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Schlagwörter: Sexismus – Autismus – USA – Rechtsstaat – Prostitution – Kapitalismus – Menschenhandel

Scott Adams, der Dilbert-Erfinder, ist immer noch ein gruseliger Arsch [Englisch]

Supreme Court entscheidet: Leibesvisitation unabhängig vom Delikt coole Sache [Englisch]

Zugriff auf Facebook-Profil beim Bewerbungsgespräch verlangt [Englisch]

“Stille Hände” als Tortur [Englisch]

USA will Botschafter Immunität aberkennen, wenn er ein gegen ihn verübtes Verbrechen anzeigt[Englisch]

Weil Frauen*, die auf Männer* stehen, sexuell gerne zufrieden stellen – auch als zahlende Kundinnen [Englisch]

Der gnadenlose Job in einem Zulieferer für ein großes Online-Kaufhaus [Englisch]

Sehr lesenswerte Diskussion zum Zusammenhang von Prostitution und Menschenhandel, Kommentare zu beachten

IBB – Da bin ich aber erleichtert

Schlagwörter: Diskriminierung – Intersektionelles Bullshit-Bingo

[Trigger Warnung] für diskriminierende Stereotype in Form von Adjektiven

Wann bin ich erleichtert? Wenn jemand eine beleidigende Allaussage über Frauen* macht, erst anschließend meiner Anwesenheit gewahr wird und mir dann versichert, dass ich “aber nicht so” sei. Wer Bonuspunkte möchte, kann ein rassistisches “Du siehst aber gar nicht aus wie eine*r von denen” oder “Sorry, ich habe nicht gewusst, dass du homosexuell bist” einstreuen. DENN DAS MACHT DIE AUSSAGE VOLL OKAY! Denn wenn die Person gewusst hätte, dass man zu “denen” gehört, dann hätte sie es woanders gesagt. So nett, oder?

Alsooo, nein. Oder wie Leute auch sagen: in keinster Weise.
Der zweite Teil ist leicht zu erklären: diskriminierende Aussagen werden nicht besser, nur weil du sie nicht in Gegenwarte der Personen machst, die du diskriminiert. Du setzt immer noch schädliche Behauptungen in die Welt, andere hören sie einmal mehr und empfinden sie dadurch als normaler, ergo nimmst du an der Diskriminierung teil und verstärkst sie.

Kommen wir aber zu vermeintlich beruhigenden Wirkung von “Du bist aber nicht wie die anderen!”
Zur Übersetzung: “Du bist aber nicht dumm/arm/zickig/gewalttätig/pervers/faul/abstoßend/abnormal/lügst/begehst Verbrechen/klaust mir den Arbeitsplatz” und was sonst so assoziiert wird.
Oh wow, danke. Beruhigend zu wissen, dass du nur glaubst, dass alle anderen Menschen, die mir ähneln, so sind!
Auf welcher Ebene ist das ein Kompliment, wenn man eine Menschengruppe als Ganzes verteufelt oder kriminalisiert und eine Person aus dieser Gruppe “lobt”, indem man ihr sagt, sie hätte diese Eigenschaften nicht?
Das macht genau dann Sinn, wenn man Angehörige dieser Gruppe nicht als Individuen wahrnimmt, sondern nur als eine diffuse Bedrohung, die man in Schach halten kann, so lange man die Macht hat sie zu definieren. Die Definitionshoheit möchte man natürlich auch im Gespräch mit ihnen nicht aufgeben – wir erinnern uns: großes Grauen droht. Gleichzeitig würde es aber zu unangenehmen Spannungen führen, wenn man diese*n eine*n Angehörige*n der Gruppe, mit din man gerade spricht, nicht als Ausnahme behandelt. Also wählt man den wunderbaren Kompromiss, den diskriminierenden Satz keineswegs zurückzuziehen, sondern der entsprechenden Person höchstrichterlich zu versichern, dass man ihr ein Existenzrecht gewährt, das zwar nicht frei von der Gruppenzuordnung ist, aber von den negativen Zuschreibungen.
Aha.

