„Feminist*innen sind…“

„…Männerhasser.“
Falsch. Die Rolle einer Gruppe von Menschen in der Gesellschaft in Frage zu stellen, bedeutet nicht, die Menschen, die dieser Gruppe angehören, zu hassen.
Da viele Leute, die feministischen Gedanken begegnen, Schwierigkeiten haben nicht nur das zu hören, was ihre Vorurteile bestätigt, eine kleine Erklärung:
„Ich setze mich kritisch mit dem männlichen Rollenbild auseinander.“ heißt nicht „Ich hasse Männer*.“
„Männer* (Weiße/Physiotypische/Neurotypische/Heterosexuelle/Cissexuelle) sind in unserer Gesellschaft privilegiert.“ heißt nicht „Männer* (…) begegnen nie einem einzigen Problem in ihrem Leben.“ (Ein beliebtes Strohmann-Argument.)
„Ich als Feminist*in entscheide mich dagegen, dem mir aufgedrückten Rollenbild zu entsprechen.“ heißt nicht „Alle Männer* müssen jetzt Röcke tragen und Frauen* dürfen nicht mehr Hausfrau* sein.“

Ich finde es, nebenbei gesagt, tragikomisch, dass Menschen glauben, Feminist*innen würden nichts Spannenderes tun, als die ganze Zeit über Männer* zu reden.

„…versessen darauf, jedes Substantiv weiblich zu machen.“
Das ist Unsinn. Es wird angestrebt, alle möglichen Identitäten mit einzubeziehen. Daher „Frau*“, „Mann*“, „Feminist*in“ bzw. „Feminist_in“ usf. Die Sonderzeichen sollen deutlich machen, dass es Intersexuelle und Genderqueere gibt, die sich ohnehin nicht als weiblich oder männlich verstehen (ich glaube, der * sollte auch Transsexuelle mit einbeziehen, diese identifizieren sich aber meist sehr wohl als männlich oder weiblich). Gleichzeitig dient der Wortaufbau dazu zu zeigen, dass -neben Genderqueeren- die weibliche und männliche Form gemeint ist.

Die Nutzung dieser Schreibweise wird forciert¹ da man Frauen* unsichtbar macht, sobald man nur die männliche Form eines Wortes benutzt, so wie man Genderqueere ohne die Sonderzeichen unsichtbar macht. Jaja, Frauen* sind mitgemeint. Also bei „Arzt“ denken alle im gleichen Maße an weibliche und männliche Ärzt*innen? Bei „Informatiker“ auch? Bei „Polizist“? Das wage ich zu bezweifeln. Wie viele Männer* würden sich bei „Hebamme“ angesprochen fühlen, obgleich das die korrekte Berufsbezeichnung ist?
Wer ganz ganz fest an das „Mitmeinen“ glaubt (was ich euch schon mal nicht abnehme, wenn es um Genderqueere geht, die gesellschaftlich nahezu unsichtbar sind), können wir gerne ein Vereinbarung treffen: ich benutze ab jetzt nur noch weibliche Personenbezeichnungen und ihr seid alle mitgemeint. Versprochen. Wenn ihr das nicht so seht, liegt das ganz sicher nur an euch.

„…unrasiert.“
Oh mein Gooott, Frauen* mit Haaren. *gähn* Einige rasieren sich, andere nicht. Genau wie in der restlichen Bevölkerung. Euch ist schon klar, dass Frauen* sich nicht rasieren müssen, nur weil Leute, die auf Frauen* stehen, das manchmal mögen?

„…lesbisch.“
Natürlich sind einige lesbisch, genau wie überall sonst auch. Warum klingt das immer wie ein Vorwurf?
Lesbisch sein, genau wie viele andere Identitäten, wird von der Gesamtgesellschaft nur wahrgenommen, wenn es sie anspringt – wer kein leuchtendes Hinweisschild trägt, wird ungefragt als heterosexuell (cis, neurotypisch, …) abgestempelt. Mag sein, dass Leute die Zeichen bei lesbischen Feminist*innen durch ihre Vorurteile häufiger korrekt deuten. Was weiß ich.
Der Gedanke, alle Feminist*innen seien lesbisch, beruht eher darauf, dass Frauen*, die sich mit den Geschlechterbildern auseinandersetzen, die Rolle von Männern* in Frage stellen (so weit so richtig). Wer die Rolle von Männern* in Frage stellt, hasst Männer. Wer Männer hasst, „bestraft“ sie, indem die Person nicht mit Männern* schläft. Wer nicht mit Männern* schläft, ist lesbisch. Voilà. So lächerlich und androzentristisch²** diese Gedankengänge sind, für viele scheinen sie Sinn zu ergeben.

