Open Thread: auf Street Harassment reagieren, aber wie?

Schlagwörter: street harassment – Diskriminierung – zurück schlagen

Im Zuge meines Artikels Schlag halt zurück, Mädchen! antwortete Samia u.a.

Ich muss sagen, dass für mich der Austausch mit Frauen* über street harassment unglaublich wichtig ist. Was fühlen wir in welcher Situation? Wie können wir das beeinflussen? Welche Art der Reaktion ermöglicht uns, uns hinterher gut zu fühlen? Wovon hängt es ab, ob die Reaktionen umsetzbar sind?

Mir geht es ebenso, weswegen ich mich entschieden habe, zu dem Thema einen zweiten Open Thread zu machen. Zur Inspiration ein paar Tweets, die ich, auf die Ankündigung dieses Threads hin, auf Twitter bekam.

Genau so geht es nach eigener Aussage @spelunkenjenny. Die hat allerdings noch eine Geschichte auf Lager.

Natürlich nur für Cis-Frauen möglich, die tatsächlich ihre Tage haben … und gut vorbereitet sind!
Und noch zwei weitere Inspirationen:

Danke schon einmal für eure Wortmeldungen, gerne könnt ihr das im Thread noch einmal näher darlegen. Vorher allerdings noch einige grundlegende Anmerkungen:

– Viele sind nicht nur von einer Form der Diskriminierung betroffen und werden daher nicht nur angemacht, weil ihr Geschlecht als weiblich wahrgenommen wird. Wenn ihr Erlebnisse habt, wie ihr wegen Rassismus, Hetero-Sexismus o.a. beschimpft wurdet, immer her damit! Auch in dem Falle würde ich gerne hören, wie ihr die Situation erlebt, wie ihr euch wehrt oder euch nicht dazu in der Lage fühlt usw.

– Dieser Thread richtet sich an weiblich Sozialisierte, weil diesen seltener nahegelegt wird, dass es in Ordnung ist, wütend zu sein und diese Wut auch zum Ausdruck zu bringen. Transsexuelle gleich welchen Geschlechts können aber gerne von ihren Erlebnissen berichten.
Sollten sich Männer* (dies gilt auch für transsexuelle Männer* und Genderqueere, wenn ihnen eine Äußerung dort lieber wäre) finden, die gerne von ihren Erlebnissen mit Diskriminierung aufgrund von Cis- oder Heterosexismus, Ableismus usf. auf der Straße berichten möchten, kein Problem. Dann bitte ich euch, den zweiten Thread zu nutzen, damit die jeweiligen Diskussionen einen größeren gemeinsamen Nenner haben.
(Wenn ein Teil dieses Vorgehens völliger Scheiß ist, lasst es mich wissen.)

– Ich möchte die Diskussion des Themas so sicher wie möglich gestalten, daher werde ich möglicherweise keine Antworten zulassen, die von Außenstehenden kommen („Ich als Mann hab mal die Frage, wie das so ist, abends allein unterwegs zu sein.“ „Ja aber Lesben blabla…“ Da kann man auch einfach mal still sein und zuhören.). Ich werde auf keinen Fall „hätteste…/du solltest…/aber warum machst du nicht…“ Victim-Blaming durchlassen.

– Und zuguterletzt: Bitte setzt eine Trigger-Warnung über eure Kommentare, wenn nötig. Wenn das Erlebnis irgendwie scheiße war, aber auch nicht voooll schlimm, dann nehmt eine Inhaltswarnung. (Also „Inhalt: feindselige Äußerung, allein auf der Straße“ o.ä.) Sollte eine solche fehlen, aber meiner Meinung nach nötig sein, setze ich sie auch nachträglich in eure Kommentare.

NUN würde ich gerne wissen, wie ihr auf street harassment reagiert. Nutzt ihr Äußerungen oder Gesten, die für euch befreiend sind? Stellt ihr euch eine Erwiderung cool vor, habt sie aber noch nicht umgesetzt? GO!