Wie wär’s denn damit, dass wir uns solche gehirnakrobatischen Glanzleistungen in Zukunft sparen? Dies ist ganz einfach zu bewerkstelligen – wenn du nie diskriminierende Aussagen triffst, ist es auch nicht schwer, Anwesende nicht zu beleidigen.
Und weil “nie” kompliziert ist noch ein goldener Tip: eine ernst gemeinte Entschuldigung, der konkrete Taten folgen, kann einiges wieder gut machen. Bitte spart euch gleich: “Entschuldige, ich meinte nicht dich.”

Ich habe auch eine Meinung

Und zwar zu Kommentaren. Und manchmal bin ich einfach nur verwirrt. Wie auf jeden Fall bekannt sein dürfte, lösche ich doch einiges. Da ich manchmal etwas dazu zu sagen habe, diesen Blog aber nicht für den richtigen Rahmen halte, habe ich einen privaten Blog kreiert. Wer sich für dessen Inhalt interessiert, kann per kurzer Meldung in den Kommentaren eine Einladung dazu anfordern. Ich versende sie, wenn ich mit der beigefügten Mail-Adresse etwas anfangen kann (diejenige, die obligatorisch zum Kommentieren gefordert wird. Sollte sie falsch sein, kann ich keine Einladung versenden).
Wenn ich euch nicht kenne und ihr bis jetzt auch nicht ausgiebig mit der gleichen Adresse hier kommentiert habt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass eine Einladung folgt. Das heißt nicht, dass ich euch hasse, sondern mir unsicher bin.

Gastbeiträge sind sehr willkommen, aber dazu dort mehr.

“Die sind ja gestört”

möchte ich auf meinem Blog nie hören. Warum?

Schlagwörter: Diskriminierung – Sprache – psychische Krankheit

Ich werde erklären, warum es a) ableistisch ist und b) nicht clever argumentiert, wenn man eine Person als “durchgeknallt”, “bescheuert” oder “irre” bezeichnet bzw. sagt hän sei doch “gestört” oder müsse doch “psychische Probleme haben”.

(1) Was damit bewirkt wird, und meist auch (un-)bewusst bewirkt werden soll: alle Aussagen und Handlungen der betreffenden Person zu invalidieren¹. Nachdem man die Lage derart klargestellt hat, kann man alles, auch die logischsten Handlungen dieser Person, als verdächtig ansehen und in ein verqueres Licht rücken.

(2) Natürlich basiert die Kraft dieser Sätze auf völlig falscher Wahrnehmung von psychischer Krankheit. Es handelt sich bei ihr nicht um einen amorphen Zustand, durch den Menschen einfach in eine diffuse “Durchgeknalltheit” gesogen werden und unzusammenhängende und auffällige Dinge tun; Ja, Menschen mit psychischen Krankheiten tun tatsächlich manchmal auffällige und ungewöhnliche Dinge. Sowie Menschen mit geistiger Behinderung, [edit]neurodiverse Menschen und Menschen ohne psychische Krankheiten und/oder geistige Behinderung sowie Neurotypische [/edit]. Es ist sehr sehr selbstzentriert anzunehmen, dass eine Person keine guten Gründe für ihr Handeln hat, nur weil du sie nicht instantan² zu verstehen meinst. Ich tue auch “komische” Dinge in der Öffentlichkeit. Einfach, weil mir gerade danach ist nicht auf die Lücken zwischen den Platten zu treten oder zu pfeifen oder weil ich gerade über etwas nachdenke und mein Gesicht meine Emotionen spiegelt oder weil ich Lust habe, die Packungen im Geschäft im Vorbeigehen anzufassen. Ich bin froh, meine Angst vor Verurteilung in der Hinsicht überwunden zu haben.

(3) “Psychisch krank” ist keine Diagnose. “Depression” ist eine Diagnose, “Angststörung” ist eine Diagnose, “Posttraumatische Belastungsstörung” ist eine Diagnose.* Diese Diagnosen werden von Personen gestellt, die dafür ausgebildet wurden und sich an konkreten Symptomen orientieren. Diese Symptome lauten nie: “Hatte in einer Diskussion eine andere Meinung als ich.”

