Mein Eigentum, dein Eigentum, kein Eigentum

Schlagwörter: Urheber*innen-Recht – Kapitalismus – Pirat*innen – Klassismus – warum zur Hölle habe ich das getan

Ich habe mich (begrenzt) umgelesen, weil mir in letzter Zeit wiederholt die Bösigkeit von geistigem Eigetum (als Begriff oder Sache kam nicht ganz heraus. In einem Pirat*innenwiki-Artikel wird es nur als Begriff gegeißelt.) ins Gedächtnis gerufen wurde.
Andreas Popp erklärt auf jeden Fall, warum es kein geistiges Eigentum gibt. Denn you see, nicht-anfassbares Gut (immaterielles) kann man ohne Schaden am ersten Werk kopieren, Autos jedoch nicht. Er schafft es fast eine anti-kapitalistische Kritik anzubringen („Wieso haben wir in unserer Gesellschaft überhaupt ein Eigentum?“), aber dann kehrt er wieder zu Autos zurück. Die man ja (nicht) ohne Schaden verfielfachen kann. Oder so. Am Ende ist er so gütig einzuräumen, dass Urheber (sic) aber schon irgendwie voll wichtig für unsere Kultur sind, aber so recht kann er keine Konsequenzen formulieren, wie man eben diesen nun das Künstlerisch-Sein ermöglichen soll.

Warum habe ich mir diesen Text angetan? Nun, weil ich wissen wollte, ob ich etwas Sinnvolles verpasse. Antwort: nope. Und nun kommt meine Kritik an der Kritik am geistigen Eigentum.

1) Ich finde es völlig irrelevant wie man die Idee nennt, dass ein*e Urheber*in darüber verfügen können sollte, was si:er geschaffen hat. Nennt es wie ihr wollt. Sprecht es sim halt ab, wenn ihr es nicht mögt.

2) Die Ablehnung der Idee von geistigem Eigentum richtet sich größtenteils gegen Rechtverwerter*innen, wie Verlage, die Musik- oder Filmindustrie. Kann ich verstehen. Die finde ich auch scheiße. Aber aus einem anderem Grund. Nämlich dem, das die Künstler*innen oft unfair entlohnt werden. Und natürlich die unproportionalen Strafen, die mitunter wegen illegaler Downloads verhängt werden.

3) Problem: Ich sehe in dieser Kritik am geistigen Eigentum eigentlich nur, wie Künstler*innen unter die Räder der Kritik an Rechteverwerter*innen kommen.

Das ist nämlich so: Wir leben im Kapitalismus und müssen, je nachdem, wie unser Support-Netzwerk aussieht, wo wir wohnen, welche Verpflichtungen wir haben und allen voran, inwiefern wir privilegiert sind, unterschiedlich viel Geld irgendwoher kriegen, um zu überleben. Wenn man nicht völlig in den Wald auswandert (was in Deutschland natürlich auch illegal wäre), gilt das für so ziemlich alle.
Dies wird durch so genannten „Jobs“ bewerkstelligt. Oder durch Geld vom Staat, für dessen Bezug man dann offensichtlich beschimpft und als weniger als ein menschliches Wesen wahrgenommen werden darf.
Auf jeden Fall stellen Leute im Zuge ihrer „Jobs“ verschiedene Dinge zur Verfügung: Ideen, Bildung, Pläne, Essen, Anfassbares und Unanfassbares also. Und dann gibt es die ganz Verwegenen, die tatsächlich nur Dinge schaffen wollen, die nicht nur unanfassbar sind, sondern sogar beliebig kopierbar. Z.B. digitale Texte, Bilder, Filme. Laut Pirat*innen-Logik des verlinkten Textes oben geht beim Verfielfältigen selbiger gar nichts verloren, verlustfreies Kopieren halt. Das ist jedoch leider Bullshit.
Was beim beliebigen Verfielfältigen verloren geht, ist eine monetäre (in Form von Geld) Anerkennung für die Leistung, die dahinter steckt. Warum braucht es die? Weil wir im Kapitalismus leben.
Dieses „wir schätzen Urheber*innen total. Die sind wichtig für eine Gesellschaft“ ist halt inhaltsloses Geschwätz, wenn man meint, Kopierbares muss kostenlos kopierbar sein, einfach weil es geht. Natürlich geht es. Es zeigt aber auch völlige Ignoranz gegenüber den Urheber*innen. Ja, wenn wir nicht alle von Geld abhängig wären, könnten Künstler*innen sich tatsächlich einfach daran erfreuen, wie viele Menschen ihre Werke reposten, liken, erwähnen und mit Liebe überhäufen. Aber Newsflash: heutzutage braucht man Geld zum Leben. Wenn du das System scheiße findest, kein Ding, kannst du gerne kritisieren. Aber es ist ein beschissener Zug aus deiner Kritik am Kapitalismus abzuleiten, dass zufällig gewählte Menschen (Künstler*innen) es nicht verdienen, für ihre Arbeit entlohnt zu werden, weil man ihre Arbeit einfacher stehlen kann als die körperliche Arbeit einer*s Gärtner*in*s. Ja, wenn wir nicht im Kapitalismus Leben würden, wäre es auch kein „stehlen“, denn man nähme ihnen ja nichts weg. Aber deeeerzeit tut man es nun einmal.