20 Gedanken zu “Open Thread: auf Street Harassment reagieren, aber wie?

  1. es gibt für mich ein anschlussproblem an die sache mit der reaktion „wut“. meiner erfahrung und beobachtung nach trifft ein gut plazierter spruch, ein mittelfinger, ein tampon etc. zwar das ziel, eigene psychohygiene betrieben zu haben, selten aber das ziel, den gemeinten (idr. typen) grenzen aufzusetzen, sie betroffen zu machen oder was auch immer. im gegenteil habe ich den eindruck, dass reaktionen auf street harassment oft erst recht eine bestätigung darstellen. im zweifel endet nämlich eine geste, ein spruch etc. im johlen und der zusätzlichen belustigung der jeweiligen gruppe, was die eigene erniedrigung gleich noch verdoppelt. und im ernstfall endet sie in bedrohungen.
    eure meinung/erfahrung bzgl. dieser sache dynamik würd mich interessieren bzw. auswegen.

    1. Eine Sache, die mir einfällt bezüglich

      …den gemeinten (idr. typen) grenzen aufzusetzen, sie betroffen zu machen oder was auch immer

      ist die Strategie einer Frau*, die ich mal gelesen habe (wo, leider unbekannt. Gerne Bescheid sagen, wem’s bekannt vorkommt). Die funktioniert aber leider nur unter bestimmten Voraussetzungen, am besten wenn jemand dich auf der Straße z.B. nach deiner Nummer fragt und ein Nein nicht akzeptiert: ihre Strategie war es, das, was die andere Person sagt, immer lauter werdend, aber ruhig zu wiederholen (also mit jeder erneuten Nachfrage einen Ton lauter).
      Scheint im Bezug auf gesellschaftlichen Druck recht gut zu funktionieren, weil die Umstehenden auf das Gespräch aufmerksam werden und auch hören, was gesagt wird. Leider gilt hier mal wieder: solltest du doch die Person sein, die die Nerven verliert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es „nur“ als Streit zwischen Bekannten/einem Paar aufgefasst wird oder deine „unsachliche“ Reaktion es irgendwie rechtfertigen würde, dir so lange auf die Nerven zu gehen. Menschen sind Arschlöcher. :(

    2. Hallo, das ist jetzt „schon“ einen Monat alt, aber ein sehr interessantes und wichtiges Thema. Ich hoffe, hier findet noch etwas Diskussion statt!

      Das Thema Mittelfinger und wütende-Reaktion-an-sich ist auch meins, und ich experimentiere damit seit Jahren in Berlin, wegen häufiger Umzüge auch in verschiedenen Stadtteilen. Ich bin mittlerweile Mitte 30, bin recht „femme“, eher zierlich-hübsch, werde also häufig „bemerkt“ von der Männerwelt. Ich arbeite außerdem in der Männerwelt und musste mich auch beruflich mit der männlichen Kommunikation viel auseinandersetzen.

      Ich hab schon sehr oft den Mittelfinger gezeigt und mir ist meistens nichts und selten etwas passiert.
      Vorsicht, einzelnes triggerndes Erlebnis:
      einmal habe ich in der Hasenheide einem [tut nichts zur Sache/ist geraten Editiert von Zweisatz] Mann mit Sohn den Mittelfinger aus einiger Entfernung gezeigt, weil ich mich blöd angestarrt fühlte. Da kam der Mann in einem Affenzahn auf mich zugerannt mit erhobener Faust und ich musste de-eskalierend auf ihn einreden, und ich war ganz alleine. – Ich beschreibe das, um zu sagen, was ich daraus gelernt habe:
      zeige den Mittelfinger nicht in Situationen, in denen echte Aggression wahrscheinlich ist. Dies muss man erst einschätzen / hätte ich einschätzen müssen.
      Mir wurde erst nach und nach mit den Jahren bewusst, dass ich in vielen Situationen „russisches Roulette“ gespielt hatte, habe z.B. nachts in Neukölln einmal einer entgegenkommenden Gruppen von Männern den Mittelfinger ins Gesicht gehalten, weil sie mir keinen Platz gemacht hatten… Das war ein Risiko, hat aber funktioniert.

