[TW] You can stop r***: Schritt 5 – Überlebenden ist unbedingt zu glauben

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Trigger-Warnung wie immer für die ganze Serie. Keine Beschreibung von Tathergängen. Links führen zu Beschreibungen von Überlebenden, dort also extra Vorsicht.

Schlagwörter:r*** culture – unsere Gesellschaft – Überlebende – Unterstützung

a hiding hedgehog
Quelle: Cutest Paw

Dieser Schritt ist wirklich zentral, weil er die Grundlage dafür schafft, dass Betroffene¹ wagen sich in irgendeiner Weise an Außenstehende zu wenden. Vielleicht steht am Ende eine Anzeige, aber das soll nicht DAS Ziel sein. Viel wichtiger ist es, dass sie sich an ihr Umfeld wenden können und ihnen geglaubt wird. Sie also Hoffnung darauf (und Recht damit) haben, Rückhalt und die notwendige Unterstützung zu erfahren.
Dem gegenüber steht nämlich eine ganz andere Realität: mit erschütternder Regelmäßigkeit verlieren Betroffene ihren Freund*innenkreis und/oder ihre gesamte Familie, wenn sie sich hilfesuchend anderen anvertrauen.

Leider bin ich mir nicht sicher, inwiefern das vermeidbar ist: wenn eine Person, die zu einer Vergewaltigung fähig ist, in einem Freund*innenkreis/einem Familienverband bis zum Zeitpunkt der Tat akzeptiert wurde, ist es sehr wahrscheinlich, dass ihr Verhalten entweder in irgendeiner Weise bekannt war, in jedem Falle aber toleriert wurde, denn Grenzüberschreitungen haben sicher schon vorher stattgefunden.
Ein Verband, der bereit ist zum Schaden der Opfer eine fehlende Treppenstufe lieber zu umgehen als sie zu reparieren, kann nur bis zu einem gewissen Grad fähig sein, der Realität ins Gesicht zu sehen. Denn die Tat anzuerkennen bedeutet auch anzuerkennen, dass man mit einem Vergewaltiger befreundet/verwandt ist (bzw. war).
Ja, es scheint absurd und ist völlig ungerecht, dass „Freund*innen“ in solch einer Situation tatsächlich dazu fähig sein sollten, derart selbstsüchtig zu denken und handeln, aber die traurige Realität zeigt es wieder und wieder (siehe hierzu auch den vorhergehenden Teil der Serie).

Was geschieht nun aber bei bekannten Fällen, die medial verarbeitet werden? Ab-so-lu-te Scheiße.
Und an dieser Stelle möchte ich all denen, die sich Sorgen um potenzielle Vergewaltiger machen, ein Geheimnis verraten: es ist nicht „neutral“ zu diskutieren, warum Anzeige erstattet wurde, ob der Tathergang so stimmen kann oder was die Betroffene sich davon „verspricht“ (seriously? würdet ihr euch bitte irgendwo einbuddeln und nie wieder rauskommen?)
Dreimal tief durchatmen, sonst komme ich nicht zum Ende des Artikels.
Wir leben in einer rape culture (bitte nochmal zu Schritt 2 zurückblättern für eine nähere Erklärung). Überlebende haben nichts zu gewinnen und alles zu verlieren, wenn sie Anzeige erstatten oder sich überhaupt an irgendwen wenden. Es macht – keinen – Sinn aus welchen Motiven auch immer (außer weil man möchte, dass ein Straftäter verfolgt wird) eine Person des öffentlichen Lebens anzuzeigen. Es gibt keinen Ruhm dafür, nur ganz viel Hass. Siehe Assange, siehe Strauss-Kahn. – Ich verstehe bis zum heutigen Tag nicht, warum Medien und deren Konsument*innen der Meinung sind, solche Fälle überhaupt analysieren zu müssen. Sicher, es bringt steigende Auflagen. Wisst ihr, was es noch bringt? Einen riesigen Stempel mit „Arschloch“ auf der Stirn, was mich angeht.

²Wenn ihr also das Richtige tun möchtet, dann glaubt ihr der Betroffenen³. Ihr tut damit niemandem weh. Ihr sollt nicht zum Vergewaltiger gehen und ihn* zusammenschlagen. Alles, was ich von euch verlange, ist es, eine der wenigen Personen zu sein, die ihr* glaubt und sich von ihm* distanziert. Glaubt mir, er* wird nicht alleine sein.
Klar, ihr könnt auch eine „neutrale dritte Person“ sein. Aber a) bedeutet das, weder mit der Überlebenden noch mit dem Vergewaltiger was zu tun zu haben, was meiner Erfahrung nach so nicht geschieht und b) habt ihr eine Seite gewählt. Ja, so ist es. Ihr habt die Seite gewählt, die keine Wellen für den Vergewaltiger macht. Ihr habt gesagt: „Vergewaltigung? Ist mir egal.“

Edit (02.09.2012): Eine Überlebende erklärt What to say if your best friend tells you she was raped. (via @hanhaiwen)

1 Ich ziehe „Betroffene“ „Überlebenden“ vor, obwohl an letzterem nichts falsch ist. Natürlich meine ich es nicht wie in „etwas macht eine*n betroffen“ sondern „etwas betrifft eine*n“.
2 Wen es glücklich macht, darf sich „potenziell“ vor „Betroffene“ und „Vergewaltiger“ denken.
3 Wieder gegendert aufgrund von Statistiken. Denkt euch halt ein generisches Femininum.

