It’s magic

Schlagwörter: Intersektionalität – Diskriminierung – wtf

Leute sind feministisch, aber rassistisch. Leute sind feministisch, anti-rassistisch, aber hassen Trans*leute. Leute sind feministisch, anti-rassistisch, anti-cissexistisch, aber machen Behindertenwitze. Witze über Homosexuelle, regen sich über Fett an einem Menschen auf. Warum? Warum sind Menschen so?
Man hat doch wahrscheinlich als erstes erkannt, dass es nicht rechtens ist, eine bestimmte Menschengruppe nachteilig zu behandeln. Häufig fing es mit einer an, zu der man selbst gehörte oder Menschen, die man liebt. Aber warum fällt es vielen anscheinend so schwer zu erkennen, dass es andere Menschen mit anderen Eigenschaften gibt, die deswegen nicht weniger ein Recht auf Leben mit den gleichen Chancen und einem gleichen Maß an Glück haben? Warum bezeichnet man sich als intersektionell, aber macht Witze über „Hartz IV-Fernsehen“. Warum lebt man vegan, aber findet sexistische Peta-Werbung in Ordnung? Wie funktioniert diese kognitive Dissonanz? Warum gibt es „gute“ und „schlechte“ Diskriminierung?
Das geht doch nur, wenn man Menschen unterschiedliche Werte beimisst. Die einen haben’s verdient, ein sicheres Leben zu haben und die anderen haben es „verdient“, im Dreck zu kriechen. Warum? Diese Menschen sind – nicht – anders. Was du in deinem Inneren spürst, spüren andere Menschen auch. Was dich leben lässt, lässt auch andere leben. Niemand kann ohne Gemeinschaft und ohne Liebe leben. Keine*r kann ohne Autonomie, Selbstverwirklichung, und Grenzen auskommen.

Und eine Gemeinsamkeit wird immer bestehen: wir werden alle sterben.

Also warum zum Teufel sind „Kleinigkeiten“ in Ordnung? Warum müssen Menschen mit „’nem Späßchen doch mal klar kommen“? Warum lässt man Unmenschliches durchgehen?

Das ist es alles nicht wert.

10 Gedanken zu “It’s magic

  1. ich glaube es ist für die meisten menschen schwierig, entsprechend viel awareness an den tag zu legen. gerade wenn mensch sich in bezug auf eine oder wenige formen der diskriminierung bewusst verhalten will, fällt es einfach zu leicht, schlicht gegenpositionen zu den machtverhältnissen um blickfeld einzunehmen und ganz schnell in vermeintliche gegenzuschreibungen zu verfallen. ansetzen würde ich da am ehesten noch in der herleitung der kritik, die generell gegen herrschaftsverhältnisse zu richten und aus einer grundhaltung, dass hersschaftsverhältnisse keine grundlage für die bedürfnisse der meisten menschen bieten können die konkreten herrschaftsmechanismen aufzeigen und analysieren.

  2. ich stimme der frage völlig zu. ich habe den eindruck, dass es sich hier distinktionsprozesse handelt, wie sie bourdieu beschreibt. sich also gegenüber anderen gruppen von menschen abzugrenzen.

  3. ich mache lehre an der uni und zwar großteils genau zu intersektionalität und habe mich sofort emphatisch verbunden gefühlt mit dem, was du schreibst ;)
    ich denke, das prinzip – nach dem menschen vielleicht eine oder zwei formen der diskriminierung anerkennen und antizipieren können, auf anderen machtachsen aber selbst diskriminierend agieren – kann am besten mit „teile und herrsche!“ beschrieben werden. und es funktioniert leider zu gut, im kleinen wie im großen stil!
    kopftuchdebatte, homo-freundlichkeit abfragende einbürgerungstests oder die politik des LSVD sind ja recht eindrückliche beispiele dafür. NO HOMONATIONALISM!
    gegenstrategien, die ich im kleineren rahmen der seminardiskussionen verfolge, wären u.a. diese „kleinen späße“ auf kosten anderer oder „andeutungen“ eben nicht durchgehen zu lassen; oder das beharren darauf, dass leute sich mit dem thema „privilegien haben“ und den daraus folgenden konsequenzen auseinandersetzen. was aber dann nur bei denen funktioniert, die nicht völlig beratungsresistent sind und eine gewisse bereitschaft mitbringen… all zu oft bin ich der verzweiflung nahe, was das angeht :(
    in diesem sinne: alles liebe!