(4) Mediale Klischeebilder von “Irrenanstalts”-Insass*innen, aber auch Mainstream-Äußerungen zu psychischer Krankheit haben zur Folge, dass Menschen mit psychischer Krankheit Stigmatisierung und Ausgrenzung erfahren, statt die Liebe und Unterstützung, die sie brauchen, um mit ihrer Krankheit zu leben, sie angemessen zu behandeln – falls sie das möchten – oder sie hinter sich zu lassen, falls das möglich und gewünscht ist.
Hier zeigen sich die gleichen Effekte wie bei anderen Formen von Diskriminierung: wenn du dazu neigst, abfällige und unbedachte Bemerkungen über “die Irren” zu machen, werden deine Freund*innen bei dir zuletzt Hilfe suchen, wenn sie in letzter Zeit nicht mehr alleine mit ihrer Depression klarkamen und jemanden brauchen, bei dem_der sie zur Sicherheit ihre Schlaftabletten unterbringen können. Sie werden sich von dir zurückziehen und dabei selber weiter an Lebensqualität einbüßen. Niemand gewinnt, außer vielleicht die Pharma-Industrie.

(5) Um aber auf den Gebrauch diese “Arguments” in Diskussionen zurückzukommen. Wenn du eine Aussage mit “X is doch irre zurückweist”, zeigst du schlechte argumentative Fähigkeiten, verpasst eine Chance, ihre Punkte zu widerlegen oder klar darzulegen, warum du dich aus der Situation zurückziehst und gibst deinen Diskussionsgegener*innen sogar Schützenhilfe. Denn Menschen mit psychischen Problemen, einer angeborenen Neurodiversität oder geistiger Behinderung sind nicht das Problem. Das Problem sind Menschen, die meinen es sei hip zu behaupten, dass ihre Gehirnchemie sie daran hindere, kein*e Unsympath*in zu sein. Da kommst du und sagst: “X ist doch irre.” Sie treten dir gegen’s Bein und sagen: “Genau!”

*Ich nehme nicht für mich in Anspruch, dass es sich bei den genannten um die richtigen Fachtermini handelt.

1 entwerten, ungültig machen
2 unmittelbar, unverzüglich

Safe Spaces fördern Dialog

Schlagwörter: Don’t be that asshole – Safe Spaces – Sexismus

Gegendertes Schimpfwort folgend

@SkyesBride von Bollocks and Bitches ist – wie im Beitrag “Feminismus 101 – Wie ist das eigentlich mit den Männern?” nachzulesen – der Meinung, Safe Spaces würden die Kommunikation nur einschränken und übertriebene Kommentarmoderation uns daran hindern, in einen Dialog zu treten. Als Negativbeispiel nennt sie einen meiner alten Beiträge. Fair enough.
Allerdings kann ich nur sagen: wenn Menschen wie Marek ihren “Dialog” in der Kommentarspalte mit

Wie geil die uschi in dem blog da denkt oO […]

einleiten, kann mir der Dialog gestohlen bleiben. Ich lasse mich auf keine Diskussionen ein, in denen ich mich beleidigen lassen muss, um zur Meinung des Gegenübers durchzudringen.
Obwohl ich den Schuss in den Fuß schon irgendwie lustig finde.

[Editiert von Zweisatz um Links zu entfernen und Sinn zu erhalten, 09.04.2012 17:20]

Die Sache mit dem Reclaiming

Schlagwörter: Reclaiming – Diskriminierung – ichBinZuFaulJetztNochFremdwörterZuÜbersetzen

[Trigger Warnung] für gegenderte, cis-sexistische, ableistische und heterosexistische Schimpfwörter

Was ist Reclaiming? Man könnte es übersetzen mit “zurückfordern”. Zurückfordern von Begriffen, die die Mehrheitsgesellschaft verwendet, um Minderheiten zu bezeichnen. Dabei geht es natürlich um diskriminierende Begriffe. Und nein, wenn du zur respektiven Mehrheit gehörst, hast du nicht das Recht zu entscheiden, welche Gruppenbezeichnungen diskriminierend sind.

In den meisten Fällen liegt man nicht falsch, erst einmal alle Begriffe als diskriminierend anzunehmen. Sehen wir uns ein leicht zugängliches Beispiel an: übliche Synonyme für Frauen*. Da wären “Tussi”, “Zicke”, “Mädchen”, “Kuh”, “Gans”, “Trulla”, “Tante”, “Schlampe”, “Nutte”, “Hure”, “Kirsche”, “Schnecke”, “(Sahne-)Schnitte”, “Baby”, “Diva”, “Weib”, “Fräulein”, “Maus”, “Schnepfe”, “Ziege”, “Huhn”, “Hase”, “Luder”, “Lesbe” und viele bekannte Wortgruppen, die ich mir hier ersparen will.