      Also: nicht in Situationen, in denen Du körperliche Gefahr witterst.

      Jetzt komme ich zu den vielen Situationen, in denen ich den Mittelfinger erfolgreich und sicher einsetzen kann und ich tue dies fröhlich weiter, wenn ich es brauche, weil ich gerade vor Wut schäume.

      Dies sind alles Situationen, IN DENEN ICH KEINE ANGST HABE.

      Das ist doppelt wichtig, weil es sich auch in meiner Körpersprache ausdrückt und so dem Mann zeigt, dass ich keine Angst habe, sprich, dass ich MACHT habe. Und um Macht geht es ja beim Street harassment.

      Beispiele:

      im kleinen Park beim Joggen glotzt mich wieder mal ein älterer Herr sabbernd von seiner Bank an, weil ich an ihm vorbeijoggen muss. Dann halte ich ihm den Mittelfinger komplett schamlos und ohne jegliches Grinsen/Abmildern ins Gesicht und sag vielleicht noch „Idiot“ oder „Glotz nicht“ dazu.

      Wenn mich ein durchschnittlicher, nicht Angst-einflößender Mann irgendwo im öffentlichen Raum tagsüber annervt, kann ich ihm angstfrei den Mittelfinger zeigen. Wichtig ist, dass ich es vor mir selbst vertreten kann und es nicht schamhaft mache. ICH MACHE MICH GROSS DABEI.

      Und ich glaube, das kann man auf alle meine Reaktionen übertragen.

      Ich muss mir klarmachen, dass ich es RICHTIG mache, mich zu wehren, mich ÖFFENTLICH zu wehren. Und daher mache ich es GERADLINIG, DEUTLICH, und SELBSTBEWUSST. Und notfalls auch LAUT.

      Es ist wichtig, mich selbst zu beobachten: mache ich mich gerade klein? Lächele ich? Drehe ich mich weg? Rede ich leise? – Dann einfach: aufrichten! Breitbeinig und frontal hinstellen! Stimme lauter und fester machen!

      Ich glaube, es ist das WIE.

      Wenn wir uns beim Wehren klein machen, dann signalisiert das den Tätern, dass wir Angst haben, und schon fühlen sie sich wieder mächtiger, und machen weiter…
      Sie sollen sich aber nicht mächtig fühlen.
      Es ist daher essentiell wichtig, dass ICH MICH MÄCHTIG FÜHLE.
      Und wenn ich das schwer hinkriege, kann ich trotzdem an meiner Körpersprache arbeiten, und dann werde ich auch sicherer und dann werde ich auch dadurch real mächtiger!

      Ich reite so auf dem Wort „Macht“ rum im letzten Absatz, weil es bei Street harassment um Macht geht. Die Typen denken, sie hätten die Macht/die Erlaubnis, Frauen zu beurteilen/anzuquatschen/anzugaffen… Es geht ja nicht um Freundlichkeit oder Sex oder whatever.
      Ich denke, sich das klarzumachen, macht das ganze Handeln effektiver!!!

  2. etwas anderes, was mir eingefallen ist, das ich auf twitter mal gelesen habe (quelle?), die aber voraussetzt, in sehr starker stimmung zu sein: bei sehr anzüglichen anmachen unbekannter aus dem nichts: einfach drauf einsteigen und zwar sehr überzogen: „ok junge, gehen wir ficken? da drüben ist ein klo, ich will was geboten bekommen!“
    reaktion a) „äh sorry so war das nicht gemeint, wir können erstmal ein bier trinken?“ … -> auslachen
    reaktion b) „ok, klar, machen wir“ -> auslachen „haha, du denkst doch wohl nicht, dass ich mit dir armseligem typen auch nur 5 minuten verbringen würde?“

    1. Wäre mir persönlich zu krass, außer ich wäre mir sicher, dass es der anderen Person am Ende echt peinlich ist. Aber wenn man’s drauf hat, sicher ’ne Möglichkeit.