„…übersensibel.“
(Mannweiber und gleichzeitig übersensibel, erstaunliche Koinzidenz³. Wo wir doch wissen, dass Männer* keine Gefühle haben.) Aber Sarkasmus beiseite:
Wenn Menschen auf Diskriminierung aufmerksam machen, ist das kein Zeichen von Übersensibilität.
Bevor ich mir wieder Mist anhören muss: Nein, Männer* können nicht sexistisch diskriminiert werden, Weiße nicht rassistisch und Menschen aus der Oberschicht nicht klassistisch. Diskriminierung funktioniert nur von oben nach unten, weil die entsprechenden Handlung sonst nicht von jemandem in einer Machtposition ausgeübt wird – eine wichtige Voraussetzung für das Vorhandensein von Diskriminierung.
Aber zurück zur Sensibilität: Diskriminierung zu erkennen ist wichtig, es ist essentiell. Wenn andere dir dabei behilflich sind, ist die beste Reaktion, dich zu bedanken. Es ist korrekt anzunehmen, dass Menschen, die von einer bestimmten Diskriminierung betroffen sind, ein besseres Gespür für diese haben. Denn in den meisten Fällen haben sie bereits ihr ganzes Leben Erfahrung mit ihr gesammelt. Und in exakt und ausschließlich diesem Wortsinne sind sie „sensibel“.
Eine Person „übersensibel“ zu nennen, wenn sie sich diskriminierendes Verhalten verbittet, ist einfach nur noch privilegiert. Um genau zu sein, setzt man die Diskriminierung weiter fort. Wenn man den Betroffenen dann auch noch rät, einfach damit klar zu kommen und „keinen Aufstand“ zu machen, handelt es sich um Victim Blaming.

Ein einfaches Beispiel zeigt, dass für den weißen Cis-Mann* Beschimpfung dennoch nicht gleich Beschimpfung ist: „F****“, „N****“, „T*****“ soll kein Grund zum Aufregen sein, weil weiße Cis-Männer damit nicht beleidigt werden können, wegen „Arschloch“ und „Wichser“ fangen die Leute Schlägereien an.

„…Spalter*innen, die andere Bewegungen unter die Räder kommen lassen.“
Ja, das ist leider oft wahr. (Vor allem die privilegiertesten) Feminist*innen haben immer wieder große Probleme, People of Color, Behinderte, GLBTQIPPA-Leute etc. etc. und den Intersektionalitätsgedanken an sich in ihre Überlegungen einzubeziehen. Dabei ist nicht zu vergessen, dass es behinderte, queere, transsexuelle Feminist*innen of Color gibt und es sich nicht um getrennte, sondern überlappende Gruppen handelt.
Ich habe die Hoffnung, dass diese Situation sich in Zukunft bessert. Aber sowohl bei deutschen, als auch bei US-amerikanischen Feminist*innen mangelt es teils stark am Bewusstsein für die Wichtigkeit eines intersektionellen Ansatzes. Ich selbst bin nicht ausreichend in jedem Bereich informiert und versuche mich entsprechend konstant weiterzubilden.

