Feministisches Bullshit-Bingo

Es ist wieder Zeit, eine Kategorie zu eröffnen, in der ich einen Post schreibe und dann wochenlang nichts mehr veröffentliche.

In dieser Kategorie werde ich mich mit reflexhaften Antworten beschäftigen, die Feminist_innen immer wieder hören.
Da ich meine Zeit gerne sinnvoll verwende, gehe ich auf viele solcher Kommentare im Internet gar nicht erst ein (und lösche sie auf meinem Blog). Denn ich begreife mich nicht als Ausbilderin, sondern möchte mit Menschen diskutieren, die sich ernsthaft mit den Themen beschäftigen wollen, die mir wichtig sind.

Manchmal freut man sich allerdings, wenn man klar auf den Punkt bringen kann, warum das, was eine Person gerade gesagt hat, völliger Mist ist. Also werde ich in diesem geschlossenen Rahmen auf einige der wirklich häufigen wirklich nervigen Reflexantworten eingehen.


Wir beginnen mit: It’s the internet, dummy. bzw. Es ist doch nur das Internet. Leider nur unter anderem hier geäußert (auf die kleinen Pfeile klicken, um den vorhergehenden Dialog auszuklappen).

Leute, „das Internet“ ist kein von der „realen Welt“ getrennter Teil unseres Universums oder „nur in unseren Köpfen“. Es ist auch keine Spielwiese, in der man all seine niedersten Triebe ausleben kann.
Es ist gleichzeitig grandios, weil teils Menschen am allgemeinen Diskurs teilnehmen können, die sonst durch Barrieren im täglichen Leben behindert werden (das gilt leider nur bedingt; auch im Internet gibt es viele Barrieren, nicht zuletzt die, erst mal einen Internetanschluss bezahlen können zu müssen). Andererseits ist es auch sehr anstrengend, weil es einige Menschen gibt, die die Möglichkeiten zur Anonymisierung nicht dazu nutzen, frei von Diskriminierung ihre Meinung zu äußern, sondern mit Hilfe eben dieser Anonymität ihre sehr realen sehr diskriminierenden Meinungen, die sie sonst mitunter für sich behalten, frei in die Gegend zu kotzen.

Nun gut, ihr kennt das Internet, also muss ich das nicht weiter erklären. Was ihr vom letzten Absatz mitnehmen sollt, ist, dass reale Menschen mit realen Meinungen, die sehr reale Konsequenzen für andere reale Menschen haben, in diesem Internet verkehren.
Nur weil man die anderen nicht anfassen kann, heißt das nicht, dass „die Gesellschaft“ plötzlich nicht mehr existiert und Diskriminierung ein hier nicht existierendes Konzept ist, das Menschen sich für diese „andere“ Welt ausgedacht haben.
Man stolpert nicht alleine durchs Netz, sondern interagiert¹ auf vielfältigsten Wegen mit anderen, also beeinflusst man andere Menschen mit dem, was man sagt. Genau wie offline.

Aber oft geht es bei „Es ist doch nur das Internet.“ ja nicht um die Weigerung zuzugeben, dass das, was man sagt, einen Einfluss auf andere hat (obwohl das ein Teil der Argumentation ist), sondern dass es „im Netz halt so ist“. Das es halt scheiße sei und wie kann ich nur so blauäugig sein zu erwarten, dass es sich besser verhalten könnte und wenn ich es so schlimm finde, kann ich mich ja auch verpissen. Ähm.

Es ist halt so in Deutschland, dass Menschen vom Fernsehen für Profit zu Grund gerichtet und in Knebelverträge gezwungen werden. Kann man nichts dran ändern, dass man als behinderte Studentin aktiv am Studieren gehindert wird, soll man’s halt nicht versuchen. Der Rassismus in Deutschland führt regelmäßig zu Toten, damit muss man sich schon abfinden. Und wenn man als Person of Color fälschlich des Klauens bezichtigt und von Supermarktmitarbeitern zusammengeschlagen wird, muss man damit rechnen, dass man selber angeklagt wird. Weiß doch jede_r.

WIE BITTE? In meiner kleinen Welt drehen wir nicht Däumchen und akzeptieren Scheiße, solange sie uns nicht persönlich betrifft! Hier lehnen wir uns nicht zurück und treten nochmal nach, wenn andere Menschen diskriminiert werden. Hier verneinen wir nicht, dass es uns besser geht als vielen anderen und halten das für ein völlig ausreichendes Argument, um nicht zu helfen.

Hier, in meiner kleinen Welt, kümmern wir uns um Scheiße, die wir sehen, so lange wir die Energie noch haben. Wenn wir damit eine ungeschriebene Regel verletzen, dass man nicht auf Diskriminierung aufmerksam machen soll, weil sich ja die Person, die diskriminierendes Verhalten an den Tag legte, schlecht fühlen könnte, dann sei es drum. Mit Freuden!
Aber um Hels Willen: zwingt mir nicht eure abstoßende Apathie² auf.

1 Mit anderen umgehen
2 Teilnahmslosigkeit