Ein Missverständnis

Hiermit möchte ich ein Missverständnis quasi präventiv¹ aufklären: ich stehe nicht für den weißen, hetero- und monosexuellen, binären, cis, mittelklasse, physio- und neurotypischen Feminismus. Ich besitze einen großen Teil dieser Eigenschaften, aber ich bin der Ansicht, dass sie nicht der Maßstab sein dürfen, an dem gemessen wird, wessen Belange wichtig sind. Es sind auch und vor allem die Belange derjenigen Menschen wichtig, die entsprechende Privilegien nicht ihr eigen nennen können. Ich kann nicht über soziale und institutionelle Ungleichbehandlung diskutieren, wenn ich die Identität einer Person nur über ihr Geschlecht definiere. Dadurch werden meine Argumente schwächer, weil ich die Realität zu stark vereinfache.
Unser Leben ist manchmal unübersichtlich und kompliziert. Umso erstaunlicher ist es, dass Leute so oft glauben, ein Teil der Identität eines Menschen würde ihnen alles über diese Person verraten. Woher weißt du, ob eine muslimische Frau* gezwungen wurde, ein Kopftuch zu tragen? Wer hat dir verraten, dass der fertige Typ* da drüben ein nichtsnutziger Alkoholiker ist und nicht gerade von der Nachtschicht kommt? Warum meinst du, aus der Hautfarbe dieser Person lesen zu können, dass sie nicht Deutsch spricht und nicht in Deutschland geboren wurde und kein regelmäßiges Einkommen hat?** Das bildest du dir alles nur ein!
Die Menschen, über die du (und ich) mir nichts dir nichts Urteile fällst, haben ein ebenso ausgefülltes und unvorhersehbares Leben wie du. Sie treffen Entscheidungen aus komplexen Gründen. Sie blicken auf eine Lebensgeschichte, die du nie vollständig wirst nachvollziehen können.
Flache Charaktere, die diese Haarfarbe haben und jene Hobbys und gerne Wein trinken gibt es nur in Literatur und Film. Echte Menschen sind unvorstellbar komplizierter.
Also maß dir bitte nicht an zu wissen, warum jemand dies und jenes tut oder anzieht, nicht mag oder befürwortet. Menschen sind mehr als einer Schablone entstiegen, aus der man sie ausgeschnitten hat.
Und darum können wir Sachverhalte nicht nur durch eine Linse betrachtet diskutieren. Man kann Personen nicht ansehen und sagen: du bist eine Person of Color, also bist du von x betroffen. – Hat sie Geld oder nicht? Ist sie männlich, weiblich oder genderqueer? Ist sie physiotypisch oder körperlich behindert? Usw. usf.
Deswegen funktioniert einfacher Feminismus nicht. Es gibt Aspekte einer Identität abseits des Geschlechts, die hineinspielen in die Art, wie eine Person wahrgenommen und behandelt wird. Wenn man beim Geschlecht aufhört, tut man Menschen Unrecht, weil man viele Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, von vornherein nicht anspricht und als irrelevant² abtut. Dies möchte ich nicht unterstützen.

1 vorbeugend
2 unerheblich, unwichtig

**Ich möchte mit diesen Beispielen nicht sagen, dass es falsch oder schlimm wäre, keine Arbeit zu haben.