    2. ich finde deine vorschläge, #3, super, unter der voraussetzung, dass du dabei spass empfindest, mit den idioten ein wenig zu „spielen“.

      ich persönlich finde die vorstellung einer solchen kommunikation eher anstrengend. mich stört etwas dabei, ich weiß nicht genau, was.
      ich vermute, es ist die abwesenheit von „sehr starker stimmung“, oder es ist die wut, die ich inzwischen empfinde bei dieser ständigen belästigung auf der straße.

      wenn mich also jemand sehr anzüglich anmachen würde, wäre meine adäquate reaktion tatsächlich: mittelfinger zeigen und am besten noch ein hart ausgesprochenes „fick dich“, also: richtig wut zeigen.
      wenn die situation dafür zu beängstigend ist, würde ich meine wut anders zeigen.

      jedoch würde ich nicht 1:1 auf die konversation eingehen, die der junge mir aufdrängt!!! also nicht „antworten“, auch nicht im scherz. ich finde, das erniedrigt mich irgendwie….

      ich würde ihn ehrlich wütend anmachen und etwas sagen wie „was fällt dir ein, mich anzusprechen?! geht’s noch??“
      oder: „du nervst, quatsch mich nicht an!!!! du möchtest doch auch respektvoll behandelt werden, ODER?“
      oder: „ich ruf gleich die polizei, ich hab damit überhaupt kein problem.“ (abwartend angucken)

      jedenfalls zeigen, dass es daneben ist und dass ich mich belästigt fühle. nur so werde ich mir gerecht (ich werde gerade belästigt!!!) und nur so lernen die jungs vielleicht was.

  3. Bei körperlicher Bedrängung/zu nahe kommen/antatschen: Ich ignoriere Menschen meistens bis es nicht mehr geht bzw. es mir zu nervig ist, drehe mich dann ruckartig zu der Person um, reiße die Augen manisch auf und zische: „Fass mich nicht an!“ oder „Lass mich in Ruhe!“ mit ein bisschen Zähnefletschen. Das hat in der Vergangenheit zu erschrockenen Reaktionen und nach hinten wegstolpern geführt, effektiv also :) Musste es bisher aber auch erst zweimal machen. Funktioniert halt nur, wenn man so wie ich draußen die Umwelt/andere Menschen bewusst ignoriert (Kopfhörer, keine Personen ansehen die einen Ansprechen..), meistens zumindest.

  4. Trigger Warnung für Link wegen Schilderung von abusive¹ Verhalten

    Besonders deine Methode, Ruby, erinnert mich gerade an die Kommentar-Threads bei Captain Awkward zu Stalking und bei Pervocracy zu sexuellem Missbrauch: Täter* (seltener Täterinnen*) profitieren von der Stille, die unsere Gesellschaft Betroffenen anerzieht und auferlegt. Deswegen denke ich, dass Vorgehensweisen hilfreich sein können, bei denen die Aufmerksamkeit auf die Täter* gelenkt wird. Manchmal reicht es schon, wenn man den Tätern* selbst zeigt, dass man wagt auszusprechen, was gerade vor sich geht. Zu oft versucht man sich auch die eigene Wahrnehmung auszureden (wie Cliff Pervocracy hier erzählt: Just one ally)