    1. Hey! Schön, hier von dir zu hören :)
      Manati (wir haben vor Urzeiten den Blog theoretisch zusammen gegründet) brachte auch noch an, dass man als Privilegierte*r eine gewisse Abstumpfung mit sich bringen muss, weil man sonst verstehen würde, was für ein Elend auf der Welt verbreitet wird.
      Da man, sobald man von Diskriminierung betroffen ist, aber nicht einfach weggehen und ’nen ruhigen Kaffee trinken kann, würde ich das auf keinen Fall als Entschuldigung dafür gelten lassen, wenn man sich an „teile und herrsche“ beteiligt (so meinte sie* es aber nicht – nur mein Gedanke).

      Keine „Kleinigkeiten“ durchgehen zu lassen, finde ich einen sehr guten Ansatz, aber ich kann mir vorstellen, dass es extrem schwer durchzusetzen ist.

      (Wende dich an mich, falls du mal einen Gastbeitrag zu einem Thema schreiben möchtest, das mehr oder weniger mit Intersektionalität zu tun hat ;)

      1. stimme völlig zu: abstumpfung kann in keiner erdenklichen gesellschaft für egal was auch immer, eine gute ausrede sein! im gegenteil: ich würde soweit gehen, zu behaupten, wer bspw. als weiße*r deutsche*r noch wie was kolonialismus und postkolonialsmus gehört haben will, ist nicht „ungebildet“, sondern muss wohl eher aktiv an der verdrängung dieser (historischen) tatsachen gearbeitet haben… ich versuche diese und andere verdrängungsprozesse freizulegen, vor allem auch bei mir selbst!
        es ist tatsächlich schwierig alle „kleinen späßchen“ zu kommentieren, schnell kriege ich verschiendene ideologiekarte zugespielt und bin mit dem üblichen (linken!) mansplaining konfrontiert…
        aber ich denke, gerade als lehrbeauftragte habe ich die verantwortung den raum für ALLE gestalten.
        durchhalten und aushalten, ist das mindeste, was ich tun muss – und mich freuen wenn ich zum glück manchmal mehr erreichen kann ;)

      2. Die Verteidigungshaltung scheint halt sehr schnell aktiviert zu werden. Wobei ich sagen muss, dass sich meist die Leute am besten mit ihren eigenen Privilegien auseinandersetzen, die bereit sind, sich auch mal unwohl zu fühlen, unpassendes Verhalten zuzugeben und auch Betroffenen nur zuzuhören statt sofort ihr Ego sprechen zu lassen.

        Aber in Diskussionen, in denen Diskriminierung aufgezeigt wird, scheint es leider viel leichter zu fallen, die Diskriminierenden als die Opfer zu gestalten („konnte ich doch nicht wissen“, „musst ja nicht gleich laut werden“, „aber dann muss ich ja auf alles achten, was ich sage!“).
        Wozu mir nur einfällt: http://alltheragefaces.com/img/faces/large/misc-you-dont-say-l.png

  4. oh yes, da hast du wieder auf ganz zentrale schwierigkeiten der vermittlung der problematik hingewiesen! zugegebenermaßen fällt mir da der freundlich zugewandte ton dann auch oft schwer und ich verfalle manchmal in sarkasmus, wenn ich diese abwehr- und umkehrreflexe höre. reaktionen darauf sind ja anscheinend immer eine gratwanderung. wenn du zu soft bist, nehmen sie das alles gar nicht mehr ernst. und wenn du zu deutlich/unangenehm wirst, schalten sie aus trotz auf durchzug.
    also in seminarkontexten versuche ich immer wieder mal neue „didaktische strategien“ ausprobieren und vielleicht hilft es ja, dieses nötige „unwohl fühlen“ und sich auch mal schwiegend für äußerungen „schämen“, bewusst heraus zu fordern und dann direkt händchenhaltend damit umzugehen… was meinst du? :)

