Die Sache mit dem Reclaiming

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[Trigger Warnung] für gegenderte, cis-sexistische, ableistische und heterosexistische Schimpfwörter

Was ist Reclaiming? Man könnte es übersetzen mit „zurückfordern“. Zurückfordern von Begriffen, die die Mehrheitsgesellschaft verwendet, um Minderheiten zu bezeichnen. Dabei geht es natürlich um diskriminierende Begriffe. Und nein, wenn du zur respektiven Mehrheit gehörst, hast du nicht das Recht zu entscheiden, welche Gruppenbezeichnungen diskriminierend sind.

In den meisten Fällen liegt man nicht falsch, erst einmal alle Begriffe als diskriminierend anzunehmen. Sehen wir uns ein leicht zugängliches Beispiel an: übliche Synonyme für Frauen*. Da wären „Tussi“, „Zicke“, „Mädchen“, „Kuh“, „Gans“, „Trulla“, „Tante“, „Schlampe“, „Nutte“, „Hure“, „Kirsche“, „Schnecke“, „(Sahne-)Schnitte“, „Baby“, „Diva“, „Weib“, „Fräulein“, „Maus“, „Schnepfe“, „Ziege“, „Huhn“, „Hase“, „Luder“, „Lesbe“ und viele bekannte Wortgruppen, die ich mir hier ersparen will.

Zu dieser Liste kann ich verraten: ich finde nahezu keinen der Begriffe als Alternative zum Wort „Frau“ akzeptabel. Dies liegt nicht daran, dass beispielsweise Tiere oder Frauen* in verschiedenen Lebensaltern/-entwürfen („Baby“, „Mädchen“, „Tante“) schlecht wären, sondern dass mit all diesen Bezeichnungen negative Konnotationen verbunden sind. Auch Prostitution, Promiskuität oder einfach Spaß an Sex ist kein Problem per se – so lange die entsprechenden Begriffe wertfrei verwendet werden (oder als Selbstbezeichnung, aber dazu komme ich später).

Mit Hilfe solcher Ausdrücke wird eine Gruppe – nur durch das gewählte Wort – auf eine einzige Eigenschaft reduziert. „Tanten“ muss man nicht ernst nehmen, „Babys“ sind nett anzuschauen, haben aber keinen eigenen Willen, eine „Schnecke“ ist „scharf“ und eine „Zicke“ nervt. Zur Verbrüderung mögen sie gut geeignet sein, denn „du weiß schon, was ich meine“ gilt leider allzu oft. Um einer Gruppe von Individuen gerecht zu werden, sind sie völlig ungeeignet. Leider ist das auch selten das Ziel dins Sprecher*in. Denn wer solche Worte benutzt, nimmt in Kauf, dass die Realität verzerrt und Menschen auf wandelnde Stereotype reduziert werden.

Wie ist das aber nun mit dem Reclaiming? Und warum darf ich nicht „Transe“ benutzen, obwohl ich doch eine voll hippe Feministin bin?

Gruppenbezeichnungen, die nicht von mehr oder weniger der gesamten Gruppe positiv bewertet werden (z.B. „People of Color“), sind dazu gedacht zu verletzen – auf Objekte zu reduzieren, zu beleidigen, klein zu machen, zu schaden und zu traumatisieren. Intent doesn’t count! Es ist unwichtig, ob du „Spast“ als Synonym für „cool“ verstehst oder meinst „schwul“ würde bedeuten, dass man Klamottengeschmack besitzt (was übrigens nichts Gutes über dein Verständnis von Schwulen aussagen würde).
Fremddefinierte Gruppenbezeichnungen wurden nie dazu gedacht, wertneutral oder gar positiv zu sein. Und sie verlieren nicht einfach ihre Geschichte, nur weil du sie nicht kennst.
Und darum sollten Weiße auch nie, das N-Wort benutzen! Nein, auch nicht, wenn du’s „als Kompliment“ meinst. Auch nicht, wenn dir „deine schwarze Freundin aber erlaubt hat, es zu benutzen“. Nein nein nein.

Aufgrund des genannten Ballasts können nur von diesen Wörtern Betroffene entscheiden, ob sie diesen Begriffen eine positive Bedeutung geben wollen und sie bewusst als Selbstbezeichnung nutzen, also reclaimen.

