Warum f***en Leute sich nicht selbst?

Trigger Warnung emotionale Gewalt, sexualisierte Gewalt. Gilt auch besonders für den Link
Thema: Manipulation in (sexuellen) Beziehungen.

Diese Frage stelle ich mir immer wieder: Warum gibt es Menschen, die ihre*n Partner*in anbetteln, bedrängen, umgarnen, beknien, traurig ansehen, anschweigen, anschmollen oder beschimpfen, weil diese*r momentanes Desinteresse an Sex bekundet hat, statt es sich einfach selbst zu machen? (Nun gibt es einige, die das aus körperlichen Gründen nicht können, aber eine*n zu sexuellen Handlungen zu zwingen, wird dadurch nicht besser. Sie sind lediglich vom zweiten Teil meiner Frage ausgeschlossen.)
Warum erscheint es diesen Menschen als vorteilhaft, mit einem*r zu schlafen, di:er es folgerichtig nicht genießen wird? Es kann unmöglich daran liegen, dass der „Sex“ besser wird, denn die andere Person hat keine Lust. Das Einzige, was hier Sinn macht, ist eine [edit] nicht Einverständnis-basierte[/edit] sadistische Motivation und the hell, da kann ich nur sagen: Lauf so schnell du kannst. (Gut, das tue ich generell, wenn deine Partner*in/nen ein Nein, auch und vor allem im Bett, nicht anstandslos akzeptieren.)

Die einfache Antwort lautet natürlich: sie glauben, ein Recht darauf zu haben. Dieser Thread zeigt ganz gut, mit welchen Ausreden, die Aggressor*innen das rechtfertigen: ungleicher Sexdrive, „früher haben wir doch so viel“, „ich will aber“ … in Realität ist es immer das gleiche: meine Bedürfnisse > dein Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Und wenn das mal nicht abgefuckte sexistische Scheiße ist (wie ihr wahrscheinlich erraten habt, handelt es sich oft um eine Hetero-Beziehung, in der der Mann* Stress macht. Es stehen unzählige traurige Beispiele in dem Thread).
Wie hinter dem Link diskutiert wird, kommen noch einige andere Aspekte unserer patriarchalen rape culture hinzu: „Frauen* wollen ja eh nie“, „Frauen* haben ja generell eine geringere Libido“ (was für ein abgefuckter Grund, um sie gegen ihren Willen zu zwingen) oder einfach der Fakt, dass uns Nein sagen und die Relevanz der eigenen Bedürfnisse vs. der anderer nicht im gleichen Maße beigebracht wird.

Eine Beobachtung aus dem Thread, die auch nicht vergessen werden sollte, lautet: wer ein Nein ignoriert, diskutiert, in Frage stellt, tut das nicht nur im Bett. Das Missachten der*s Partner*in erstreckt sich meist auch auf den Rest der Beziehung, in kleinen oder großen Formen. Oft geht dies einher mit gaslighting. Dieser Begriff bedeutet etwa, dass man einer Person so häufig die Realität und Legitimität ihrer Wahrnehmung/Gefühle abspricht, dass sie zunehmend an ihnen zweifelt und sich immer mehr an die Wünsche der*s Partner*in anpasst – meist um Auseinandersetzungen zu vermeiden. Oft wird dies auch davon begleitet, dass di:er Täter*in versucht, sire Partner*in von desren Freund*innen/Familie/unterstützendem Netzwerk zu entfremden.

Wie Gavin de Becker in seinem (victim-blamenden) Buch The Gift of Fear sagt: Nein, ist ein vollständiger Satz. („No is a complete sentence.“) Dies bedeutet, dass eine Person, die ein Nein nicht respektiert, versucht dich zu manipulieren. „Nein“ ist nicht missverständlich. Ablehnung ist, auch in Körpersprache, eindeutig.¹ (Mit der Ausnahme von Menschen, die Körpersprache schlecht lesen können.) Menschen, die eine Absage nicht stehen lassen, tun dies mit voller Absicht, weil sie dein Recht auf Selbstbestimmung nicht respektieren. This way lies doom.

