Die Normalität des Männlichen

Schlagwörter: Redeverhalten – Sexismus – Privileg – Dominanz

[„Frauen*“ und „Männer*“ sind in diesem Artikel vor allem „weiblich und männlich Sozialisierte“, also Erzogene, im weitesten Sinne.]

Vielleicht ist es noch nicht allen aufgefallen, aber: Frauen* und Männer* neigen zu unterschiedlichen Sprach-Stils. Mit „neigen“ meine ich nicht, „weil ihre Sexualorgane es ihnen vorgeben“, sondern „weil sie so erzogen wurden und sich an ihre Umwelt anpassen“. „Neigen“ bedeutet auch, dass das kein Naturgesetz ist, das man bei jeder beliebigen Person, die man aus der Welt-Bevölkerung zufällig wählt, nachweisen können wird. Aber zurück zum Thema. Frauen* und Männer* haben also teils unterschiedliche Sprachstile.

Dabei stellt sich heraus, dass ein „männlicher“ Sprachstil in unserer Gesellschaft besser dazu geeignet ist, eine Diskussion zu dominieren (wir leben in einer Kyriarchie, wer hätte das also erwartet?!). Dies wird von verschiedenen Faktoren unterstützt;
Viele Frauen* neigen zu Füllwörtern wie „nur“ und „vielleicht“ und präsentieren ihre Gedanken als ihre persönliche Sicht der Dinge („meiner Meinung nach“) und Vorschläge eher zurückhaltend („vielleicht sollte man“), während Männer* ihre Meinung häufiger derart präsentieren, dass es den Eindruck erweckt, sie sei ein Fakt (keine „meiner Meinung nach“-Relativierungen, Vermeidung von Zeichen der Unsicherheit).

Gesprächsbeiträge von Frauen* und Männern* werden aufgrund ihres Geschlechts aber auch unterschiedlich eingeordnet. Aufgrund von (internalisiertem) Sexismus bzw. der höheren Wertschätzung des männlichen Gesprächsmodells wird den Beiträgen von Frauen* schlicht weniger Wichtigkeit beigemessen. Sie erhalten weniger Aufmerksamkeit und auch der Faktengehalt ihrer Aussagen wird schlechter eingeschätzt.
Diesen Umstand kann man sehr gut in größeren Gruppen beobachten, wenn ein Mann* eine Aussage wiederholt, die bereits von einer Frau* getroffen wurde und breite Zustimmung erhält, ohne dass die Wiederholung aufzufallen scheint.
Ein anderes Beispiel ist das allseits beliebte Mansplaining: dabei erklärt eine Person, die sich als männlich identifiziert, einer Frau*, die entweder qua Beruf/Ausbildung oder durch ihre bisherigen Redebeiträge deutlich gemacht hat, dass sie bestens mit dem aktuellen Thema vertraut ist, in einem langen Kommentar die Feinheiten des aktuellen Themas. Bonuspunkte, wenn der Inhalt bereits von Frauen* in vorherigen Beiträgen dargelegt wurde.

Die Benachteiligung des weiblichen Gesprächsstils zeigt sich aber auch dort, wo es notwendig ist, anderen oft genug ins Wort zu fallen, um sich zu gleichen Teilen am Gespräch beteiligen zu können oder wo Frauen* „nicht gehört werden“, wenn sie einen Punkt anbringen – die Diskussion also nur auf Teilnehmer*innen mit männlichem Redeverhalten eingestellt ist. (Ich schätze, die (Gegen-) Beispiele werden im dt. Sprachraum auch unter „dominantem Redeverhalten“ geführt, aber mit dem Thema bin ich noch nicht so vertraut.)

Zuguterletzt gibt es noch eine Klassiker, der besonders perfide¹ ist: Menschen (aller Geschlechter) äußern häufiger ihr Unwohlsein im Angesicht von „hohen quietschenden Frauenstimmen“. Dies ist ein sexistisches, derailendes BullshitStrohmann-Argument.
Wie ich gerne immer wieder betone, ist die Zuordnung Frau* = hohe Stimme und Mann* = tiefe Stimme nicht haltbar. Die Varietät in der Stimmhöhe ist innerhalb der Gruppe der Frauen (ich schätze, in der Studie haben sie nur Cis-Menschen zählen lassen) größer als zwischen Männern und Frauen. Und wie jede*r sicher bestätigen kann, sprechen nicht alle Männer* brummig-bassig tief und nicht alle Frauen* sopran-trällernd hoch. Dies aber nur als vorläufiges Gegenargument.
Viel schlimmer ist doch, wenn man einer Person gegenübertritt und meint, ihr aufgrund von körperlichen Eigenschaften (!) in einer Diskussion nicht zuhören zu können bzw. zu müssen. Das ist blankester *-ismus! Wer in einer Diskussion fair alle Stimmen zu Wort kommen lassen will, kann nicht plötzlich die mit Husten, einer verstopften Nase, einem Sprachfehler, Fremdsprachler*innen etc. etc. ausschließen. Dann soll man sich klar positionieren und sagen, dass man nur an gesunden able-bodied weißen cis-hetero Männern interessiert ist. Dann weiß der Rest wenigstens, woran er_sie ist.