„Feministen* sind Weicheier.“
Diese Aussage verrät lediglich etwas über hän Sprecher*in. Sie zeugt von der Angst, das Geschlechterrollengefüge könne zusammenbrechen und die Menschen orientierungslos zurücklassen. Was kann man besseres tun, um dem Gefüge wieder auf die Sprünge zu helfen, als Menschen in ihre vordefinierten Rollen zurückzudrängen.
Ich kann euch auf jeden Fall sagen, was Feministen* sind. Menschen, die verstanden haben, dass alle tatsächlich die gleichen Rechte haben müssen. Dass keine Person durch irgendeine körperliche oder psychische Eigenschaft jemals in irgendeiner Form „unterlegen“ oder „weniger Wert“ sein kann. Dass Interaktionen zwischen allen Geschlechtern auf Augenhöhe stattfinden müssen, um erfüllend zu sein. Dass die Angst vor „Entmännlichung“ oder „Verweichlichung“ keinerlei Bedeutung hat, weil diese Begriffe nur schwache Versuche sind, Männer* daran zu hindern, aus Rollenklischees auszubrechen. Nehmt euch die Freiheit.

Schlusswort

Auch wenn ich hier teils Grundlagen erklärt habe, ist das keine Einladung zu Grundlagendiskussionen. Es mag sein, dass ich Kommentare zulassen werde, bei denen ich ein ernstzunehmendes Interesse zu erkennen meine oder Kommentare, die wirklich interessante Punkte zum Weiterdenken aufwerfen (solche schaffen es immer), aber ich habe keine Lust auf ein „Lasst uns die Gravitationstheorie nochmal ganz kritisch beäugen, vielleicht ist sie ja doch
falsch.“-Level zu gehen.

**heterosexistisch, monosexistisch und sexistisch nicht zu vergessen

1 bestärkt
2 männer*zentriert
3 Zufall, Zusammentreffen von Ereignissen

21 Gedanken zu “„Feminist*innen sind…“

  1. Müßte man nicht etwas mehr differenzieren? Es gibt ja den Feminismus nicht. Und ja/nein Antworten bei einer Personengruppe auch nicht. Der radikale Feminismus scheint mir zb einen hohen Anteil an Mitgliedern mit Männerhass zu haben.

    1. Eine Allaussage wird negiert durch die Existenz eines Gegenbeispiels. Eine Feminist*in, hän keine Männer* hasst -> Feminist*innen hassen keine Männer*. So viel zu Logik.

      Ich habe mit radikalen Feminist*innen nichts am Hut und würde ihnen auch keine Plattform bieten. (Ein Wunder, dass ich dir eine Plattform biete ¬.¬) Wer in meiner Gegenwart äußert, Männer* seien kollektiv nichts wert, würde nicht ohne Reaktion davon kommen.

    2. Kann ich so nicht nachvollziehen, weder aus meinen Erfahrungen mit Radikalfeminist*innen noch aus dem konsequenten Durchdenken von Ideen des Radikalfeminismus.

      Zur Erinnerung hier noch mal die Definition von Radikalfeminismus:

      „Im sogenannten Gleichheitsfeminismus (auch Egalitätsfeminismus, Radikalfeminismus) gehen die Akteure von einer grundsätzlichen Gleichheit (Universalismus) der Geschlechter aus und begründen die zwischen den Geschlechtern existierenden Unterschiede hauptsächlich mit gesellschaftlichen Machtstrukturen und Sozialisation der Menschen. Nach dieser Theorie gibt es kein „typisch männlich“ und „typisch weiblich“, sondern nur durch geschlechtsspezifische Sozialisation und Aufgabenteilung begründete Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern.“ (Wikipedia)

      Es ist bestimmt moeglich, als Radikalfeministn Maenner zu hassen – Menschen koennen ja alle moeglichen widerspruechlichen Dinge gleichzeitig glauben – aber warum es gerade bei Menschen, die der Idee von der Gleichheit der Geschlechter anhaengen, vermehrt einen Hass auf eines der Geschlechter geben soll, erschliesst sich mir erst mal nicht so richtig. Diese Behauptung muesstest du also mal belegen.

      Oder kann es sein, dass du unter dem Begriff „radikaler Feminismus“ irgend etwas anderes verstehst? Oder interpretierst du einfach die durchaus bestehende Agression von Radikalfeminist*innen gegenueber Positionen wie „Maenner sind nun mal so, waren schon immer so, und werden auch immer so sein, weil, das ist so voll natuerlich wegen der Gene und der Mammuts und so, knick knack, also hoert auf rumzuweinen und von Uns Maennern(tm) zu fordern, dass wir mal unser Weltbild kritisch hinterfragen“ als Maennerhass? Das ist naemlich kein Maennerhass, sondern nachvollziehbare Ungehaltenheit gegenueber Privilegienscheisse.