    1 Sowas wie „missbräuchlich“? Hab immer noch kein gutes dt. Wort dafür gefunden :/

  5. Hm, das ignorieren hilft mir zumindest. Viel bekomme ich garnicht erst mit (durch erwähnte Kopfhörer), denke ich. Ist bei mir vielleicht auch noch etwas ’spezieller‘ da ich optisch auffällig herumlaufe (Haare, Makeup, Klamotten…) und manchmal wenn ich auf dem Weg zum Club bin wirklich alle 10 Meter Kommentare kommen, ich glaube da würde ich schier wahnsinnig werden, wenn ich nicht ausblende/ignoriere.
    Der Punkt ist eigentlich, dass ich nicht aus Angst ignoriere, sondern mit meiner Attitüde quasi sagen will: Du bist so klein und deine Kommentare so unwichtig, damit befasse ich mich garnicht erst. Das hilft mir natürlich nicht um Harassment abzustellen, gibt mir aber Selbstbewusstsein damit umzugehen. Das hätte ich oben vielleicht dazuschreiben sollen, mir liegt es fern anderen die Empfehlung geben zu wollen bloß still zu sein und keine Aufmerksamkeit auf den Täter zu lenken. Hängt vielleicht auch damit zusammen dass ich (wie oben geschildert) wenig Erfahrung mit körperlichen Übergriffen habe. Ich schätze aber, dass ich da wenig Hemmungen hätte Aufmerksamkeit zu erzeugen, musste ich bisher aber noch nie.
    Das mit dem ‚eigene Wahrnehmung ausreden‘ kenne ich, habe ich aber eher in privaten Beziehungen erlebt, damit fiel es mir früher schwerer umzugehen, im Gegensatz zu Situationen ‚auf der Straße‘.

    1. Ah, das macht alles Sinn. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass du vorschlagen wolltest, man solle bloß ruhig sein. Ich habe es nur angesprochen, weil viele eben die Hemmungen haben, die du im privaten Bereich nennst.

      Aussehen macht sicher auch sehr viel aus. Ich bin weiß, nicht klein, schlank genug, um nicht deswegen angemacht zu werden, habe derzeit ein Zentimeter lange Haare und mein Alltagsgesicht wirkt anscheinend, als wäre ich konstant angepisst. Zudem habe ich es mir angewöhnt, wenn ich mir Sorgen mache, dass mich wer dumm anquatschen könnte, dieser Person direkt in die Augen zu sehen. Bis jetzt bin ich gut damit gefahren, aber ich denke, dass ich aufgrund meiner Erscheinung auch einfach privilegiert bin. Zum Beispiel denke ich, dass Frauen*, die sich stark femme präsentieren und/oder klein sind und/oder eben allgemein anders als der Durchschnitt aussehen, mehr abbekommen. Auch der Ort/Stadtteil wird seine Rolle spielen.

  6. Hm, gerade bei Faktoren des Aussehens sehe ich da zwei Achsen auf denen sich das auswirkt: Einmal die Häufigkeit von Harassment und zum anderen die Form. Ich habe den Eindruck, indem ich mich femme (schönes Wort :) und gleichzeitig ‚irgendwie alternativ‘ präsentiere habe ich einen Tausch vollzogen: Häufiger, aber in einer Form, mit der ich besser umgehen kann.
    Das konstant angepisst schauen, ist auch etwas, dass ich mir angewöhnt habe… Nur kommen bei kurzen grünen Haaren und vielen spitzen Metallringen weniger Leute auf die Idee einem zu erzählen ‚lächel doch mal‘ ;)
    Hohe Schuhe sind übrigens auch eine interessante Sache, sie machen mich selbstbewusster da ich dann größer bin, andererseits fühle ich mich dann auch ‚angreifbarer‘.

    Okay, bevor das jetzt zu derailend wird habe ich noch ein paar interessante Erfahrungen mit Mittelfinger zeigen, dass hat nämlich beim Täter bisher immer zum kompletten Ausrasten geführt. Tun konnten sie mir nciht viel, da immer eine Form von Barriere dazwischen war, die Gewissheit dass der Täter furchtbar rumtobt, aber nichts machen kann, fand ich natürlich super ;) Ober ohne Barriere sähe das natürlich anders aus.

