Vampire, Elfen und die Gebrüder Grimm

Schlagwörter: Bücher – Fantasy – Vampire

Bis jetzt ist das wahrscheinlich nicht groß aufgefallen, aber ich lese gerne. Wenn ich die Gelegenheit habe, lese ich auch viel. Zum Glück werde ich zuverlässig mit guten Büchern versorgt und möchte hiermit die letzten vier vorstellen und ganz subjektiv¹ bewerten.

John Ajvide Lindqvist: So finster die Nacht

In einer schwedischen Vorstadt geschehen grausame Morde, Oskar wird an der Schule gehänselt. Er freundet sich jedoch mit dem blassen Mädchen* Eli an, die etwas verwahrlost und teils auch krank wirkt – aber erstaunlich stark ist.

Der Roman ist düster, aber mit Können geschrieben. Ich habe es nicht so mit depressiven Erzählweisen, weswegen ich ab und an eine Pause eingelegt habe. Der Glaube, dass es nie wieder ein Tag ohne Finsternis und Verderbnis geben wird, schleicht sich bei der Lektüre schnell ein.
Auf jeden Fall bietet der Roman eine mitreißende Geschichte, die vor allem auch mehr Tiefe und Kreativität zu dem zur Zeit sehr beliebten Thema Vampire bietet, als man befürchten könnte. „Vampirroman“ trifft, um genau zu sein, überhaupt nicht den Kern der Sache, weil der Autor* eigentlich das kalte Bild einer Vorstadt zeichnet, in der Kinder gehänselt werden, aus Langeweile und Vernachlässigung anfangen Drogen zu nehmen und in die Kriminalität abrutschen. Nebenbei bekommt man einen deutlichen Blick geboten, was aus diesen Kindern wahrscheinlich später wird: nämlich perspektivlose Säufer*innen.
Trotz all der Aussichtslosigkeit gibt es zwei Protagonist*innen, die vorsichtig aufzeigen, wie man Freundschaft auch in Dunkelheit knüpfen kann (dies ist so etwas wie ein Wortspiel).

Das Buch benötigt eine [Trigger Warnung], nachzulesen nach der Pause am Ende des Artikels.

Bewertung: 8/10, wobei die zwei Punkte Abzug nur von meiner Ablehnung absolut deprimierender Bücher herrühren und keinem schriftstellerischen Mangel geschuldet sind (wenngleich ich einige Kapitel weniger über die Säufer*innen-Gruppe tatsächlich gutgeheißen hätte).

Patricia McKillip: The Book of Atrix Wolfe

Der große Zauberer Atrix Wolfe ist seit dem Krieg verschwunden. Für Chaumenard endete der Kampf in einem Unglück, von dessen Schrecken sich die Menschen bis jetzt nicht recht erholt haben. Niemand weiß, wer es heraufbeschwor. Nun möchte Prinz Pelucir, der seine Ausbildung als Magier beendet hat, nach Chaumenard zurückkehren, um mit seiner Kunst seiner Familie zu dienen. Allerdings beschwört er selbst eine Bedrohung herauf, als er einen Spruch aus dem unscheinbaren Buch ausprobiert, das er mit sich gebracht hat.

Patricia McKillip schreibt sehr bildhaft, wodurch ihr Englisch für mich teils schwer zu verstehen ist, obwohl ich sonst flüssig lese. Ihre Art zu schreiben trägt allerdings unglaublich zur Atmosphäre ihrer Bücher bei, die niemals wie flacher Fantasy-Kitsch mit ein paar lustigen Namen wirken, sondern als würde man einen kleinen Ausschnitt einer komplexen Welt präsentiert bekommen. Bei ihr gibt es nie einfach gut und böse und eindeutig zu bewertende Geschehnisse, was die Bücher reizvoll macht. Sie zeichnet meist Geschichten, in denen die Handelnden gute Gründe für ihr Vorgehen hatten und Unglück aus gegenteiligen Interessen entsteht, nicht aus Bosheit. Die Ambivalenz, die McKillip entstehen lässt und aufrecht erhält, bietet den Raum für Auflösungen, die keinem bekannten Schema folgen.

Bewertung: 9/10. Ich mag die Atmosphäre ihrer Bücher, aber die Protagonist*innen und die Geschichte von „Solstice Wood“ haben mich mehr angesprochen. „The Book of Atrix Wolfe“ ist zwar recht ausgewogen, mir aber dennoch zu männerlastig.

N.K.Jemisin: The Kingdom of gods

Im nunmehr dritten Buch der Reihe beginnt die Macht der Herrscherfamilie Arameri langsam zu bröckeln. Die niederen Familienmitglieder wurden, ohne dass dem jemand Beachtung geschenkt hätte, gemeuchelt, weswegen nun der Fortbestand der Familie gefährdet ist.
Der Gött*innen-Sohn Sieh freundet sich derweil mit zwei Arameri-Kindern an, obwohl er von deren Familie für 2000 Jahre in Sklaverei gehalten wurde.
Während die anderen Länder, besonders die des Nordens, beginnen, sich gegen die Arameri aufzulehnen, kämpft Sieh darum, seine Unsterblichkeit wiederzuerlangen, die er* unerklärlich verlor, wobei nicht einmal seine göttlichen Eltern Rat wissen.