Zwei Dinge sind allerdings beim Reclaiming zu beachten, wenn es nach mir geht:

  • Auch wenn die Gruppe sich entschieden hat, sich den Begriff anzueignen, darfst du als außenstehende Person ihn nicht benutzen.
  • Du kannst nicht von anderen Mitgliedern deiner marginalisierten Gruppe verlangen, den Begriff auch zu reclaimen und darfst sie dementsprechend nicht ohne zu fragen damit bezeichnen. (Allerdings sage ich das hier im Kontext des Slut-Walks. Ich kann nicht behaupten, in alle Communities genug Einblick zu haben, um mir eine Aussage zu erlauben.)

Letztendlich ist „Selbstbezeichnung“ das zentrale Wort, daher schließe ich mit 1) jese darf sich nennen, wie hän es will (ohne sich bei anderen Minderheiten zu bedienen), 2) benutze immer die Selbstbezeichnung, die andere sich geben, 3) Fremdbezeichnung ist uncool.

15 Gedanken zu “Die Sache mit dem Reclaiming

  1. ja, schon. aber was ich nicht verstehe ist warum da PoC rausfällt – ich hab da keinen einblick. aber ist es tatsächlich so dass der begriff von einer mehr oder oder weniger großen mehrheit positiv (besser: überhaupt) bewertet wird? der begriff ist doch eher ein elitärer fachterminus, oder täuscht mich da meine filterbubble?

    1. Ich kann dir nichts Genaues zur Entstehung sagen, aber meinem Verständnis nach kommt er eben nicht von „außen“, also der Mehrheitsgesellschaft, sondern PoC haben sich mehr oder weniger darauf geeignet. Also ist es eine hunderprozentige Selbstbezeichnung und somit Terminus der Wahl. Wohingegen z.B. „coloured people“ mit dem dt. (unschönen) Äquivalent „farbig“ nur eine Fremdbezeichnung ist.

      1. das mehr oder weniger stört mich. was ist mit poc die keine lust haben sich irgendwie von eliten definieren zu lassen? mitgehangen, mitgefangen oder wie? sowas sollte doch jeder mensch selbst für sich entscheiden können.

      2. Ich weiß nicht, wie du immer auf die Eliten kommst. Ich kenne das nur aus der US-amerikanischen feministischen bzw. womanistischen Blogosphäre und die ist alles andere als „elitär“. Es sind einige dt. Blogs, die unglaublich mit Genderstudies-Begriffen etc. um sich werfen (ich kann mich da nicht freisprechen). Aber z.B. Worte wie „intersectionality“ sind kein „Fachsprech“ in den englisch-sprachigen Blogs, die ich lese, sondern intuitiv.

    2. @korbinianpolk128

      „… ich hab da keinen einblick. aber …“

      ಠ_ಠ … oder wie Wally West sagen würde „reflect on your mistakes!“

      Zu deinen Fragen „wer hat sich da geeinigt?“ und „was ist mit poc die keine lust haben sich irgendwie von eliten definieren zu lassen?“:

      Wir poc haben ein geheimes Raumfahrtprogramm mit denen wir alle Menschen, die unsere Bezeichnung ablehnen auf den Pluto (wir nennen ihn „poc Prime“) schiessen … oder aber, wie bei allen Menschen, gibt es da ein komplexes Geflecht von Diskursen und Diskussionen, aus dem sich Übereinkünfte udn Kritiken bilden und verändern.

      Von denen Du aber keine Ahnung hast, wie Du selbst sagst, daher weiß ich auch nicht worauf Du deine Kritik aufbaust?!

      1. cool, weltraum! :)
        [?! Und das war’s. Ich möchte hier eine produktivere Diskussion. Wenn das Thema dich nicht loslässt, kann ich wie immer nur den eigenen Blog empfehlen. – Editiert von Zweisatz, 06.04.2012 09:40]

    1. Dann haben wir offensichtlich eine extrem unterschiedliche Vorstellung von Elite. (Muss übrigens noch „Atmosphäre“ zu „Blogosphäre“ ändern.^^)

  2. Abseits von fiktiven Raumfahrtprogrammen:

    Danke für den Artikel zum Reclaiming und Fremd- und Selbstbestimmung. ^^

  3. Die nächste Person, die mir erklären will „PoC“ sei elitär, sollte mir sehr glaubwürdig darlegen, warum sie einschätzen kann, dass dieser Begriff in Deutschland nicht verwendet wird. Sowohl Cassandra, als auch Noah Sow als auch karano verwenden ihn und denen traue ich eher zu, das einzuschätzen als … irgendwelchen Leuten halt.
    Edit: Wenn ihr selbst PoC seid und diese Selbstbezeichnung ablehnt, ist das sehr relevant für diese Diskussion, aber dann kam es bis jetzt nicht durch. (10.04.2012 08:20)

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