Über das Unreif-Sein, Kapitalismus und Gedankensalat

Schlagwörter: Adultismus – Kapitalismus – Ableismus – Gedankensalat

Genauso wie „kindisch sein“, „werd‘ endlich erwachsen“ oder „du verhältst dich wie ein*e Vierjährige*r“ ist der Vorwurf unreif zu sein ein adultistischer. Kindern wird die vielgepriesene Rationalität abgesprochen, sie werden als überemotional dargestellt. Das geht mir auf die Nerven (RW)¹. Es dient, wie bei vielen anderen Formen der Diskriminierung dazu, die Gegenposition als irrelevant darzustellen und somit von der Hand zu weisen (RW). Es erkennt einer Gruppe unserer Gesellschaft die Menschlichkeit ab.
Und wie es sonst auch der Fall ist, wird eine künstliche Unterscheidung aufgemacht, die es Privilegierten verbietet, bestimmte Eigenschaften an den Tag zu legen (RW). (Vorsicht, ab hier wird es etwas „What about teh adults“)
Dadurch, dass bestimmte Eigenschaften Kindern zugeschrieben werden, erhalten sie eine negative Bedeutung und können – wie im Eingangsabsatz gesehen – dazu dienen, „Erwachsene“ zur Ordnung zu rufen. In dieser Ordnung ist das Hören auf eigene Bedürfnisse und Gefühle, impulsives Handeln und starke Ablehnung bestimmter Dinge, ohne sich zu erklären, nicht gerne gesehen.

Da ich schon einen verwirrenden Beitrag schreibe, der ab hier nicht besser wird, eine kleine Nebenbemerkung zur Ablehnung von Dingen: Unsere Gesellschaft ist scheiße im Akzeptieren von unterschiedlichen Bedürfnissen. U.a. begründet im Kapitalismus und sich sehr deutlich zeigend im Ableismus.
Wenn Anpassungen für Minderheiten vorgenommen werden, warten alle auf ihre Medaille, weil wir einfach so daran gewöhnt sind, dass das Persönliche nicht zählt. Dass es egal ist, wer woraufhin Kopfschmerzen oder Unwohlsein oder Desorientierung empfindet. Das Zugänglich-Machen von Medien für jedes Sinnesorgan, wird als vernachlässigbar und Sache der*s Einzelnen gesehen. Öffentliche Räume so zu gestalten, dass sich tatsächlich alle darin bewegen können, ist uns auch zu viel Stress. (Momentan kann sich uneingeschränkt ohnehin nur eine sehr kleine Gruppe unserer Gesellschaft bewegen, aber daran sind wir ja gewöhnt.) Wenn also Anpassungen vorgenommen werden, wird das nicht etwa als selbstverständliches Zeichen von Empathie gesehen, sondern einen riesen Aufwand, der bitte auch belohnt werden soll.
Wegen all dem also war ich letztens überrascht, als ich bei einer Übernachtung davon sprach, unter welchen Umständen ich schlecht schlafe und darauf ohne Hinterfragen oder Witze mit den entsprechenden Anpassungen reagiert wurde. Eigentlich sollte das immer so sein, aber dadurch ist mir bewusst geworden, wie wenig individuelle Bedürfnisse, selbst in meinem Freund*innenkreis, mitunter respektiert werden.

Und hier kommt mein Bogen zum Kapitalismus. Sowohl die Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen, als auch die Ablehnung des Individuellen leistet dem Kapitalismus einen großen Dienst und befeuert diverse -ismen.
Einerseits wird es als das höchste Gut gepriesen, auf eigenen Beinen zu stehen (RW) – üblicherweise eine Forderung, die an Erwachsene herangetragen wird. Wer, vor allem finanziell, von anderen abhängig ist, hat es Nicht Geschafft™, ungeachtet jeglicher Umstände. Entsolidarisierung ist völlig erwünscht, geplant und wird aktiv betrieben. Solidarität wird nur gefördert, wenn sie finanzielle Vorteile mit sich bringt (essentielle, aber ehrenamtliche Arbeit, hallo), Anerkennung wird sich selten finden. Natürlich auch, weil es sich bei ehrenamtlicher Arbeit meist um Pflege- und „emotionale“ Tätigkeiten handelt, die eine menschliche Gemeinschaft überhaupt erst zusammenhalten, aber „nichts bringen“, sich also nicht zum Geldmachen eignen.
Individualität zu akzeptieren, respektieren und zu fördern, ist natürlich ebenso „nutzlos“. Man denke an all die Mehrausgaben, die man leisten müsste, wenn Bildung, Kleidung und der Mensch an sich nicht mehr mit Massenabfertigung in Verbindung gebracht würden [\Sarkasmus]. Wenn wir uns erzählen, alle Menschen seien gleich (hätten also die gleichen Voraussetzungen im Leben und würden sich eine definierte Menge an „normalem“ Verhalten teilen), lassen sich so ziemlich alle Unterdrückungsmechanismen viel einfacher betreiben.

Ich weiß nicht, worauf ich hiermit hinaus will, vieles davon wurde schon gesagt. Vielleicht: ein*e jede*r hat das Recht darauf, dass sire ganz individuellen Probleme Beachtung finden.

Crossposted auf takeover.beta

1 RW = Redewendung