Christian Müller wurde noch nie bedroht

Schlagwörter: Diskriminierung – Klarnamen – Klarnamenplflicht – Sicherheit – Privileg

(Dieser Artikel wird witzig, denn di:er Autor*in des zitierten Artikels lautet Ich. Ich werde jedoch etwas entgegenkommen sein und den Nicknamen kursiv schreiben, um Verwechslungen zu vermeiden.)

Ich spricht auf freitag.de viele gute Punkte an, warum die Forderung nach Klarnamen im Netz unsinnig ist. Einen der genannten Punkte möchte ich noch einmal näher beleuchten.

Gerade hier im Forum einer Zeitung die sich oft mit Fagestellungen der Identitätszuweisung an ein Individuum aufgrund Geschlechts, sozialen Zugehörigkeit usw. und den daraus entstehenden Zwängen beschäftigt, für Klarnamen einzutreten, zeugt etwas von einem Mangel an Sensibilität.

Ich hätte es drastischer formuliert, aber nun gut.

Wie schon häufig gesagt wurde, sind Klarnamen für einige Teile der Bevölkerung schlicht ein Sicherheitsrisiko. Wenn ich z.B. von Stalker*innen spreche scheint das jedoch nicht greifbar, schließlich hört man selten von solchen Fällen (meiner Meinung nach mehr aus mangelnder Sensibilität der Bevölkerung für das Thema und weniger wegen tatsächlicher Seltenheit der Fälle).

Ein für die meisten Leser*innen sehr greifbares Thema wird aber die Ermittlung der Klarnamen von feministischen Blogger*innen sein. Auch Neo-Nazis und Antifa kommen immer wieder gegenseitig an entsprechende Listen.
Wenn sich Menschen also die Mühe machen, Klarnamen zu ermitteln, müssen sie auch einen Wert besitzen und der ist ganz klar: wie Ich schrieb, ist der vom Staat zugeteilte Name oft ein identifizierender (jedoch nicht immer). „Zweisatz“ wird euch nicht viel sagen, der Name auf meinem Personalausweis lässt euch mit Hilfe Googles jedoch ermitteln, wo ich zur Schule gegangen bin.

(Trigger-Warnung für nächsten Link wegen Erwähnung von Drohungen verschiedener Art, auch sexualisierter Gewalt)

Die Ermittlung des Namens beinhaltet also die implizite Drohung: ich kann dich ausfindig machen. Ich kann Informationen über deinen Wohnort erlangen und diese nutzen. Was heißt Drohung; In diesem älteren Artikel habe ich Fälle verlinkt, in denen Klarnamen, aber auch andere Kontaktmöglichkeiten, massiv ausgenutzt wurden, um Feministinnen* zu bedrohen.

Wenn man einen Klarnamen zur Hand hat, kann es auch sein, dass man mit dessen Hilfe Fakten über ein Person aufdecken kann, wegen derer sie diskriminiert wird. Zuweilen ist es der Name selbst, der als Anlass für z.B. rassistische oder sexistische Beschimpfungen genommen wird.

Alles in Allem stimme ich Ich also zu: die Forderung nach Klarnamen ist Unsinn. Gefährlicher Unsinn.

Thema via @KapuzenAuf

4 Gedanken zu “Christian Müller wurde noch nie bedroht

  1. Was, Stalking sei selten? …ich hab‘ durch nen Kurs in den letzten 5 Wochen rund 30 Frauen kennengelernt, mindestens 6 davon waren Opfer von Stalkverhalten unterschiedlicher Stärke. Das waren jetzt auch nur die 6, die von sich aus sowas erzählt haben. Wie viele werden sich vage schämen oder das gar nicht als „Stalking“ oder gar als legitim sehen?

    Musste jahrelang gegen meinen Wunsch, Pseudonyme zu wählen, Klarnamen während manchmal etwas heikler bzw. für Kunden ärgerliche Kundenservicearbeit tragen und wurde dann tatsächlich daheim angerufen. Und nein, dadurch durfte ich auch kein Pseudonym tragen.
    Und das dann auch noch im Internet, wo ich mich gerne mal in lokalisierten Zeitungen, Feminismusressorts etc. über die Werbemaschen von Konzernen lustig mache oder Leute ironisiert angreife? Dann muss ich eine Menge Kuchen für die dauernden Überraschungsbesuche backen oder lande mit Zementfuß in der Donau, weil ich was Böses über Tierfabriken gesagt habe :D

    1. Wie viele werden sich vage schämen oder das gar nicht als “Stalking” oder gar als legitim sehen?

      Genau das ist das Problem. Teils wird es als nicht ernstzunehmend eingeordnet, teils meinen Leute (mehrheitlich Frauen*, wage ich zu behaupten), dass es nicht „echtes“ Stalking ist, was sie erleben.

      Wenn dann gesellschaftlich noch so ein Bullshit kursiert, dass es „schmeichelhaft“ sei, wenn wer Informationen über dich im Netz zusammenzuklaubt und dich noch kontaktiert, wenn du schon Ablehnung gezeigt hat, kann’s nur bergab gehen.

  2. Der Titel, ist das nen indirektes Zitat von dem Evo-Troll? Oder einfach für Otto Normalweißer?
    Ist die Erwähnung der Antifa-Praxis kritisch gemeint?

    Ansonsten word & Ergänzung: Bei manchen Blogs wird ja kein Klarmame, aber sowas wie ne konstante Internetidentität vorausgesetzt als Anti-Troll-Maßnahme. Ist im Hinblick auf die Sicherheit genauso daneben – als hätte man überall das gleiche Passwort.

    1. Otto Normalweißer. War der durchschnittlichste Name, der mir einfiel.
      @Antifa Habe einige unsauber formulierte Stellen im Text. Sollte keine Gleichsetzung sein. Allerdings beschleicht mich tatsächlich ein generelles Unbehagen bei sowas. Nennen wir es unentschieden.

      Guter Punkt @ letzter Punkt. Wurde, glaube ich, auch von Ich angerissen. Allerdings in dem Kontext, dass ein Nickname so gut wie oder sogar besser als ein Klarname zur Identifikation genutzt werden kann, es also nicht Not tut/Sinn macht, ihn verpflichtend abzufragen. Argument das gleiche, Schlussfolgerung eine andere.

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