Ich. liebe. diese. Bücher. Homosexualität ist kein Ding oder Gimmick, sondern einfach absolute Selbstverständlichkeit.
Die Hauptfigur eines der vorhergehenden Bücher war leider „die magische Behinderte“, die es öfter in Fantasy-Büchern gibt; dabei handelt es sich um ein*e Protagonist*in (oft weiblich) mit einer Behinderung, die meist dadurch relativiert wird, dass die Person besondere Fähigkeiten hat, die ihr helfen, ihre Umwelt zu navigieren. Ich finde das immer etwas problematisch, weil dies nun einmal ein anderes Vorgehen darstellt, als Menschen mit Behinderung selbstverständlich mitspielen zu lassen.
Im aktuellen Buch gibt es auch ein Mädchen mit einer Gehbehinderung, aber auch da war ich mir nicht ganz sicher, ob die Autorin nicht etwas unaufdringlicher hätte schreiben können als „Sie lief so und so – wegen ihres Fußes.“, „Sie war langsam – wegen ihres Fußes“ etc. Ich weiß allerdings auch nicht, ob ich für das Thema bereits die nötige Sensibilität aufbringe. „Immerhin“ hat die blinde Protagonistin eines Tages ihre magischen Fähigkeiten verloren und ich habe das Gefühl, dass sie ab diesem Moment auch recht gut dargestellt wurde.
Manati meint hierzu jedoch, dass die Fähigkeiten der „magischen Behinderten“ die Behinderung nie aufwiegen, was korrekt ist. Oree (die Blinde) kann nur Magie sehen, also keine normalen Menschen und auch nicht ihre Umgebung, so lange keine Magie durch sie fließt und Toph von Avatar kommt weder gut mit Angriffen aus der Luft, noch mit Wasser oder Sand klar.
Zurück zum Buch: Darüber hinaus sind in dieser Welt nicht alle weiß, was sicher der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass die Autorin of Color ist. Es ist auf jeden Fall sehr erfrischend.
Was soll ich sagen? Diese Bücher haben nicht die ambivalente Komplexität von McKillip, sondern sind im Vergleich eher geradlinig geschrieben, mit den eher bekannten Twists in der Geschichte. Dennoch ist Gut und Böse hier auch ein zentrales Thema und dass sie nicht immer klar unterschieden werden können. Dies zeigt sich vor allem darin, dass einer* der drei Gött*innen zwar den Krieg zwischen ihnen ausgelöst hat, in dessen Verlauf auch die Erde verwüstet wurde, aber seine* beiden Geschwister hatten sich vorher auch nicht tadellos verhalten. Im Verlauf der gesamten Geschichte sind die Leser*innen also dazu angehalten, ihre Meinung über die Intergrität² der Figuren zu überdenken.
Ach, was rede ich drumerhum: ich liebe die Bücher, trotz ihrer Fehler. Daher

Bewertung: 10/10.

Auch hier muss eine leichte [Trigger Warnung] ausgesprochen werden. Erklärung unten.

Polly Shulman: Die geheime Sammlung

Elizabeth gerät durch Empfehlung ihres Gemeinschaftskundelehrers an einen Job im Archiv. Das Archiv enthält, wie sich herausstellt, die sonderbarsten Sachen – Gebrauchsgegenstände aus den verschiedensten Epochen, manche aus den Zeiten, wo unsere Märchen herkommen, manche sehr zeitgemäß, wie ein Schrumpfstrahler.
Ihre Aufgabe ist es, die Gegenstände für Kund*innen aus den Archiven zu holen, sie wieder einzuordnen, zu säubern oder reparieren.
Als sie das Grimm-Archiv mit magischen Gegenständen aus der Zeit der Gebrüder Grimm das erste Mal betreten darf, beginnen die Probleme.

Dieses Buch hat mich überrascht. Es war dünn und unscheinbar und klang wie die übliche Fantasy-Geschichte, aber es war … gut. Die üblichen -istischen Fallstricke wurden souverän vermieden. Obwohl „fremde Kulturen“ und „alte Magie“ eine Rolle spielen, wird man nicht von peinlichen Fantasienamen und schlecht recherchierten Märchen enttäuscht, sondern findet eine logische und angenehm zu verfolgende Geschichte vor.
Auch die romantischen Anwandlungen unter den Jugendlichen, die zusammen im Archiv arbeiten, werden gut beschrieben – nicht unrealistisch kitschig oder aufdringlich.
Frauen*rollen waren meiner Meinung nach noch ein klein wenig unterrepräsentiert und ich habe auch ein leicht ungutes Gefühl dabei, wenn eine Inderin mit Magie zu tun hat und ein Schwarzer Basketball spielt, aber es kam mir im Rahmen des Buches nicht offensichtlich furchtbar vor.
Daher eine unerwartete

Bewertung: 10/10

1 nur (m)einen Gesichtspunkt berücksichtigend
2 Unbescholtenheit

Zum Abschluss die Trigger Warnungen (TW):
….

..
.
„So finster die Nacht“: TW hier unbedingt zu beachten, wegen grafischer Beschreibungen von Zwangsprostitution eines Jungen, eines Vergewaltigungsversuchs und durch das Buch hindurch Annäherungsversuche eines Pädophilen.

„The Kingdom of Gods“: TW hier eher „im Vorbeigehen“ nötig. Es wird erwähnt, dass die Gött*innen während ihrer Gefangeschaft zu Sex gezwungen wurden, auch der kindliche aussehende Gott/Godling Sieh. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es keine grafischen Beschreibungen oder lange Ausführungen dazu, aber es wird erwähnt.