In den letzten Punkt spielt auch hinein, worauf ich eigentlich hinaus wollte: „weibliche“ Attribute werden oft als schlechter (weniger wert/nicht wünschenswert) wahrgenommen als „männliche“ – im oben genannten Fall ist es die als weiblich eingeordnete Stimme. Einen Großteil dieses Themas hebe ich mir für einen anderen Artikel auf, aber wo ich gerade beim Redeverhalten bin, spreche ich noch eine häufige Forderung sprechen: sollen Frauen* doch lernen so zu reden, dass man ihnen zuhört (ergo auf stilistische Mittel und Vokabular verzichten, das weiblich assoziiert wird).
Das sehe ich nicht ein.
Wir können gerne diskutieren, welche Arten von Redeverhalten in welcher Art von Diskussion dienlich sind und uns aufgrunddessen objektiv einigen, welche unter ihnen wir fördern möchten, aber die Einstellung, dass weibliches Redeverhalten per se keinen Wert hat, Menschen mit diesem Verhalten sich also besser anpassen, damit sie nicht übergangen werden, das akzeptiere ich nicht.

Ist es überhaupt wichtig, Argumente auf eine bestimmte Art zu präsentieren oder besteht das größere gesellschaftliche Problem darin, dass Menschen, die nicht auf eine bestimmte Art reden, nicht zugehört wird? Sicher ist es schwer sich die Geringschätzung weiblicher* Positionen abzugewöhnen, die man in einer sexistischen Gesellschaft gelernt hat, aber wenn man es nicht versucht, handelt man eben auch (internalisiert) sexistisch.

1 verschlagen, niederträchtig

Edit 07.06.2012: Link Mansplaining eingefügt

Crossposted auf takeover.beta

4 Gedanken zu “Die Normalität des Männlichen

  1. Ein toller Post, dessen Inhalt ich teile, allerdings möchte ich hinzufügen, dass es sich bei einem Sprachstil, der mittels Wörtern wie ’nur mal‘, ‚vielleicht‘, mit vorauseilende Entschuldigungen oder Abschwächungen, mit dem markieren des eigenen Wortbeitrages als persönliche Meinung und dem Anheben der Stimme am Ende des Satzes (um den Satz als Frage zu kennzeichnen) um Techniken handelt, die gelegentlich deshalb angewandt werden, um zu verhindern, dass ein_e dominante_r Redner_in den Beitrag sanktioniert. Wenn wir voraussetzen, das der Sprachstil frei gewählt ist, dann können wir nach den Vorteilen suchen, die aus der traditionell als ‚weiblicher Sprachstil‘ benannten Form zu sprechen erwachsen. Und die sind für mich in erster Linie: Verbindlichkeit, Offenheit (bis hin zur Durchlässigkeit), persönliche Ansprache, die Möglichkeit, gemeinsam Positionen zu erarbeiten, die Beteiligung der Seele am Gespräch. Ich möchte ja nicht mit Köpfen, sprich Geistern in Kontakt treten, sondern mit Menschen.

  2. Also meine Einleitung klang sehr negativ, was ich wohl mit dem Ende des Artikels nicht herausgerissen habe.^^ Danke für die Ergänzung. Dass dieser Stil im (Streit-) Gespräch hilfreich bzw. sogar nötig sein kann, hatte ich nicht bedacht.

    Die Liste der Vorteile finde ich interessant, weil es einfach selten ist, dass der Stil gelobt wird (bin bis jetzt nur Management-Artikeln begegnet, die behandeln, „wie man sich im Job durchsetzt“ und solcher Kram).

    Es stört mich auch einfach dieser Anspruch, der bei mir ankommt (nicht von deiner Seite ;), dass wir alle den „klaren“, „eindeutigen“ Stil verwenden sollten, als wäre das die einzige gute Lösung.

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