    Ich frage mich nur, warum sie so ausgerastet sind; ist das eine Einzelerfahrung von mir oder passiert das häufiger? Und wenn ja, hat das vielleicht etwas damit zu tun, dass ‚Mittelfinger zeigen‘ als Dominanzgeste/Phallussymbol gesehen wird?

    1. Die Beobachtung mit dem Mittelfinger ist interessant. Ich kann nicht viel berichten, weil ich’s erst einmal? zweimal? gemacht habe. Beide Male war ich auf dem Fahrrad konnte bzw. wollte mit der anderen Person nicht kommunizieren und bin auch gleichzeitig von ihr weggefahren. Demnach dito: befriedigendes Gefühl, aber ob die Person sich aufgeregt hat, kann ich nicht sagen (beim zweiten Mal bin ich mir recht sicher, weil ich’s überhaupt gemacht hab, weil der Typ gehupt hat à la „du bist mir im Weg, geh weg“. Also offensichtlich niedrige Frustrationstoleranz/Entitlement¹.)

      Andere/weitere Erfahrungen, Leute?

      1 Das Gefühl, ihm stünde etwas zu, weil … er er ist.

      Edit: Kommt mir ein Gedanke: Ich glaube, wenn Leute dich als femme wahrnehmen, sind sie eher der Meinung, dass eine „unweibliche“ Geste – wie den Finger zu zeigen – dir gar nicht zusteht. ( – Oder dich in irgendeiner Form zu wehren, die nicht zwei Mal „bitte“ und ein Lächeln beinhaltet.) Also ich denke, dass das Nicht-zur-Verfügung-Stellen, obwohl du als weiblich eingeschätzt wird, sie sauer macht (habe ich definitiv irgendwo gelesen.)

  7. Ja, das mit dem nicht zur Verfügung stellen kommt mir sinnig vor, den Eindruck habe ich auch öfters.

    Zum Thema angestarrt werden ist mir noch etwas eingefallen (so nach und nach kommt alles wieder bei mir ;), ich mache dann gerne etwas offensichtlich widerliches oder schneide manchmal Grimassen. Als Beispiel: ein Typ gegenüber von mir in der S-Bahn hat das Starren in meinen Ausschnitt eingestellt und sich weggesetzt als ich angefangen habe mir den alten Sonnenbrand den ich hatte mit den Fingern runterzuziehen, Nase popeln ist auch immer super :) Und ich fühle mich gut hinterher!

  8. Ich mach auch bisschen bis sehr femme, proportional dazu viel bis sehr viel Harassment.

    @Ruby Wegen Mittelfinger, zeig ich schon jedem zweiten Autofahrer, der mich nich durchlässt oder so, Reaktionen gibts von leicht genervt bis rumbrüllen alles. Bei Harassment mach ich je nach Grad, Stimmung und Lageeinschätzung Ignorieren (viel zu oft, SO unbefriedigend), verbale Attacke (zweithäufigste), auf den Boden spucken, aber auch anspucken, wegschubsen, Schelle geben, bei körperlichen Sachen. 
    Anstarren: Auf dieses Wett-Starren komm ich gar nich klar. Wenn ich merke, dass es permanent ist, guck ich zb hin und verzieh das Gesicht. Auch mal dieses genervte Schnalzen. Oder einfach laut „WAS?!“.

    Das konstant angepisst schauen, ist auch etwas, dass ich mir angewöhnt habe… (Ruby)

    Das hab ich auch richtig lange gemacht, jahrelang. Hab wieder aufgehört, weils mir nich gut getan hat. Am besten komm ich auf die Typen klar, wenns mir richtig gut geht und da seh ich dann nich ein, ne Maske aufzusetzen oder so (das soll natürlich keine Kritik sein!).

     im zweifel endet nämlich eine geste, ein spruch etc. im johlen und der zusätzlichen belustigung der jeweiligen gruppe, was die eigene erniedrigung gleich noch verdoppelt. und im ernstfall endet sie in bedrohungen.

