diese Broschüren, an Jugendliche gerichteten Aufklärungsbücher, Jugendromane in denen es um Sex ging etc. haben nie den richtigen Ton getroffen, waren oft so anbiedernd oder einfach daneben. Kann mich jedenfalls an nichts erinnern, von dem ich mich angesprochen gefühlt hätte. Umso schwieriger wars und ists denn auch, einen eigenen Ton, eine Sprache für Gefühle, besonders wenn es um Sex und gegenseitige Verständigung beim Sex geht, zu finden

      2. Re: Ton
        Das Buch „Engel und Joe“. Ugh. Gewollte „Jugendsprache“. In meinem Freund*innen-Kreis weiß man immer noch etwas anzufangen mit dem Satz: „Ey Engel, Spinner, ey.“

        Aber das ist ein generelles Problem dieses Themenbereiches: während man sich überlegen sollte, wie viel auf einmal und in welcher Weise man Inhalte präsentiert (es sollte auf keinen Fall traumatisierend werden), würde so ziemlich jede Unterhaltung mit Schüler*innen davon profitieren, wenn man sie als Menschen ernst nimmt und als zum Begreifen fähig behandelt. Bei mir gab es nur völlige Überlastung mit Fakten einerseits, die halt auswendig gelernt werden sollten und völlige Abwesenheit einer Reflexion meiner Lebenswirklichkeit andererseits.
        Dabei wäre es eben so wichtig, die Möglichkeit zu bieten, die Sprache von der du … sprachst zu entwickeln.

        (Wenn ich durch bin, werde ich wahrscheinlich das Buch „What you really really want“ empfehlen.^^)

  7. Für mich war der Sexualkundeunterricht in der 8. Klasse (aus damaliger Sicht) völlig ok. Anatomie, Physiologie und Aids (evtl. noch andere sexuell übertragbare Krankheiten angerissen). Alles über die Biologie hinausgehende hat mich damals nicht wirklich interessiert.

    Heute stehe ich selbst Klassen gegenüber und versuche dieses Thema möglichst menschengerecht zu thematisieren.
    Dies hat aber leider seine Grenzen. Grenzen sind aufgezeigt durch das Curriculum, die vorhandene Zeit, Wissen und eigene Erfahrungen/Sicht der Dinge (so mein Empfinden).
    In meiner Schule wird Sexualkunde in der 6. und 8. Klasse unterrichtet. Vor allem in der 8. Klasse wird der Unterricht oft auf die Hormone reduziert (so meine Erleben beim Hospitieren), obwohl es meines Erachtens wichtig wäre dann nochmal die nichtbiologische Dimenson der Sexualkunde aufzugreifen. Ich wüsste im Moment allerdings selbst nicht wie ich den Unterricht gestalten würde/könnte (dort v.a. Wissens-/Erfahrungslücken).
    Auch in der 6. Klasse ist der Unterricht vor allem an der Biologie orientiert. Allerdings kann dort der Unterricht in der Regel durch die Fragen der Schülerinnen und Schüler in alle möglichen Richtungen geöffnet werden.

    Zum Vertrauensverhältnis (@elaria): Schule kann es meines Erachtens nicht Leisten sexuelle Praktiken zu besprechen oder tatsächlich vertrauensvoll zu agieren. Auch die VertrauenslehrerInnen sind Fachlehrer, nur halt nicht in Bio (oder vielleicht ja doch). Ich denke SozialpädagogInnen o.ä. Menschen könnten dies möglicherweise an Schulen leisten.
    @DaniSojasahne: >Grundsätzlich lernt man in der Schule Sex = Penis in Vagina. Nichts über körperliche Selbstbestimmung beizubringen ist vollkommen fahrlässig.< Ich bin mir nicht sicher wofür der Begriff körperliche Selbstbestimmung alles stehen kann. Kannst Du bitte erklären was Du darunter verstehst?

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