Ich schreibe Texte. Ich mache Musik. Ich zeichne. Und ich wage es zu verlangen, dass mir die Möglichkeit gelassen wird mit meinen Werken Geld zu verdienen, so lange ich Geld verdienen muss, um leben zu können.

Uh, uh, ich hab‘ noch einen! Könnt ihr euch vorstellen, wer es sich im Besonderen leisten kann, Werke kostenlos anzubieten? Maximal Privilegierte. Die haben nämlich die höchste Wahrscheinlichkeit, eine Bildung erhalten und damit einen Job erlangt zu haben, der es ihnen erlaubt, aus Spaß kreativ zu sein. Nicht fürs Essen. Wenn du monatlich über 2000€ verdienst ist es plötzlich keine so große Wohltat mehr, deine Werke frei ins Internet zu stellen.

Auch erschienen auf takeover.beta

10 Gedanken zu “Mein Eigentum, dein Eigentum, kein Eigentum

  1. also, ich dachte immer, dass die Piraten-Partei das Urheberrecht nicht ablehnt, sondern es verändern will, um dafür zu sorgen, dass–wie du schon gesagt hast–auch kleine Künstler_innen/Produzent_innen fair entlohnt werden. aber vllt gibt es diesbezüglich auch verschiedene Strömungen innerhalb der Partei…

    1. Ich nehme schon an, dass es da verschiedene Sichtweisen gibt und HOFFE, dass es tatsächlich auch gute Ideen gibt, wie das Geld an die kleineren Künstler*innen weitergegeben werden soll. Ich finde es halt extrem befremdlich, wenn man direkt an Schaffende herantritt mit dem Hinsweise das geistiges Eigentum pöhse ist.
      Das unterstellt einfach, dass ihr Wunsch, mit ihrer Leidenschaft Geld zu machen, irgendwie unschicklich wäre.

    2. Die Piratenpartei lehnt das Urheberrecht sicherlich nicht ab (zumindest nicht als Mehrheitsmeinung); das geht auch aus dem kritisierten Artikel hervor. Abseits vom Gelderwerb ist das Urheberrecht auch sehr wichtig für die Freiheit einer Gesellschaft. Lizenzen wie die GPL basieren auf dem Urheberrecht und sind wichtig für freie Informationssystems; was für die Piraten auch ein wichtiges Anliegen ist.

      Jedoch ist „Geistiges Eigentum“ als Konzept nicht unbedingt mit dem Urheberrecht gleichzusetzen und als Begriff problematisch.

      Der Kern der Debatte ist meiner Meinung nicht, dass es irgendwie unredlich wäre, mit einer kopierbarer Kunst Geld zu verdienen, sondern, dass die Durchsetzung des Urheberrechts in seiner jetzigen Fassung nicht mehr in akzeptabler Weise möglich ist. Die Kritik, dass was die Vergütung von Urhebern angeht, die Piratenpartei (bzw. der Artikel) zu wenig konkret ist, kann man sicherlich teilen; aber bevor man überhaupt darüber reden kann, wie Alternativen zum Status Quo aussehen können, muss man sich ja erstmal darauf einigen, dass der Status Quo geändert werden muss.

      1. Das ist natürlich eine gute Frage. Etwas anders, als eine Pauschalabgabe gekoppelt an die Internetnutzung fällt mir persönlich leider auch nicht ein.

        Für mich persönlich, aber läuft die ganze Diskussion etwas in den falschen Bahnen.