    Wegen Bedrohungen kann man nich viel machen außer einschätzen, vorbereitet sein und wenn man sichs zutraut irgendwie bewaffnen. Aber die greifen ja auch Frauen* an, die grade nix sagen, von daher.. Wegen der Verdoppelung: Man kann bei so Gruppen versuchen, den Täter als Einzelnen anzugreifen, um die Lacher auf die eigene Seite zu ziehen, aber kann man auch nie genau wissen. Gutes Repertoire hilft auf jeden Fall, die sagen ja eh immer die gleiche Scheiße.

  9. Triggerwarnung für gewaltvolle Sprache, direkte street harassment-Zitate

    Repertoire-Vorschläge (gerne erweitern!):

    1) einfach nur kurz nen angewidertes Gesicht machen ist leichter machbar als nen Spruch und man muss dafür nicht nachdenken; auch hilfreich, wenn mans gar nich verstanden hat

    2) passt immer: „Halt die Fresse!“ (zum Beispiel so: http://www.youtube.com/watch?v=jJmvw5QV2tA )

    3) passt oft: „Wie REDEST du?!“ (genervt/böse, dezente/vehemente Wegscheuch-Geste mit der Hand – die passt auch sonst oft)

    4) „Hallo!“ – „Tschüss!“ (böse)

    5) „Du bist voll hübsch!“ –  „Ich weiß.. Aber du bist so hässlich!“ (theatralisch, verzweifelt)

    6) „Geiler Arsch/Titten/bla“ – „Alter f.. dich!“ – „Eh bla bla Sch..pe!“ – „Weil ich NICHT mit dir f..?!“ (plötzlich vergnügt)

    7) „Lutsch meinen Schwanz!“ – (wenn nötig stehen bleiben,) langsamer Körperscan runter hoch, angucken, traurig lächeln: „Nee Mann..“

    8) Supercheat für überlegene Situationen (man hat ne Gruppe o.ä.): „Sagst du das auch zu deiner Mutter?“

    1. Ah, ist das schön, mal von einer anderen Frau zu lesen, die sich traut, öffentlich und wütend zu reagieren – ich kenne bisher nur mich in meinem Bekanntenkreis!!!

      Nr. 7 finde ich besonders schön.

      Meine Erfahrung ist, dass alles, was den Typen signalisiert, dass Du Macht hast, hilft. Also: Arroganz, Herablassung dem Typen gegenüber zeigen.

      Das hilft auch beim Niederstarren. Ich hasse es, wenn ich permanent zum Spass irgendeines Honks angeglotzt werde. Ich lehne mich dann zurück und schaue ihn von oben herab so verächtlich und unbeweglich wie möglich an und spiele das alberne „Spiel“ einfach so lange, bis er den Kopf senkt… Das funktioniert immer. Immer DANN, wenn ich Herablassung für den Typen in meinem Kopf habe und ihm über meinen Blick herüberschicke.

  10. @Samia Danke für deine Perspektive und die vielen Vorschläge!

    Bezüglich Gruppen denke ich auch, dass es eine der wenigen Möglichkeiten ist, die Person, die (zuerst) geredet hat, anzugehen. Natürlich unter Einschätzung der eigenen Sicherheit usw.

    PS: Um Text zu formatieren musst du auf meinem Blog die spitzen Klammern nehmen „<" Ich hab's bei Punkt 5 mal editiert.

  11. Meine erprobten Strategien gegen Belästigung auf der Straße:

    1. Ich vertraue auf meine innere Stimme. Wenn mir mein Gefühl sagt, “da fühlt sich was komisch an”, dann ist da auch was komisch. Punkt. Ich stelle mich nicht mehr selbst in Frage. Das ist das Allerwichtigste. Denn das führt zu mehr Selbstbewusstsein und zu schnellerer Reaktionsfähigkeit bei mir.
    Also: auf mein Gefühl vertrauen. Es ist richtig.