Crossposted auf takeover.beta

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4 Gedanken zu “[TW] You can stop r***: Schritt 5 – Überlebenden ist unbedingt zu glauben

  1. [Trigger Warnung. Edit Zweisatz]

    Ich denke, viele wollen einfach nicht wahrhaben, dass sie einen (potentiellen) Vergewaltiger kennen. So lange es weit weg ist, setzen sich alle für die Opfer ein, aber im Bekanntenkreis, in der Familie, da will es niemand wahrhaben. Die Vorstellung ist zu schrecklich. Der eigene Vater, Bruder, Freund, Freundin, soll zu „so etwas“ fähig sein? Während meines Selbstverteidigungskurses habe ich gelernt, dass Männer, die Frauen belästigen, egal ob „nur“ verbal oder handgreiflich, dies nie nur bei einer Frau tun, sondern es immer mehrere Betroffene gibt, die aber alle befürchten, dass ihnen niemand glaubt und deshalb schweigen, weshalb der Täter weiter machen kann. Und wenn es zu keiner Ver…ti….gung kommt, dann soll sich die Betroffene bitte nicht so anstellen. Ist ja nichts passiert und XY ist zu sowas ohnehin nicht fähig. Vielleicht hat sie da was missverstanden. Alkohol und andere Drogen sind bei Männern grundsätzlich ENTlastend (war nicht Herr seiner selbst, wusste nicht, was wer macht), bei Frauen sind die gleichen Substanzen grundsätzlich BElastend. Frau muss damit rechnen, dass ihr Zustand ausgenutzt wird, Frau brachte sich selbstverschuldet in die Lage usw.

    1. [Trigger Warnung]

      Wie ich letztens erfuhr, gehen auch viele Täter* so vor, dass sie besser geschützt Personen in der Gemeinschaft nicht belästigen (macht ja auch Sinn), so dass zum Beispiel Kinder von Eltern mit einer bekannten Position in einer Community wahrheitsgemäß sagen können, dass sie nie belästigt wurden.
      Hier kommt dann die Intersektionalität zum Tragen: dass Menschen mit weniger Ressourcen (sei es finanziell, emotional oder einfach ein schlechteres Netzwerk an Unterstützung) eher zum Ziel werden. – Die dann wiederum so weit entfernt sind vom „vorbildlichen Opfer“, dass Täter* sich gar keine Mühe mehr geben müssen, sie in Verruf zu bringen, denn das übernimmt die Gesellschaft mit Freuden.

  2. [Wegen ich hab grad keine Lust auf die Diskussion gelöscht. Zweisatz]

    und rape ist schwierig-idr sind nur 2 beteiligt, spuren sind leicht zu verwischen oder zu entkräften („sex gab es aber konsensuell“) und dann steht es aussage gegen aussage wenn es keine eindeutigkeiten* gibt dann gilt eben in dubio pro reo- das bedeutet ja nicht dass der typ es nicht war- das gericht kann es nur nicht beweisen. (siehe wetterfrosch)

    [Wegen ich hab grad keine Lust auf die Diskussion gelöscht. Zweisatz]

    *( wie trauma, risse und andere verletzungen. (schon alleine deshalb:wehrt euch! schreieb, kämpfen was auch immer-1. in 80% der fälle von Überfallen lassen die täter ab und 2. wenn es trotzdem passiert hast du, so zynisch es ist bessere chancen weil es dann keine indizien mehr sind sondern beweise :/)

    1. ( wie trauma, risse und andere verletzungen. (schon alleine deshalb:wehrt euch! schreieb, kämpfen was auch immer-1. in 80% der fälle von Überfallen lassen die täter ab und 2. wenn es trotzdem passiert hast du, so zynisch es ist bessere chancen weil es dann keine indizien mehr sind sondern beweise :/)

      Sag. Betroffenen. Nicht. Was sie tun sollen.

      1) Viele Überlebende entscheiden sich aus guten Gründen dagegen zur Polizei zu gehen. Wunden hin oder her is da egal.
      2) Viele Überlebende entscheiden sich aus guten Gründen, sich nicht zu wehren. Das hat wahrscheinlich schon einigen das Leben gerettet.
      Das heißt nicht, dass man sich nicht wehren sollte oder es falsch ist sich zu wehren. Wenn man das für eine gute Idee hält, klar. Aber es gibt keinen One-Size-Fits-All-Approach für solche Situationen und so zu tun als gebe es den, schadet den Betroffenen.

      Wie kommst du überhaupt auf die Idee, Leuten zu sagen, was sie tun sollen, wenn du selbst in einem anderen Kommentar von der ganzen Scheiße erzählst, die deinem Bekannten an den Kopf geworfen wurde, weil er sich nicht gewehrt hat? (Angeblich „weil“ er sich nicht gewehrt hat; Leute würden ihm auch Scheiße erzählen, wenn er sich gewehrt hätte. Das ist rape culture.) Siehst du nicht, wie absurd das ist?

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