      1. Du hast nicht auf mich geantwortet, aber dein Kommentar hat mir gezeigt, dass ich selber unreflektiert Bullshit geschrieben habe, deshalb nochmal ganz klar: ich kann deinen Kommentar von oben bis unten unterschreiben und wenn tatsächlich die von dir genannte Definition von „Radikalfeminismus“ von Christian gemeint war, bin ich selber definitiv radikalfeministisch.

        Natürlich bleibt es dabei, dass ich keinen Männer*hass unterstütze, aber dein Kommentar wirft bei mir (endlich) die Frage auf, ob es wirklich ein*e ernstzunehmende*n Feminist*in gibt, ki Männer* „hasst“. Den objektiv betrachtet klingt das wie ein riesiger Strohmann.

      2. Hm, die Frage ob der benannten Widersprüche zwischen Radikalfeminismus und Männer*hass scheint mir auch zu sein, ob der Männer*hass direkt aus der feministischen Position abgeleitet wird oder aufgrund zusätzlicher Faktoren, etwa negativer Erfahrungen mit sexistischer Gewalt o.ä. übernommen wurde. Und: was wird gehasst? Das Leitbild einer hegemonialen Männlichkeit, die allerdings von tatsächlichen Individuen abstrahiert, oder der individuelle Mann*?
        Meiner Ansicht nach ist Radikalfeminismus als immerhin emazipatorischer Bewegung unvereinbar mit Männer*hass, so wie ihr, foo und zweisatz, bereits sehr richtig bemerkt habt, aber es ist durchaus möglich und auch berechtigt, die Figur der hegemonialen Männlichkeit bzw. das Patriarchat zu „hassen“ (oder abzulehnen: wozu wären wir sonst Feminist_innen?). Den Hass auf individuelle „Männer*“ kann ich allerdings auch nicht nachvollziehen. Aber eine spannende Denk-/Diskussionsaufgabe!

      3. Denk/Diskussionsaufgabe: Challenge accepted!

        Pauschaler Maenner*hass funktioniert eigentlich am besten, wenn man Maenner als „fundamental alle gleich“ und „von Frauen grundsaetzlich verschieden“ versteht, waere also eher vertraeglich mit einem Differenzfeminismus. Auffaellig ist auch, dass ich Unterstellungen von Maenner*hass an Feminist*innen eigentlich nur von Maennern hoere, die selber sehr stark an binaere Geschlechter und an einen grundsaetzlichen, unveraenderlichen Unterschied zwischen Mann(tm) und Frau(tm) glauben. Also vielleicht ein Stueck weit Projektion? Mehr dazu unten.

        > ob der Männer*hass direkt aus der feministischen Position abgeleitet wird oder aufgrund
        > zusätzlicher Faktoren, etwa negativer Erfahrungen mit sexistischer Gewalt o.ä.
        > übernommen wurde.

        Wie es mit Korrelation und Kausation im Dreieck Maenner*hass, Feminismus und schlechten Erfahrungen mit sexistischer Gewalt o.ae. aussieht, kann ich nicht so richtig sagen. Fuehlen sich Frauen, die Erfahrungen mit sexistischer/sexualisierter Gewalt seitens Maennern gemacht haben, eher von Feminismen angezogen? Keine Ahnung.
        Ich kenne Frauen, die zeitweise aus Frust und aufgrund schlechter Erfahrungen Maenner gehasst haben, pauschal. Die bevorzugte feministische Stroemung war dabei durchweg „Eso“feminismus (ich nenn das mal frech so – ich meine damit Positionen, die eine weibliche Ueberlegenheit postulieren, ueblicherweise einhergehend zB mit der Idealisierung von Mutterschaft als Zeichen der Ueberlegenheit von Frauen gegenueber Maennern etc, und einer starken Betonung von historisch „Weiblichem“, wie Mondkulte, Hexenkunst, der Frau als Seelenheilsbringerin und allumfassend Liebender, also der Frau als „besserem Menschen“).