    1. Ich muss sagen, „freundlich zugewandter Ton“ ist bei mir nicht lange, wahrscheinlich aber auch, weil ich es mir leisten kann –im Gegensatz zu dir, wenn du ja eigentlich gerade ein Seminar leiten sollst– mich von einer Diskussion zu entfernen, wenn es mir zu nervig wird.
      Ich schätze, ich würde tatsächlich versuchen, bei einem ersten Treffen damit einzuleiten, dass x, y und z nicht in Ordnung ist und diese und jene Konsequenzen haben wird (oder allgemein nur, dass es Konsequenzen haben wird).
      Das führt natürlich dazu, dass man konsequent reagieren muss, weil Leute sonst gleich das Gefühl haben, mit allem durchzukommen. (Ich persönlich hätte Angst, dass ich infolgedessen die Hälfte der Zuhörerschaft auf die stille Treppe schicken müsste *g*)
      Dann wäre natürlich die Frage, wie man möglichst konstruktiv reagiert. Ich finde die Überlegungen hier interessant, dass Schweigen einerseits hilft, Ruhe einkehren zu lassen, vor allem aber auch in einer Diskussion hilfreich und nötig sein kann – entweder, weil es Menschen dazu zwingt, ihre ganzen -istischen Gedanken endlich mal auszuspucken, so dass man sie leichter widerlegen kann, aber manchmal einfach auch, weil Leute nun einmal Zeit brauchen, sich eine Meinung zu bilden, etwas sinken zu lassen, zu einem Entschluss zu kommen. Ich bin selbst eine Person, die dann mehr redet (falls ich überhaupt noch Lust habe), um die „Gegenseite“ zu überzeugen, aber ich schätze, gezielte Stille, damit die Argumente überdacht werden können, kann auch helfen.

      Allgemein kann ich nur sagen: ich habe damit nicht viel Erfahrung, weil es mich meist sehr stört, wenn Menschen sich -istisch äußern und mir ist es oft zu stressig, lang und breit zu erklären, warum das Mist war, weswegen ich mich solchen Diskussionen entziehe (außer bei Menschen, die ich mag). Das führt natürlich dazu, dass ich besonders mit Menschen, die auch mit stärkeren Abwehrreflexen reagieren könnten, keine große Erfahrung habe.

  5. „Man hat doch wahrscheinlich als erstes erkannt, dass es nicht rechtens ist, eine bestimmte Menschengruppe nachteilig zu behandeln. Häufig fing es mit einer an, zu der man selbst gehörte oder Menschen, die man liebt. Aber warum fällt es vielen anscheinend so schwer zu erkennen, dass es andere Menschen mit anderen Eigenschaften gibt, die deswegen nicht weniger ein Recht auf Leben mit den gleichen Chancen und einem gleichen Maß an Glück haben?“

    Vielleicht weil diese strikte Trennung zwischen Menschengruppen so nicht funktioniert? Weil Menschen eben nicht nur mehrfach diskriminiert sein können, sondern auch zugleich Diskriminierter in einer Hinsicht und Diskriminierender in anderer? Bzw. zu einem Zeitpunkt diskriminierter und zu einem anderen Diskriminierender?

    Vielleicht weil Menschen ihr Handeln an ihren konkreten Interessen orientieren und nicht an abstrakten moralischen Ideen wie „ein Recht auf Leben mit den gleichen Chancen und einem gleichen Maß an Glück“? Dass sie (und zwar alle in gleichem Maße, unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht) bereit sind, ihren eigenen Interessen (und denen ihrer Kinder und Familien) Vorrang vor den Interessen anderer zuzugestehen?