1 (Übersetzung auf Anfrage)

Especially since nine times out of ten, the creepers I’ve seen can readily identify social cues from the other men, but flat out ignore them from women because it’s more fun to watch us get uncomfortable.

katyisbutthurt

I used to react to unwanted attention from a guy at a social event by going all small and uncomfortable and nonresponsive and “please just go away”, and that this left me with the impression that only about 40% of all guys are any good at reading social cues — and then I changed my body language to “go away now or I will reject you loudly and embarrassingly in front of everyone” and, hey, wow, what do you know, there are practically NO boys out there who can’t read body language, after all.

gemmaem

[Editiert am 26.09.2012 wegen triggerendem Potenzial der Überschrift und Klarheit. Zweisatz]

2 Gedanken zu “Warum f***en Leute sich nicht selbst?

  1. [Trigger-Warnung sexualisierte Gewalt, Ableismus bezogen auf Esstörungen, psychische Krankheit. Editiert von Zweisatz 13.10.2012]

    Ich habe deinen Artikel wieder und wieder gelesen. Er spricht eine Menge in mir an. Nachdem ich das ganze nun mehrere Tage zerdacht und auch an diversen Orten Rücksprachen darüber gehalten habe, überwiegt in mir einfach der Drang mich gern als (gefühlte) Opfer-Täter_in dazu äußern zu wollen. (Auch wenn die Angst vor einer harschen Reaktion mitschwingt, versuche ich im folgenden so offen wie möglich zu schildern)

    Kurz zu mir (wer bin ich überhaupt und wieso, sollte ich mich äußern können, dürfen, wollen):
    Meine Hebamme legte einst den Grundstein für eine „weibliche“ Sozialisation (inwiefern und ob ich damit immer konform gehen konnte, sei mal dahingestellt). Mein Großvater väterlicherseits legte in frühem Kindesalter den Grundstein für mein gespaltenes Verhältnis zur Sexualität. Lange Jahre hatte ich Dinge, die zwischen mir und ihm vorgegangen sind mehr oder weniger ins Unbewusste verdrängt, an den Auswirkungen auf seelischer wie körperlicher Ebene knabere ich noch heute. So etwas hat selbstverständlich nicht nur Auswirkungen aufs Selbst, sondern auch auf familiäre und partnerschaftliche Beziehungen. Nichtsdestotrotz oder vielleicht auch gerade deswegen (wer weiß das schon) entwickelte ich „für eine Frau“ einen normalen oder, wenn ich gesellschaftlich propagierten Paradigmen Glauben schenken würde, sogar eine überdurchschnittliche Libido. Ich halte meinen Sexualtrieb dennoch für „gesund“, was auch immer das bedeuten soll.
    Ich kenne sowohl die „Partnerschaft“ in welcher der „andere Part“ drängt, auf die unterschiedlichsten von dir beschriebenen Arten. In meiner letzten langen „Partnerschaft“ blieb ich jahrelang aus einem Gefühlsmix aus Schuld, Hoffnung und Verpflichtung bei meinem „Partner“. Ich ließ mich unter Druck setzen, auch in sexueller Hinsicht, obwohl sich mein Sexualtrieb zwischenzeitlich gar vollständig verabschiedet hatte. Aus zwischenmenschlichem Ekel gegenüber meinem damaligen Gefährten wuchs auch eine körperliche Abneigung gegenüber jeglichen Menschen. Hier ließ ich mich, wegen des beschriebenen traurigen Blickes und sogar gegen Bezahlung auf sexuelle Interaktion ein. Diese „Beziehung“ war durch und durch krank. Nicht nur weil mein damaliger Gefährte psychisch erkrankt war, sondern weil das ganze auch starke Auswirkungen auf meine eigene Psyche hatte.
    Erst nach diesen acht langen Jahren erfuhr ich, was sexuelle Selbstbestimmung und das Miteinander von Liebe und Sex für mich bedeuten können. Ja, ich erfahre Liebe unter anderem auch auf dieser körperlichen Ebene. Doch die vielen Zuschreibungen von Begehren und Attraktivität verwirren mich immer noch zutiefst. Ich gehöre zu dieser [Wort hier nicht zugelassen, sh.Kommentarregel 7] Riege derer, die eine Essstörung entwickelt haben, ihr körperliches Wohlgefühl also an eine Zahl auf der Waage, aber eben auch an Reaktionen des Gegenübers hängen (unheimlich emanzipiert, ich weiß).
    Derzeit bin ich mit einem wunderbaren Menschen zusammen, welcher jedoch seit 2 Jahren durch eine schwere depressive Phase geht, welche ebenfalls Auswirkungen auf seine Libido hat. Der damit entstehende Rückgang an sexuellem Interesse mir gegenüber, aber auch die fehlende Körperlichkeit generell machen mir jedoch auf Dauer stark zu schaffen. Ich habe durchaus keine Probleme damit „mich selbst zu f***en“. Ich möchte auch niemanden zu irgendetwas drängen, auf keiner dieser Ebenen. Doch ich möchte in einer Partnerschaft meine Gefühle nicht verbergen müssen. Dazu gehört nunmal auch meine eigene Verunsicherung über meine eigene Begehrlichkeit sowie mein eigenes Gefühl der Vereinsamung durch fehlende körperliche Nähe.
    Das ist ein wahrer Zwiespalt, denn wenn es dann in dieser depressiven Phase doch „zum Akt“ kam, fühlte ich mich schuldig, trotz Rückversicherung. Ich möchte niemanden moralisch unter Druck gesetzt haben, um körperliche Befriedigung zu erhalten, zumal die damit einhergehende seelische Befriedigung unter diesen Umständen ausbleibt. Das Täterbild, was du in deinem Artikel beschreibst, ziehe ich mir durchaus an, habe unzählige Male darüber mit meinem Partner gesprochen, rückversichernd etc. Ich habe den Artikel auch meinem Partner gezeigt, welcher lediglich noch trauriger wurde, dass so etwas Platz in meiner Gefühlswelt findet, da es nach eigener Aussage keineswegs so sei. So bleiben wir also beide zurück, verunsichert über das, was wir tun & zeigen dürfen.
    Wo ist hier also die Grenze zu ziehen? Wieviel sozialer Spielraum bleibt in einer Partnerschaft. Inwieweit dürfen Menschen sich ihren Mitmenschen gegenüber öffnen ohne sie unter Druck zu setzen, oder sich selbst so zu fühlen, als würden sie dies tun? Zu einem respektvollen und gleichberechtigten Miteinander gehört für mich vollkommene Offenheit auch angesichts solcher Gefühle, die das Gegenüber verletzen oder runterziehen können, wichtig ist jedoch die Option zur Abgrenzung zu geben, trotz einer solch offenen Gefühlswelt.