        > Und: was wird gehasst? Das Leitbild einer hegemonialen Männlichkeit, die allerdings von
        > tatsächlichen Individuen abstrahiert, oder der individuelle Mann*?

        Im Radikalfeminismus, denke ich, ersteres. Der Knackpunkt hierbei: die Ablehnung hegemonialer Maennlichkeit ist mE eine Sache, die von manchen Maennern als Maennerhass interpretiert wird – das sind dann ueblicherweise Maenner, die dieser Idee einer hegemonialen Maennlichkeit emotional stark verbunden sind bzw. fuer die diese Idee identitaetsstiftend ist. Eine Ablehnung hegemonialer Maennlichkeit wird damit sofort als Ablehnung der eigenen Person verstanden, die Ansicht, dass hegemoniale Maennlichkeit in Frage gestellt werden sollte, fuehlt sich so an, als sollte die eigene Person abgeschafft, „beschnitten“, gezaehmt und entwertet werden. Interessanterweise kommt so eine stark emotionale Reaktion in meinem Bekanntenkreis am ehesten von Maennern, die der Idee „klassischer“ Maennlichkeit zwar anhaengen, aber sich ihrer „Kompetenz“ darin unsicher sind – also Zweifel haben, ob sie wirklich „Manns genug“ sind… Und solche Zweifel sind auch voellig nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Geschlechteridentitaeten gerade in Verhandlung sind, dass von allen Menschen neue Verhaltensweisen schon teils gelernt sind, teils verlangt werden, die sich mitunter widersprechen, je nachdem, mit welchem Gegenueber man es zu tun hat, und dass daher „klassische“ Maennlichkeit (oder klassische Weiblichkeit fuer Frauen, aber anderes Thema) zu leben heute fuer viele Maenner in unserer Gesellschaft nicht mehr erfolgreich moeglich ist bzw. in irgendeinem Lebensbereich und in irgendeinem sozialen Kontext immer auf Widerstand stoesst. Ich kann kaum noch zaehlen wie oft ich von Maennern meiner Generation gehoert habe, dass sie ja stark und schwach, hart und weich zugleich sein sollen, nicht zu dominant, aber trotzdem eine starke Schulter zum dran anlehnen, erfolgreich und ein guter Versorger, aber auch nicht chauvinistisch, und sich von den sich widersprechenden Anforderungen verwirrt, verarscht und ueberfordert fuehlen.
        Ein Rueckzug auf eine traditionelle, klar definierte Maennlichkeit ist da verlockend, und die wird mit entsprechendem Elan verteidigt, und jede Kritik an dieser klassischen Maennlichkeit als bedrohlich empfunden.

        Soweit mein (wortreicher) Standpunkt zum Thema „Wahrnehmung von Maennerhass“.
        Ahem. Entschuldigung im voraus an zweisatz dafuer, den urspruenglichen Post gekapert zu haben.

      4. Jipp, Maenner*hass ist durchweg inakzeptabel. Ich lasse zB auch Aeusserungen von Freundinnen a la „Ja ey, so sind Maenner halt, Scheisskerle, wa“ nicht ungerueffelt durchgehen wenn ich sie mitbekomme – selbst wenn ich weiss, dass solche Aeusserungen nicht vollstaendig ernst gemeint sind.

        Zum Thema Strohmann: Die Vermutung habe ich auch immer mal. Ich will nicht abstreiten dass es Maenner*hass gibt, auch nicht, dass es Maenner*hass unter Feminist*innen gibt (Feminist*innen sind schliesslich nicht unfehlbar, sondern eben auch nur Menschen) – aber mir sind maenner*hassende Feminist*innen ehrlich gesagt noch nicht persoenlich begegnet. Ich wuerde daher vermuten, dass das Phaenomen „maenner*hassende Feminist*innen“ zumindest aufgeblasen wird bzw. dass das haeufiger mal eine Wahrnehmung ist, die durch Missverstaendnisse und Faulheit entsteht. Oder eine (unbewusste?) Strategie ist, Feminismen zu diskreditieren, ohne sich grossartig mit ihnen auseinandersetzen zu muessen.