        Das Problem ist ja nicht neu: Kopiergeräte gibt es seit den 60ern auch im Alltag. Das Problem damals, war das gleiche Problem wie heute: Das Kopieren wurde durch die technologische Entwicklung zu einem alltäglichen Vorgang und wie will man alltägliche Vorgänge kontrollieren, ohne den Alltag zu kontrollieren?

        Damals hat man sich eben für die Pauschalabgabe entschieden. Man zahlt eben auf jedes Gerät etwas, das Geld wird gesammelt und mehr oder weniger gerecht verteilt. Das ist eine ziemlich schlechte Lösung: Künstler bekommen eventuell nicht soviel wie ihnen wirklich zusteht, Leute müssen Geld für eine Nutzung zahlen, die sie gar nicht wollen und Gerätehersteller können weniger verkaufen. Bei Lichte betrachtet, ist es ungerecht ziemlich vielen gegenüber. Aber diese Ungerechtigkeit ist meiner Meinung nach nicht vermeidbar und die Herausforderung ist, sie möglichst gleichmäßig zu verteilen.

        Ich denke daher, die ganze Diskussion sollte sich weniger daran orientieren, was gerecht wäre, sondern daran was mit vertrebarem Aufwand möglich ist. Man wird auch akzeptieren müssen, dass einiges auf der Strecke bleibt, was vielleicht gerecht wäre.

  2. die kritik am begriff „geistiges eigentum“ finde ich aus kapitalismuskritischer perspektive sehr wichtig. wir erleben in den letzten jahrzehnten ausweitung von kapitalistischer verwertungslogik im bereich der immaterialgüter (das wäre für mich ein gegenbegriff), die durch allerlei internationale organisationen und abkommen (wipo, wto, trips, acta usw.) durchgesetzt wird. bekannte konfliktfelder sind saatgut (stichwort monsanto), generika usw. dabei geht es vor allem auch um die durchsetzung der kapitalinteressen im kontext des nord-süd-konfliktes. im „süden“ gibt’s billige arbeit und rohstoffe, der post-industrielle „norden“ produziert aber angeblich das geistige eigentum und hat ein großes interesse daran, das aufzuwerten.
    den diskurs darauf zu verkürzen, dass die piraten angeblich nicht sehen, dass prekarisierte künster_innen im kapitalismus leben, halte ich in dem zusammenhang für fatal. es zeigt, dass das ablenkungsmanöver der vertreter_innen kapitalistischer interessen leider gut funktioniert: es wird so getan, als ginge es beim kampf um das „geistige eigentum“ im zeitalter der digitalen kopierbarkeit um die rechte der kleinen künster*innen und nicht um die interessen der „maximal privilegierten“.

    1. Ich wage zu behaupten, es geht um beides. Denn meiner Ansicht nach ist es genau so eine Verkürzung, wenn kleine Künstler*innen eben total ausgeblendet werden. Und das sehe ich geschehen, wenn Leute gar nicht mehr einsehen, z.B. für Bilder im Internet zu zahlen, obwohl Kunstschaffende eben davon abhängig sind. Oder anders gesagt: die Kritiken können koexistieren.

  3. Also seh ich das richtig, man darf den Begriff geistiges Eigentum [schlecht, Zweisatz] finden, wenn man Kapitalismus insgesamt auch [schlecht] findet?

    Mal davon abgesehen: Ich sehe das Problem vor allem da, das von Seiten der „Rechteindustrie“ gerne aus einem Recht an einem Immaterialwerk abgeleitet wird, ein Recht an allen Datenträgern, die es enthalten, zu haben. Stichwort z.B. DRM, oder auch die GEMA-Abgabe bei Datenträgern.
    Es ist nicht mehr als richtig, das auch bei Immaterialgütern der/die Schöpfer ein Recht haben, zu bestimmen, was mit ihrem Werk gemacht werden darf, und damit eben auch Geld zu verdienen. Das Problem ist, das in der aktuellen technisch-rechtlichen Umgebung versucht wird, dieses Recht durch Einschränkung des/der Medien, die zur Nutzung von Immaterialgütern verwendet werden, zu sichern.
    Und das ist durchaus auch eine meiner Hoffnung an die Piraten, das die Konzepte entwickeln, Immaterialgüterrechte mit uneingeschränkten Medien zu vereinbaren.

    [Editiert von Zweisatz 25.09.2012 siehe Punkt 7 der Regeln]

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