    „Die einen haben’s verdient, ein sicheres Leben zu haben und die anderen haben es “verdient”, im Dreck zu kriechen. Warum?“

    Vielleicht weil die einen und die anderen unterschiedliche Interessen haben und in Konkurrenz um knappe Güter stehen? Vielleicht auch nur, weil die einen einen technischen Entwicklungsvorsprung vor den anderen hatten? In diesem Zusammenhang ist dieses Buch höchst empfehlenswert: http://www.amazon.de/Arm-Reich-Schicksale-menschlicher-Gesellschaften/dp/3596172144/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1331902051&sr=1-1
    Jared Diamond befasst sich nämlich genau mit dieser Frage: Warum sind die einen reich und die anderen arm? Und er sieht den Grund darin, dass die Domestizierung von Pflanzen und Tieren in Europa 2000 Jahre früher begann als auf anderen Kontinenten, und zwar durch die dort vorkommenden Pflanzenarten und geographischen Bedingungen. Er sagt, wenn man vor 10.000 Jahren die Bevölkerungen von Australien und Europa hätte austauschen können, würden heute Aborignenes die Welt dominieren und (wenige) weiße Europäer in elenden Reservaten leben.
    Es gibt also keinen Grund zu rassistischen Unterstellungen, weder gegen Schwarze noch gegen Weiße. Das die Spanier Peru erobert haben und nicht die Inkas Spanien ist Ergebnis der besseren Bewaffnung der Spanier, ihrer besseren Kommunikation und der Tatsache, dass sie über Pferde verfügten. Es gibt nicht den leisesten Grund für die Annahme, dass die Inkas Spanien nicht erobert hätten, hätte ihnen die entsprechende Technologie zur Verfügung gestanden. Ihre Nachbarvölker, die Chimú und die Chachapoyas haben sie jedenfalls unterworfen und ausgebeutet, genau wie die Spanier die Inkas.

    „Diese Menschen sind – nicht – anders. Was du in deinem Inneren spürst, spüren andere Menschen auch. Was dich leben lässt, lässt auch andere leben.“

    Sehr richtig, und deshalb muss man vor anderen Menschen auf der Hut sein, denn sie werden im Zweifelsfall ihre Interessen gegen die meinen durchsetzen. Aber vielleicht können wir ja auch einen Kompromiss finden, der allen nutzt. Aber dazu muss man sich erstmal von der Annahme verabschieden, dass es gute und böse Menschen gibt. Und vor allen Dingen von der Illusion, man selber würde zu den guten gehören, weil man Frau oder homosexuell oder Schwarz ist.

    1. Vielleicht weil diese strikte Trennung zwischen Menschengruppen so nicht funktioniert? Weil Menschen eben nicht nur mehrfach diskriminiert sein können, sondern auch zugleich Diskriminierter…

      Das ist genau das, was ich predige, also keine Sorge, das ist mir bewusst. Aber lesbisch zu sein gibt dir nun mal keinen Freibrief, rassistische Beleidigungen auszusprechen, genau deswegen braucht man den Gruppenbegriff eben doch.

      Vielleicht weil Menschen ihr Handeln an ihren konkreten Interessen orientieren und nicht an abstrakten moralischen Ideen wie „ein Recht auf Leben mit den gleichen Chancen und einem gleichen Maß an Glück“? Dass sie (und zwar alle in gleichem Maße, unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht) bereit sind, ihren eigenen Interessen (und denen ihrer Kinder und Familien) Vorrang vor den Interessen anderer zuzugestehen?

      Wenn sie aufgrunddessen Leute diskriminieren, sind mir ihre Beweggründe relativ egal.

      @Wer erobert wen
      Und wie es die Weltgeschichte wollte, sind weiße Eurpäer*innen nun privilegiert. Also haben sie die Pflicht, sich entsprechend zu verhalten. Nicht weil Inkas die „besseren Menschen“ waren, sondern weil man sich auf Privilegien nun einmal nicht ausruhen kann, weil es dazu auch immer Nicht-Privilegierte geben muss.

      Aber dazu muss man sich erstmal von der Annahme verabschieden, dass es gute und böse Menschen gibt. Und vor allen Dingen von der Illusion, man selber würde zu den guten gehören, weil man Frau oder homosexuell oder Schwarz ist.

      Kennst du Leute, die so eindimensional denken?

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