        Ich hab lange Zeit auf Einwaende wie „aber es gibt doch Feminist*innen, die Maenner* hassen!“ instinktiv reagiert mit „Aber so eine bin ich nicht, wirklich, ganz ehrlich, komm lass mich viel Energie und Zeit darauf verwenden, dich davon zu ueberzeugen, dass ich nicht eine von _denen_ bin!“ Irgendwann kam mir das aber immer seltsamer vor.

      5. Em ahem, Korrektur: Mir sind maennerhassende _Radikal_feminist*innen noch nicht begegnet. Ich redete in einem anderen Kommentar von mir bekannten maennerhassenden Esofeminist*innen, aber ich habe Schwierigkeiten, die Rhetorik von „Frauen als den besseren Menschen“ a) ernst zu nehmen und b) als repraesentativ oder definierend fuer Feminismus anzusehen.
        Ansonsten bleibe ich bei der Aussage, dass die Wahrnehmung von maennerhassenden Feminist*innen gerne mal auf Missverstaendnissen und Faulheit beruht.

      6. Ich muss sagen, dass mich an „Männer* sind scheiße“ eher der Genderessentialismus stört, was auch der Grund ist, weswegen ich etwas dagegen sage. Der Unterschied zwischen Frauen*- und Männer*hass liegt für mich dort, dass Frauen*hass üblicherweise wesentlich mehr Gewalt beinhaltet (potenzielle und tatsächlich ausgeübte), wohingegen es nun einmal keine vergleichbare strukturelle Gewalt gegen Männer* gibt (wenn man mal davon absieht, dass es natürlich eine Art von Gewalt ist, von Menschen zu verlangen, sich an bestimmte Rollen anzupassen).

      7. Unabhängig von männer*hassendem Differenzfeminismus (den als „feministisch“ anzuerkennen ich bei aller Toleranz auch meine Probleme habe), habe ich einen latenten, niemals explizit geäußerten Männer*hass auch bei Radikalfeminist_innen wahrgenommen, indem Männlichkeit durchweg mit Gewalt gegen Frauen identifiziert worden ist, jeder Mann (!) ein tatsächlicher oder verkappter Vergewaltiger, jede Frau sein potenzielles Opfer. Aus einer Betroffenenperspektive kann ich das nachvollziehen, als statistisch wahrnehmbare Realität ist dagegen auch nichts zu sagen. Als Abwehrhegemonialer Männlichkeit, auch gut. Probleme habe ich aber damit, wenn dann grundsätzlich Männer* von Diskussionen ausgeschlossen werden bzw. unterstellt wird, Männer* könnten per se keine Feministen* sein…

      8. Also mit „hetero-Sex kann niemals einvernehmlich sein“ kann ich mich nicht identifizieren, aber das gleiche gilt auch für Feminismus, der meint, man käme ohne Antirassismus, Anti-Cissexismus etc. etc. etc. aus.

  2. Gerade dieses Gendergap sollte schlicht der lesbarkeit geopfert werden. Eine möglichst neutrale Form, die sich gut liest statt jedes Wort auseinander zu reißen.

    Rest des Artikels klingt ja ganz versöhnlich, schön das mal so zu hören.

    1. Wenn du nicht den Anfang machst und eine sinnvolle Form vorschlägst, werden wir alle weiter * und _ benutzen. Die Formen existieren ja nicht, weil alle möchten, dass niemand die Texte lesen kann, sondern weil noch keine akzeptable Alternative gefunden wurde.

      1. [Edit 18.11.12: Als Reaktion auf einen Kommentator, der mal wieder über * und _ jammerte]

        Ich weiß leider nicht mehr, wo ich das mal gelesen habe… aber es geht bei diesen Formeln auch gerade darum, über sie zu stolpern. Die sollen zum Nachdenken anregen und gar nicht einfach überlesen werden.

