„Die sind ja gestört“

möchte ich auf meinem Blog nie hören. Warum?

Schlagwörter: Diskriminierung – Sprache – psychische Krankheit

Ich werde erklären, warum es a) ableistisch ist und b) nicht clever argumentiert, wenn man eine Person als „durchgeknallt“, „bescheuert“ oder „irre“ bezeichnet bzw. sagt hän sei doch „gestört“ oder müsse doch „psychische Probleme haben“.

(1) Was damit bewirkt wird, und meist auch (un-)bewusst bewirkt werden soll: alle Aussagen und Handlungen der betreffenden Person zu invalidieren¹. Nachdem man die Lage derart klargestellt hat, kann man alles, auch die logischsten Handlungen dieser Person, als verdächtig ansehen und in ein verqueres Licht rücken.

(2) Natürlich basiert die Kraft dieser Sätze auf völlig falscher Wahrnehmung von psychischer Krankheit. Es handelt sich bei ihr nicht um einen amorphen Zustand, durch den Menschen einfach in eine diffuse „Durchgeknalltheit“ gesogen werden und unzusammenhängende und auffällige Dinge tun; Ja, Menschen mit psychischen Krankheiten tun tatsächlich manchmal auffällige und ungewöhnliche Dinge. Sowie Menschen mit geistiger Behinderung, [edit]neurodiverse Menschen und Menschen ohne psychische Krankheiten und/oder geistige Behinderung sowie Neurotypische [/edit]. Es ist sehr sehr selbstzentriert anzunehmen, dass eine Person keine guten Gründe für ihr Handeln hat, nur weil du sie nicht instantan² zu verstehen meinst. Ich tue auch „komische“ Dinge in der Öffentlichkeit. Einfach, weil mir gerade danach ist nicht auf die Lücken zwischen den Platten zu treten oder zu pfeifen oder weil ich gerade über etwas nachdenke und mein Gesicht meine Emotionen spiegelt oder weil ich Lust habe, die Packungen im Geschäft im Vorbeigehen anzufassen. Ich bin froh, meine Angst vor Verurteilung in der Hinsicht überwunden zu haben.

(3) „Psychisch krank“ ist keine Diagnose. „Depression“ ist eine Diagnose, „Angststörung“ ist eine Diagnose, „Posttraumatische Belastungsstörung“ ist eine Diagnose.* Diese Diagnosen werden von Personen gestellt, die dafür ausgebildet wurden und sich an konkreten Symptomen orientieren. Diese Symptome lauten nie: „Hatte in einer Diskussion eine andere Meinung als ich.“

(4) Mediale Klischeebilder von „Irrenanstalts“-Insass*innen, aber auch Mainstream-Äußerungen zu psychischer Krankheit haben zur Folge, dass Menschen mit psychischer Krankheit Stigmatisierung und Ausgrenzung erfahren, statt die Liebe und Unterstützung, die sie brauchen, um mit ihrer Krankheit zu leben, sie angemessen zu behandeln – falls sie das möchten – oder sie hinter sich zu lassen, falls das möglich und gewünscht ist.
Hier zeigen sich die gleichen Effekte wie bei anderen Formen von Diskriminierung: wenn du dazu neigst, abfällige und unbedachte Bemerkungen über „die Irren“ zu machen, werden deine Freund*innen bei dir zuletzt Hilfe suchen, wenn sie in letzter Zeit nicht mehr alleine mit ihrer Depression klarkamen und jemanden brauchen, bei dem_der sie zur Sicherheit ihre Schlaftabletten unterbringen können. Sie werden sich von dir zurückziehen und dabei selber weiter an Lebensqualität einbüßen. Niemand gewinnt, außer vielleicht die Pharma-Industrie.

(5) Um aber auf den Gebrauch diese „Arguments“ in Diskussionen zurückzukommen. Wenn du eine Aussage mit „X is doch irre zurückweist“, zeigst du schlechte argumentative Fähigkeiten, verpasst eine Chance, ihre Punkte zu widerlegen oder klar darzulegen, warum du dich aus der Situation zurückziehst und gibst deinen Diskussionsgegener*innen sogar Schützenhilfe. Denn Menschen mit psychischen Problemen, einer angeborenen Neurodiversität oder geistiger Behinderung sind nicht das Problem. Das Problem sind Menschen, die meinen es sei hip zu behaupten, dass ihre Gehirnchemie sie daran hindere, kein*e Unsympath*in zu sein. Da kommst du und sagst: „X ist doch irre.“ Sie treten dir gegen’s Bein und sagen: „Genau!“

*Ich nehme nicht für mich in Anspruch, dass es sich bei den genannten um die richtigen Fachtermini handelt.

1 entwerten, ungültig machen
2 unmittelbar, unverzüglich

5 Gedanken zu “„Die sind ja gestört“

  1. Sehr schöner und richtiger Kommentar! Es fehlt leider noch vielfach an Sensibilität gegenüber der Diskriminierung von Personen, die unter körperlicher und (v.a.) seelischer – ja, schon fehlt mir der richtige Begriff: „Krankheit“ ist stigmatisierend, „Beeinträchtigung/Störung etc“ weise ich entschieden zurück, „Besonderheit“ euphemisiert das Leiden, das oft vorhanden ist – … leiden oder auch nicht leiden. Man ist schnell dabei mit flapsigen Sprüchen über „Gestörtheit“ und „Klapse“, aber auch mit vermeintlichen Diagnosen wie „Depression“ (im Falle dann eine leichten Verstimmung, die mit „richtigen“ Depressionen kaum etwas zu tun haben). Vielleicht spiegelt das auch eine Tradition wieder, in der „abweichendes Verhalten“ (hierin begriffen durchaus auch zB. progressive Weltanschauungen, die dann als „nervöse Überreizung“ o.ä. deklariert wurden) tatsächlich oft pathologisiert wurde, um die „Grenze“ zwischen Norm und Abweichung ein für allemal zu ziehen — siehe die Arbeiten von Michel Foucault.
    Gut, dass du dir die Zeit und den Raum genommen hast, einmal über diese Form alltäglicher Diskriminierung zu schreiben!

  2. Sehr gut formuliert, sehr guter Kommentar. Ebenso schrecklich finde ich die Bezeichnung: „Der/die ist ja krank“. Gleiche Argumentation.
    Danke!

  3. Der Artikel ist großartig!

    Besonders beliebtes „Attribut“ ist ja auch „schizophren“. Ich könnte regelmäßig an die Decke gehen.

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