Zu dieser Liste kann ich verraten: ich finde nahezu keinen der Begriffe als Alternative zum Wort “Frau” akzeptabel. Dies liegt nicht daran, dass beispielsweise Tiere oder Frauen* in verschiedenen Lebensaltern/-entwürfen (“Baby”, “Mädchen”, “Tante”) schlecht wären, sondern dass mit all diesen Bezeichnungen negative Konnotationen verbunden sind. Auch Prostitution, Promiskuität oder einfach Spaß an Sex ist kein Problem per se – so lange die entsprechenden Begriffe wertfrei verwendet werden (oder als Selbstbezeichnung, aber dazu komme ich später).

Mit Hilfe solcher Ausdrücke wird eine Gruppe – nur durch das gewählte Wort – auf eine einzige Eigenschaft reduziert. “Tanten” muss man nicht ernst nehmen, “Babys” sind nett anzuschauen, haben aber keinen eigenen Willen, eine “Schnecke” ist “scharf” und eine “Zicke” nervt. Zur Verbrüderung mögen sie gut geeignet sein, denn “du weiß schon, was ich meine” gilt leider allzu oft. Um einer Gruppe von Individuen gerecht zu werden, sind sie völlig ungeeignet. Leider ist das auch selten das Ziel dins Sprecher*in. Denn wer solche Worte benutzt, nimmt in Kauf, dass die Realität verzerrt und Menschen auf wandelnde Stereotype reduziert werden.

Wie ist das aber nun mit dem Reclaiming? Und warum darf ich nicht “Transe” benutzen, obwohl ich doch eine voll hippe Feministin bin?

Gruppenbezeichnungen, die nicht von mehr oder weniger der gesamten Gruppe positiv bewertet werden (z.B. “People of Color”), sind dazu gedacht zu verletzen – auf Objekte zu reduzieren, zu beleidigen, klein zu machen, zu schaden und zu traumatisieren. Intent doesn’t count! Es ist unwichtig, ob du “Spast” als Synonym für “cool” verstehst oder meinst “schwul” würde bedeuten, dass man Klamottengeschmack besitzt (was übrigens nichts Gutes über dein Verständnis von Schwulen aussagen würde).
Fremddefinierte Gruppenbezeichnungen wurden nie dazu gedacht, wertneutral oder gar positiv zu sein. Und sie verlieren nicht einfach ihre Geschichte, nur weil du sie nicht kennst.
Und darum sollten Weiße auch nie, das N-Wort benutzen! Nein, auch nicht, wenn du’s “als Kompliment” meinst. Auch nicht, wenn dir “deine schwarze Freundin aber erlaubt hat, es zu benutzen”. Nein nein nein.

Aufgrund des genannten Ballasts können nur von diesen Wörtern Betroffene entscheiden, ob sie diesen Begriffen eine positive Bedeutung geben wollen und sie bewusst als Selbstbezeichnung nutzen, also reclaimen.

Zwei Dinge sind allerdings beim Reclaiming zu beachten, wenn es nach mir geht:

  • Auch wenn die Gruppe sich entschieden hat, sich den Begriff anzueignen, darfst du als außenstehende Person ihn nicht benutzen.
  • Du kannst nicht von anderen Mitgliedern deiner marginalisierten Gruppe verlangen, den Begriff auch zu reclaimen und darfst sie dementsprechend nicht ohne zu fragen damit bezeichnen. (Allerdings sage ich das hier im Kontext des Slut-Walks. Ich kann nicht behaupten, in alle Communities genug Einblick zu haben, um mir eine Aussage zu erlauben.)

Letztendlich ist “Selbstbezeichnung” das zentrale Wort, daher schließe ich mit 1) jese darf sich nennen, wie hän es will (ohne sich bei anderen Minderheiten zu bedienen), 2) benutze immer die Selbstbezeichnung, die andere sich geben, 3) Fremdbezeichnung ist uncool.