  3. Ein schöner und notwendiger Beitrag, vielen Dank!
    Eine Anmerkung, die mir beim Lesen kam: „Übersensibilität“, generell verschrien, nicht nur, wenn es um Sensibilität gegenüber Diskrimination geht, könnte m.E. dringend mal positiv umgedeutet werden. Viel sensibler als die meisten Mitmenschen zu sein, ist kein Makel, sondern ein Talent. In dem Sinne, wenn dich/mich jemensch „übersensibel“ nennt, bedanken und darauf hinweisen, dass der korrekte Ausdruck „hochsensibel“ lautet ;-)
    Neben vielen anderen „Einwänden“ gegenüber Feminismus, deren du ja schon viele genannt hast, wird leider auch der sehr dämliche erhoben, Feminismus erübrige sich doch, da Frauen und Männer (und Genderqueere wohl auch, hä?!) doch schon längt gleichberechtigt seien. Was soll man dazu sagen??!! Vielleicht – Kontakt abbrechen, der Person ist nicht zu helfen…

    1. Gerne. :)

      Du hast recht, hochsensibel ist hier eine sehr gute Vokabel.

      Ich muss sagen, ich gehöre mitunter zu den Kontaktabbrecher*innen, wenn ich keine Lust habe, solche Grundlagen zu erklären (natürlich meist unter der Voraussetzung, dass ich eh keine große Freundschaft habe kommen sehen).
      Wegen solcher Fragen, auf die zu antworten ich mir meist keine Mühe gebe, weil es mich zu sehr aufregt, habe ich meine „Feministisches Bullshit Bingo“-Kategorie gegründet, als einer der wenigen Orte, an denen ich mich freiwillig mit solchen Fragen beschäftige.
      Ich werde den „sind doch längst gleichberechtigt“-Satz zu meiner Liste hinzufügen und wenn du genug Geduld hast, wirst du meine Antwort dazu in Form eines individuellen Artikels noch erleben ;)

      Zuletzt möchte ich dich (und alle, die sonst hier vorbeikommen und kommentieren) noch bitten, Wörter wie „dumm, blöd, dämlich, Idiot“ nicht als negative Attribute zu verwenden. Intelligenz ist kein Kriterium, das bestimmt, ob Menschen nett sind oder sinnvolle Beiträge zu Diskussionen liefern. Sehr kluge Menschen können große Arschlöcher sein.

  4. [Edit 18.11.12: Als Reaktion auf eine Diskussion, die ich wegen *nerv* gelöscht habe]

    Noch einmal eine schöne Zusammenfassung zu White Privilege in nicht-weißen Ländern.

    tsumetaihikari schreibt

    […] Is it because PoC who live in countries where whites are not the majority actually have the systematic power to oppress the white people coming to their countries?

    If you answered yes to this question, ask yourself how. Ask yourself who has more money—the white visitor to a “developing” country or the people who live there. Ask yourself how long ago that country finally received its independence from the Europeans who colonized it (if you legitimately think Ethiopia and Liberia are exceptions because they were never officially colonized, my ask box is open because you and I need to have a chat). Ask yourself if that country has ever fully recovered from the complete decimation inflicted upon it during the colonial era. Ask yourself if it ever will. Ask yourself if a contempt for the people who robbed you of damn near all your natural resources, raped and killed your people mercilessly, psychologically demeaned you, sabotaged your economic process and entire way of life to build the most economically and militarily powerful legacies and futures this world has ever seen is really so unreasonable. Ask yourself if it’s so wrong to distrust those who commit genocide against you.[…]

    Für vollständigen Text, Link oben klicken.

  5. [Edit 18.11.12: Als Reaktion auf eine Diskussion, die ich wegen *nerv* gelöscht habe]

    Aaaand this:

    […] I just said that all the “isms” are terms reserved for hating on oppressed people. When oppressed people hate on each other or hate on their oppressors (and I do mean “hate” as opposed to “express a healthy level of dissatisfaction with their oppressors”), that’s just hate. And the reason for the distinction is that plain old hate doesn’t generally have the backing of society, but “isms” do, and hate backed by society is far more powerful/dangerous than plain old hate.

    von Jennifer Kesler

    Edit: Wenn jemand mit den englischen Zitaten nicht klarkommt, einfach Bescheid sagen. Dann übersetze ich sie noch.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.