    2. Wenn meine innere Stimme mir sagt: “Da fühlt sich was komisch an”, dann schaue ich mir den Grund genau an. Das muss man sich auch erstmal trauen. Manche Frauen trauen sich ja nicht, den Kopf zu heben, wenn sie fühlen, dass sie bspw. von der Seite angestarrt werden.
    Also: mich von meinem Gefühl leiten lassen und rauskriegen, wo es her kommt.

    3. Sofort reagieren, wenn mir das nicht gefällt, was ich sehe. Ich kann: weggehen, mich wegsetzen, böse schauen, etwas sagen. Je nachdem, was meine unangenehmen Gefühle am besten ausdrückt und was mich am besten verteidigt oder mich am besten in Sicherheit bringt.
    Also: sofort zeigen, dass ich nicht begeistert bin und eine ablehnende Haltung habe. Das darf ich! Das tut absolut niemandem weh. Männer machen das die ganze Zeit in ihrem Alltag – ohne diesen schädlichen Nettigkeitszwang.

    Beispiele für die häufigsten Situationen:

    Ein Mann sitzt mir in der Bahn gegenüber oder schräg gegenüber, starrt mich an, ich fühle mich unwohl mit seinem Blick.
    Ich gucke so, wie ich mich fühle, nämlich “not amused”. Ich gucke ihn direkt an. Dann gucke ich weg. Wenn ich merke, dass er immer noch starrt, gucke ich ihn wieder an und zwar so selbstbewusst und missbilligend wie ich kann. Am allerbesten wirkt: von oben herab angucken, keine Miene verziehen, nicht bewegen. Ihr denkt, das sei albern? Das verstehen Männer aber. Probiert es aus.

    Ein Mann sitzt neben mir und rückt mir zu nahe, berührt mich am Arm oder lehnt sein Bein “zufällig” an meins.
    Ich zögere nicht lange schiebe ihn einfach weg. Harmloseste Variante: ich schiebe sein Bein/seinen Arm mit meiner Handtasche “zufällig” weg. Oder ich trete “zufällig” mit meinem Schuh spürbar gegen seinen, bis er ihn wegzieht.
    Was ich in harten Fällen mache, hat bisher immer funktioniert, aber man braucht etwas Mut dazu: ich haue ganz kurz mein Knie gegen seins, wie einen kleinen Schlag. Danach ziehe ich mein Knie sofort wieder weg, als wäre nichts gewesen. Dabei gucke ich die ganze Zeit unbeteiligt geradeaus. Ja, das funktioniert wirklich! Kein Mann hat sich jemals beschwert, und ich habe es schon ungefähr 5mal gemacht. Ich gebe zu, es ist eher die radikale Variante. Aber dabei sieht man sehr schön, was alles geht!!
    Mit dem Ellenbogen zufällig boxen, während ich in meiner Handtasche nach etwas suche, geht natürlich auch sehr schön. Und natürlich war es keine Absicht, wie man notfalls mit großen Augen verkünden kann.

    Ein Mann geht an mir vorbei, während ich alleine warte, und spricht mich an, und es fühlt sich schlecht an.
    Dann sage ich kurz und schmerzlos: “Sprich mich nicht an.” Ohne Zögern und ohne Lächeln. Notfalls genau diesen Satz nochmals wiederholen. Wenn er nicht aufgibt, weggehen. Idealerweise zu anderen Leuten hin.
    Dass mir hartnäckig einer hinterherrennt, ist mir schon sehr lange nicht mehr passiert.

    Meine Erfahrung insgesamt ist: je selbstbewusster und schneller ich reagiere, umso weniger passiert mir. Und das konnte ich früher auch nicht, das habe ich erst mit den Jahren gelernt. Es ist auch nicht so, dass ich generell nicht mehr interessant bin. Denn angegafft werde ich noch genauso häufig wie früher als 20jährige, aber das Angaffen hört immer ganz schnell auf.

    Hab ich auch hier gepostet:
    http://berlin.ihollaback.org/2012/08/was-ist-ein-holla-back/

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