    Ich möchte hier keinesfalls wirkliches „Drängen“ mit meinen Überlegungen verharmlosen!
    Ich wollte eigentlich nur einmal aufzeigen, dass es manchmal schwieriger ist, in diesen ganzen Grau-Zwischentönen schwarz und weiß voneinander zu trennen.
    Ich hoffe, das wird nicht falsch verstanden.

    1. Danke für deinen persönlichen Kommentar.

      Vorweg einige Dinge: eine Beziehung als „krank“ zu bezeichnen, weil ein*e Beteiligte*r psychisch krank ist, halte ich für ableistisch. Das klingt wie „kranke Menschen haben keine Beziehungen, sondern kranke Beziehungen. Kranke Menschen haben keine Freundschaften, sondern kranke Freundschaften. Kranke Menschen haben keinen Spaß, sondern kranken Spaß.“, verstehst du? Ich versteh‘ schon, worauf du hinaus willst, aber wie gesagt, ich stör‘ mich an dieser Formulierung.

      Andere Sache: eine Esstörung zu haben, ist weder „dumm“ noch „unemanzipiert“. Keine Form von zwanghaftem Verhalten kann „dumm“ oder „unemanzipiert“ sein. Sie ist einfach. Ja, sie mag scheiße sein (für dich z.B.), aber sie sagt weder über dich noch andere Betroffene etwas Negatives aus.

      Und nun endlich zum Thema: eine Kommunikation über verschiedene Bedürfnisse muss möglich sein. In so einer Zwickmühle wie deiner ist es nicht per se falsch, über die Zustände zu reden und wie es allen damit geht. Es ist sogar notwendig, um eine Lösung zu finden. Gar nicht darüber zu reden, muss zwangsläufig zu Ablehnung und verletzten Gefühlen führen.
      Was ich eher zentral finde, ist das Wie. Man kann den Umstand, dass man ein Bedürfnis nach mehr Sex hat und sich z.B. weniger begehrenswert fühlt durchaus so formulieren, dass es sich nicht um eine Anklage handelt. Oder gar eine Forderung, doch einfach häufiger miteinander zu schlafen. Das Wie ist einfach wichtig. Es muss dabei klar sein, dass die Lösung nicht wär‘, dass sich die Person mit niedrigerer Libido „einfach zusammenreißt“. Eigene negative Gefühle kann man auch so äußern, dass man selbst die Verantwortung für sie übernimmt. („Boar, du machst mich so wütend!“ gegenüber „Mir fehlt Aspekt xy in unserer Beziehung, könntest du dir vorstellen, dieses konkrete Ding zu tun? Damit würde ich mich besser fühlen.“)

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