Abwehrverhalten bitte an der Tür abgeben

Schlagwörter: feministische Grundlagen – Derailing – Privileg – Abwehrmechanismen – Diskriminierung

Wer kennt das nicht: da stürzt man sich engagiert in eine Diskussion, die Diskriminierung thematisiert und nickt beim Lesen so vor sich hin, aber dann beginnen Leute in eine ungute Richtung abzudriften. Sie legen nahe, dass man selbst zu den Personen gehört, die hier Arbeit zu tun haben, denn man ist vom diskutierten Problem eben nicht betroffen, auch privilegiert genannt. In einigen Schilderungen von problematischem Verhalten findet man sich dann auch noch selbst wieder und es ist zu spät: man haut in die Tasten und erklärt in einem erbosten Traktat, warum man unmöglich so böse sein kann. Um etwas Würze hineinzubringen erwähnt man, wie man damals mal etwas gegen Diskriminierung getan hat und zeigt auf, dass die da drüben noch viel schlimmer diskriminieren. Davon mal abgesehen hat man’s nicht so gemeint und findet, dass der Artikel schon recht boshaft geschrieben war und man das netter hätte formulieren können. Außerdem … – an dieser Stelle ziehe ich mal die Notbremse.

Was wir hier erlebt haben, wertes Publikum, ist Abwehrverhalten. Es setzt dann ein, wenn man sehr wohl erkennt, dass es ein Problem gibt, an dem man darüber hinaus beteiligt ist, dieses Gefühl aber – verständlicherweise – so unangenehm findet, dass man darauf verzichten möchte, sich in Ruhe damit zu beschäftigen und stattdessen mitten in die Diskussion platzt, um das eigene Ego wieder aufzubauen.
Was dann mit der Diskussion geschieht, hängt nur noch vom Moderationsverhalten der Verantwortlichen ab. Wenn sie so gnädig sind zu verhindern, dass sich die Erbosten vor aller Welt blamieren, löschen sie entsprechende Beiträge und Derailing kann vermieden werden. Wenn wir hingegen von einer größeren Tageszeitung sprechen, bricht an dieser Stelle die Apokalypse aus, denn alle, die einmal gedemütigt und verletzt wurden (sprich: auf Fehlverhalten oder Privilegien hingewiesen), kommen jetzt aus dem Unterholz und feiern eine große „Antidiskriminierungsopfer“-Party.

Werfen wir noch einmal einen näheren Blick auf die Folgen einer übereilten Reaktion: Abwehrverhalten lenkt den Fokus vom eigentlichen Thema (das wichtig ist, sonst hättest du die Diskussion ja nicht verfolgt, richtig?) auf die persönlichen Empfindungen der Teilnehmer*innen ab. Das kann nur unter einer Bedingung wertvoll sein: wenn eine Person, die von der genannten Diskriminierung betroffen ist, ihre Empfindungen äußert.
Ich verstehe das Bedürfnis, die eigenen Privilegien mit anderen zu reflektieren und im Dialog auf die eigenen Gefühle klarzukommen – dieses Vorgehen kann sogar wertvoll sein, falls Privilegierte es fertig bringen, sich (ohne weitere Erklärungen von Diskriminierten zu verlangen) an einem anderen Ort zusammenzufinden und das eigene Verhalten objektiv zu reflektieren. Dadurch gewinnen alle.
Es kann aber nicht sein, dass ich als Privilegierte eine Diskussion dominiere, in der es darum geht, dass ich privilegiert bin. Das dient vielleicht als Paradebeispiel meines Bedürfnisses, im Vordergrund zu stehen, torpediert aber die ganze wertvolle Unterhaltung.

Also Leute:

  • wenn ihr das N-Wort sagt, gilt nicht eure Intention oder der besondere Kontext, in dem ihr euch wähnt. Es ist falsch.
  • in einer Diskussion um street harassment geht es ganz bestimmt nicht um Dating-Schwierigkeiten von heterosexuellen Männern* (mir wird jedes Mal schlecht, wenn ich versuche, den Gedankengang nachzuvollziehen)
  • Diskussionen über racial profiling laden sicher nicht dazu ein, über die Rate von von „Ausländer*innen“ verübten Verbrechen zu schwadronieren (wer häufiger kontrolliert wird, kommt häufiger in die Statistik, die in Berlin eh gefälscht war. By the way, unterschreibt die Petition gegen racial profiling)
  • wenn Menschen von bestimmten Diskriminierungserfahrungen aufgrund eines Teils ihrer Identität erzählen, ist nicht „wo ist mir das als privilegierte Person auch schon mal passiert?“-Tag

Ich liebe produktive Diskussionen. Lasst uns mal damit anfangen.

Crossposted auf takeover.beta

6 Gedanken zu “Abwehrverhalten bitte an der Tür abgeben

  1. Cooler Artikel. Ich verstehe nur nicht was Du mit „N-Wort“ meinst. Im englischen steht das meistens für die allseits bekannt rassistische Betitelung von Menschen mit Afro-Background. Meinst Du das in diesem Fall auch? Thx.

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